“Ritornare“

Es gab dieses Quintett schon einmal, vor vielen Jahren. Es dauert nurmehr bis zum 17. September bis zu ihrer Rückkehr (soviel zum Titel des Albums), dann erscheint ein tänzerisches, folkloristisch angehauchtes wie befeuertes Jazzalbum aus der Abteilung der Luftkünste, bei denen die Empfindungen nur so fliegen zwischen atlasweiss, sanddornorange, azurblau, sandkastenocker und korallenriffschimmernd. In die Schule ging die Band gewiss auch beim Bandeonisten Dino Saluzzi, aber die Quellen sind zahlreich, und wenn eine Maltechnik und eine Richtung der Malerei hier den Ton angeben, dann jene ausgelassene Zone zwischen Aquarellmalerei und Impressionismus, in der sich ein hypermelodisches Arsenal von Saxofonen, ein Kontrabass, eine zehnsaitige Gitarre, ein Bandoneon und allerlei Perkussion herumtreibt. Wie gesagt, alls fliegt und fliesst. Wehe, einer nennt dies „easy listening“ statt „deep easy listening“! „It is not a return to what once was, but the arrival at a place that had, perhaps, been waiting for them all along.“ m.e.
„It’s not all football and fags“
Die Pet Shop Boys bzw. ihre Musik begleiten mich, seit ich ein Kind war (oder „bin“, wie man heute ja sagt). Ab Mitte der Achtziger waren die ersten Hits und die einprägsamen, teils exzentrischen Musikvideos der beiden Engländer auch in Westdeutschland allgegenwärtig. Wenn man Radio hörte oder sich für Charts (damals noch „Hitparaden“ genannt) interessierte oder auch nur gelegentlich „Musikfernsehen“ (MTV, Viva, Viva2, Tele5) anhatte, kam man um die 18 Lieder, die 1991 auf der ersten Hit-Zusammenstellung Discography: The Complete Singles Collection (in allen Rezensionen erhielt die CD die Höchstwertung) zusammengeführt wurden, keineswegs herum. Und direkt im Abschluss hatten sie 1993 sogar noch ihren kommerziell größten Erfolg mit dem Album Very.
Wann immer ich in den Jahrzehnten seither irgendwelche ihrer zahlreichen Singles oder intelligenten Album-Tracks gehört habe, etwa die auf dem Nicht-mehr-Popalbum Behaviour, welches allgemein als ihr bestes bezeichnet wird, die souveräne Pop-Songcraft mit eigenartig formalen und doppelbödigen, auch mal gesellschaftssezierenden Texten, feingliedriger Produktion und unwiderstehlich guten Melodien packt einen auch beim hundertsten Mal immer wieder in Kopf und Beinen. Und auch wenn ich seither nicht alle ihrer Alben gleichermaßen exzellent finde, ihre Popsingles natürlich auch nicht mehr jedes Mal die schlafwandlerisch-intelligente Charts-Perfektion erreichen, muss ich doch anerkennen, dass Neil Tennant und Chris Lowe bis zuletzt nur gute bis sehr gute Alben mit stets eigenem Charakter und vielen ausgefeilten Ideen geliefert haben.
Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass die Idee für ihre Dreamworld-Tour so entstand, dass die beiden bei ihren Konzerten immer gemerkt hatten, wo die Aufmerksamkeit etwas schwindet, Leute etwas an der Bar holen gehen oder das WC besuchen, und sich dann gefragt haben, ob sie nicht einfach mal einfach eine Show machen sollten, in der die Leute wirklich alle Songs kennen und niemand es schafft, eine Pause zu finden, um schnell mal die Show zu verlassen. Mit der Dreamworld-Tournee reisen die Pet Shop Boys seit vier Jahren durch die jeweils größten Hallen aller Herren Länder. In Berlin waren sie nach zwei Dreamworld-Shows in der 17.000 Menschen fassenden „Uber Arena“ nun zum dritten Mal zu Gast und füllten mühelos die über 22.000 Plätze der Waldbühne. Und spielten volle zwei Stunden lang ohne Unterbrechungen nur Hits, die jeder kannte, viele aus dem FF mitsingen konnten. Allein A New Bohemia vom jüngsten Album Nonetheless machte hier eine Ausnahme, auch stilistisch. Ansonsten gab es eine Riesenparty, die ergraute ältere Herrschaften wie die hippe Berliner Schwulenszene von Jung bis Alt zusammenführte. Eine bunte Lightshow mit LED-Design und Videoprojektionen führt durch 40 Jahre, und es beeindruckt, wie gleichbleibend hoch die Pop-Qualitäten dieser 28 Stücke (nicht wenige tolle Hitsingles aus allen Jahrzehnten fehlen obendrein) sich beweisen, auch wenn man vielen Stücke die jeweiligen Charts-Moden ihrer Entstehungszeit anhören kann, seien es die simpleren Sounds der mittleren 80er, die eleganteren der 90er oder die EDM-Energy der 2010er.



In unserem Haus wohnt, noch länger als wir, ein Exil-Engländer (aus dem Mark-Reeder-Umfeld), der uns die Karten besorgt hat, weil er seit Ende der 60er mit Neil Tennant befreundet – gemeinsame Jugend in Newcastle, gemeinsame Jahre in London – und offenbar seit den 80ern der Hauptkontakt der beiden Kleintierhändler hier in Berlin ist (weshalb sie immer gerne zu Besuch kommen und letztendlich auch hier um die Ecke eine Wohnung gekauft haben, in der sie jedes Jahr ein paar Monate wohnen). Offenbar hätte ich Neil Tennant also auch schon mal zufällig in unserem Hauseingang oder Hof oder beim Friseur gegenüber begegnen können. Der Nachbar erzählt uns immer interessante Stories von früher oder welche gemeinsamen verstorbenen Freunde in den ganzen Songs thematisiert werden oder in welchem Urlaub mit Neil er das berühmte WM86-Spiel England-Argentinien gesehen hat.
Als bekannt wurde (der Nachbar erzählte uns das bereits einige Wochen, bevor es öffentlich wurde), dass Neil und Chris ihre rein aus B-Seiten (die Pet Shop Boys sind seit jeher bekannt für ihre Unmenge interessanter und manchmal unerwarteter B-Seiten) und Album-Tracks zusammengestellte Londoner „Obscure“-Show auch für zwei Abende nach Berlin bringen würden, war für meinen in Stuttgart lebenden Bruder klar, dass auch wir uns das nicht entgehen lassen würden. Und so gingen wir am Samstag Abend gemeinsam mit dem englischen Nachbar in die Waldbühne und am Sonntag Abend ins Neuköllner Huxley’s, das gerade mal ein Zwanzigstel dieser Menschenmenge fasst, zur zweistündigen „Obskur“-Show.
Vieles, was man nur als Albumbesitzer bzw. als Kenner der B-Seiten-Zusammenstellungen Alternative (1985-1994) und Format (1995-2009) oder der Album-Rereleases überhaupt kennen kann, funktionierte super, und vor allem King’s Cross, und It couldn’t happen here (mit Ennio Morricone entstanden), kleine Meisterwerke vom Album Actually, das mich fast mein Leben lang schon begleitet, einmal live zu erleben, war echt ein Ereignis. Fast alle Songs in der „Obskur“-Show waren sehr, sehr gut, überraschten auch durch immensen Abwechslungsreichtum. Fast alle kannte ich oder hatte sie zumindest schon mal gehört, aber natürlich hat jeder da noch Favoriten, die man ebenfalls gerne gehört hätte. Und Neil Tennant erzählte, anders als in der Dreamland-Show, auch zu vielen der 23 Stücke interessante Hintergründe und witzige Geschichten. Es war eine reiche Reise durch die Jahrzehnte, mit alten und neuen Bekannten.
Aus den Zwischenräumen
Es ist wohl zehn Jahre her, dass ich auf den Mix „Fairlights, Mallets and Bamboo“ gestoßen bin, der mein Hören wirklich verändert hat.
Der Untertitel versprach „Fourth World Music From Japan 1980-1986“. Das Fourth-World-Konzept einer künstlich erschaffenen imaginären Musiktradition war mir unbekannt, japanische Musik aus den 80ern auch. Der Mix lief über Monate praktisch auf Dauerrotation – und ich hörte mit weit geöffneten Ohren.
In den folgenden Jahren wurden LPs wiederveröffentlicht, die wohl zu den Klassikern des Genres zählten. Einige davon habe ich mir gekauft und mich teilweise beim Hören gefragt, ob ich überhaupt schon einmal bessere Musik gehört habe – sei es das traumhafte „Through The Looking Glass“ von Midori Takada oder das fast schon eingängige „Kakashi“ von Yasuaki Shimizu.
Warum dieser lange Vorlauf? Weil der Mix von Spencer Doran stammt, einer Hälfte von Visible Cloaks, die im Mai mit „Paradessence“ ein neues Album rausgebracht haben.
Und was ertönt da aus meinen Boxen: zerbrechliches Knistern, dürres Knacken, feines Klirren, sorgfältig gewobene Flächen, gelegentlich schwebende Töne. Vor allem aber ganz viel Raum. Stille. Nachhall. Geräusche, die sich ausdehnen, Gestalt und Position wechseln, langsam ausklingen oder abrupt abbrechen. Die Musik scheint sich immer wieder selbst aufzulösen, ihr Zentrum zu verlieren, sie wird zu musique concrète aus digitalen Quellen; selten schälen sich kurze melodiöse Motive aus dem Klangraum.
„Paradessence“ ist mehr als eine Demonstration von Klangtransparenz und räumlicher Tiefe, mit der man seine High-End-Anlage beeindrucken könnte (auch wenn das vermutlich hervorragend funktioniert). Aus den Zwischenräumen schweben Bilder empor, Landschaften aus Rauch. Die Zeit scheint langsamer zu vergehen. Die zarten Klänge leuchten wie Glühwürmchen in tiefer Nacht.
Andrew Jackson Asshat und andere Erhabenheiten
Back when Fiona Talkington’s show on the BBC and mine on DLF were airing at the same time, we had quite a few things in common—from Talk Talk to ECM, from Robert Wyatt to all those “Norwegians”— but when it came to good old choral music, the overlap ended—with a few exceptions, such as the “mystery of Bulgarian women’s voices” and, and… I’d have to think about that one. We would certainly experience both classic goosebumps and unpretentious emotion if we were in the same room listening to Lambchop’s new album, which features no fewer than two choirs doing their thing. A wonderfully profound album that proves once again that Kurt Wagner’s ever-evolving long-term project stands alongside the old masters, from Mark Hollis to Robert Wyatt—these two were chosen with care. Ever since Is A Woman, I’ve been waiting for new albums with the same anticipation as I do for signs of life from Brian Eno and Robert Wyatt. Punching The Clown is an absolutely captivating album. If there‘s a jukebox in heaven, Mr. Hollis is listening with awe.

Früher, als, parallel, Fiona Talkingtons Sendung in der BBC und meine im DLF liefen, hatten wir etliche Gemeinsamkeiten, von Talk Talk bis zu ECM, von Robert Wyatt bis zu all den „Norwegern“, aber bei der guten alten Tante Chormusik hörten die Schnittmengen auf, bis auf wenige Ausnahmen, etwa dem „Mysterium der bulgarischen Frauenstimmen“ und, und… da muss ich schon nachdenken. Ganz gewiss würden wir sowohl klassische Gänsehaut wie unprätentiöse Ergriffenheit erleben, wären wir in einem Raum, um Lambchops neues Album zu hören, in dem gleich zwei Chöre ihr Wesen treiben. Ein traumhaftes tiefes Album, das einmal mehr beweist, das Kurt Wagners evolutionsfreudiges Langzeitprojekt sich in der Nähe alte Meister bewegt, von Mark Hollis bis Robert Wyatt – diese Zwei sind mit Bedacht ausgewählt. Seit Is A Woman wartete ich auf neue Alben mit der gleichen Vorfreude wie auf Lebenszeichen von Brian Eno und Robert Wyatt.
„Punching The Clown“ ist ein absolut hinreissendes Album. Ich verwette meine „1“ in Charakterkunde aus dem Vordiplom, dass es bei Lajla, Olaf, einem der beiden Jans, und Thomas „Lambchop“ ein Top 5-Album 2026 wird! Bei mir stellt es sich momentan so dar: 1) Daniel Lanois: Belladonna Nocturne 2) Lambchop: Punching The Clown 3) Shearwater: The New World 4) Jeff Parker ETA IVtet: Happy Today 5) Asher Gamedze: A Semblance of Return (gleichauf mit Björn Meyers Convergence und Seefeels Sol Hd)

Auf „On The Militant“, einem Titel aus dem 1996 erschienenen Album „How 1 Quit Smoking“ von Lambchop, erinnert sich Kurt Wagner an eine bedrückende Entdeckung auf einer Baustelle: „KKK“ ist dort in den frischen Zement eingeritzt. Wagner kratzt die Initialen mit einem Schraubenzieher ab, aber der Schaden ist unauslöschlich und reicht weit tiefer als ein bisschen „zerknitterter Beton“.
Zu Lambchops Leitstern gehört schon seit langem ein Gespür für Unbehagen und Misstrauen gegenüber dem, was unter dem Alltäglichen liegt, für Momente, in denen Verstörendes an die Oberfläche bricht, doch im Laufe der Zeit sind seine schlafwandlerisch-wachsamen Texte abstrakter geworden, sein verstärkter Einsatz von „Auto-Tune“ und Verzerrung mischte sich seit 2016 in seine Sicht auf die Dinge. Er beschreibt „Auto-Tune“ es als „ein Kumpel an meiner Seite“ ein, welcher als Stoßstange diente oder Stossdämpfer, eine Möglichkeit, Abstand zu seinen dunkelsten Gedanken zu gewinnen.
Es ist daher bemerkenswert, dass „Punching The Clown“ – das erste Album von Lambchop seit dem von Narben und Erschütterungen gezeichnete Opus „The Bible“ von 2022 – wieder Wagners wundersam melanhcholische, unbearbeitete Stimme in den Mittelpunkt stellt, wodurch die hauchdünne Intimität seiner frühen Werke teilweise wiederhergestellt wird.
Anstatt die musikalische Begleitung nicht selten mit Maschinen auszulagern, hat Wagner (in Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Andrew Broder) zwei Chöre engagiert – das „Eau Claire Vocal Sextet“ und der 12-köpfige „London Chor“ – einfühlsam agierende Formationen, die Wagners Bedürfnis nach einem „Call-and-Response“ im Gospel-Stil erfüllen. Statt zu übertönen und zu überdecken, ist reflektierendes Zuhören ihre Agenda.
„A Doctor In The House“ versprüht eher die düstere Atmosphäre vergangener Zeiten und das Flackern einer Öllampe; „Andrew Jackson Asshat“ hingegen steht im Kontrast zur Hässlichkeit seines Titels und fliesst mit einem rauschhaften Gesangswirbel herab, einer Kaskade von Judee Sills ähnlich, während Wagner über die „ewige Seele“ sinniert, jenes Etwas, das uns vielleicht überdauert.
Das soll aber nicht heißen, dass „Punching The Clown“ sich völlig von seiner Zeit löst. Ryan Olsens Inszenierung lässt nach wie vor unheimliche Störungen und Verzerrungen zu: nicht zuletzt der Ausruf „Lambchop! Kein Scheiß!“ mischt „Just West Of“ ordentlich auf; da ist der Klang eines kleinen Risses im Raum-Zeit-Gefüge auf „Weakened“, einer Studie am Sterbebett. Ohne in Parolen zu verfallen, fängt Wagner anderswo auch die dunklen Schwingungen der amerikanischen Gegemwart ein, aktuelle politischen Unruhen werden mal zu latenter Wut, zu stillen Subversionen verarbeitet, oder zu einem gehörigen Unbehagen angesichts einer vulgären Parade.
(Victoria Segal, Mojo, September & ein paar Einmischungen von M.E., übersetzt mit Deepl – „Punching The Clown“ erscheint am 21. August als cd, vinyl, dl – flowworker album of the month in september)
Das Buch des Sommers über das Spiel aus Erinnerung und Abenteuer in einem gewissen Alter

Ich kenne einige Romane von Herrn Treichel, die etwas Schwebendes haben wie alte Filme von Eric Rohmer – wenn sie von Liebeswirren erzählen, was bei diesem Autor des öfteren vorkommt, gesellt sich, bei Rohmer eher selten, eine profunde Situationskomik hinzu. Was aber machen die AltAchtundsechziger, wenn ihre „salad days“ als JungAchtundsechziger Geschichte sind? Reflektierte Drogenerfahrungen, Segeln, Reisen, Kulturräusche? Genügt es nicht, ziellos auf den Meereshorizont zu schauen? Der Zeit und ihrem scheinbar so gnadenlos linearen Verlauf ein Schnippchen schlagen – aber wie?! Wie sieht es da aus mit dem Potential suberotischer, dezent knisternder Wiederbegegnungen? Alle alternden Antoine Doinels werden sich solchen Fragen stellen, und letztlich wäre doch, denke ich nach dieser muntermelancholischen Lektüre, Monsieur Truffaut der ideale Umsetzer dieser Erzählung in das gute alte Lichtspieltheater. Es wäre viel abgründiger als jenes Liebeskarussell gesammelter Flüchtigkeiten, das „Der Mann, der die Frauen liebte“ verströmte. Was für ein feingestricktes, kluges, charmantes Erzählwerk, das soviel fast saloppes Scheitern enthält, das es nicht wirklich als Seelenratgeber taugt! Oder vielleicht doch? It‘s tricky. (me)
FSK: ab 50
Dunstküste

Während der grösste Teil von Deutschland schwitzt, liegt über Teilen der ostfriesischen Inseln ein Hochnebel, oder nennt man es Wolkendunst. Die Sonne versucht vergeblich, ein Loch in die Wolken zu brennen, auf 17, 18 Grad hat sich alles nah der Windstille eingegroovt. Auch nachts. So gibt es keinen idealen Strandtag, aber meditatives Verweilen in all den Dingen, die ich schon mit acht Jahren auf der Insel anstellte, ein talentierter Brötchenholer schon damals! Hin mit dem Fahrrad zur Meierei im Ostland (aus den Bonanza- Und Hollandrädern sind E-Bikes geworden), vorbei an der Melkhörndüne (die natürlich jedesmal bestiegen werden will, die Fernrohre an Aussichtspunkten sind rarer geworden), dann über den Deich zum Fährhafen (in den Cafés seit eh und je die Dominanz des Rührteiges), der Besuch in der Buchhandlung Krebs, der ewige Wasserturm auf dem Strandweg, die kleinen Unterhaltungen mit Strandkorbnachbarn.
Wie die Welt, und auch die Erinnerungen sich wandeln, wenn ich unterwegs Daniel Lanois‘ „Belladonna (Nocturne)“ höre – und ich höre nichts anderes! Da kommt eine besondere Art von Wehmut auf, manchmal der berühmte Schauer von Wirbel zu Wirbel. Mittlerweile ist ja „Ambient Americana“ ein Sub-Genre der Ambient Music geworden, und Lanois zählt mit seinen Arbeiten aus den 1980er Jahre zu den Pionieren, doch „Belladonna Nocturne“ ist alles andere als selige Rückschau (auch wenn ein Track „Early Days“ heisst). Call it multi-dimensional! Eine sanfte archaische Wucht öffnet den Raum über Inselhorizonte hinaus, verlangsamt den Blick, Nachtschattenhaftes bricht aus mit Brian Blades Schlagwerk. Eine seltsam irrationale Euphorie, die viel Fernes nah heranzoomt, Träumerei, altes Schweben, Gasthöfe der Kindheit, Stille bis zum Festland, und, nach Jahrzehnten endlich mal wieder, einen Becher Milchreis mit Zimt und Zucker! Schon jetzt ist „Belladonna Nocturne“ eines meiner Lieblingsalben des Jahres.
Abschiedskonzert für Monika
Sie war von der Jazzmusik begeistert.
Immer wenn sie Swing hörte, war sie voller Lebensfreude. Sie hatte einen feinen, erlesenen Musikgeschmack. Sie sagte einmal,besonders der Swing vermittle ihr ein freies Lebensgefühl.
Ich habe ihr zu Ehren ein Konzert zusammengestellt, das ihr sicher gefallen hätte.
Weil sie so plötzlich von uns gegangen ist, möchte ich das sehr emotionale Stück von Keith Jarrett vom Kölner Konzert zuerst auflegen. Und zwar die ZUGABE. Keith war damals sehr erschöpft, auch von den widrigen Umständen, die das Konzert mit sich brachte. Trotzdem gab er diese zarte Abschiedsmelodie als Zugabe. Es ist ein sehr emotionales Stück, das unsere Abschiedsstimmung von Monika zulässt und trägt.
Ruby, oder soll ich liebevoll Monika sagen, my Dear, ist das zweite Stück, das ich für sie spiele. Rist von Thelonious Monk, den sie so sehr schätzte. Sie mochte den “ inneren Swing” von den Stücken BLUE MONK und BLUEHAWK. Sie meinte, diese Musik stärke sie. Ich spiele sie. Und gleich danach die tiefen, nachdenklich machenden Balladen, die ich auf dem Album “ Alone in San Francisco” finde. REFLECTIONS ist das stillste, tiefste Soloklavierstück von Monk. Mir bringt es warme Erinnerungen an sie zurück.
Monika war eine kluge, selbstbewusste Frau, immer authentisch. Sie hat sich von keinem vorschreiben lassen, wie sie ihr Leben gestalten soll. Sie stand auf den Straßen von El Hierro, das Palästinenser Tuch um den Kopf gewickelt und protestierte lauthals gegen die Gräueltaten an den palästinensischen Kindern. Deswegen habe ich das energetische, optimistische Stück ausgesucht: LONG AS YOU KNOW YOU RE LIVING YOURS.
Natürlich darf Billie Holiday nicht fehlen. Monika hatte einen guten Humor. Oft sprachen wir über das Bild der Frau in der heutigen Gesellschaft. Ich denke an dem bittersüßen Song LOVE ME OR LEAVE ME hätte sie ihre Freude gehabt.
Für den Konzertabschluss wàhlte ich noch einmal was aus der Swing Ära. IN THE MOOD von Glenn Miller, nicht den BigBand Sound sondern eine sanftere Version, die zum Abschiedslied ADIÓS passt.
Monika ist jetzt dort, wo der Swing niemals aufhört. Wir begleiten sie mit dieser musikalischen Reise.
Aktives Träumen
Seit ich in diesem Frühjahr wieder einmal angefangen habe, meine Traumerinnerungen aufzuschreiben, hat sich etwas entwickelt, was ich nie für möglich gehalten hätte. Glückliche Fügungen, Synchronizität oder Serendipity haben mich zu einem Buch geführt, dem ich diese Erfahrungen verdanke.
Bisher bin ich davon ausgegangen, dass ich meinen Träumen im Prinzip passiv ausgesetzt oder sogar ausgeliefert bin. Wie ich inzwischen las, entspricht dies der Auffassung von C.G. Jung, für den der Traum dem Einfluss des Bewusstseins entzogen war. Auch meine Begegnung mit den Traumritualen der Senoi auf der Rückseite des Plattencovers von Jon Hassels Album „Dream Theory in Malaya“ hatte daran nichts geändert. Dann entdeckte ich im Sammelband „Der Wissenschaftler und das Irrationale“ aus dem Jahr 1981, herausgegeben von Hans Peter Duerr, einen Beitrag von Werner Zurfluh, der seit seinem 23. Lebensjahr regelmäßig Aufzeichnungen über Träume, luzide Träume und außerkörperliche Erfahrungen angefertigt hatte. Mich begeisterte Werner Zurfluhs Ausdauer, Konsequenz und das zeitliche Engagement für seine, wie er es nennt, „Forschungen im nächtlichen Bereich“, und insbesondere faszinierte mich ein im Beitrag geschilderter Traum, der seinen beruflichen Plänen eine neue Richtung gab, die er zeitlich mit seiner Familie und seiner Traumwelt vereinbaren konnte. Mehrmals erwähnte Werner Zurfluh ein Buch von Patricia Garfield, das er mitübersetzt hatte und das im Jahr 1980 im Schweizer Ansata Verlag erschienen war: „Kreativ träumen“. Dieses Buch war für mich der Durchbruch zu einem aktiven Umgang mit Träumen. Es ist eine ausgezeichnete Anleitung, Träume gezielt zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit einzusetzen. Die englische Originalfassung erschien im Jahr 1974 unter dem Titel „Creative Dreaming“.
Patricia Garfield erzählt anschaulich von Kulturen, in denen Träume einen entscheidenden Stellenwert einnehmen: von den amerikanischen Indianern, bei denen Träume über den Platz einer Person in der Gesellschaft entscheiden, den Senoi, die ihre Kinder beispielsweise lehrten, Traumfeinde anzugreifen und Traumfiguren zu Hilfe zu rufen, und tibetischen, wachbewusst träumenden Yogis. Patricia Garfield erklärt, was wir von diesen Traumkulturen lernen können, wie man ein Traumtagebuch führt, Traumerinnerung fördert und Alpträume bekämpft. Sehr hilfreich für die Traumerinnerung war für mich der Tipp, nach dem Aufwachen die Augen geschlossen zu halten, mich nicht zu bewegen, mich auf das zuletzt erinnerte Bild des Traums zu konzentrieren und dann möglichst den kompletten Traum ins Bewusstsein zu rufen, um ihn aufzuschreiben. Patricia Garfield rät, jedem Traum einen Titel zu geben. Als ich mir überlegte, mit welchem Stift ich die Überschriften schreibe, denn ich wollte sie optisch abheben, erhielt ich ein Päckchen einer Freundin, das einen wunderbaren bronzefarben-metallischen Stift enthielt.
Auf jeder Seite ist spürbar, dass „Kreativ träumen“ für die Autorin ein Herzensprojekt ist. Das Buch ist sorgfältig recherchiert, hat 15 Seiten wissenschaftlicher Anmerkungen und ein fünfseitiges Literaturverzeichnis. Patricia Garfield schreibt ermutigend und praxisnah; immer wieder bringt sie eigene Erfahrungen und solche aus ihren Seminaren ein, auch Forschungen, die erstaunliche Zusammenhänge zeigen. Beispielsweise dauert eine Geburt kürzer, wenn sich die Schwangere in ihren Träumen mit den Ängsten der bevorstehenden Gebärsituation auseinandergesetzt hat.
Hat man erst einmal ein paar Dutzend Träume aufgeschrieben, kristallisieren sich wiederkehrende Themen, Motive, Traumorte und Verhaltensweisen des Träumenden heraus, auch in Variationen. Dann kann die Phase der Reflexion, Bearbeitung und Gestaltung der Träume beginnen. Patricia Garfield schreibt: „Nehmen wir einmal an, dass Sie sich an Ihre Träume schon ziemlich gut erinnern können (…). Dann können Sie (…) auch damit beginnen, sie zu gestalten. Wie ein Bildhauer mit seinem Ton arbeitet, formen Sie Ihre Träume nun so, dass sie Ihnen statt Terror und Wirrwarr aktive Hilfe bringen.“ Und an anderer Stelle: „Ihre Träume zu ändern, gibt Ihnen mehr Macht über Ihr innerseelisches Leben und überträgt sich schließlich auch auf Ihr Verhalten im Alltag.“ Zur eigenen Beeinflussung der Träume gibt die Autorin zahlreiche Anregungen. Wie man die Bearbeitung der eigenen Träume umsetzt? Zum Beispiel wünscht man sich etwas und fasst den Wunsch in konkrete Worte. Ich habe mir kräftige Farben im Traum gewünscht, Naturerfahrungen, ungesehene, eindringliche Bilder, Ratschläge, Traumfreunde (also Personen, die mich unterstützen). Ich habe mir auch gewünscht, dass einmal in einem meiner Träume Essen geteilt wird. Bisher konnte ich mich nicht daran erinnern, dass jemals in einem meiner Träume gegessen wurde. (Patricia Garfield findet das gemeinsame Essen im Traum wichtig.) Alles hat sich umgesetzt! Eine andere Technik, die eigenen Träume zu beeinflussen, besteht darin, sich einen Traum vor Augen zu führen und sich statt eines eigenen, unerwünschten Verhaltens ein anderes, erwünschtes Verhalten vorzustellen. Im Traum üben wir nämlich Verhaltensweisen ein, die unser Leben außerhalb des Traums beeinflussen. Deshalb ist es so wichtig, sich im Traum zu behaupten, zum Beispiel gegen Angreifer. Der Gegenangriff aktiviert innere Kräfte, die man dann in den nächsten Tag mitnimmt. Patricia Garfield erklärt, wie man mit Traumbildern, Traumfiguren und Aussagen als Teil des Unbewussten in einen Dialog treten kann. Das Buch enthält auch einiges über luzide Träume, also solche Träume, in denen sich der Träumende der Traumsituation bewusst ist und das Geschehen bestimmt, vor allem Flugträume werden besprochen. Luzide Träume sind für Patricia Garfield Höhepunkte der Selbstentfaltung und der Selbstbestimmung im Traum.
Ein weiteres Buch von Patricia Garfield, „Der Weg des Traum-Mandala“, beginnt so: „Eine stille Entwicklung findet in unserer Seele statt. Fast unmerklich wandeln wir uns allmählich Traum für Traum im Dunkel der Nacht zum neuen Selbst, das wir morgen sein werden.“ Diese Veränderung passiert zwar unabhängig davon, ob wir uns an unsere Träume erinnern. Die Erinnerungen an unsere Träume und der aktive Umgang damit bereichert unser Leben jedoch um eine weitere Dimension und hat das Potenzial, Verhaltensweisen in gewünschte Richtungen zu verändern und unsere Persönlichkeit bewusst und in einer höheren Geschwindigkeit als ohne Traumerinnerung zu entwickeln und zu stärken.
Das Kennenlernen bei Heimspielen
Jeder Musikbegeisterte hat es schon mal erlebt. Man steht unter wildfremden Konzertbesuchern und hat das Gefühl, eine große Familie zu sein. Am intensivsten hatte ich diese Vertrautheit auf Bob Dylan- und Grateful Dead-Konzerten.
Am Wochenende spielten die Toten Hosen in Düsseldorf. Sie sind bekanntlich aus Düsseldorf und ich bin zur Zeit in der Stadt. 100000 Fans aus der ganzen Welt ebenfalls. Campino machte Ansagen in der U Bahn, seine Bandmitglieder fuhren mit dem Fahrrad durch die Altstadt und begrüßten die Fans. Mehr Nähe geht nicht. Während meiner Arbeit im Goethe-Institut habe ich immer wieder die Texte der Toten Hosen besprochen. Das neue Abschiedslied “Düsseldorf” ist der Band von der Lyrik her nicht so gut gelungen, Köln und Bochum machten es besser. Aber keiner kann die Wehmut, die Liebe zu seiner Heimatstadt, gesanglich so rüberbringen wie Campino. Ich war nicht im Stadion, unterhielt mich aber mit einigen Fans, die in einer stundenlangen Warteschleife für ein T-Shirt anstanden. Sie waren von dem Auftritt begeistert: Campino hätte alles gegeben, er sei ja nicht immer so gut wegen Drogenkonsums dabei gewesen. Ich lernte einen Mann kennen, auf dessen T Shirt “Scheiss Wessi” stand. Ich fragte ihn, ob er die Toten Hosen aus DDR-Zeiten kennen würde. Er nickte. Sagte aber sonst nichts. Schade, dass anscheinend in der Musik und im Sport die Unterschiede immer noch groß sind.
Mich würde interessieren, ob die neuen Flowys, die ja viel jünger sind als ich, mit der Neuen Deutschen Welle, die ja wie die Toten Hosen im Ratingerhof gegründet wurden, etwas anfangen können. Oder ob sie begeisterte Kraftwerker sind. Ich würde Euch gern besser kennenlernen. Schreibt doch mal was.
Eno

(English here)
Der Filmemacher Gary Hustwit hat schon sehr sehenswerte Filme gemacht; erinnert sei an sein Portrait des Designers Dieter Rams oder seinen Film über die Schrifttype Helvetica.
Brian Eno hatte schon die Filmmusik zu dem Rams-Film gemacht, da lag es wohl nahe, ihn auch selbst zu portraitieren. Seit 2024 wird der Film Eno jetzt durch die Arthouse-Kinos gereicht (das hieß: keine Chance in Pittsburgh), seit einigen Wochen wird er nun aber auch gestreamt. Seltsamerweise und leider wird die Kinofassung mit einer Spieldauer von 1 Stunde 40 Minuten angegeben, während die Stream-Fassung nur 1 Stunde 20 Minuten läuft.
Das Special ist, dass man den Film nie zweimal in derselben Fassung zu sehen bekommt. Immer werden kleine Ausschnitte ausgetauscht oder deren Reihenfolge verändert. Damit hängt sich der Film natürlich an Enos „Generative Music“-Konzept an. Das ist ein netter Gimmick, aber für den Normalzuschauer, der den Film nur einmal sieht, sinnlos, da man nicht die Möglichkeit hat, mehrere Fassungen miteinander zu vergleichen.
Der Film zeigt Schwerpunkte aus Enos Karriere, wir erleben kurz Bryan Ferry, David Byrne, Daniel Lanois oder David Bowie, wir sehen Brian Eno bei der Gartenarbeit oder beim Herumhacken auf einem Omnichord, beim Abspielen einer Ambient-Platte vor Publikum. Wir erfahren, dass Joni Mitchell einmal eine Ambient-Platte mit ihm machen wollte, er jedoch ablehnte, weil seine Ambient-Einspielungen von der Kritik zunächst schwer verrissen worden waren und er das Wort „Ambient“ nicht mehr hören wollte. Heute möchte er sich dafür in den Hintern beißen. Wir sehen, dass Eno, der in seinem Diary-Buch „A Year with Swollen Appendices“ von 1996 noch behauptet, seine Tagebuchversuche hätten immer bereits im Februar geendet, ein Riesenpaket sorgsam durchnumerierter und -datierter Notiz- und Skizzenbücher verwahrt — immer getreu der alten Regel: Wenn du Künstler werden willst, dann bewahre alles auf, was du machst.
Das ist aber auch schon alles. Irgendwelche sensationellen Neuigkeiten über Eno bringt der Film nicht, dafür eine Menge schnelle Schnitte. Für die $11, die der Stream kostet, ein bisschen dünn.