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  • Nächte mit John und Terje (1975)


    Mein erster Würzburger Sommer verlief hart. Denn die Stadt liegt in einem Kessel, und mein Heuschnupfen erfuhr dort eine massive Steigerung. Nachts um drei zogen sich die Bronchien zu, und ich musste schweres Geschütz auffahren, um die Luftnot zurückzudrängen: das Mittel hiess „Asthmokranit“, und wurde Jahre später aus dem Verkehr gezogen wegen dem als Krebs erregend geltenden Bestandteil Aminophenazon. Das Schöne war: in diesem Heilmittel war auch eine gute Portion Ephedrin enthalten, und wenn die Wirkung einsetzte, war bald nicht nur genügend Sauerstoff für die Lunge vorhanden, sondern auch ein „High“ im Hirn nicht zu leugnen. Diese euphorisierende Wirkung war eine Art Belohnung für das Elend zuvor. In dieser sechs Wochen währenden Gräserblüte hatte ich aber noch zwei Verbündete, und die hiessen John Coltrane und Terje Rypdal (es gab noch andere Musiker, aber meine Erinnerung landet zu allererst bei diesem ungleichen Gespann).

    Ich wundere mich noch heute, dass keine schlafgestörten Zimmernachbarn an die Wände des meines schmalen Zimmers im fünften Stock des I-Hauses klopften. Ich hörte die Musik recht laut, die Renner meiner Asthmabekämpfung-Charts waren „Odyssey“ und „Whenever I Seem To Be Far Away“ von Terje Rypdal, sowie „Live In Japan“ von John Coltrane. Monomitschnitte seiner letzten Japantour, grandioser Free Jazz, von seinem Hauslabel Impulse auf mehere Schallplattenseiten verteilt. Diese Musik nachts um 3.30 Uhr erweiterte die Bronchien und den Geist. Die hymnischen, phantasievoll jazzrockenden, mit herrlichen Streichersounds versehenen Kompositionen der beiden Rypdal-Platten strahlten einen ureigenen Zauber aus, und manchmal löste sich die innere Spannung mit lautlos fliessenden Tränen.

    Ein kleiner Sprung nun, fünf Stockwerke tiefer, dort schlief Andrea, rehbraune Augen, tief gebräunt. Ich war, durch meine Asthmaarien, und den damit verbundenen Schlafentzug, eine etwas blässliche Erscheinung, und damals neigte ich auch noch zur Schüchternheit, was einen Romantiker wie mich in die Defensive reiner Tagträumerei drängte. Mit Andrea ging ich jede Woche am Mittwoch durch den kleinen Park zum Audi Max, wo wir kostenlos Filme der „Nouvelle Vague“, des „Neuen Deutschen Films“, des „New Hollywood“ sahen. In jenem Sommer startete ich keinen einzigen Annäherungsversuch, ich war geblendet von ihrer Schönheit, und seltsam einfallslos. Nun, ich war nicht gerade verliebt, und hatte insgeheim das Gefühl, dass sie nicht unbedingt eine Seelenverwandte war, aber das hätte sexueller Erfüllung keineswegs im Weg gestanden. Sie war unglaublich nett, und während manche sagen, dass nett die kleine Schwester von langweilig ist, war in diesem Fall nett die kleine Schwester von attraktiv. Total attraktiv. Wir tranken Obstwein hoch über Würzburg, wir sassen Körper an Körper in den Holzstühlen des grossen Hörsaals, es passierte nichts.

    Im Sommer darauf, als sich alles geändert hatte, schlenderte ich durch die Stadt und traf Andrea vor dem Zeitschriftenladen Montanus. Sie strahlte mich an, Blicke, die ich zuvor so nie von ihr aufgefangen hatte. An ihrer Seite ihre Eltern, die gekleidet waren wie bürgerliche Mustermenschen aus dem Spessart, Hut und Jägerjoppe und alter Zeit entsprungen. Andrea machte aus der Vorstellung einen geradezu förmlichen Akt, sie war, wie ich am Tage darauf erfuhr, vom ersten Tag an in mich verliebt und traute sich bloss nicht, den ersten Schritt zu machen. Was für eine Idiotie – ich wusste noch zu genau, was ich im letzten Sommer getan hatte. Ich hatte „Leo“ von John Coltrane gehört, in gloriosem Mono, ich hatte „Rolling Stone“ von Terje Rypdal gehört, die Spasmen der Bronchien lösten sich, das Ephedrin besorgte eine dezente Euphorie. Fünf Stockwerke tiefer wartete sexuelle Erfüllung auf mich. Nacht für Nacht. In my dreams. Ich drehte einfach nur die Plattenseite um. Und schrieb einmal einen Brief an eine evangelische Pfarrerstochter in der Bittermark. Sie antwortete nie. Und dann eine Begegnung im Fahrstuhl. Love came to town. Desire. Yellow Fields. Zuma. Christiane.

  • “Elevation“

    Nach der Produktion der „Minnesota-Kathmandu-Connection“ fiel ich in ein kleines Loch. So wohltuend die Umgebungen waren, an denen ich Steve Tibbetts‘ Musik hörte und mich dann ans Schreiben, Schreiben, Schreiben machte, so erschöpft war ich erstmal. Ich hatte mir nämlichnden Anspruch gestellt, dass mein letztes Portrait im Deutschlandfunk mein so ziemlich bestes werden sollte, und als durchaus zur Selbstkritik fähiges Individuum war das Feilen an den Sätzen und Wörtern, ein echt anstrengender „flowworker“-Job.

    Ein Symtom meines Groggyseins war, dass ich so gut wie keine Musik hören konnte (nicht mal die anstehenden neuen Werke von Sunn O))) und Bill Callahan), und jede Menge Leerlauf erlebte, was nicht unbedingt zu schönen Aha-Erlebnissen führt, sondern zu Mattigkeit, Müdigkeit, Regression, Langeweile. Gestern endete diese kleine Phase, die auch von den Schreckensmeldungen aus Minneapolis gefüttert wurde, als ich im Plattenschrank ein altes Exemplar von Pharoah Sanders‘ „Elevation“ fand, und auf einmal unheimliche Lust verspürte, das Ding zu hören.

    Es hat Jahrzehnte in meinem Archiv geschlummert, ist immer noch in prächtigem Zustand, und produzierte bei mir genau das, was für Pharoah titelgebend war, „Elevation“. Eine neue alte Leichtigkeit erfüllte mich, und auch wenn ich nicht von meiner petrolfarbenen Couch abhob, ergrifft mich die Musik – ich bemerkte, wie sich neben zeitweiliger Gänsehaut auch ein paar Tränen ihren Weg bahnten. Ich hatte diese Schallplatte im Jahr ihre Erscheinens in Würzburg gekauft, und manche Erinnerungen wurden beim Wiederhören wach, neben der Wucht, die diese fabelhafte Musik sowieso und nach wie vor hat. HIER ist ein Beitrag aus Dereks Musikblog, der „Elevation“ in den Kontext der Musik von Pharoah stellt. Ich liebe seine Musik! Ich habe so ungefähr ein Dutzend seiner Alben, und die Klanghorizonte haben immerhin dazu beigetragen, dass Martina W. sein Debut „Tauhid“ entdeckte – ein all time classic! In den letzten Jahren sind manche seiner Live-Konzerte aus den 1970er und 1980er Jahren ans Tageslicht befördert worden, auch ein wunderbarer Auftritt in der Hamburger Fabrik.

  • On Memory Lane with Steve T.

    Dear Steve, there may be some „hot takes“ in this hour including the two „song albums“ I compared „Close“ to, but I did that for good reasons. In one passage I even went back to old diaries and letters about your experiences in the far east – hope the letter to Claudia will be a surprise for you.  (…) This radio hour was written during and after my weeks on Pellworm and at home. (…) One evening I went down to the seas listening to LIFE OF, and while being surrounded  by the music and the Northern Sea, I remembered a moment on the island of Wangerooge in 1974/75. Michael Naura, the Jazz matador from the NDR, Hamburg, played a track from Ralph Towner‘s „SOLSTCE“ called „Nimbus“, and I heard it on a cheap, metal radio transistor without headphone, while it was  raining hard, the waves crushing, and it blew me away. i felt the same  sense of wonder and amazement when listening again to „LIFE OF“. Fifty years ago and this moment of time standing still on Pellworm became one – it was my personal „Ganachakra experience“ of awareness😉… (…) Michael


    Hi, Michael, the track „Oceanus“ changed my life.  If I had to pick one selection that embodied the peak of ECM’s glory years, that would be the one. I met Ralph Towner twice, once in NYC at Bob Hurwitz’s apartment, and once at an Oregon gig here in Minnesota.  The New York meeting was over a glass of wine at Bob’s apartment in the West Village.  There was still a pervasive aura of „Welcome to the ECM family.“  Hans Wendl wrote those words in his first letter to me, the letter confirming dates for Oslo in ’81.  ECM had its own office on Park Avenue.  They were riding high.  I had been flown to NYC to do interviews for „Northern Song.“  I was starstruck to be around Towner.  I felt like my position in this new „family“ was like meeting a new girlfriend’s parents, maybe at a dinner in the Hamptons.  Small talk, kind smiles, but a subtle tension at being the new guy.  I sipped my wine very slowly and thought, over and over, „Don’t say anything stupid.“ (….) The second time was after an Oregon concert at the Cedar Cultural Center. This was when they were working with a new percussionist after Colin died. The concert itself was good, but what astounded me was Ralph’s piano playing.  I made a vow, that night, to take piano lessons (I did) and to practice guitar 5-6 hours a day (I didn’t).  Again, we chatted after the concert, and again, I was star-struck.  Colin changed my life as well, but that’s a story for another time.  Your use of the word „ganachakra“ in your email is an „suspicious coincidence,“ as they say.  Best to you, s

    A week later:


    YOUR radio mission accomplished! I think you should still stay on the radio, but if it must be, a wandering griot also works.  Wander in this direction, rent a car in New York City, find your way west, Route 66.

    There’s more to do.  

    Onward, with gratitude,

    -s

    (fact is: my next hours of „Klanghorizonte“ are scheduled for May and September 2026. And then… a wandering griot, a stargazer, some meditation, some horizons, who knows…)

  • Dokumentarfilm

    Das Jahr ist bereits drei Wochen alt, wie ich feststelle, und die Tage sind gerade immer zu kurz. Meine alljährliche Anstellung bei der Berlinale hat bereits begonnen, auch wenn der Januar meist nur von einfachen und überschaubaren Vorbereitungen geprägt ist. Gestern wurde das Programm veröffentlicht, und ich freue mich besonders auf einen Dokumentarfilm über Siri Hustvedt, der glücklicherweise auch am ersten Tag in „meinem“ Kino (d.h. für das ich leitend verantwortlich bin während des Festivals) gezeigt wird. Nicht weiter überraschend wurde mein eigener Dokumentarfilm nicht eingeladen, aber es ist auch kaum möglich, mit Filmen über renommiertere, weltbekannte Künstler/innen zu konkurrieren, wie in diesem Jahr eben Siri Hustvedt (interessanterweise eine deutsche Produktion) und Douglas Gordon. Beide natürlich ungleich teurer als mein kleiner Film. 

    Allerdings habe ich gerade in den letzten zwei Wochen viel Zeit damit verbracht, ein Konzept für einen komplexen Dokumentarfilm zu schreiben, das ich seit einem Jahr im Sinn hatte und nun endlich mal niedergeschrieben habe. Und dieser Film hätte eine eine sehr bekannte Persönlichkeit im Zentrum bzw. im Fokus. Es ist (bzw. wäre) allerdings kein klassisches Künster-Porträt (oder gar „Musik-Doku“, wie mancher ja gerne despektierlich sagt), sondern ein Film über die Vereinigten Staaten und über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft (also konkret in der amerikanischen, aber letztlich natürlich auch im weiteren Sinne) — und natürlich auch über Musik und großes Songwriting. Zweieinhalb Stunden Laufzeit habe ich veranschlagt; und schon das scheint mir fast zu kurz, für mein Konzept mit 12 Kapiteln und bis zu 100 in der aktuellen Erzähl-„Roadmap“ integrierten Songs; das gibt viel her.

    The film unfolds in 12 chapters, loosely chronological in historical time but associative in cinematic logic; the film privileges thought over plot, accumulation over explanation, and cultural resonance over biography. (…) Like Alexander Horwath’s film about Henry Fonda, my film treats its subject less as an individual than as a cultural instrument—a vessel through which a nation speaks, often against itself. (…) The film asks: what kind of country speaks through these songs, and what remains unsaid?

    The intention is to re-politicize listening. To hear familiar songs not as nostalgia, but as historical testimony. To place culture back into the flow of labor, policy, violence, and consequence. And to ask whether remembering—clearly, honestly—can still be a political act. 

    Das Konzept hatte ich eigentlich fürs erste als weitaus weniger umfangreich geplant, aber da mir über die letzten Wochen fast jeden Tag neue Überlegungen ein- und auffielen, gerade auch beim Hören durch das Werk und beim Lesen verschiedenster Primär- und Sekundärquellen und das Thema und der Stoff so viel hergeben, ist es letztlich fast ein Drehbuch geworden. Mit einem persönlichen Brief und ein paar weiteren Zusatzmaterialien (eigenen Filmen und so) habe ich das 70-seitige Dokument – 10 Seiten Projektbeschreibung mit „Director’s Note“, „Why this film, why now“, warum es noch keinen vergleichbaren Film gibt + 50 Seiten „Roadmap“-Drehbuch-Treatment-Mix + 10 Seiten Anhänge über die Songs und Themen im Film) gestern an den Protagonisten tbc verschickt. 

    Fürs erste wissen nur ganz wenige genaueres; ich werde berichten, sollte es weitergehen. 

  • Deutschlandfunk – JazzFacts – Die Minnesota-Kathmandu-Connection – ein Portrait des Gitarristen Steve Tibbetts – 22. Januar 2026 – 21.05 Uhr bis 22.00 Uhr –


    Listen to this portrait: HERE!

    The music of this radio hour is taken from  the „ECM years“, starting and ending with Steve Tibbetts‘ new album / cd „Close“.

    The albums in order of their appearance:
    Close (2025)
    Yr (1980, reissued 1988)
    Northern Song (1982)
    Safe Journey (1984)
    Exploded View (1986)
    Big Map Idea (1989)

    1989 Feb-May: Deliver Big Map Idea to ECM, hop flight from Frankfurt to Delhi. Throw up on plane to Kathmandu. India closes Nepal border, (riots force government to chopper out Westerners, my first ride on a helicopter piloted by a guy with a green turban). Hitch back to Kathmandu, get ride from Swiss man in Land Rover who gets hopelessly lost. Attacked by dogs in Darjeeling. May: Beat jaywalking charge in U.S.Jun-Aug: Travel with wife-to-be through Thailand, Malaysia, Java, and Bali. Propose to wife-to-be at summit of volcano. Study drumming. Jump off wrong train in Thailand (moving) and out of burning van in Bali (also moving). Monkeys steal wife-to-be’s glasses. More dog attacks.

    1990 Mar-Dec: Midwest tour, German tour, studio work, buy house in awful neighborhood, get married.

    1991 Jan-Apr: Back to Indonesia. See trances in South Bali. See guy eat light bulb in Java. Apr-May: Tour midwest and east coast. Aug: Canadian tour. Driving truck, tear off gate at tollbooth in Chicago and peel off front of Honda Accord in Montreal. Same night in Montreal, walk up stairs to stage at Club Foufounes Electriques and gash head on lit-up metal sign that says “Dangereux”. Bleed all over self and Strat, causing crowd to go wild.

    1992 March: Tour midwest, west coast, and east coast. Batman (Michael Keaton) comes to see gig in L.A. Blow up P.A. at L.A. gig. Sound guy leaves pinch-hitter on dashboard of truck returning from Winnipeg gig. Busted at border by U.S. Customs, truck seized. Marc and Steve, sick of life in general and each other in particular, nearly strangle each other in cab of truck driving between horrible gigs in Columbus and Detroit. August: Wife shakes Clinton’s hand at rally in Baldwin, Wisconsin. Sep-Dec: Travel to Nepal again. Bhutanese government waives $120/day fee for tourists and lets Naropa Institute Study Abroad program in free for cremation of high lama. Jim Reeves tape playing in hotel lobby in Paro, Bhutan.

    1993: Sep: Finish The Fall Of Us All and deliver to ECM. Go to Nepal, India, and Tibet with wife. Get out of van after arriving at guest house in Lhasa and hear someone yell, “Hey, Steve, I like your album.” Turns out to be monk gave cassette to in Sikkim in ’89. Survive dog attack near Samye in Tibet.


    The Fall Of Us All (1994)
    A Man About A Horse (2001)
    Natural Causes (2010)
    Life Of (2018)
    Close (2025)

    “Close is like a dark Rothko painting on fire. The love of life, the losses. Honestly, this album breaks my heart.”  Flowworker.org

    „Close takes us on the kind of enigmatic but enticing journey we’ve come to expect from Tibbetts: strange and beautiful.“ — The Big Takeover

    Kleiner Nachtrag: in der Sendung sprach ich von der Produktionszeit von „Northern Song“ in Oslo: „Zwei Tage, ECM-style“. Nun, es waren drei, vier Tage, wie aus folgendem Dokument hervorgeht…

  • Jenseits der Sprache und jenseits von Newtons Koordinaten

    In der Kurzbiographie auf dem Klappentext wird er als einer der bekanntesten unbekannten Kultautoren aller Zeiten bezeichnet: Carlos Castaneda. Der Name ist mir in Büchern von Jürgen Ploog begegnet. In „Facts of Fiction“, einer prägnanten Sammlung von Essays zu Literatur, skizziert Ploog Castaneda als jemanden, der gegen die Wurzel der Grausamkeiten der Zivilisation antritt: gegen Mechanismen, die die innere Entwicklung ignorieren. Beim Hineinlesen in Bücher von Castaneda hatte ich bislang keinen Zugang gefunden; nun fand ich die Information, dass man die Bücher in einer bestimmten Reihenfolge lesen muss und ich nahm mir das Buch vor, das in dieser Liste als erstes genannt wird: „Das Wirken der Unendlichkeit“. Auf dem Cover schreitet ein Mann mit einem schmal geschnittenem bronzefarbenem Plastik-Overall über eine Ebene aus festem Lehm. Miniaturberge lassen den Mann übergroß wirken. Der Himmel ist von einem irrealen Blau und um den Kopf des Mannes befindet sich eine grell erleuchtete Kugel, ein Strahlen nach innen. Das Bild verdeutlicht, dass uns eine Welt jenseits des bekannten Zugangs erwartet. Zu Beginn des Buches ist Carlos Castaneda ein ehrgeiziger Student der Anthropologie, der sich für seine Doktorarbeit auf Indianer Mexikos spezialisieren will und dafür eine Feldforschung plant, von der ihm jedoch alle, die er nach ihrer Meinung fragt, dringend abraten. Auf einem staubigen Busbahnhof in Arizona trifft Castaneda auf Don Juan, einen unscheinbaren, schäbig angezogenen Mann. Don Juan ist ein mexikanischer Schamane, der sich dazu entschieden hat, Castaneda in die Kunst des Schamanentums einzuweihen, weil er in ihm seinen Nachfolger sieht. Das Buch besteht aus Begegnungen und Gesprächen der beiden Männer und aus Erzählungen Castanedas. Don Juan stellt Castaneda Aufgaben für seine spirituelle Entwicklung und Castaneda erweitert seinen Blick und seine Erkenntnis der Welt: jenseits der Syntax unserer Sprache, jenseits des Sichtbaren und jenseits unserer Vorstellungen von Raum und Zeit hin ins Unendliche, ins dunkle Meer des Bewusstseins und bis zum anorganischen Bewusstsein; er reflektiert sein Leben unter verschiedenen Aspekten, wozu die wichtigen Begegnungen gehören oder die Menschen, bei denen er sich für etwas Entscheidendes noch nicht bedankt hat. Geschichten aus Castanedas Leben ziehen sich durch das Buch, besonders ergreifend darunter die Geschichten aus der Kindheit. Castaneda erfährt, welche Arten von Bewusstsein es gibt, er erfährt von der Existenz von Doppelgängern, der Wahrnehmung von Energie, leuchtenden Fasern, flüchtigen Schatten, Montagepunkten und davon, wie Raubwesen uns gefangen nehmen und was wir dem entgegenstellen können. „Das Wirken der Unendlichkeit“ ist anschaulich und lebendig geschrieben; es scheint mir für den Einstieg in die Welt des Carlos Castaneda hervorragend geeignet. Nicht alle, aber einige Aufgaben, die Don Juan seinem Schüler stellt, eignen sich auch für Personen, die nicht Schamanen, Zauberer oder Magier werden wollen; sie stammen zum Teil aus dem Pool von Kreativitätstechniken und einige Sichtweisen sind mit dem Denken des Yoga verwandt. Das Buch endet mit einer unerwarteten Begegnung und einer schönen Definition von Freundschaft: Ein Freund ist jemand, der durch die Maske hindurchsieht, die man trägt, und der weiß, woher man kommt.

  • In memory of Ralph Towner

    Es ist Teil der Trauer und der Würdigung für viele, wenn einer von unseren Lebensbegleitern in Sachen Musik den Planeten gewechselt hat, ein Lieblingsalbum aus dem Regal zu holen und es in aller Ruhe zu hören. Meine Wahl träfe auf „Diary“, oder „Solstice“ aus den 1970er Jahren. Oder auf „Distant Hills“ – Alben, die immer bei mir geblieben sind. Ich bemühe mich darum, ein altes Radioportrait von Ralph Towner aus dem Archiv des Senders zu besorgen. Steve Tibbetts schrieb mir noch vor wenigen Tagen von seiner ersten Begegnung mit Ralph, dazu ein anderes Mal mehr. Im folgenden Brian Whistlers Besprechung aus dem Jahre 2017 seines letten Soloalbums…


     
    I recently saw Towner perform a stunning solo set at the SF Jazz Center. It was a remarkably fresh set from someone who has been on the scene for some 50 years. Most of the tunes came from the new album.  He did play a few classics such as If and Redial. He also played a beguiling version of I Fall in Love Too Easily.

    At 77, Towner shows no signs of slowing down or losing his edge. He took chances during his 50 minute set, occasionally flubbing a note that he tried to grab, but then, that’s always been Ralph’s style-thank God, he doesn’t play it safe. Of course, sounding  perfect on the solo classical guitar is a challenge that even many of the classical greats fall short of- I have heard Parkening blow a note and even the ever reliable Williams buzz a few on the fretboard. Not that I care personally about such nonsense. Still it makes me laugh to know Ralph’s classical guitar teacher once told him he would never make the cut as a classical guitarist-and in a way he was right: Towner is SO much more than a mere interpreter of written music-he is a major creative force. He has penned literally 100s of compositions, many of which are played by aspiring classical players. As an improviser on the nylon string he is perhaps in a class by himself.

    This may very well be Towner’s strongest solo album yet. The ever prolific master has gifted us with 10 new originals, most written in his neo-classical style. His playing is in top form- indeed Towner is one of those artists who has only improved with age. What you have here is a very listenable album, a kind of rainy day music for thoughtful listeners. It is anything but background music, although I suppose it could be listened to as such-repeated listenings reveal hidden depths.

    The opening piece, Pilgrim, sets the tone for this mostly introspective set. It’s all there: a strong melodic classical piece tinged with contemporary harmony and rhythm, that familiar and specific world that only Towner seems to inhabit. There are two tunes on which Ralph plays his signature 12 string. It’s great to hear that unique sound again. His reading of My Foolish Heart is as sweet and tender as Bill Evans’s classic version at the Village Vanguard, which according to Towner, was the inspiration for choosing to become a jazz musician in the first place. You can certainly feel the Evans influence here. To close out the set, he plays a remarkably complete sounding solo version of his Oregon composition, Rewind.

    I just want to add that this may very well be the best recording yet of Ralph’s custom nylon string. It’s almost as if he’s playing in my living room. Towner is a bit of a reverb freak-it should be noted that his live performance was slathered with was in my opinion, way too much verb.  Thankfully this is not the case on this recording, which has just the right amount of hall ambience to give the recording some needed space around the luscious notes. Kudos to Manfred Eicher and the fantastic engineers at ECM, who continues to outdo themselvs in the production department.

    Towner has done it again. An instant classic.

  • Eine grossartige neue TV-Serie


    Ich empfinde das Argument, Serien seien Zeiträuber, stets leicht erheiternd, es wird meistens von Zeitgenossen ins Spiel gebracht, die Serien nicht viel abgewinnen können. Es entsteht bei sensiblen Gemütern dann leicht der Eindruck, sie könnten mit ihren endlos begrenzten Tagen verschwenderisch, fast Zeit totschlagend, umgehen, was natürlich völliger Blödsinn ist, wenn man eine grossartige Serie über eine, zwei oder mehr Staffeln geht, die uns völlig gefangennimmt, bereichert, das Bewusstsein tanzen lässt, uns emotional und andersweitig „mitnimmt“, unvergesslich ist, und dazu ein paar Horizonte öffnet. So eine grandiose, acht Folgen in Anspruch nehmende Kriminalserie ist „All Her Fault“, die man auf einem Zusatzkanal von „Prime“ sehen kann, der jederzeit kündbar ist. Fesselnd vielschichtig, abgründig: Grosses Kino sozusagen im TV-Serienformat. Aber wer natürlich dabei lauter Sinn stiftende Dinge vernachlässigt, wie etwa Online-Schulung über erfolgreiche Lebensgestaltung, semi-profesionelle psychoanalytische Deutungen von Meisterwerken der Bildenden Kunst, jeden Tag die beste Version des eigenen Selbst sein zu wollen, seinem alten Hund ein paar neue Tricks beizubringen, oder die Lektüre von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ für die folgenden 12 Monate in Angriff zu nehmen, der hat natürlich ein paar Argumente auf seiner Seite. Selbstverwirklichungsträumer! In other words: let them, call it a day and watch this terrific series!

  • Die Fabrik der Träume

    Es gibt viele Wege, alte Zeiten zu erinnern. Eine Zeitreise durch die Alben von Steve Tibbetts brachte Erinnerungen mit sich an mein erstes Hören seiner Musik in meiner Souterrainwohnung im Bayerischen Wald anno 1982. Man kann ja überall über Erinnerungen stolpern: als ich einmal meinem Lieblingslyriker der alten BRD zufällig im Fahrstuhl des Deutschlandfunks begegnete (er war lange Jahre Redakteur der Hörspielabteilung), zog ich freundliches Grüssen allein jedem small talk vor. Vor Tagen fiel mir ein altes Buch von ihm und seiner Frau in die Hände, „Fenster und Stimmen“ aus eben jenem Jahr 1982, in dem ich tief im Südosten eine kleine grosse Lovestory erlebte. „Die Malerin und Graphikerin Rango Bohme, einst Jürgen Beckers Lebensgefährtin, hat dieses Buch mit ihrem Bildern ermöglicht, denen, unabdingbar zugehörig die selbständigen Stimmen der Gedichte zur Seite gestellt sind“, so heisst es im interessanten, ausführlichen Klapptext des Buches. Das Gedichte haute mich schlicht um, als ich es vorgestern und gestern auf mich wirken liess, zusammen mit der Zeichnung von Rango. Jürgen Beckers Lyrik ist für mich eines der spannendsten Transportmittel für Zeitreisen durch die Jahrzehnte im alten Westdeutschland, weil sie es nie bei Abbildung und Innerlichkeit belassen, sondern erfinderisch Schicht um Schicht freilegen.

    Ein Freund schrieb mir vor Tagen, dass er vor der Frage stehe, die Briefe einer alten Liebe ins Feuer zu werfen. Es war ja alles, egal wie fantastisch, letztlich auf grossen Liebeskummer hinausggelaufen bei ihm, auf den Schmerz und die Leere, die eine lang gehegte Illusion hinterlässt. Nun, diesem Club hätte ich Ende 1982 auch beitreten können. Heute Nacht fand ich mich im Traum in meiner vorübergehenden bayerischen Wahlheimat wieder, scheinbar nicht weit von dem Örtchen Arnschwang entfernt. Ich traf auf eine Gruppe rüstiger Wanderinnen, erkannte ihren leicht süddeutschen Zungenschlag. Ich fragte sie, wo denn hier der Ort Arnschwang zu finden sei. Sie sagten mir, gar nicht weit von hier, und sie würden mich ein Stück des Weges begleiten. Eine der Wanderinnen war elegant gekleidet, dezent geschminkt und wunderschön, ich fühlte mich unmittelbar von ihr angezogen. Nebeneinander wanderten und sprachen wir, auf einmal spürte ich ihre Hand in meiner. Ich war wie verzaubert und erzählte ihr etwas von meiner alten Arbeit hier und meiner abgelegenen Wohnung. Da tauchte sie auch schon vor meinen Augen auf, aber als wir den Weg rechts runter gingen, Richtung Bauerngehöft, hatte sich die Architektur der einstigen Häuserzeile komplett verwandelt – in einen riesigen Fabrikraum mit seltsaman Plakaten. Dort irgendwo habe mal mein Wohnzimmer gestanden, sagte ich ihr, und staunte nicht schlecht, als sie mir leise ins Ohr flüsterte, sie wolle mich morgen wiedersehen, aber an einem schöneren Ort. Jetzt, wo ich dies notiere, erinnert sie mich von ferne an Kathleen Hepburn, die ich vorgestern noch gesehen hatte, in Robert Zemeckis „Jagd nach dem grünem Diamanten“. Ein altmodischer Abenteuer- und Liebesfilm. Mit etwas zuviel Geballer, jeder Menge herrlichem Blödsinn und ein paar bezaubernden Szenen! Ein bisschen wie mein Traum!