Kohoutek, der Komet (und andere Zeitreisen ins Jahr 1974)
Es ist ja nicht so, dass das grosse weite Weltall völlig aussen vor war, als Kraftwerks „Autobahn“ erschien, im Jahre 1974. Jawohl, die „Kometenmelodien“. Als Jan Reetze, am kommenden Sonntag zu Gast in den „Electro Beats“ (in Kürze mehr dazu!), die letzten Seiten seiner Liebeserklärung an ein 50 Jahre altes Album verfasste, erinnerte er kurz vor Ende noch einmal daran:
„Und Kohoutek, der Komet von Seite 2, wir wollen ihn nicht vergessen, war zwar beim Erscheinen des Albums schon wieder ins kalte All zurückgekehrt, aber er wird in rund 78.000 Jahren wieder zu sehen sein. Ich freue mich schon heute darauf. Bis dahin bleibt uns seine Melodie.“
So weit, so gut. Ich habe im folgenden meine Favoriten jenes Jahres 1974 zusammengestellt und gelistet. Ich zählte – hey, nineteen – noch zu den Teenagern, und so naiv und romantisch ich in vielen Dingen sein mochte, in der Musik gab es weitaus weniger Verirrungen als in der Liebe. Ich kehre noch heute zu all diesen Platten zurück, solche Konstanz hätte ich mir anderswo auch gewünscht. Das sieht nicht von ungefähr wie eine playlist der Zeitreisen früherer Klanghorizonte-Nächte aus. Hier also die Patience über meine „alltime favorites“ jenes Jahres. Five star albums all of them!
Über einige dieser Platten, die nun ein halbes Jahrhundert ihre tiefen „impacts“ liefern, wird in diesem Jahr viel zu lesen sein. Und ich weiss, wer bei mir, bei allem Respekt, hier nicht auftaucht, mit dem 1974er Output, von Steely Dan bis Bob Dylan („Planet Waves“), von Steve Wonder bis Roxy Music, von Frank Zappa („Apostroph‘“) bis Supertramp. Und Nummer 21 wäre bei mir wohl Randy Newmans „Good Old Boys“. Ein grosser Fan dieses Albums (und von meiner Nummer 12) war und ist übrigens, nicht so naheliegend, Brian Eno.

1. Brian Eno: Taking Tiger Mountain (by strategy) (ein Abend im Studentenwohnheim , der vieles auf den Weg brachte) 2. Robert Wyatt: Rock Bottom (dass ich schon beim ersten Hören „ergriffen“ war, ist bescheiden ausgedrückt) 3. Brian Eno: Here Come The Warm Jets (der reine surreale wunderbare Wahnsinn) 4. Neil Young: On The Beach (weiss gar nicht, wann die Platte mir in die Hönde kam, ein constant companion immerzu) 5. Keith Jarrett: Belonging (ich kann mich sogar an den ersten Blick auf das Cover mit den vier Luftballons erinnern, in dem Laden meines Dortmunder Musikdealers) 6. Terje Rypdal: Whenever I Seem To Be Far Away (purer Sehnsuchtsstoff) 7. Weather Report: Mysterious Traveler (the adventurousness of a „signature sound“) 8. Miles Davis: Get Up With It Part 1 & 2 (nicht nur wegen dem 30-Minüter „He Loved Him Madly“) 9. Joe Henderson: The Elements (das eine Werk der alten „Legende“ zur Abteilung „spiritual jazz“) 10. Kraftwerk: Autobahn (seltsam magische Anziehung, ein Kumpel hatte die Platte immer wieder laufen, aus den grössten Boxen der Nachbarschaft)
11. Eberhard Weber: The Colours of Chloe (an der Mensa Münster kurz nach Erscheinen entdeckt) 12. Joni Mitchell: Court and Spark (perfect songs and stories album) 13. Van Morrison: Veedon Fleece (da flog ich durch, wunderbare Stimmungen) 14. Oregon: Winter Light (how I loved to listen to the best Oregon quartet ever in long, long Würzburg nights!) 15. Jackson Browne: Late For The Sky (perfektes Cover zur Musik, mit all diesen sanften tiefen schleichenden dunkelhellen Lovesongs 16. Edvard Vesala: Nan Madol (noch so ein ECM / Japo-Klassiker, in jenem Jahr gab es aus dem Haus ECM noch manch Ebenbürtiges) 17. John Coltrane w/ Rashied Ali: Interstellar Space (a propos Kohoutek!) 18. King Crimson: Red (der dunklere Stoff, elektrisierend, goose skin elevation) 19. Marion Brown: Sweet Earth Flying (criminally underrated nenne ich dieses tolle Impulse-Werk, u.a. mit Paul Bley) 20. Julian Priester: Love, Love (eine Sternstunde der „fusion era“, immer noch „Wo-bin-ich-Musik“).Spätwerke und anderer zeitloser Stoff
„Das Pferd rennt. Was für einen Ritt wir haben. Ich will den Vibe nicht durcheinander bringen.“ (Neil Young) Letzte Dinge sind keine Altersfrage. Der Mythos „Forever Young“, er wird gerne praktiziert auf den Coverbildern meiner geschätzten Musikmagazine UNCUT und MOJO. Oft bekommen wir Porträts alter Lieblinge aus ihren wilden frühen Tagen präsentiert, ein steter Trigger für Erinnerungen, für „Regressionen im Dienste des Ichs“. Sogenannte Spätwerke werden vielleicht für Teile der Hörerschaft verdaulicher, wenn die „vibes of good old times“ mitschwingen. Es gehörte natürlich zu den basics des Rock und anderer Alternativkulturen, ähem, das Bewusstsein zu erweitern (love, sex, politics, friendship, neighbourhood & other worlds)…galoppieren wir hier mal querfeldein durch Dunkelzonen, wenn Zeit sich nur marketingtechnisch nicht mehr endlos dehnt, Fenster kleiner werden, und nicht mehr täglich der Sprung durchs Feuer auf der Agenda steht.
Selbst das Damals ist trügerisch. Neil Young bot uns vor Monaten in UNCUT ein strahlendes Lächeln, das uns aber ratzfatz in seine sehr ungroovigen Jahre 1973 bis 1975 transportierte, wo Scham, Angst, schlechte Träume die Tage und Nächte füllten, und ein Meilenstein wie „On The Beach“ drei Jahre Psychoanalyse auf der klassischen Couch ersetzte. Neben alllem anderem (s.o.) auch den Dämonen des eigenen Lebens kühn zu begegnen, das war, unausgesprochen, ungeplant, eines der unter die Haut gehenden Dinge (in manchen Schlüsselwerken) von Scott Walker, Neil Young, Leonard Cohen, Joni Mitchell und anderen „spirits“, die unser Leben ja auch deshalb stetig begleiten, weil ihre besten Alben nicht bloss gelebtes Leben von „station to station“ aufrollen, sondern auch in unseren dunkelsten und zweitdunkelsten Stunden Trost bereithalten, der nicht platt ist, Sounds, Gesänge, One-Liner, die vieles in Bewegung bringen können. Das Lösen aus Erstarrungen. Lifers. „I’m porous with travel fever / But you know i′m so glad to be on my own / Still somehow the slightest touch of a stranger / Can set up trembling in my bones (…)“Freuen wir uns also auf das, mit leichtem Vorbehalt, was einige unserer LebensbegleiterInnen in den kommenden Monaten bereithalten: Beth Gibbons‘ „Lives Outgrown“ ist da schon mal einsam in meinem Olymp der Nacht angesiedelt, hinreissend, schmerzhaft und unfassbar „beautiful“ – und gespannt sind wir auf das, was Nick Cave im Köcher hat, und auf seine „Wild God“-Tour sowieso. Selbst David Gilmour ist gerüstet für ein Album namens „Luck And Strange“ rund um unser aller Sterblichkeit. Alterswerk – der Begriff ist ohnhein leicht schwammig und dehnbar – es wurde tatsächlich schon Bob Dylans „Time Out Of Mind“ zum definitiven Alterswerk erklärt, arm an tröstlichen Worten, dezent todessehnsüchtelnd, reich an Sollbruch- und Bruchbruchstellten, und dabei war es erst 1998.

Seien wir ehrlich: manche unserer „old heroes“ machen es sich auf der Veranda gemütlich, und lassen ihre Lieder in den Sonnenuntergang reiten (Neil ist eine rühmliche Ausnahme). Das ist dann oft genug, und egal wie sehr ein „memento mori“ mitschwingt, gepflegte Nostagiemucke, fernab von Erschütterungen, rezeptfrei aus jeder Rockotheke. So im Dunklen will sich nun auch David Gilmour umgetan haben, im Angesicht letzter Grenzen und des „big nowhere“, aber ging nicht auch seinen letzten Soloalben ein wildes, verwittertes Etwas ab – war seine Musik nicht sonderbar hochglänzend und elegisch weichgespült!? Die „American Recordings“ von Johnny Cash legten die Latte hoch.
Also, schön wachbleiben! Lasst uns bereit sein für Überraschungen und das Feld der Klänge erweitern: lassen wir die Neubauten wieder einstürzen, auch der gern in den Tiefen einer Raga abtauchende Oded Tzur probt eine wilden Abgang aus Paris, auf seinem nöchsten Opus „My Prophet“. In durchaus ätherischem Gewand, zugleich deep and dancing, lockt uns in entlegene Zonen von Trauer, von flüchtigem Glück, Julia Holter auf ihrem fabelaften Doppelalbum „Something In The Room She Moves“ (das mir mit jedem Hören mehr zu Herzen geht). P. J. Harvey erfand schon 2023 ihre Kindheit neu (und entführt sie aus den Zonen des Hundertmal-Erzählten). Verlassen wir wir die Pfade des viel zu enggefassten „confessional songwriting“, die Liste der vertrauten Namen. Der bekannten Formelhaftigkeiten. Das Abenteuer wartet überall, man muss nur rechtzeitig die Kurve kriegen! „Why, why do these old songs live so vividly now?”, fragt Neil Young in den liner notes des jüngsten wilden Streiches von Crazy Horse. “They do to me. I recognize it. Losing it, finding it, losing it…. Take a chance on love. On love, on love.” Tief durchatmen – und jetzt bitte ein Solo für den Leser, auf der Luftgitarre, Alter!
Blue Wave Radio
Nice, i will still be doing radio shows in 2025 at the Deutschlandfunk, two Klanghorizonte hours for sure. Some jazz, too. Not that Im now singing the old Zagger and Evans tune from my imaginary jukebox….“in the year 2525“… for the day today, i follow my weak spot for Grandaddy‘s new album which I really love with all its strange limitations…waltz after waltz after waltz, the softsoftsoft voice of Jason Lytle (one of my five fave singers on the planet) wrapped up in epic cloudwork…. A friend of mine just said… „it‘s okay, but a bit ELO in lofi“… he has a point here, but I don‘t follow his judgement…the lyrics are wonderfully dark and witty, sometimes at the same time… and I take a warm shower in this album everytime it starts sending its shivers down my spine…this is „ambient blue wave with a singer lost“!
Thinking about Mr. Hollis in a sentimental mood
It happened five years ago today.
The guy from „Zen Sounds“ is strolling through Mark Hollis‘ life, and time‘s rush (and the coffee I am drinking some miles before Bremen) is now filled with sugar and sadness. By chance, I made one of the two last interviews he ever did, in 1998, in Hamburg, before the release of „Mark Hollis“. And I was meeting him before In 1991 or 1990. In that week when the huge cover of Talk Talk‘s „Laughing Stock“ circled on the roof of Polydor Records‘ skyscraper, I sat in his little appartment near „Angel Station“, with Markus Müller (who is now the CEO of the Monschau Jazz Festival, remember his FMP book, or the ECM exhibition in München…), and we listened to his stories, for example about Mark’s neverending love for that first Duke Ellington piece of his only album with John Coltrane… „listen, these first moments of Elvin Jones there“, and whenever I come across the name of that Underground station, it hurts. „Angel Station“. For fuck’s sake. When meeting him again in the big Hamburg hotel, there was (really strange, and unexpected) this joy, unfiltered, similar to seeing an old friend again, a big smile on his side, on my side then, too. In those two hours, while drinking tea, there was a very kind, heartfelt connection. If I now think back to that scene, after all those years, it brings a tear to my eyes. I’m NOT „romanticizing“ this. All these special moments in life, you don’t return to them necessarily in your last moments, on the deathbed, you can bring them up – en passant, and they can serve. Everything wounded will flow. Little helpers on the way. The elevation of a (sudden) melancholic vibe. Mark Hollis never released any more offical recordings after his solo work. In 2001, he produced two songs for jazz saxophonist Jan Garbarek’s daughter Anja on her album Smiling & Waving. And, there I was, sitting in Anja‘s living room in Notting Hill – on her wall the magnified cover of Brian Eno‘s „On Land“, Anja talking about her album, and about the last appearance of Mr. Hollis in a record studio. Circles closing. We should have been writing oldfashioned letters. The following lines now from Stephan Kunze, the man behind „Zen Sounds“:
Researching his biography, “Mark Hollis: A Perfect Silence”, music journalist Ben Wardle found out that the introverted songwriter spent the last 20 years of his life mainly playing golf, riding motorcycles and collecting rare instruments. When his kids had grown up, he moved back to the countryside with his wife, this time to Sussex. He died from cancer on February 25, 2019, aged 64.
Ich bin Lisa (Neues aus der Blow-Away-Zone)

Drei Monate in die Haut von Lisa Poschmann schlüpfen, auf einer kleinen Tour mlt dem Amanset durch Kalifornien. Anno 1998. Alles zwischen Santa Monica und Titisee. Hör dir die ersten drei Platten der Gruppe an, und wenn du der dort verströmten Magie erliegst, bist du im Fanclub willkommen. Ernsthaft. Die Musik erweitert dein Geduldsspektrum mit einem Honigkuchenpferdgrinsen und versetzt dich in hundertundeine Gedankenwelt – in einer davon sitzt du auf dem Rücksitz eures alten Familienmercedes auf den Weg in den Schwarzwald, du liest Jerry Cotton (was für Erleuchtungen es da gab im Bastei-Verlag!), während im Radio auf einmal David Bowie und Lou Reed laufen, In the year 2525, Amen Corner und Donovan. Und Penny Lane. „Deepest coffeeshopmusic ever“. Gute Freunde von euch sind extrem begabte Musiker, die Musik von ganzem Herzen lieben und deren Lieblingsbeschäftigung im ganzen Universum darin besteht, einfach loszulegen und Musik zu machen, die angenehm zu hören, schön zum Entspannen, sowie verrückt zum Tanzen ist, und sich nur zu gerne im Kreis bewegt. Genau das sind wir. Wild as the wind, aber eine ohne einen Hauch von Nina Simone. Gitarrenmusik mit viel Luft drumherun, und seltsamen, aber unaufdringlichen Instrumenten, gerne auch mal rückwärts. Ich empfehle es, wenn ich gerade nicht Lisa Poschmann bin, Leuten, die gitarrenbasierte Nicht-Pop-Musik mögen. Friends of Eno and Young Marble Giants. Am anderen Ende des Spektrums dann harter Gitarren-Folk. The Fun of Watching Fireworks. Nein, so obskur sind Amanset nicht. Und doch. Es gibt keine Riffs, die für sich alleine stehen, aber alles zusammen, und ich habe nur ein paar Mosaiksteinchen zusammengekehrt, ergibt Lisas Milchmädchenrechnung für die Unendlichkeit. Pure Brillanz im Timing & subtil verwobene Melodien. Karge Gerüste, lusvolles IKEA-Dream-Vokabular. Auf einer einfachen Ebene ist es einfach verdammt scharfes Chillen und, und das Rauschen der Zwischentöne unwiderstehlich. Natürlich lösen sich diese Zeilen innerhalb von wenigen Tagen in Luft auf.in memory of reading „Obduktionsprotokoll“ in Bergeinöden
ich konnte mich nur dunkel erinnern, dass ich dir 1980 bis 1982, einen steinwurf, naja, einen nachmittag in sanftem pferdetrab von der alten tschechoslowakei entfernt, die eine und andere post zusandte, von der du annahmst, der staatsschutz habe sie geöffnet & damals war halt jeder verdächtig, der eine bildzeitung im müll entsorgte geschweige denn gegen die isolationshaft der raf zufeldezog mit friedlichen aber zornerprobten bannern sei‘s drum & mit „murder by contract“ „daughters of darkness“ und „duke of burgundy“ (lauter schmetterlinge in einer sapphisch surrenderfreudig sirrenden welt) sind da nun drei beachtliche filme im päckchen unterwegs zwischen deren erscheinungsjahren ganze königreiche entstanden und versanken & damals am rande der grünen welt las ich den sextrunkenen jazzroman obduktionsprotokoll von hartmut geerken was meine sehnsucht unterfütterte nach schaurigschönen saxofonschreien und der hingabe meiner pocahontas in der einöde der nördlichen bayerwalds sowie an der blauen donau & be sure to wear some flowers in your hair & es war die zeit als ich peter handkes schlafmittel die linkshändige frau kopfschüttelnd mit anderen antiseptica entsorgte die das verfallsdatum deutlich überschritten hatten und wir alsbald unsere lächerlich knallbunten feuerzeuge in den himmel reckten hannah and neil and me als mr young vor uns dreissigtausend seelen den ewigen klagegesang seines songs cortez the killer anstimmte und crazy horse mit zauberer nils lofgren mal wieder die zeit erst zittern dann stillstehen liess (ein alter text aus manafonistas)
Mallorca
In ein paar Stunden werde ich dort sein, und ganz allein einige abseitige Zonen der Insel erkunden. Ich weiss, wo der Covermagier einst lebte, der unter anderem Santanas „Abraxas“ veredelte. Ich weiss, wo Jon Hassell sich gerne aufhielt, und auf meiner letzten Reise dorthin erlebte ich eine meiner denkwürdigsten Wanderungen. In meinem kleinen gemieteten Haus im Nordwesten, mit Swimmingpool, und Bar in einer halben Meile Entfernung, werde ich die Zeit deutlich verlangsamen. Mein Wohnraum hat einen CD Player und Vorhänge, die an die dekorative Kunst Kandinskys erinnern. Wer mich sucht, würde mich kaum finden, und auch der Hinweis, dass mein Blick auf eine wunderbare geschlungene Hügelkette geht (laut Broschüre), würde mich nicht auffindbarer machen. Das kleine Gehöft teile ich mir mit einer kanadischen Kleinfamilie, und einer Handvoll ausgewählter CDs, von den üblichen Verdächtigen. Veedon Fleece ist dabei, Luminal, Liminal, und
Bis auf ein, zwei kleine Reisen auf die Insel vor ca. 20, 25 Jahren, habe ich nur Jugenderinnerungen. Ich glaube, ein kleiner Sprung jetzt, ohne Absatz, aber mit Punkt und Komma. Er war einer der besten Freunde, die ich je hatte, auch, wenn wir nur gute zwei Wochen zusammen waren, in einem luxuriösen Hotel, abgelegen, auf Mallorca – der damalige Minister Schiller drehte seine Schwimmrunden mit seiner Affäre, ohne von Paparazzis behelligt zu werden, und Mario Adorf tauchte mit Lex Barker auf. Ich schoss ein Foto, wie Herr Adorf sich ein grünes Salatblatt in den Mund schob. Ich las voller Ergriffenheit Albert Camus‘ „Die Pest“, liebte die schaumige Milchsahne auf dem Kakao, überstand den Überfall zweier Einbrecher, und zu den vielen Parallelwelten, zwischen denen sich Teenager leichtfüssig bewegen können, zählte die Freude, Morgen für Morgen Peter zu treffen, und stundenlang mit ihm das Tischtennisbrett zu besetzen, oder am Swimmingpool zu liegen. Er gehörte zur österreichischen Judonationalmannschaft, was ich weniger aufregend fand, als die Tiefe meiner freundschaftlichen Gefühle. Er war ungefähr sieben Jahre älter als ich, 21, und erinnerte mich vielleicht, aber nur sehr entfernt, an eine alpenländische Version meines Traumgefährten „Okko“, mit dem ich nächtens die aufregendsten Abenteuer in über Jahre wiederkehrenden Serienträumen erlebte – er kam stets in höchster Not, und bereitete jeder Traumsequenz zwischen Karl May-Gefilden und „Am Fuss der Blauen Berge“ ein Happy End. Aber was war das nun mit Peter: sah ich in ihm den idealen älteren Bruder? Ich glaube, das war es. Unsere Gespräche waren, so weit ich mich erinnere, auch ganz normale Jungsgespräche, ich mochte ihn wohl einfach von Herzen gern, Erotik spielte da nicht hinein. Vielleicht haben wir über die Beatles gesprochen, aber eher nicht über Camus.
Ich hatte dort, in diesem behüteten Urlaub, keinerlei Musik dabei, dafür sah ich in kurzer Zeit ein paar Menschen, die ich aus dem Fernsehen kannte, auch diesen alten englischen Schauspieler, dessen Name mir entfallen ist, und der sich Jahre später wegen Depressionen das Leben nahm. Meine Mutter erzählte es mir, und ich sah wieder seinen leicht gebeugten Gang vor mir, und etwas Verlorenes in seinem Blick. Wo war Emma Peel – das wärs gewesen, vielleicht hätte Peter ihr ein paar Griffe gezeigt, und sie mir! Die Musik in diesem Paradies war die Musik einer älteren Generation. Neben dem Süssholzraspler am Klavier, der abends den Cognac und die Longdrinks der Barhocker untermalte, kamen aus den Lautsprechern ausschliesslich Evergreens, die schon immer Evergreens waren, von Neil Diamond oder Frank Sinatra. Ich denke, auch von Paul Anka und Neil Sedaka. Und ganz vorneweg James Last, die deutsche Ausgabe der Ray Coniff Singers. James Last, der alles weich verpackte, von den Chansons bis zum Jazz, von Hippie-Musicals bis zu dem Fab Four. James Last hätte auch aus „Paint It Black“ eine Schmonzette für angetrunkene Mann-im-Mond-Sucher aus dem Ärmeln seines Orchesters schütteln können. Soziokulturell hatte dieser früh erblondete Arrangeur fleissig an Traumkulissen im Wirtschaftswunderland gezimmert. Ich war aber nur in meinen Hintergedanken ein resistenter Hörer. Von den altmodischen Hits (einer liegt mir auf der Zunge, „Spanish Eyes“, oder heisst er „Spanish Harlem“) liess ich mich gerne einwickeln. Auch die jungen Bee Gees wären nicht weiter aufgefallen. Es ist immer seltsam, alten Orten neu zu begegnen. Mein Leihwagen ist ein Mini Cooper, was ich lustig finde. Nun war diese avisierte Reise bloss ein Traum in den Morgenstunden, aber so realistisch, dass ich eigentlich nur einen Koffer packen müsste und Last Minute Angebote sondieren. Ich würde stets einen Kompass bei mir haben, ein Schweizer Messer, und genügend Futter.
Rafael Toral‘s „Spectral Evolution“
Is this true?
Am I listening to what I am listening?
Is it necessary to study rocket science
to explain what‘s going on here? No.
This album is a wonderful example of
experimental music, well,
extremely experimental music
fuelling the deepest impacts.
No words required, though there
will be … words. And with all
echoes, sources, programs (at hand),
we take that other route and
just listen. Believe it or not.
What the Portuguese musician creates, is something completely illusory and delightful, juxtaposing the straightforward imagery of its cover. Comprising a near 43-minute soundscape – delivered as one continous whole, but separated into 12 movements – the album depicts the textures and rhythms of nature with an almost cinematic scope. „Changes“ feels like the flutter of a wing dissected in slow motion intricacy, while „Descending“ swoops the mixture into gorgeous thermal decline. The magic is in Toral‘s delicately affecting cycles, which succeed in extracting graceful, almost relevatory beauty from the world‘s ubiquitous sources. (Electronic Sound, March 2024; release date: March, 1; vinyl / cd / dl)
As a teenager, one of my beloved pieces was a slow, trance-like track named „Set the controls for the heart of the sun“, full of soft pulses (I think it was on Pink Floyd’s long player „A Saucerful Of Secrets“), and as soon as I started listening (still a child, and with child-like curiosity) I was „inside“. Now (a parallel of sorts and mood) it took some minutes and moments of asking myself „where am I?“, to be part of Rafael Toral’s „mind trip“, but from then on, after removing some obstacles (mostly internal dialogue) I was part of the crew. Let’s speak about floating. Safe journey! (m.e.)
We‘ll live through the long, long days…“
Zu welchen Soundtracks kehren wir immer wieder gerne zurück? Da hat jeder eigenen Erinnerungen, Bilder und Klänge – Vangelis, Delerue, Cooder, Rota, Karaindrou, und all die anderen – Wenn ich an den hinreissend langsamen Film „Drive My Car“ denke, schleicht sich wieder „We’ll Live Through the Long, Long Days, and Through the Long Nights“ in meine Ohren. Yusuke sitzt mit Oto auf dem Bett und erzählt ihm von der Liebe eines Mädchens zu Yamaga, einem Klassenkameraden aus der Oberschule, und wie sie sich in sein Haus schleicht. Ach, ach, und weh! Das ist ünrigens einer derfünf Filme, die eine meiner liebsten Storytellerinnen am 1. März in der Kolumne „Film“ im wahrsten Sinne des Wortes in ihren Händen hält. Ja, und manche Erinnerungen führen zur einer alten Fernsehserie, die 1989 in heimische Wohnzimmer strömte und eine neue Art der Unheimlichkeit verbreitete. Und in der Bar sang Julee Cruise. Und Angelo Badalamenti erinnerte sich an das Studio in Manhattan, in dem er und David Lynch einen Grossteil der Musik produzierten: “Excalibur Sound war der dunkelste, schäbigste Ort, den man sich vorstellen kann. Die Lichter flackerten, der Strom ging ein und aus. Als wir uns den Film ansahen, roch es in dem Raum fürchterlich. Es war winzig, die Mäuse liefen sogar bucklig herum. Aber David liebte es – er sagte: ‚Dieser Ort schafft eine so schöne Stimmung für uns, Angelo, nicht wahr?‘ Ich sagte: ‚Nun, ich denke schon…‘