Randnotiz
Bislang hatte ich ja nur die audio files zur Verfügung von Steve Tibbetts‘ „Close“, was bedeutete, dass ich die Musik auf kleinen Boxen hörte. Das reicht völlig, um Qualität zu beurteilen, aber es ist was anderes, wenn die Cd in den Player einer grossen Anlage geschoben wird, und das war gestern erstmals der Fall. Die Dämmerung draussen passte zur „twilight language“ der Musik.
In den Klanghorizonten sprach der Mann aus Minneapolis von den 74 Minuten, die das Werk anfangs lang war, und von der Einsicht, es noch einmal verdichten zu müssen. Das ist gelungen, auch wenn ich nicht weiss, wie „Close“ vor den Einschnitten geklungen hat. Jetzt rauschte ich durch das Album hindurch, ohne eine Sekunde der Ermüdung. In meiner Welt (und das Album ist ja jetzt „meins“, um Steve zu zitieren) ist „Close“ ein „instant classic“. Und das „Album des Jahres“.
Ich werde es so machen wie Jan R. jüngst mit einer Band unserer jungen Jahre, und mir nacheinander alle ECM-Alben von Steve Tibbetts anhören. Ys – Northern Song – Safe Journey – Exploded View – Big Map Idea – The Fall Of Us All – A Man About A Horse – Natural Causes – Life of – Close. Aber bevor ich damit beginne, hat „Close“ Vorrang. In diese Musik mit ihrer besonderen Tracklist einer Reise durch Orte und Zeiten eines Lebens (so unbestimmt in den Worten, so scharf umrissen, voller Atem und Verblüffung in den Klängen), werde ich mich vorerst immer wieder fallen lassen.
(Auch wenn er noch andere bedeutende Alben ausserhalb des ECM-Universums gemacht hat, sind diese hier wahrscheinlich die perfekte Playlist für mein Steve Tibbetts-Portrait am 22. Januar 2026 um 21.05 Uhr im Deutschlandfunk. 54 Minuten und 38 Sekunden.)
Zu bestimmten Zeiten des Lebens spielen bestimmte Alben in unser Leben hinein, insofern wir Musik von früh an als Seelennahrung begriffen. Es geht da nicht um den Kanon der Grossartigkeit, sondern um die Schallplatten, die unser Leben mitunter über Nacht veränderten, die Begleiter waren durch Himmel und Hölle. Trost, Medizin, Schutzschild, Selbstverteidigung, Horizont. Manche dieser Alben hatten ihre Zeit, manche verrichten ihr Werk ein Leben lang. In diesem Sinne ist „Close“ das vorläufige Ende einer privaten history of music, die, aus dem Ärmel geschüttelt, eine ganz besondere Perlenschnur freigibt. Die erste Perle trug den Namen Sgt. Pepper.
my favourite 21 albums from the years 2020 until 2025 (strictly ranked… and personal)
Not forgetting all things lost
in the fire of our lives
(as far as we can remember).
Sometimes, from a distance, everything
(losses first, and hands still to hold)
falls into place. No catchy songs,
no singalongs, no fairytale parallel worlds,
no hooks, no future evergreens, oh,
hold on, in their own peculiar way
Brian Eno’s modern day lamentations are
a collection of future „everblues“,
haunting, uncanny, anti-
grandiose, epic, enigmatic &
beautiful in a dark way.
Foreverandevernomore.
Eins) Brian Eno: Foreverandavernomore
Zwei) Steve Tibbetts: Close
Drei) P.J. Harvey: I Inside The Old Year Dying
Vier) Beth Gibbons: Lives Outgrown
Fünf) Lambchop: ShowtunesEin Wunderwerk ist das Album „Showtunes“, und wenn ich die gute halbe Stunde höre, etwa auf weissem Vinyl mit 45 Umdrehungen pro Minute, gibt es keinen überflüssigen Moment – all diese Samples, akustischen Vignetten, dunklen Winkel, Midi-Verwandlungen, Murmelmelodien etc. fesseln und entfesseln ohne Ende. Von den lyrics und dem Hund auf dem Cover ganz zu schweigen. Verwegen, wie Kurt Wagner Motive des Erhabenen (Oper, Broadway, Sinatra) in eine erfüllte Leere laufen lässt. „Maybe I’ll break into the movies / Become a star upon the screen / And blow a kiss to a song.“
Flüchtig gehört, könnte „Showtunes“ arg fragmentiert wirken (ein wildes Puzzle verlorener Momente aus verlorener Zeit), dabei ist es formvollendet. Man stelle es ins Plattentegal neben „Mark Hollis“, „Trio Tapestry“ (das erste Album), „The Marble Index“, „Open, to Love“, „Nerve Net“, „I Trawl The Megahertz“, „Paris 1919“, „You Want It Darker“, und Jacques Brels letztem Studioalbum, das mit den Wolken und dem blauen Himmel. In genau diesen Regionen bewegt es sich, und bleibt doch ganz bei sich. „It‘s so hard / the air has second thoughts.“
Sechs) Floating Points w Pharoah Sanders: Promises
Sieben) Tunng: …presents Dead Club
Acht) Fire! Orchestra: Echoes
Neun) Brian Eno & Beatie Wolfe: Liminal
Zehn) Mette Henriette: DriftingElf) Anouar Brahem: After The Last Sky
Zwölf) Natural Information Society: Since Time Is Gravity
Dreizehn) Lankum: False Lankum
Vierzehn) The Necks: Travel
Fünfzehn Erik Honoré: TriageSechszehn) The Mouintan Goats: Dark In Here
Siebzehn) The Coral: Coral Island
Achtzehn) Jeff Tweedy: Twilight Override
Neunzehn) Palle Mikkelborg / Jakob Bro / Marilyn Mazur: Strands
Zwanzig) Bill Callahan: Gold
Einundzwanzig) Oded Tzur: IsabelaBericht aus Mainz
Als ich meine Karte in einer Kneipe in der Nähe des Stadions abholte, wurde klar, dass ich doch nicht auf der Pressetribüne landete, aber einen formidablen Sitzplatz in Höhe des Mittelkreises bekam. Allerbeste Sicht, und kein Sardinendosenbüchsenfeeling wie in der Woche zuvor in der Gelben Wand! Ein grundsolider Auswärtssieg mit magischen Momenten!
Hier waren keine Klassenunterschiede zu sehen, vielmehr die Kleinigkeiten, die Spiele entscheiden. Ein dezentes Übergewicht individueller Qualität. Nach dem Spiel und nach fünf Spieltagen gibt es nur eine Antwort auf das unausweichliche Thema: es gibt keinen echten „Bayern Jäger“, und spätestens zu Weihnachten wird das Thema ad acta gelegt sein, weil München viel zu souverän agiert, und es bei einem Rennen der üblichen Verdächtigen um die Championleagueplätze 2-4 bleiben wird. Der BVB spielte das Spiel „seriös nach Hause“ mit zwei toll herausgespielten Toren, bei denen mein persönlicher Lieblingsspieler Jule Brandt (grosser Freund von Anime-Filmen und sowieso ein intelligenter Bursche) zu glänzen wusste.
Zum Aktuellen Sportstudio war ich zurück und bekam unterwegs noch die Radioreportage von dem verrückten 4:6 von Gladbach gegen Frankfurt mit. Ich freue mich natürlich, wenn ein Dortmunder im Sportstudio gastiert, aber das Interview von Katrin Müller-Hohenstein mit Sebastian Kehl hätte ich auch vorher schriftlich „erfinden“ können, so vorhersehbar und hübsch nichtssagend war es. Ein typisches Kehl-Interview im Manager-Sprech: der gute Sebastian ist stets kontrolliert, lässt sich nicht locken, und die gute Katrin ist die personifizierte Gute-Laune-Korrektheit ohne Überraschungswert. Sind ja auch landesübliche alte Hüte, die da Woche für Woche verbraten werden, wie die Frage – gähn, gähn! – nach dem „Bayern-Jäger“.
Bei dem Spiel gestern kam es nur zu Kurzeinsätzen der Neuen. Ich habe, vom Gefühl her, grosse Hoffnungen, was Fabio Silva angeht, der viel von Europa gesehen hat als Leihspieler der „Wolves“, und zuletzt bei Mallorca seine spielerische Klasse bewies, mit Toren und technischer Rafinesse. Vielleicht wird er bei „uns“ endlich heimisch. Anselmino zwickt es noch in der Wade, und auch bei diesem Neuen mache ich mir keine Sorgen. Er zeigte bei seinem bislang einzigen Auftritt allerfeinste Grätschen, wie man sie von ambitionierten argentinischen Innenverteidigern kennt. Leider ist seine Leihe am Ende der Saison beendet, und er wird zu Chelseas Spielerbasar zurückkehren.
Chukwuemeka hat alles drauf, was ihn in meinen Augen zu meinem nächsten „favourite player“ machen könnte: einen Blick für die Tiefe des Raumes, spieltaktisches Knowhow und geniale Einfälle. Leider ist seine Vita von permanenten Verletzungen begleitet, deren Ursache man im weiten Feld von „Wachstumsstörungen“ ausmachte. In seinen wenigen Einsätzen konnte man ahnen – und sehen, was in ihm steckt.
Geduld ist das Zauberwort bei Jobe Bellingham. In einer souveränen Pressekonferenz vor Saisonbeginn zeigte er sich so klug wie selbstbewusst und tat kund, er wolle einer der besten Mittelfeldspieler Europas werden. Derzeit kommt er nicht einmal an Sabitzer und dem leider politisch komplett verpeilten Mnecha vorbei. „Erst kürzlich war der 24-Jährige auf einem Tiktok-Video mit einem Buch vor sich zu sehen, in dem ein evangelikalen Prediger über die Rolle der Frau, wie sie Gott ihr angeblich zugedacht hat, schreibt. Es ist – wenig überraschend – eine untergeordnete Rolle“ (taz)- Frau Hohenstein, da hätten sie mal nachharken können! Ich schweife ab: Jobe und Jude. Ich bezweifle, dass Jobe wie Bruder Jude beim BVB gross Geschichte schreiben wird (und das war ja auch nur eine Kurzgeschichte). Im Moment sehe ich in ihm das Potential eines guten Box-To-Box-Spielers, der in diesem Jahr wohl kein einziges Mal eine 1 oder 1,5 vom „Kicker“ bekommen wird.
Es hatte jedenfalls riesig Spass gemacht, mal wieder bei einem BVB-Spiel auswärts dabei zu sein. Auf der Rückfahrt, nach gewohnt langer Stauzeit bei solchen „events“ , lief neben den Live-Schaltungen aus Gladbach auch die dritte der drei CDs von Jeff Tweedys zauberhaftem „Twilight Override“. Dreissig Songs – nur einer gefällt mir gar nicht, mit einer kleinen Überdosis Chorgesang. Selten höre ich in Stadien gute Musik – da gibt die übliche Folklore den Ton der „Stimmungsmusik“ an. Unvergesslich jene fünf Minuten vor Jahrzehnten, in denen einst im Westfalenstadion ein Song erschallte, der uns allen etwas über das Leben mitteilt, und damals dermassen in die Bein ging, dass ich nur zu gern dazu getanzt hätte: „Road To Nowhere“ von den Talking Heads. Jetzt gegen Bilbao und Leipzig zwei anspruchsvolle Heimspiele, und dann zu den Bayern. Danach ist wohl erst mal Schluss mit dem „Jägerlatein“ – leider, sagt der Fan in mir!
Liebe Villa Sonnenschein!
Ich weiss noch, wie wir vor Monaten zusammensassen bei eurer Hauspizza Neapolitana, und du eine Jugenderinnerung ausgrubst, Tobi, an diesen einen hypermelodischen Song von Velvet Underground, als Assoziation zu „Suddenly“ von Beatie Wolfe und Brian Eno – und tags später erzählte Beatie mit was von genau diesem Lied über einen magischen Sonntagmorgen.
Musik hat nie eine Hauptrolle in eurem Leben gespielt – dabei traf ich genau ins Schwarze, als dir, Ulrike ganz warm uns Herz wurde als ich dir, auch schon wieder länger her, eine Ballade aus John Coltranes „Ballads“ vorspielte.
Hier also eine Art Gebrauchsanweisung meiner gestrigen „Klanghorizonte“. Ich bin zuversichtlich: wenn ihr sie gelesen habt, werdet ihr beim Wiederhören die Musik nicht mehr in melodisch / eingängig und wild / schwierig einorden.
Es begann alles damit, als ich in „Electronic Sounds“ eine kleine Besprechung von Ludwig Bergers „Crying Glacier“ las, und Jan Bang mir Wochen später die erste aus dem Presswerk angekommen Schallplatte seiner neuen Arbeit, „After The Wildfire“, schickte. Es war völlig klar, dass diese beiden Alben den ersten Teil der „Klanghorizonte“ bilden würden.
Ein Unheil nach dem anderen. Die Feuerbrünste in Mazedonien, in Griechenland: als Brian und Roger Eno in der Akropolis spielten, war die Hitze bis zur Bühne hin erlebbar. Jan und Arve befassten sich mit dem Danach, der Trauerarbeit, aber auch mit unbändigem Widerstandsgeist. Die alten Gesänge bleiben unverwüstbar, niemand verlernt das Tanzen auf Dauer. Manchmal, in dem Stück das ich spielte, kracht es kurz, das ist die „Schattengitarre“ von Eivind Aarset.
Mit einem Augenzwinkern könnte man übrigens die „Feldaufnahmen“ aus den Schweizer Alpen für den Soundtrack eines Abenteuerfilms halten: „Indiana Jones im Vadret De Morteratsch“. Aber rasch wird aus humoriger Abwehr ein ungewohnter Ernst. Beim zweiten Hören fremdelt man nicht mehr mit dieser Musik der Natur. Staunen und Erschauern setzen ein.

Und so bekam die Erzählung der Stunde, mit allen ihren „field recordings“, eine klare Form: von dem „weinenden Gletscher hin zu einer anderen grünen Welt“. Es ist das gute alte „Prinzip Hoffnung“ meines deutschen Lieblingsphilosophen des 20. Jahrhunderts Ernst Bloch, das hier im Handlungsgefüge der Klanghorizonte zum Tragen kommt:„Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern. Hoffen, über dem Fürchten gelegen, ist weder passiv wie dieses, noch gar in ein Nichts gesperrt.“
Lässt man diese Sätze etwas länger auf sich wirken, gewinnen sie an Klarheit. Brian Enos „Another Green World“ bietet solche utopischen Räume, die wir sterblichen Wesen in Angriff nehmen können, die Übergänge zwischen Traum und Wirklichkeit sind fliessender als wir gemeinhin denken.
Und so beginnt der dritte und letzte Teil der Stunde, zwar sehr unheimlich, in einem Niemandsland aus Yorkshire, aber es sind auch solche Randzonen, in denen sich unsere Welt abbildet. Natur und Zivilisation treffen aufeinander, elektronische Sounds grundieren das Gewebe aus Vogelstimmen, Zuggeräuschen und anderen Seltsamkeiten. Im Nachhinein hätte ich vielleicht ein sanfteres Stück aus der Philip Jeck Anthologie nehmen sollen.
Fliessender Übergang in andere Randzone: die Finka von Alfreda Benge und Robert Wyatt, ihr Sommerunterschlupf in den 1980er Jahren: das Album „Dondestan“ ruft diese „thin places“ wach, auch hier öffnen sich Zonen zwischen Traum und Wirklichkeit: ein imaginäres Kinderbuch beschwört ein eigenständiges Palästina, eine Mülltüte fliegt in sanfter Konkurrenz zu einem Zeitungspapier von gestern über den Strand.
Es sind solche Zwischenzonen und Randgebiete, die Jürgen Becker schon früh in seiner Lyrik aufgriff, Orte der Erosion, lange, bevor Die Grünen ihr erstes Grundsatzpapier verfassten.
Hier ein Screenshot der Playlist der Stunde. Im kommenden Jahr plane ich, themenzentriert, Art von Radio, öffentlich aufzuführen. Wie einst bei den „lectures“ in Kristiansand.

Es folgt ein Song aus dem dritten Album „Liminal“ von Brian Eno und Beatie Wolfe: gehüllt in pure Traumsphäre, legt der Zeitlupengesang eine ganz andere Ebens frei: unsere Fragilität, die Träume, die zerbrechen. Immer wieder auch ein Memento mori. Dass wir Kinder ohne Sterne seien, verkündet Beatie, und leise gesellt sich Brian Stimme am Ende dazu. Wie war das noch mit den Woodstock-Träumen von Joni Mitchell!?
Sich in die Dunkelheit fallen lassen, ist auch eine Kunst. Music, the doctor, music, the healer! Heilen in kleinen Dosen, keiner wird übertreiben.
Und so bleibt das Zentrum dieser Stunde, die beiden neuen Werke von The Necks und Steve Tibbetts, Stammgäste meiner Ausgaben der Klanghorizonte, in einer Stunde voller Stammgäste! Es gehört zu den schönen Zufällen, dass Enos Another Green World in diesem Herbst 50 Jahre alt wird, und somit, neben den Themen dieser Stunde, allemal ein naheliegendes Finale darstellt.

Wer Steve Tibbetts‘ Werke nicht kennt, wird vielleicht ein zweites, drittes Hören brauchen, bis der berühmte Groschen fällt. Es gibt solche „Kippeffekte“, bei denen etwas, das zuerst seltsam, verstörend, unheimlich wirkt, auf einmal fasziniert und fesselt. Wie bei Bergers Gletschermusik. Das könnte auch für das „warm strömende Sonnenlicht“ der Necks gelten: eine gute Einführung für diese Komposition wäre ein Besuch im Pariser Museum der Impressionisten, und da speziell der Raum mit den riesigen Seerosenbildern von Claude Monet!
Die Stories, die Steve erzählt (und er zählt zu meinen liebsten Interviewpartnern), sind auf eigene Weise spannend, nehmen sie ums doch mit in den kreativen Prozess des Musikmachens – und Musikhörens!
In diesem Sinne hoffe ich auf das eine und andere Aha-Erlebnis bei euren „zweiten Hören“, und auf ein baldiges Wiedersehen in der Villa Sonnenschein oder meiner „elektrischen Höhle“.
In den 80 Welten um den Tag, in welchen wir regelmässig landen, bin ich gerade in jener unterwegs, die mich mit dem Toyota nach Mainz führt, zum Auswärtsspiel des BVB, und zu zwei alten Freunden. Im Gepäck ein alter Lyrikband von Jürgen Becker, „Triple Override“ von Jeff Tweedy, und eine Karte für die Pressetribüne. Thank you, Uli!
P.S. Die kleine Kiwi hatte was!
Gute Reise!
Click on the following line
to listen to the radio hour
with The Necks, Steve Tibbetts, Brian Eno, Robert Wyatt a.o.:
Part One – Of Ice and Fire
A form of language
The more he‘s alive, the more he‘s dying
(from Ludwig Berger‘s Crying Glacier) *
Meridian moon
(from Jan Bang / Arve Henriksen: After The Wildfire)* the vinyl runs with 45 rpm

Part Two – Twilight Language
Away 3 (from Steve Tibbetts‘ Close)
We begin 3 (from Steve Tibbetts‘ Close)*
Warm running sunlight (from The Necks‘ Disquiet)
Away 1 (from Steve Tibbetts‘ Close)* „a small concert hall inside…“ – my 2018 interview with Steve Tibbetts

Part Three – Shades Of Blue, Shades of Green
Saltmarshe (from the Philip Jeck anthology „rpm“)
Sparrowfall 2 * (from Brian Eno‘s Music For Films, 1978)
The sight of the wind (from Robert Wyatt‘s Dondestan, 1991)
Shallow form (from Eno / Wolfe: Liminal)
Becalmed (from Brian Eno‘s Another Green World, 1975)* click on „Sparrowfall 2“ to listen to Brian Eno‘s memories on „Music For Films“

Auf‘s erste Hinschauen dachte ich an Fotografien von Gregory Crewdson – auch hier scheint vieles bis ins kleinste Detail arrangiert zu sein. Ist der Sternenhimmel überhaupt echt. Ist er! Der Clou ist, dass es sich um einen klassischen Schnappschuss handelt. Ich habe Steve Tibbetts natürlich auch gefragt nach diesem Bild, und ihm geschrieben, ein hinreissenderes Cover sei mir für diese Musik und ihre „twilight language“ kaum vorstellbar. „Fairytale“, „darkness“, „somewhere“, „anywhere“, „noir“, so flogen meine Assoziationen umher, auch, weil ich, neben den Klängen, schon die „tracklist“ kannte, die, nach dem Hören der Musik, für eine Extraportion Gänsehaut sorgten!
In regards to sequencing: 54 minutes and 38 seconds. To stick faithfully to the most rewarding sequence of tracks, i had to leave out pieces from these fantastic albums, old or new: Jeff Tweedy: Twilight Override / Lucrecia Dalt: A Danger to Ourselves / Meredith Monk: On Behalf Of Nature / David Darling: Cello.In regards to Eno / Wolfe (70 seconds of sound / soul / place searching)

In regards to Jeff Tweedy: „It was novelist and critic John Berger who first posited that “calm is a form of resistance”. Who knows if Jeff Tweedy was channelling that sentiment while creating the gentle behemoth that is Twilight Override, but he has certainly responded to the maelstrom of paranoia and inhumanity unleashed by the second Trump term – what the Wilco frontman has dubbed “a bottomless basket of rock bottom” – with disarming composure, and a big batch of tunes for his fifth solo outing.“ (Fiona Shepherd, Uncut)

In regards to Steve Tibbetts:
one) „Steve speaks (1)“ („music philosphy“)
two) „Steve speaks (2)“ („twilight language“)
„At times I miss working in a record store. I miss the camaraderie of sullen, sneering record clerks. I miss hearing all the new releases, right out of the box. Closing up the store and going out to see Prince or Motörhead. Tom Smith was part of our crew working at the Wax Museum record store in Minneapolis. My daughter and I go visit Tom at the Electric Fetus record store at the end of every year. Tom has 10 albums ready that he thinks I will like. Laura Marling’s Once I Was an Eagle was in the stack some years ago. It stayed in my CD player for a long time. One long song. The same key. Repeating motifs and melodies. A trance. I could do that.“ (S.T.)

In regards to Philip Jeck: „Time, and the placement of time, is odd: as I type up this obituary, in a generic chain hotel bedroom, I do so to the sound of the first track from his 2015 album Cardinal album. Titled ‘Fleeing’, it fills the poorly-lit room with colour, anguish, hope and tension. The three minutes and seven seconds of the length feel like they could be both (i) forever and (ii) a mere gust of breeze at the window. On record or in performance, Jeck could juxtapose various emotions and – dare I say it – feelings. I distinctly remember him playing on one occasion and turning to a section which made me think, without warning: “Life can be pretty fucking dark sometimes, huh?” Yet I also recall how I also smiled at how beautiful this passing darkness was.“ (Dale Cornish, taken from his Philip Jeck orbituary, TheQuietus, 2024)

„Die Zeit und die Einordnung der Zeit sind seltsam: Während ich diesen Nachruf in einem Zimmer einer gewöhnlichen Hotelkette tippe, höre ich den ersten Titel von Philip Jecks Album Cardinal aus dem Jahr 2015. Der Titel „Fleeing“ erfüllt den schlecht beleuchteten Raum mit Farbe, Angst, Hoffnung und Spannung. Die drei Minuten und sieben Sekunden des Songs fühlen sich an, als könnten sie sowohl (i) ewig dauern als auch (ii) nur ein kurzer Windstoß am Fenster sein. Auf Platte oder bei Live-Auftritten konnte Jeck verschiedene Emotionen und – ich wage es zu sagen – Gefühle nebeneinanderstellen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie er einmal spielte und zu einem Abschnitt kam, der mich ohne Vorwarnung denken ließ: „Das Leben kann manchmal verdammt düster sein, oder?“ Aber ich erinnere mich auch daran, wie ich darüber lächelte, wie schön diese vorübergehende Dunkelheit war. (Dale Cornish, übersetzt)

In regards to a certain passage of this hour: „Rejoyce“
Every album from this hour is a treasure trove. In my ears, and for heaven’s sake not in my ears only. Some have made history, some will make history, or do the „buried treasure game“. Much more important are the „stories“ that these albums “tell” us when we listen to them, mostly without words. Words: why words. East of words. The unspeakable comes into play. The storytellers, too. There’s a lot to rummage around here. There’s no replacement for listening. (m.e.)
P.S. In regards to more blue hours:

from left to right: Agharta / Love, Love / Big Map Idea / Ecstasy / Tauhid
Red Flag in Sylt

Ich erinnere mich an einen kleinen Reiseessay in der „Zeit“, in dem ein bekannter Feuilletonist, auf dessen Namen ich gerade nicht komme, zwischen den Jahren ein paar Wochen auf Amrum verweilte. Ist schon ziemlich lange her. Und er überschrieb seinen Text „Stille bis zum Horizont“. Auf Sylt habe ich selbst mal eine ganz besondere „Stille bis zum Horizont“ erlebt, in Coronazeiten. Frühmorgens, in den Dämmerungen, ist das selbst in der Hochsaison möglich, auf Sylt, auf Amrum sowieso.
Und welche Musik ist ideal für solche stillen Räume? Das ist eine persönliche Sache. Mir fallen Bands ein wie Múm oder Sigur Rós. Die Island-Fraktion der ätherischen Epiker, zwischen Transzendenz und Zerbrechlichkeit, zwischen Horizont und Holzspielzeug. Da waren jeweils die ersten Werke umwerfend, aber mit der Zeit versandeten beide Gruppen in ihren mehr und mehr in Formeln erstarrenden Einzigartigkeiten. Schöne Langeweile.Unso erfreulicher, dass Múm nun wieder nach über zehn Jahre Pause ein rundum faszinierendes Album vorlegen. Eine lesenswerte Besprechung in Popmatters, und Frank Sawatzki hat diesen Beitrag hier für den DLF gemacht. Er hat einen feinen Sprachstil, den ich von seinen Rezensionen im Musikexpress kannte. Aber die Hauptsache: Múm sind wieder da!
Nach der Produktion von „Northern Song“ verbrachte übrigens Steve Tibbetts einige Tage auf Sylt, und sein erstes Album für ECM könnte allemal beitragen zu einer „history of silence“. „Eine lange Radionacht der Stille“ wäre sowieso ein schönes Thema für den Deutschlandfunk. Und als die Manafonisten 2014 ein Treffen auf der Insel planten, hätte ich beinah „The Sheriffs of Nothingness“ eingeladen, vorm Meer vorzuspielen, vor einer komplett imaginären Stille bis zum Horizont! Places you wanna like to be…!
California Split
Endlich erlebte ich wieder California Split, weil der Robert Altman-Film netterweise mal vor wenigen Wochen auf youtube hochgeladen wurde. Ich war begeistert, als ich ihn mit ungefähr 19 und 25 Jahren zweimal im Fernsehen erlebte, und seither geisterte er alle Jahre wieder durch meine Erinnnerung. Ich weiss, wie Filme in ihrer Wucht mit der Zeit nachlassen können, und fragte mich, ob ich zurückspringen könnte in die Wahrnehmung eines jüngeren Ichs, und es klappte relativ gut. Ich konnte im Nachhinein schnell meine Rührung von damals verstehen, warum und wieso. Aber wichtiger war, dass ich wieder mit Elliott Gould und George Segal in der Küche sass (und ich konnte mich fast nur an diese Küche erinnern, und due tollen „vibes“, due der Film bei mir auslöste). Als Elliott dann der Tochter der Frau des Hauses die Sache mit der Zunge eines der letzten grossen Blauwale erzählte, war ich hin und weg – und endgültig dort! Es geht um Freundschaft, Zusammenhalten, Lust am Spielen, und auch darum, dass einem an verlorenen Tagen die besten Lieder durch den Kopf gehen. Letzteres zeigt sich hier nur in ganz kurzen Szenen, aber das waren „meine“ zündenden Funken – neben der Sache mit dem Walfisch.
together for palestine

„Palestine’s a country
Or at least used to be
Palestine’s a country
Or at least used to be
Felahin, refugee
(Kurdistan similarly)
Need something to build on
Rather like the rest of us– Robert Wyatt, Dondestan, 1991

live-stream HERE!
Die spanische Regierung hat am Dienstag ein Waffenembargo gegen Israel beschlossen. Es ist eine von neun Maßnahmen gegen Israel, mit denen Madrid dazu beitragen will, den „Genozid“ in Gaza zu stoppen. Am Dienstag beschloss das Kabinett ein entsprechendes königliches Dekret, dem das Parlament noch zustimmen muss. Neben dem vollständigen Embargo für den Kauf israelischer Waffen und den Verkauf von Waffen an Israel beinhaltet es unter anderem, dass Schiffe und Flugzeuge, die Treibstoff oder andere Güter für die israelische Armee transportieren, künftig nicht mehr in Spanien landen dürfen.
Ein bereits bestehendes Einreiseverbot für ein Dutzend gewalttätiger Siedler wird auf „alle, die direkt an Völkermord, Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen im Gazastreifen beteiligt sind“ ausgeweitet. Ob das auch für wehrpflichtige Soldaten gilt, blieb zunächst unklar. Spanien verhängt zudem ein Importverbot für Produkte aus israelischen Siedlungen. Gleichzeitig wird die humanitäre Hilfe für Gaza und das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) erhöht.
Auch rhetorisch ging Ministerpräsident Pedro Sánchez zum Angriff über. Zum ersten Mal verwendete er das Wort „Genozid“ für die israelische Gaza-Offensive. „Das ist keine Selbstverteidigung. Das ist die Ausrottung eines wehrlosen Volkes“, sagte der Sozialist. Er kritisierte Länder wie Deutschland, „gelähmt von Gleichgültigkeit gegenüber einem endlosen Konflikt und Komplizenschaft mit der Regierung von Ministerpräsident Netanjahu“ zu sein. Spanien wolle zeigen, dass es „auf der richtigen Seite der Geschichte“ stehe und sich „nicht an der Banalisierung des Bösen beteiligt“. Sánchez spielt damit auf Hannah Arendts Buch über den Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem an.
(aus der FAZ, ein paar Tage her. Israel reagiert mit der üblichen billigen Rhetorik vom Antisemitismus. Absurd! Pedro Sanchez ist ein integrer Demokrat und Antifaschist. M.E.)
Go out on a high note
Gibt es hier Freunde von Saint Etienne? An mir sind sie spurlos vorübergegangen, ohne dass ich mir überhaupt ein Urteil erlauben könnte. In 35 Jahren Klanghorizonte, also ziemlich genau der „Lebenszeit“ der Band, habe ich sie nicht einmal nachts gespielt, und hatte sie als „wohlklingende Postmoderne mit Charme“ abgespeichert. Ihren Bandleader Bob Stanley habe ich schätzen gelernt, mit seinem Themenmusken, z.B. über das englische Wetter – er ist ein wandelndes Gedächtnis der Pophistorie, und hat mindestens ein dickes Buch verfasst, das von Bill Haley bis Beyoncé reichte.

Die Oktoberausgabe von „Electronic Sounds“ enthält einen sehr schönen Text über die Band, hier der erste Teil als screenshot. Die Besprechung macht mich neugierig, besonders auf ihr vorletztes Album, das von mitternächtlichen Stimmungen durchdrungen sein soll. In so langer Zeit entgeht einem das eine und andere. Ich konnte ja stets auch Schätze der Historie einfliessen lassen, die Jukebox durfte auch en passant bedient werden. Paul McCartneys „Band On The Run“ lernte ich erst vor zwei Jahren so richtig kennen, sein feinstes post-Beatles-Opus – „Mrs. Vanderbilt“, den Song mit Picasso, oder die schönste Liebeserklärung ever an einen Hund, all das hätte ich bestimmt gut unterbringen können. Bob Stanley könnte aus dem Stand ein kleines Buch zu dem Album schreiben, dessen verrückte Entstehung auch eine Netflix-Serie Wert wäre. Womit wir wieder bei Saint Etienne angekommen sind. „Life is a history of holes.“Offene Mail an Sascha Staat
Lieber Sascha!
Wir haben nur einmal kurz vor dem „Londoner“ miteinander gesprochen – ich bin Autor und Moderator von Musiksendungen im DLF, und Musik sei nicht so deine Kernkompetenz, sagtest du so oder ähnlich:) – aber nun zum Thema, und ich weiss, die Zahl der Schreibenden wird sogar dich überraschen…
Da ich nicht auf Instagram oder X unterwegs bin, konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen, was zu deinem Ausstieg geführt hat (aber es scheint, Stand jetzt, auch nur Spekulationen zu geben). Hättest du es lange vorher gewusst, hättest du es sicher früher mitgeteilt, wie ich dich einschätze.
Hast du anderswo ein superdotiertes Angebot bekommen, oder gab es aktuellen Ärger? Viel mehr (ausser evtl. noch ganz privaten Gründen) kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin Profi, was Moderieren angeht, und ich kann sowas beurteilen: du hast da eine aussergewöhnliche Gabe, und du hast einen Fussballverein (nebenbei den einzig richtigen:)) – das gehört doch beides (und das ist keine Raketenwissenschaft!) zusammen!
So grundsätzlich bis sehr sympathisch ich deine Kollegen finde, allen voran die Herren Krampe und Koers, ohne dich verliert dieser Podcast sein Herz. Wenn du nicht weitermachst, bin ich beim „BVB-Vodcast“ der Ruhrnachrichten raus, weil es nicht zuletzt dein Humor war, der mich zum Stammhörer gemacht hat. Alles hat seine Zeit, schon klar! Und falls es so bleiben wird, einen herzlichen Dank für grossartige Sendungen (bei Emre Can hast du dich etwas vergallopiert, aber das passiert auch den Besten), für eine einmalige Mischung von Hintersinn und Witz (ich gehörte übrigens immer schon zu den Freunden des Vorgeplänkels!!!!)Vielleicht bis nächste Woche, rein zufällig, bei „Zorbas“. Früher hiess der Laden „Humpen“, und ich habe mir dort den einzigen Filmriss meines Lebens zugezogen😉🪘
M.E.
email: micha.engelbrecht@gmx.de