Erik Honoré‘s dark ride (1)
The Bone Setter
Erik Honoré: live sampling, samples, synthesizer
Sidsel Endresen: voice
Jan Bang: live sampling
Kirke Karja: piano samples
Eivind Aarset: guitar and electronics
Text from ”Early Care Of Gunshot Wounds” (US Surgeon General’s Office), read by Mary Ann Spiegel„In einer Station der Métro. Die Erscheinung dieser Gesichter in der Menge. Blüten auf einem nassen schwarzen Stamm.“ So ungefähr lässt sich der berühmte Dreizeiler von Ezra Pound ins Deutsche übersetzen, der mir nach den Lyrikinterpretation meines Lehrers Dr. Egon Werlich, unlängst neu begegnete, in der Verarbeitung von Erik Honoré, auf seinem dritten Soloalbum „Triage“. Folgendes erzählte er mir dazu (aber ich werde noch eine Geschichte anzufügen haben, die, so hoffe ich, deutlich machen wird, wieso „Triage“ zu meinen fünf Alben des Jahres 2024 zählen wird, neben denen von Beth Gibbons, Shabaka, Fred Hersch, und vielleicht Eric Chenaux) …
Prague
Erik Honoré: samples, live sampling, synthesizer
Nils Petter Molvær: trumpet
Bjørn Charles Dreyer: guitar
Mats Eilertsen: double bass samples
Ingar Zach: percussion samples
Honoré/Molvær recorded live in Prague by Johnny Skalleberg
„Ich betrachte „Triage“ als dritten Teil einer losen Trilogie, die mit den Alben „Heliographs“ und „Unrest“ begann. Dieses dritte Album befasst sich mit Themen, die ich schon zuvor erforscht habe. Für mich ist diese Arbeit eine Reise durch dunkle Zeiten, durch Erfahrungen, Atmosphären und Stimmungen in turbulenten Jahren von politischem, sozialem, und persönlichem Aufruhr. Ich denke, das Album ist ein Versuch, verschiedene Themen miteinander zu verweben, bestimmte Muster zu erkennen, und das Drängende vom Weniger Drängenden zu trennen.
Hope Is The Thing With Feathers
Erik Honoré: samples, live sampling, synthesizer, synth bass
David Toop: flutes, flute samples
Jan Bang: live sampling
Eivind Aarset: guitar and electronics
Mats Eilertsen: double bass
Anders Engen: drums
Sidsel Endresen: voice samples
Basic tracks recorded live at Punkt 2017 by Sven Persson
Text by Emily Dickinson, read by Maryan KarwanDas genau ist ja auch die Bedeutung des Wortes „Triage“, dass man hochproblematischen Dingen gegenüber weniger wichtigen den Vorrang geben muss, vor allem im Angesicht von Chaos. Und dieser thematische Fokus auf Dringlichkeit und Entscheidungsfindung unter schwierigen Umständen… ich denke, das bildet das Rückgrat des Albums, neben der Art und Weise, wie ich die Texte ausgewählt habe.
Ich habe Literatur als Ausgangspunkt für die Kompositionen von „Triage“ gewählt. Einige dieser Texte sind als Spoken-Word-Passagen auf dem Album geblieben, während andere verschwunden sind, nachdem sie als Inspiration und Auslöser für die Musik gedient hatten. Ezra Pounds Gedicht „In A Station Of The Metro“ ist faszinierend, genauso wie sein Werk und sein turbulentes Leben sind, auch wenn seine Politik später eine schreckliche Wendung zum italienischen Faschismus genommen hat.
In A Station Of The Metro
Erik Honoré: live sampling, synthesizer, field recordings
Sidsel Endresen: voice
Arve Henriksen: trumpet
Jan Bang: live sampling
Kirke Karja: piano samples
Text by Ezra Pound, read by Tim NelsonDas Gedicht „In a station of the metro“ ist ein dreizeiliges Meisterwerk, das mir ein perfekter Ausgangspunkt für ein Stück zu sein schien, das eine Vielzahl von scheinbar unverbundenen musikalischen Elementen integriert. Pounds Gedicht fängt die flüchtigen, ephemeren Momente menschlicher Verbundenheit in der belebten städtischen Umgebung einer Pariser Metrostation ein.
Auch wenn das Stück keine tatsächlichen Samples aus einer Metrostation enthält, hoffe ich, dass es dennoch die Atmosphäre eines solchen Ortes vermittelt. Die Klanglandschaft ist so aufgebaut, dass sie das mannigfaltige Gefühl der Metro widerspiegelt, diese Mischung aus Chaos und Ordnung, Bewegung und Stille – und das wird nicht zuletzt durch den Einsatz von Sidsel Endresens Stimme und Arve Henriksens Trompete erreicht.
Beide, Sidsel und Arve, wurden ursprünglich in ganz anderen Zusammenhängen gesampelt, aber diese Fundstücke wurden nun als zentrale Elemente der Komposition verwendet. So entsteht eine eigne Atmosphäre durch die Verflechtung ganz verschiedener Ebenen, was vielleicht die Art und Weise widerspiegelt, in der Ezra Pounds Gedicht das Alltägliche und das Tiefgründige einander gegenüberstellt.
(Fortsetzung folgt / To be continued in a silent hour, in Matala, incl. the English translation)
Deeper, deeper! (A short short story and talking with Stuart Baker in 2006)

In the woods. The outskirts of the Northern Bavarian Wood. New house with a fireplace. When Joanne asked me, „what is this roots stuff all about“, I looked for the Joker, cause, what, except smartass stuff, could i say? So I chose silence, not the sacred one, the one with staring out of the window: rain, leaves, trees, a gutter, and getting a hard on. The Joker (her name a well-kept secret, her hair golden brown) blew me away, (as did Joanne), she lit a candle: „makes you think“, she said, laughing, and put THINKING on. This was a very long time ago, and two cigarettes before and after kisses leaving wounds. Fuck softer, I kindly asked Joanne, and she delivered, with an edge, of course. The Joker meanwhile blew some dust from shelves, put on a second single, the beginning like an echo of the rain from the window, half-opened. DEEPER & DEEPER, the joker said and sighed, kissing softer, harder, her, me. Forever. So the wind won‘t blow it all away.
Das waren noch Zeiten, als, gerade mal zwanzig Minuten von meiner Haustür entfernt, Soul Jazz Records einen kleinen Ableger hatte in Dortmund. Alle paar Wochen ging ich da vorbei, und kam mit neuem Stoff aus dem Hauptquartier des Labels von Stuart Baker nach Hause: die Roots Reggae-Fundgrube von Sir Coxsone Dodd schien unerschöpflich, aber es gesellten sich auch brilliante Kompilationen aus Brasilien, der New Yorker-Noise-Szene und anderen historischen Quellen hinzu. Let’s keep rolling: wilder Jazz aus den 60er Jahren, herrlich ungezähmt, aber auch kubanische Ritualtrommeln und harsche Elektronik aus New Wave-Zeiten. Vielleicht macht dieses kleine Interview (das im Sommer 2006 als „Corsogespräch“ über den Äther ging) Lust auf den einen und anderen Griff ins Archiv. Hier der neueste Streich: mal kein Themenalbum, einfach nur eine heisse Playlist!

Woran arbeiten sie gerade in ihrem Büro in Soho?
„Wir arbeiten an einem Buch mit dem Titel „New York Noise“ – ein Buch über die New Yorker Musik- und Kunstszene der 80er Jahre, mit Bildern von vielen Protagonisten und mit Texten, etwa von David Byrne oder Cindy Sherman. Und da nähert sich die Deadline, heute muss der komplette Text in die Post gehen! Zudem beende ich gerade die Begleitexte für unsere zweite „Tropicalia-Compilation“, die brasilianische Musik in den Siebzigern!
In früheren Jahren zogen sie ja länger durch die USA, im mit der Musik im Blickfeld. Wieso waren sie so scharf auf Raritäten, unabhängig von ihrem komerziellen Wert?
„Ich war eigentlich besonders an schwarzer amerikanischer Tanzmusik interessiert. Ich weiss gar nicht so genau, woher diese Faszination rührte. Auf jeden Fall war es ein guter Weg, die USA zu erfahren, und nebenher eine Art musikalische Erziehung zu erhalten.“
Sie sagten einmal: man kann dieselbe Faszination für eine Jazzplatte aus den 50er Jahren empfinden wie für ein modernes Tanzalbum. Man muss es nur in der richtigen Weise präsentieren. Können Sie diesen Gedanken etwas ausführen?
„Es ist meine eigene Erfahrung, dass ich die Musik einer anderen Kultur und einer anderen Zeit genauso genießen kann, wie Musik aus dem heutigen England. Hermann Hesse kann für einen 16-jährigen englischen Jugendlichen genauso spannend sein wie ein brandneuer Roman. Es geht halt um die Weise, wie man eine Umgebung präsentiert, die sich außerhalb deiner eigenen, gewohnten Kultur befindet. Und das ist die Freude daran, eine Plattenfirma wie Soul Jazz Records zu haben.“

Soul Jazz Records ist berühmt geworden für all die immer noch sprudelnden Veröffentlichungen aus dem legendären Archiv des Studio One von Sir Coxsone Dodd. Können Sie etwas erzählen von ihrer Beziehung zu Coxsone, und zu ihren Kämpfen gegen die „englische Reggaepolizei“?
„(lacht) Ja, das ist wahr. Unsere Beziehung begann vor etwa 10 Jahren – wir sagten ihm, dass wir gerne mit ihm zusammenarbeiten würden, und sandten Coxsone eine Sammlung unserer Arbeiten. Er mochte es, daß wir kein reines Reggae-Label waren, sondern alle möglichen Genres von Musik im Programm führten. Nicht zuletzt Jazz und Soul – diese Musik liebte er sehr! Er gab erst mal sein Ja fürein Projekt. Ich traf ihn in New York, und das führte mit der Zeit zu einer Freundschaft – und zu Reisen nach Jamaika. Er gab uns auch grünes Licht für einen Film! Von da an haben sich die Dinge stetig weiterentwickelt. Und was die etwas sarkastische Bemerkung von der „Reggae Polizei“ betrifft – nun, die Wege, die Soul Jazz Records ging , waren in den frühen Jahren ziemlich gewöhnungsbedürftig für viele Leute. Uns ging es ja darum, Verbindungen aufzuzeigen zwischen Reggae, Soul- und Funkmusik! Und was jetzt ziemlich offensichtlich erscheint, löste vor gut zehn Jahren noch ziemlich viel Befremden aus. Und viele Leute, die mit ihrer Liebe zum Reggae aufgewachsen waren, hatten da eigene Empfindsamkeiten entwickelt. Und die richteten sich gegen unsere Vorgehensweisen. Da gab es einige Reibereien, und das war auch ein Generationenproblem!“ ‚
„Die Reggaemusik hat ja oft ein sehr verklärtes Sonnenschein-Image. Aber die Wahrheit war eine andere: Berühmte Sänger wurden ermordet; Armut machte sich breit, Wohlstand war kaum zu erlangen, wenn man keinen „dicken Vertrag“ von großen Labels aus England bekam. Wieso, denken Sie, strahlen diese alten Reggaeklänge heute noch für viel eine eigen Magie aus? Es ging ja um eine Musik, die oft mit alten defekten Maschinen erzeugt wurde….“
„Ich denke nicht, dass Reggae einfach nur eine Emotion verkörpert. Es hängt von der jeweiligen Zeit ab: „Ska“ war sehr turbulent und aufregend, spiegelt die Unabhängigkeit und die eigenen Wurzeln; in den 70ern wurde der Reggae nicht melancholischer, aber teilweise dunkler. Wieder spiegelte die Musik die Zeit, aber, wie bei aller Musik, die ich mag, kam hier stets etwas Rohe und Raues zum Vorschein, etwas Ungeschliffenes. Diese Reggae ist sehr roh, und das kommt bei den alten Aufnahmen sehr klar zum Ausdruck.“
Postscriptum: for beginners, this: The Soul Jazz label easily proves how smart they are with excellent Studio One Groups, an almost overwhelming set of killer cuts from bands and singing groups affiliated with Cocsone‘s „University of Reggae.“ His label saw the Jamaican sound go from ska to rocksteady to roots reggae. One disc isn’t enough to tell the whole story, but this collection functions as a enchanting mixtape – a wonderful mix of tracks you might know, tracks you should know, and a couple of wonderful rarities that should have never fallen through the cracks. The sweet harmonies, spiritual roots music, and soul-influenced ballads are all intoxicating. Whether you’re being introduced or getting reacquainted, the vinyl / cd simply named Studio One Groups puts a spell on you overflowing with kindness.„Ness“

Es gibt solche Räume der Natur, zuhauf, in denen sich die dunkle Historie und die Pracht der natürlichen Welt überlagern, verdrängen. Um einen solchen Raum in Suffolk / Norfolk / East Anglia geht es in der „prose poetry“ von Robert Macfarlane. Keine 100 Seiten lang ist dieses Büchlein, und noch hat sich kein Verlag herzulande an die deutsche Übersetzung getraut. Umso bewundernswerter, dass sich der Musiker und Komponist Hayden Thorpe dieser Arbeit genähert hat, in der sich alte und neue Zeiten spiegeln, Todesgefahr, Bombenbau, kalter Krieg. Die Zeiten haben sich nicht geändert, dort aber ist mittlerweile alles, soweit möglich, „renaturiert“. Einmal mehr, nach W. G. Sebalds „Die Ringe des Saturn“, eine fesselnde Wanderung durch Küstengebiete im Südosten Englands: Geschichtsstunde, Meditation, Songrreigen in einem. Was drohen da alles für Fallen (frömmelnde Erhabenheit, ein Himmel voller Geigen, und mehr) – nur scheint mir Hayden Thorpe in keine einzige getappt zu sein. „Ness“ (LP, CD, DL) ist ein Klassealbum.(P.S. „Meine“ Ausgabe der Klanghorizonte im März (Deutschlandfunk, 25.3., 21.05 Uhr) wird – neue „Spielregel“ – nur Alben vorstellen, die zwischen dem August 2024 und April 2025 rauskommen. Also keine „reissues“ (ausser, evtl., einem alten, zeitlosen Stück Musik, das ich im Rahmen von Joe Boyds neuem Buch „And The Rhythm Will Remain“ spiele (aus Kapitel 4, „Latcho Drom“)) – und wenn der Veröffentlichungsrahmen schon so weit gespannt ist, komme ich im März gerne auf solche „in between“-Alben zurück wie Laura Cannells „medieval trips“ oder Haydens „Hauntology“. Die leider nur wenig „airplay“ bekommen. Egal wie weit entfernt die Quellen: alles wird in einen „ocean of sound“ münden, und einer Portion „storytelling“.)
the november parallel reading of LATCHO DROM (summary)
participants so far: M.E., B.W., O.W. (deadline for players, October 15)
the thematic field: chapter 4 of Joe Boyd‘s book (from Ravi Shankar to Sinti/Roma, flamenco, and beyond, starring John McLaughlin, Leonard Cohen and Federico Lorca, Pandith Pran Nath, Silverio Franconetti, Jon Hassell, The Beatles, Bob Dylan, John Coltrane, ECM, and many more)
click: LATCHO DRUM
on each november weekend (see parallel reading lines at the end), every player has to answer four questions … at the end, one of us (not including me, the winner of the lottery) will get a package of five excellent albums (cds / vinyl, your choice) related to the far reaching horizons of chapter 4. one of these albums will be part of my next Klanghorizonte evening, in late March 2025)
questions:
- What did really take you by surprise! (Describe one, two, or three „wow“-factors!)
- How do you experience to listen to an album you can choose freely from the pages you‘ve been reading?
- What is an interesting connection you haven‘t been conscious about before?
- How do you respond to Joe Boyd‘s writing (content / style, whatever)?
reading intervals:
subchapter 1-12 (pages 283-307 – until nov. 2/3
subchapter 13-21 (pages 307-330) – until nov. 9/10
subchapter 22-32 (pages 331-357) – until nov. 16/17
subchapter 33-45 (pages 357-382) – until nov 23/24King Crimson: Sheltering Skies (Fakten und Erinnerungen)
27. Juli 1982 an der Cote d‘Azur. King Crimson touren mit dem neu formierten Quartett (Fripp, Belew, Bruford, Levin) durch Europa, meist zusammen mit Roxy Music, und machen Station in Fréjus. Wenn Platten besprochen werden, besteht ein wiederkehrendes Lieblingsmotiv der Musikkritk in dem Ausdruck „dead quiet vinyl“. Nun, diese 200 Gramm-Pressung kommt dem nahe – die komplette Aufnahme ist von roher Direktheit, hyperrealistisch fast, und wer die studiotechnischen Brillianz und Balance der drei Platten des Quartetts kennt, nimmt hier erst mal Adrian Belews Härte 10 auf der elektrischen Gitarre zur Kenntnis, in den ersten dissonanzfreudigen Minuten dieses Doppelalbums. Das klingt und ist knallhart, kein Schmeichler zum Auftakt, und kein Röhrenverstärker würde für mildernde Umstände sorgen. Aber die Ohren adaptieren die Wucht. Das Quartett belegt mit diesem Aufritt einmal mehr, dass King Crimson wohl die einzige Gruppe aus der Ära des Progressiven Rock war, die sich vom Punkvirus äusserst kreativ inspirieren liess. Der Fripp-Faktor! Obwohl seine neuen Kompositionen einmal mehr ausgeklügelt, detailversessen und anspruchsvoll waren, wird hier rein gar nichts notengetreu abgeliefert. Oder makellos reproduziert. Alles kann jederzeit Feuer fangen. Und fängt Feuer. Deswegen macht hier auch eine andere Lieblingsformel der Musikkritik Sinn: play it loud!Listening to this late summer evening music
at the Cote d’Azur on July 27, 1982
brings back memories.
The same band, King Crimson,
a week (or so) later. Nürnberg.We were lying on the grass,
we were bloody everything,
our faces east, our feet dancing,
Robert, Tony, Adrian, Bill playing Heartbeat“ –
at that moment, night included,
eternity (in decay mode),
the gloom of the moon on your nakedness,
later, in that odd old hotel,
windows to the heavens,
i can still feel your heartbeat (in the song),
and though everything was loss later,
pictures running on empty,
in circles through my mind, it doesn‘t matter.
- Erste Veröffentlichung eines King Crimson-Konzerts aus den 1980er Jahren auf Vinyl / Erste eigenständige CD-Veröffentlichung des kompletten Konzerts / Das komplette Konzert aus Fréjus, Frankreich, aufgenommen von den Original Mehrspurbändern von Robert Fripp & Brad Davis. / Die Aufnahme von ‚The Sheltering Sky‘ aus Cap d’Agde ist ebenfalls enthalten / Vinyl geschnitten von Jason Mitchell bei Loud Mastering / Gepresst auf 200-Gramm-Vinyl und präsentiert in einem Gatefold-Sleeve / CD gemastert von Alex R. Mundy bei DGM / my little essay on Robert Fripp‘s boxset „Exposures“ can be read HERE, and end with that poem above, simply titled „September 1982“
The Grand Wazoo im Transistorradio
Es gab in meinen zwei letzten Jahren an der Oberschule ein Transistorradio in der Küche, und da spielte eines Morgens Frank Zappa. Es war die Zeit seines fulminanten Jazz-Rock-Epos „The Grand Wazoo“, und bei diesem unvergesslichen Liveaufritt gab ein gewisser George Duke den Keyboardmeister, der Frank Zappas vertrackten Synkopen in jeden hintersten Winkel und darüber hinaus folgte. Ich hatte grossen Spass an dieser Musik, zumal ich meinen leichten „Kater“ vom Vorabend mit zwei grossen Gläsern Milch und einer Alka-Seltzer gut in den Griff bekam. Was für eine verspielte, wandlungsfreudig rockende Big Band! Frank Zappas Hang zur Satire sorgte dafür, dass ich das Opus irgendwo zwischen den Marx Brothers und Monty Python einsortierte. Nie in meinem Leben liess ich auch nur den geringsten Lacher los beim Ansehen eines Films der britischen Komiker, während der anarchistische Humor von Grouch und Co. mich meistens leichtfüssig einfing. Es passt dazu, dass ich „The Grand Wazoo“ seit damals mit einem gewissen Hin- und Hergerissensein hörte: enweder liess mich die ausgefuchste Klangkunst kalt, oder sie packte mich mit ihrer immensen Spiellaune, die, live dargeboten, noch manch freien Extralauf und Schabernack bereithielt. Zuletzt hörte ich das Album in wunderbar gelungenem Surround, und das Pendel schlug wieder aus in Richtung der unbändigen Freude von einst, anno 1972, in der Küche mit dem silbernen Toaster, dem kleinen Metallradio, George Dukes irrwitzigen Läufen, meinen 17 Lenzen, und zwei rasch heruntergestürzten Milchgläsern!

A record to spend a night with

….and THIS is from an album to spend day and night with…
….das sind oft gehörte Umschreibungen, für bestimmte Alben die Nacht zu empfehlen, den Somntagmorgen, oder sonstige lauschige Nischen der Zeit – „modern mood music“ und ihre idealen Zeitzonen. Ich war ganz froh, den Film „Music For Black Pigeons“ abends gesehen zu haben, und einen Tag später fiel mir auf, dass mir eine Platte des Jahres 2023 vollkommen entgangen ist. Ihre Aufgabe, lieber Leser, besteht nun darin, sich das Album „Once Around The Room“ von Jakob Bro und Joe Lovano zu besorgen, das mit den Hitchcock-Vögeln auf dem Cover, und die ideale Zeit zum Hören herauszufinden….
Neue Herumtreiber und ein dicker Hund – eine kleine Geschichte voller Seitensprünge zu den frühen Jahren des American Analog Set
„What a fucked-up city. Imagine how many people out there are fuckin‘ right now man, just goin‘ at it? (Slater, looking at the panoroma of Austin at night, in Dazed and Confused)
No, they certainly do not rock. One listen to The American Analog Set’s debut, The Fun of Watching Fireworks, released last year on Trance Syndicate/Emperor Jones confirms that loud and… well, not so loud — but clear. Like a whisper in a hushed room. And if you’ve ever seen the local quartet live, whether crammed into the corner at the Blue Flamingo, or under the neon lava glow of the Electric Lounge sign, hushed is the atmosphere you’ll find — where every beer bottle dropped into a garbage breaks the mood like a telephone call during sex. (Austin Chronicle, 1997)
Selbst damals in den Neunzigern waren die Republikaner, die Rednecks, ziemlich präsent in Austin, Texas. Lucinda Williams kannte dennoch ein paar nette Menschen dort. Wie dem auch sei, zu all den Orten, zu denen ich gerne via Zeitmaschine reisen würde, zählt, in milder Rückschau, neben London 1965, Santa Monica 1967, seit kurzem auch, Austin, Texas, 1996. So etwas passiert Musikjournalisten eigentlich nur, im puren Spiel der Fantasie, wenn sie in den Sog einer Kulturszene geraten wollen, die mal grosse Wellen geschlagen hat. Und glauben Sie mir: grosse Wellen hat vor der Jahrtausendwende in Austin gar nichts geschlagen. 1993 wurde dort Linklaters Coming-of-age-Streifen „Dazed and Confused“ gedreht, eine Zeitreise ins Jahr 1973, so beknackt, dass sie fast schon liebenswert rüberkommt. Aber ein Auslandsjahr dort in Austin, bei einem lokalen Radiosender, und ich hätte mich wahrscheinlich in Lisa Roschmann verliebt.

Und was hörte man so in der Independant-Szene, damals, in Austin? Stereolab waren gesagt, dann extraordinaire Band mit Baritonsaxofon, auch ein paar lokale Helden, und, die unangestrengtesten von allen, The American Analog Seit. Als zu Beginn dieses Jahres die Archivmeister der Numero Group auf fünf fabelhaft editierten und anzuschauenden Langspielplatten den Output der Analogen unter dem Titel „New Drifters“ veröffentlichte, war das Echo, wie zu erwarten, nicht riesig, aber voll des Lobes, in einschlägigen Magazinen und Blogs. Das beiliegende grossformatige Heft füttert uns mit Schwarzweissfotos aus den „salad days“ dieser jungen Band, in deren Musik ich ohne Anlauf versank, seltsam aufgehoben, aufgelöst.

Sie waren mir komplett entgangen, sonst hätten die playlists meiner Radiosendungen damals ein wenig anders ausgesehen. Immerhin hatte ich die samtweiche Nachtmusik von Morphine im Programm. Über die Seiten des tollen Beihefts verstreut, neben den Bildern, viele „lyrics“, durchweg handgeschrieben, manchmal unscharf, voller durchgestrichener Linien – perfekt in die Fotosammlung jener verschwundenen Jahre eingearbeitet. Zwei aus der Band waren ein Liebespaar, und es gab Gründe, dass Lisa ausstieg, die mit E-Piano, Flöte, Orgel, Stimme, zum Zauber einer Band nicht unwesentlich beigetragen hatte, der man Unrecht tut, wenn man sagt, sie würden alle, und das höre man auch, Galaxie 500 kennen und die Velvet Underground. Da war mehr im Spiel als irgendjemandes Urklang, und fremdes Fahrwasser.
Ab einem bestimmten Alter kommt es eher selten vor, dass man einen Narren frisst an einer Band, aber mir ist das hier passiert. Wie damals, 1980, als ich eine andere Gruppe mit einer verhuschten Mädchenstimme erstmals hörte, Young Marble Giants. Ich bin ziemlich sicher, Lisa liebt „Colossal Youth“. Ich möchte mich dem Ende dieser kleinen Abhandlung – und ein „dicker Hund“ kommt noch – nähern mit ein paar Zeilen aus „New Drifters“, ich versuche es mal mit reinem Zufall: „…the girls will get reports on the hour / from boys on the catwalk by the tower / don‘t fret (?) the kids down at the record shop …“ Das ist jetzt nichts, was den Atem stocken lässt, eine flimmernde Tagebuchnotiz. Das Unheimlich-Flüchtige ist auf diesen fünf Schallplatten stets präsent eingesponnen in Ohrwürmer, stillstehende Zeit, Klangexperimente der sanften Art, melancholisches Verschwinden (exquisit hypnotisch) – und ein paar ernsthafte Gedanken über das Mysterium der Freude an Feuerwerken.
TIME MACHINE….MARGINAL MEMORIES…. SPOKEN OUT BY ANDREW KENNY FROM AMERICAN ANALOG SET…. SPRING 2002…. „The word on the street is that Lisa was married recently. Funny that. I guess my invitation was lost in the mail… I’m not lamenting her marriage so much. It’s more a feeling that I missed a golden opportunity to be so drunk at her wedding. Slurring and stumbling through an uncomfortable toast. Being vaguely disrespectful, calling her father by his first name. Spilling cheap Merlot on the carpet at some country club I’ll never be invited back to. Having her brother and a host of faceless groomsmen toss me out of the reception. Sitting at home after, letting the sharp yet harmless click of an empty revolver being dry-fired into my midsection over and over lull me into a deep, troubled sleep. These opportunities only come calling a scant few times in life. Carpe diem and all that.“
(der Text wird weiter bearbeitet und ergänzt, und dann im November gepostet in unserer Rubrik „Poetry“ mit dem Ober- oder Untertitel „Poetry In Sound“.)
Always returning

Four Ecm classics, and my most beloved Enja album. Those who recognize at first sight, are probably in love anyway. Lifers. Power spots. Within the next days, „Music For Black Pigeons“ will find me, and as a preparation, I put on these records. In the center, the uninhibited floating brilliance of Dollar Brand and Johnny Dyani. Only the two guys, and a world opens up („Good News From Africa“). The quartet of albums left, a perfect match for every night time in case you ask me. I own them so long, that life has filled them with scars, dances, flowers, small surface noises: „Yellow Fields“ a love story, „Danca des Cabecas“ a portal opening, „Ecstasy“ a sequence of dreams, „El Corazon“ part of my suvival kit in 1982.Ten years ago: Praia de la Costelejo
Die Praia de la Costelejo (so ähnlich heisst sie, im Moment steht mir nicht der Sinn nach Reiseführern) erklärte ich rasch zu meinem Lieblingsstrand. Mit der ausgebauten Strasse von Bispo leicht zu erreichen. Gestern schon zum zweiten Mal dagewesen, im Discman lief, zwischen zwei Gängen zu den Wellen (eine sehr kräftige Brandung!), „Cease To Matter“ von Burnt Friedman und Daniel Dodd-Ellis. Diese Musik unterläuft mit ihrer schrägen Beats die 4/4-Motorik von Techno, und es passieren bei Burnt Friedman sowieso überraschende Dinge: nichts zirkuliert so lange, dass man sich von einem Loop gefangen fühlt. „I’m wearing my coffin over my head, wrapped in linnen when I’m dead“: solche Zeilen geistern durch dieses spoken-word-Electronica-Album. Der Blick auf die Wellen, und diese Musik – Stoff zum Einssein mit dem Strand (nein, auf keinen Fall was fürs CT, Wolfram!).
Ich schaute mir die Bucht lange an. Vorgestern, gestern, heute. Es gibt drei „Wellenzonen“. Auf die erste triffst du schon früh, wenn du ins Wasser geht. Eine ungeschickte Bewegung, und du landest auf dem Sandboden. Nicht weit rechts und links von dir hockt unangehmes Felsgestein im Wasser, da hältst du dich besser fern. Dir gefällt die Zone zwischen der ersten und zweiten Wellendünung besonders gut. Da musst du mächtig hochspringen, wenn sich die Gischt bricht, sonst wirst du mit Wucht überspült, und rappelst dich wieder hoch. Du achtest darauf, nie tiefer als bis zur Hüft- oder Schulterhöhe im Meer zu sein. Die dritte Zone: faszinierend hoch, da siehst du nur Surfer. Als reiner Schwimmer ohne Flossen, ohne Brett: gute Nacht.
Ich wundere mich, wie wenig Menschen hier baden. Morgens um 11 ist es noch recht leer, Surfer, ein paar Sonnenanbeter, und ich bin rasch wieder hinter der ersten „Zone“: in meinem Element, denke ich. Ich bemerke nicht, wie ich von einer Seitwärtsströmung in einen anderen Raum getrieben werde, mit jedem Sprung über die Gischt etwas mehr, ich vergesse zurückzuschauen, und will nun, die Brandung wird kurztaktiger, was ist hier los, zurück ans Ufer.
Beim Rückwärtsgehen gerate ich in eine Untiefe (es muss doch eigentlich Tiefe heissen), verliere den Boden unter den Füssen. Als ich auftauche, trifft mich eine weisse Gischt, ich bin nicht mehr in meinem Element, und ich werde weiter seitwärts gerissen, schlage auf einem Felsen auf, ich finde keinen Halt, es ist glitschig, die nächste „Tiefe“, ich reisse eine Hand hoch und rufe in den folgenden Sekunden, die bald eine ewige Minute währen, um Hilfe, wie noch nie in meinem Leben!
Ich schlage mich wiederholt an spitzem Fels, rutsche unter die Brandung, schlucke das Meerwasser. Aus den Augenwinkeln sehe ich niemanden kommen. Todesangst. Die nächste Welle erwischt mich und wirbelt mich Richtung Ufernähe. Der Atem rast. Aber ich spüre den Sand unter meinen Füssen. Bleibe eine Weile so stehen, krümme mich, um etwas Atem zu holen, und blute wie Sau. Der „Life Guard“ ist mittlerweile da, mit radebrechendem Englisch begleitet er mich zu seinem Kabuff, und sprüht Desinfektionsmittel über die Wunden. Ich sei schon gestern, sagt er mir, zu weit gegangen.