Der Klang von Tintagel (John Surman zum 80. Geburtstag, mit etwas Verspätung)
“My Room Is Full Of Boxes Of Loose Threads“
(Ingo‘s interview video)
Polperro / Tintagel / Trethevy Quoit / Rame Head / Mevagissey / Lostwithiel / Perranporth / Bodmin Moor / Kelly Bray / Piperspool / Marazion ./ Bedruthan Steps. Etliche dieser Orte wirst du heutzutage leicht ansteuern können. Damals, auf einer Reise nach Cornwall, noch im letzten Jahrhundert, in der Woche, als Bob Dylans „Time Out Of Mind“ erschien, 1998 oder 1997, brauchten wir noch Landkarten.
Ich hatte, in einer Besprechung von „Road To St. Ives“ (Jazzthetik), dem Fremdenverkehrsverein von Cornwall empfohlen, mit diesem Soloalbum von John Surman Werbung zu betreiben. Tatsächlich machen die Namen neugierig, Orte, die in historischen Roman auftauchen, Geschichten von Liebe, Tod, Wahnsinn, Hexerei sowie Legenden, die in unseren Hinterköpfen rumschwirren, von König Artus bis zu den Nebeln von Avalon. Es war später Sommer, als John Surmans Platte (und Dylans melancholisches Album) zum Soundtrack unserer Reise wurden.
Wir schliefen in dem Haus, und dem Himmelbett, in dem Daphne de Mauriers Schreibzimmer unversehrt erhalten war: hier hatte sie den berühmten Piratenroman geschrieben, den Hitchcock später verfilmte, oder war es nur „Rebecca“? Wir gingen durch den kleinen Ort mit dem wundervollen Namen Tintagel, ich erinnere mich an das Backsteinpflaster, die Ruhe am Meer, einen Fish’n’Chips-Laden, aus dem tatsächlich Scarborough Fair in der Version von Simon & Garfunkel ertönte.

Wir wanderten lange Tage auf dem Coastal Path, von Klippe zu Klippe. Wir brachen auf zu Trethevy Quoit. Die Sonne stach vom Himmel, schließlich kamen wir dort an. Ein oller Steinhaufen, dem man nur mit viel Phantasie etwas Pittoreskes abgewinnen konnte. Ein Hund schlug an der Kette, neben dem keltischen Ort der Kraft hingen weisse Bettlaken im müden Wind. Der Ort hatte allen Zauber eingebüßt. Eine Ruine ohne Strahlkraft.
Das entsprechende Stück von John Surman ist sehr kurz, ein Furor mehrerer übereinander geschichteter Saxofone. Ich spielte es öfter in den Klanghorizonten, als akustischen Koffein-Booster, und habe John Surman später einmal gefragt, wie er auf die Namen dieser Kompositionen gekommen sei. Ich glaube, er hatte einfach Namen genommen, die er mit Reisen in seiner Kindheit verband, oder solche, deren Klang ihm gefiel. Anouar Brahem liebte das Album. John Surman ist in diesem Jahr 80 geworden, wie ich gerade bei Ingo gelesen habe. Ich sah ihn nur einmal live, in Münster 1974, mit S.O.S., viele Jahre späte sprachen wir über „Thimar“ sprachen, das Trio mit Anouar Brahem und Dave Holland.
Über die Jahrzehnte landeten all seine Soloalben bei mir, auch seine Duos mit Jack DeJohnette. Jedes Werk garantierte mindestens einen Ohrwurm (wie etwa „Nestor’s Saga“), und ich bekomme gerade beim Schreiben Lust auf das zweite Album jenes Paul Bley Quartetts, bei dem neben John Surman auch Bill Frisell und, ich glaube, Paul Motian dabei waren. Es hiess schlicht und ergreifend „The Paul Bley Quartet“.
Assoziationen zu der Erinnerung eines anderen (Teil 2)
Steve Kuhn: Meine eindeutig liebste ECM-Platte von Steve Kuhn ist heute ein fast vergrabener Schatz: sein Soloalbum „Ecstasy“ ist beispielhaft, was meine Idee von „wild-romantisch“ angeht, das Ausreizen der Räume zwischen „hingetupft“ und „voller Dröhnung“ (ohne auch nur einmal im Pathos zu versinken).
Joe Henderson: Habe fast alles Blue-Notige von ihm verpasst, und meines ersten beiden und lange einzigen Alben dieses grossen Saxofonisten waren zwei innig geliebte Scheiben aus der „Fusion“- und „Spiritual Jazz“-Ecke der Siebziger Jahre, „Multiple“ (mit dem Gespann Dave Holland / Jack DeJohnette) sowie „The Elements“ (oh my god!)… wann immer ich Blue Note rückwärts entdeckte, mochte ich seinen warmen, durchdringenden Hornklang, etwa auf dem famosen „laid back jazz“ von Kenny Burrells „Midnight Blue“.
John Abercrombie: ich habe mal ein langes Interview mit John Abercrombie gemacht. Wer will, kann das Porträt HIER nachhören. Ich verstehe, wieso John sein zweites Duo-Album mit Ralph Towner, „Five Years Later“ höher einschätzte, als ihr Debut „Sargasso Sea“, aber ich liebte beide (und sehe heute noch mein kleines, am Morgen sonnengeflutetes Zimmer im Würzburger Studenenwohnheim vor mir, in meinen Wochen mit „Sargasso Sea“).

Kenny Wheeler: müsste ich meinen Favoriten von Kenny auswählen, käme ich früher oder später auf „Deer Wan“. Mit John Abercrombie und den üblichen Verdächtigen für das Jahr 1977. Bei „Sideman Kenny“ denke ich an das erste Azimuth-Album, und an sein Spiel auf Anthony Braxtons grossem Wurf „New York, Fall 1976“.
Pablo, Duke, und Ray

Nicht nur Joe Baron war in jungen Jahren ein Jazzsnob, wie er mir mal erzählte, ich auch, gelegentlich. Hungrig nach aufregenden Neuheiten auf ECM, Impulse, und anderen, kleinen „independant labels“ in Europa und Übersee in den Siebziger Jahren, begegneten mir in Plattenläden auch Schallplatten von Pablo Records, dem Unternehmen von Norman Granz. Ich erinnere mich an schön klingende, gediegene Aufnahmen von alten Jazzmusikern, sehr ruhig, sehr traditionell, nie verwegen. Das war nichts für mich. Jüngeren Hörern ging es ähnlich mit den Beatles, die diese Fabelhaften nicht mitbekamen, als sie die Welt eroberten, sondern viel später, in schwärmerischen Rückschauen und Oldieshows. So hatte auch Schmalzlocke Elvis bei mir nie die geringste Verzückung hervorgerufen. Nicht mal hätte ich Lust, die Pablo-Platten des Gitarristen Joe Pass zu hören, ausser als, was weiss ich, „audiophiles Vergnügen“. Das war und wurde nie „meine Musik“, genauso wie Oscar Peterson.
Klar wurde damals von mir der Pablo mit der Wanne ausgeschüttet. In den letzten zehn Jahren nämlich habe ich in dem Werkverzeichnis uralter Labels so manchem Schatz – vergraben oder nicht – freigelegt: meist unbestrittene Klassiker wie „Way Out West“ oder „Midnight Blue“, aber auch anderen „Perlen“ lausche ich gerne mit und ohne Scotch und Candlelight. „This One‘s for Blanton“ ist definitiv meine Lieblingsplatte von Pablo Records, wobei ich mich nie gegen Duke Ellington „gewehrt“ habe. Früh stolperte und staunte ich über die eine oder andere seiner Platten, wie die mit Coltrane, doe mit Mingus, manch uralte knisternde sowie mit dem roten Cover, eine traumhafte Schallaufzeichnung aus der Frühzeit des Mediums. Vor Jahren kam ich an ein sagenhaftes Remaster heran. Und obwohl mich solche Kostümfilme und Glanzformate selten packen, war ich ratzfatz im Kino, als Coppolas „Cotton Club“ anlief. Und nun ist im Mai dieses Jahres, leider sündhaft teuer, diese komplett ausgeruhte, allerfeinste Platte von Duke und Ray rausgekommen. Ein Pablo Remaster.
Zu „Fragmented Suite for Piano and Bass“ bemerkt Mark Smotroff in „Analog Planet“, dass diese Suite ein Wunder sei: „Ich kann mir gut vorstellen, dass Jerry Garcia (von Grateful Dead) mit den beiden zusammensitzt, denn das Stück beginnt als eine Art repetitiver Vamp, ähnlich wie „Dark Star“ von The Dead. Im Ernst! Und während ich „verrückt“ träume (um einen Ausdruck von Duke zu benutzen), kann ich auch kantige Spieler wie Fred Frith oder Henry Kaiser hören, die sich dem schrägen Spaß von „Fourth Movement“ anschließen. Und nicht nur das: This One’s for Blanton ist eine so ruhige, intime Aufnahme, dass man an manchen Stellen die Musiker im Studio atmen und sich bewegen hören kann.“ Für Mr. Ellington ist übrigens das ganze Opus die Beschwörung einer anderen fernen Zeit.Das ist natürlich alles gut so, wie es gewesen ist. Damals ging es um Aufbruch, neue Horizonte, es waren wilde Zeiten, jede Pharoah Sanders Platte, jede ECM Veröffentlichung ganz heisser Scheiss, grosses Abenteuer, und es gab keinen Grund, sich da im grossen Stil vor den Altvorderen zu verneigen. Mit den Jahren wirst du ruhiger, aber wenn das Feuer nicht mehr brennen würde, wäre es schlimm. It is better to burm out than to rust, sang Neil oder so ähnlich, jeder Song „a remix in your head“.
“When there is no sun“
Ein halbes Jahr, oder anderthalb Jahre, bevor diese Platte in Rom entstand, war ich auf der einzigen Verlobungsreise meines Lebens, etwas nördlicher allerdings, zwischen Perugia und Padua. Mit einem Abstecher nach Venedig natürlich, einem damals weitgehend verdreckten „Sehnsuchtsort“ voller Giftschilder, und selbst der Platz mit den Tauben strahlte nur lang verblichenen Glanz aus. Gut zwanzig Jahre früher war Katherine Hepburn vor Ort, als David McLean dort „Summertime“ (1955) drehte. Ein kultureller power spot meines Trips war ein Plattenladen in Perugia oder Padua, nichts weniger als ein Sun Ra-Shangrila: über zwei Regalreihen verteilt, so viele seiner auf kleinen, obskuren, wagemutigen Labels vertriebenen Schallplatten! Italien war für Sun Ra scheinbar ein perfekter Ort des Verweilens zwischen zwei Weltraumerkundungen. Wäre mein Geldbeutel besser gefüllt gewesen, ich hätte ich im grossen Stil zugeschlagen. Christiana war daran gewöhnt, dass ich sie in manchen Plattenladen schleppte, und (was man so alles erinnert) sie war dabei, als ich in Paris, Im Quartier Latin (grosser Laden, erster Stock), „Fast Last!“ von Lester Bowie erstand, und „New York, Fall 1976“ vom Anthony Braxton Quartet. Und in München, bei Elektro Egger in der Gleichmannstrasse 10, erster oder zweiter Stock, Paul Bleys „Alone, Again“ (auf diesem kleinen feinen Paul Bley-Label, Improvising Artists Inc. (IAI), in dem auch mal ein Album namens „Turning Point“ mit dem Sun Ra-Weltenwanderer John Gilmore erschien, an der Seite von Paul Bley, Gary Peacock und Paul Motian).

„New Steps is one of several albums done with this basic lineup in January of 1978. This album is billed to the Sun Ra Quartet, but it sounds like there’s a bass player present on at least some of the cuts (it could be Ra, but he’d need three hands). There are two standards amongst a program of Ra originals, and things get started with a stellar version of „My Favorite Things.“ The music quickly takes its only sharp turn toward outer space as Ra introduces listeners to „Moon People,“ the only track where Ra emphasizes synthesizerk over piano.“
So beginnt Sean Westergaards Besprechung von „New Steps“. Ich kam auf das Album, und speziell das unten zu hörende Stück „When There Is No Sun“ – ein wunderschönes Beispiel für „spacige evergreens“ in seinem Werkeverzeichnis – weil Søren Skov es auswählte für eine Stunde der Sendung „Hidden Tracks“ auf byte FM, in der er auch über sein fantastisches Album „Adrift“ sprach (ich warte in diesen Tagen auf seine audio-files, für mein JazzFacts-Magazin am 5. September). Gilles Peterson hatte mal vor Jahren eine sehr gelungene Sun Ra-Compilation herausgebracht, wo die melodische Seite des Meisters im Vordergrund stand. Jedenfalls begeisterte sich Søren Skov für das hingebungsvolle, neugierige Saxofonspiel seines Kollegen John Gilmore auf dieser Komposition („humble“ ein Wort seiner Wahl) – ganz und gar traumhaft in der Tat! Seans Besprechung eines Albums, das im Laufe der Jahre mit zwei Covergestaltungen im Handel war, geht dann so weiter:

„Sun Steps“ is a slow tune featuring some beautiful piano playing from Sun Ra. In fact, the remainder of the album is on the mellow side („When There Is No Sun“ is the only track with vocals), and features some great statements by John Gilmore and Ra. Michael Ray is in fine form as well, if somewhat less exuberant than usual. With such a small group, solo space is ample, and Luqman Ali’s understated drumming really holds things together nicely. New Steps is another fabulous release from Sun Ra, but all the Horo albums can be difficult to find.“
Recorded in Rome, Italy, January 1978. Such a brilliant piece from the album that i downloaded at bandcamp for 10 Euros, . You can download it on Bandcamp. Thanks for Søren Skov‘s recommendation! The old vinyl is a bit more expensive, between 260 and 490 Euros! In a region of „moon prices“, comparable to the vinyl edition of Jon Hassell‘s fantastic double album „Last Night The Moon….“ Any guys out there who want to make me a nice gift?! 😉Eine Art Unverwundbarkeit
Vielleicht ist meine Sendung über Brian Blade noch irgendwo vorhanden in den Archiven des Deutschlandfunks. Um Mitternacht herum, nach seinem Auftritt im Quartett von Wayne Shorter in der Kölner Philharmonie, sassen wir in einer kleinen Ecke am Ende des Flurs in einem nahgelehenen Hotel , und ich stellte die Fragen, die man stellt, wenn man in 55 Minuten Radio einen grossartigen Schlagzeuger und seine Vita nahebringen möchte. Ein Teil des Gesprächs drehte sich um seine Aufnahmen mit Dan Lanois, ein Teil um seinen Mentor Ed Blackwell, auch dessen fantastische Duoalben an der Seite Don Cherry (MU und EL CORAZON), wir sprachen über die tiefen Spuren, die frühe Jahre in New Orleans hinterlassen haben, und über den kaum fassbaren Zauber des Wayne Shorter Quartetts. Unspeakable, and all happens without a net.
Ich hatte Wayne bereits backstage 10 Minuten interviewt, und wusste damals noch nicht, dass seine kryptischen, surreal anmutenden Antworten Teil seines Spiels waren, selber eine gewisse Freude an solchen Befragungssituatuonen beizubehalten. Die Vier sind meines Wissens nie ins Studio gegangen, ihre an Zahl recht überschaubaren Werke sind allesamt Dokumente von Liveauftritten. Als Wayne mit seiner Frau alte Aufnahmen, diesseits und jenseits dieser Band (die ich zu den aufregendsten längerlebigen „Saxofon-Viererbanden“ der Historie zähle, in drei Atemzügen mit dem „amerikanischen“ Quartett von Keith Jarrett, und dem John Coltrane Quartett) für die Zeit nach seinem nahenden Tod durchging, fiel die erste Wahl auf „Celebration, Vol. 1“, aus Kopenhagen. Let‘s talk great double albums in jazz history. Circle – Paris Concert, for example.
So, und langsam komme ich zum Kern dieser Tagebuchnotiz. Ich lege jedem Leser und jeder Leserin dieser Zeilen die Idee ans Herz, sich die Musik als Doppel-Cd oder Doppel-Lp zu besorgen, an einem Abend alle Störfelder zu beseitigen, sanftes Licht oder Dunkelheit herzustellen, und den Kopenhagener Auftritt von 2014 auf sich wirken zu lassen. Nicht als posthume Dankbarkeitserweisung, sondern, weil ich ja nicht der einzige bin, der hier etwas Besonderes erlebt hat und erleben wird. Natürlich sollte man eine grundsätzlich Lust an solch offenen, raffinierten, abzweigungsfreudigen Improvisationnen haben. Alles fliesst, alles mäandert.

Am liebsten würde ich hier die Geschichten solcher privater Hörabende lesen, sollten die Michaels (und der Wolfgang) aus Saarbrücken und Bremen, Toni aus Ostfriesland, Norbert aus Hamburg, klar, Ulrike aus Düsseldorf, Lorenz aus Leinfelden-Echterdingen, Andreas aus Ostrwalhausen (oder wie das Kaff heisst), alle anderen El Hierro- und Lanzarote-Reisenden der nahen Zukunft, und ein paar Flowworker sich auf diese wunderbare Klangreise begeben. Einfach nur die Begleitumstände, die Randdaten, den jeweiligen Hörraum, die Stimmung vorher und nachher. Die Vorbereitungen. Der ausgewählte Wein, oder andere massvoll eingesetzte Drogen. Das Foto zeigt übrigens unsere sehr relaxte Katze Fusel, in einer kleinen Pause, nachdem sie die ersten zwei Seiten des Doppelalbums gehört hatte. Nur so eine Idee, am besten gleich vergessen, oder auch nicht. Free choice, time for improvisors!
Ich ertappte mich jedenfalls dabei, über weite Strecken völlig sprachlos zu sein. Das Wort sublim wird vielleicht auftauchen, wenn ich im Radio dazu ein paar Sätze sage. Würde die Welt hinter Tonis Fenster, wie vor zwei Jahren, wieder mal tiefdunkel werden (in shocking moments while time stands still and nature forgets breathing), und ein Baum von einem Tornado der Stufe F2 aus dem Erdboden gerissen, er würde, mitten in „Orbits“, einfach nur weiter atmen, wohlwissend, dass seine Bande, Frau und Hund, nebenan weilen, keinerlei Furcht empfinden: zuweilen gewährt Musik wie diese ein tiefes Empfinden von Unverwundbarkeit. It sends you places.
Der wunderbare Song aus der Wirbelsäulengymnastikstunde
Susanne Rosenkranz bietet uns natürlich mehr, und bezieht den ganzen Körper mit ein. In seltenen Momenten fliege ich durch den Raum, meist lerne ich meine Grenzen kennen, wenn sie uns beispielsweise en passant, und mit pointiertem Humor, maximal aus dem Gleichgewicht bringt, natürlich mit einem ausgefuchsten Konzept. Immer wieder tauchen alte Tamla Motown-Songs als beschwingter Hintergrund auf, und so kam ich vor einer Woche mit halbwegs geschwungenen Ruderbewegungen völlig aus dem Takt, als dieser eine wunderbare Song mich aus der Bahn warf. Dabei kannte ich ihn allemal, und hätte den Oldie Oldie sein lassen können. Aber wie so oft, wenn ein einziger Sound, ein gewisses Etwas aus einem wie immer gearteten Klanggebilde voll reinhaut, will ich nur eins: mich in seinem Kern, lauschend, still und ergriffen, gern auch in wildem Tanz, auflösen. Nun fragte ich Susanne hinterher und sang ihr zwei Stellen vor, aber ihr fiel dazu wenig ein, und auf der Kassette stand ohnehin nur „Platters“. Daheim googelte ich mich zu den Hits der Platters, aber mein Song klang anders, voller, satter. Fast wie zwei Powerlieder in einem. Mittlerweile verzettelte ich mich zunehmend, etwa, als ich einmal unsern Gästen in der Abendsonne Fragmente des Songs vorzusingen versuchte – und war das nicht eher was von den Temptations, irgendwas mit „Follow me“ – vielleicht auch Diana Ross & The Supremes, oder doch männlicher Leadgesang?! Die verkrampfte Erinnerungssuche floppte vollends, und ich muss warten, bis mich in irgendeiner der kommenden Wirbelsäulengymnastikstunden dieses Lied einmal mehr kalt erwischt, am besten in einem der seltenen Momente, in denen ich durch den Raum fliege. Es wäre eine fabelhafte Bruchlandung!
Sehenswert

Der Film beginnt mit einem Zitat von Gabriel García Márquez – „Jeder Mensch hat drei Leben: das öffentliche, das private und das geheime“ -, aber sie ist offen. „Ich bin nicht sehr gut in persönlichen Beziehungen“, sagt Baez, “ich bin großartig in Beziehungen von eins zu zweitausend, wissen Sie?“Je nach Alter und Woody Guthrie-Quotient kennen wir uns mehr oder weniger aus im Leben von Joan Baez. Mit ist sie anfangs mächtig aif die Nerven gegamgen, als wir Junghippies überall dem Refrain „The night they drove old Dixie down“ begegneten, und ich moche ihren hehren Glockengesang in diesem Oldie gar nicht. Aber vieles änderte sich (auch die Wahrmehmung ihrer Stimme), als ich mitbekam, was für ein politisch hellwacher Aktivposten Joan Baeu in den Sechziger und Siebziger Jahren war, und später auch noch. Eine schillernde Figur – hinreissend schön und klug, Kopf und Herz, was wollt ihr mehr? Ihre Beziehung zu Bob Dylan – komplitziert (bei mir blitzen ein paar Bilder auf aus der Doku über Dylans „Rolling Thunder Tour“. Die Doku lässt keine Mauern einstürzen und rauscht, wie es Lebensgeschichten nun einmal tun, durch die „Memory Lane“. Es ist nicht zuletzt Joan Baez’ oft entwaffnende Ehrlichkeit, die „I Am Noise“ zu einer rundum gelungenen Veranstaltung macht.
Die Jazzalben des Jahres

- Wayne Shorter: Celebration, Vol. 1 (3) / Sidsel Endesen: Punkt Live Remixes, Vol. 2 (8) / Eric Chenaux Trio: Delights Of My Life (2) / Søren Skov Orbit: Adrift (4) / Shabaka: Perceive Its Beauty, Acknowledge Its Grace (1) / Patricia Brennan: Breaking Stretch (5) / Kit Downes / Bill Frisell / Andrew Cyrille (9) / Fred Hersch: Silent. Listening (6) / Trygve Seim / Frode Haltli: Our Time (7) / Charles Lloyd: The Sky Will Be There Tomorrow (10)
Am Ende des Jahres tauchen sie auf, die Jazzalben des Jahres. Nie die reine Wahrheit, vielmehr Vergegenwärtigumg des Besonderen. Manches ist mehrheitsfähig, manches nicht, egal. Ob manches davon überhaupt noch zur guten alten Tante Jazz gezählt werden kann, ist auch so eine Frage. It ain’t mean a thing, if it hasn’t got that swing. Das ist für Nostalgiker.
Meine momentane Rangfolge in Klammern😉
Aus dem obigen Pool einer verwandlungsfreudigeb Spätsommerlese werde ich meine drei Jazzalben des Jahres auswählen, manches mit Wimpernschlag umd Fotofinish, für den Jahresrückblick mit zwei Kollegen im Deutschlandfunk.
Eine, zwei, oder drei vergisst oder übersieht man sowieso, nichts ist endgültig, und wer weiss, welchen Zauber der Herbst noch bereithält. Zum Beispiel diese Platte von Robert Wyatt und Harry Beckett, die Virgin Records 1978 nicht herausbringen wollte: „Trumpets and Songs“. Sieben bislang nie erschienene Lieder von Robert, Harrys Trompete, ein wenig Perkussion, und eine billige Yamaha-Orgel von einem italienischen Flohmarkt. Und jetzt alles im Gatefold-Cover. Hammer! Ein Fundstück vom Dachboden? Leider, sorry, guys, nur eine Träumerei.
Fragen Sie mal Julio Cortazar. Oder den Radiohoerer. Es ist ja noch nicht Nikolaus. Und dann gibt es noch die richtigen „archival discoveries“ und „reissues“ (Alice Coltrane, Byard Lancaster, Jan Garbarek a.o.), weil die Zeit zeitlos ist und wiederkehrt und überhaupt. Ein weites Feld.
Man kann natürlich immer John Cage spielen, aber an den eigenen Vorlieben führt bei Endjahreslisten kein Weg vorbei. Good night, good jazz, good luck!
Von grossen dunklen Abenteuern (weitere Inselgeschichten)

Never set up in hesitation and procrastination, test every little melody, every tiny image, for its suitability for a new horizon. Trust the first sight and sound and get started! Niemals im Zagen und Zaudern einrichten, und jede Melodie, jedes Bild, ratzfatz auf seine Eintrittshaftigkeit für einen neuen Horizont prüfen. Dem ersten Blick und Klang vertrauen, loslegen! Als ich sechs Wochen eingepfercht war bei den Nonnen von Norderney, in den Zeiten, als der Twist unser Kinderlieblingstanz war, gab mir nicht zuletzt das berühmte Lied von Freddy Quinn Kraft, das ich gerne im Dunkeln schmetterte. Noch viel liebreizender war es (da ist dieses altmodische Wort durchaus angemessen), mit Fritz Wunderlich (oder besser noch ohne ihn) „Ich bin nur ein armer Wandergesell“ anzustimmen. Als kleiner und rasch grösser werdender Junge wurden die ostfriesischen Inseln mein Sommerterrain, allen voran Langeoog und Borkum, und nie mehr Scheissnorderney. Ein besonderes Vergnügen war es, morgens, noch vor dem Frühstück, zweimal in der Woche, zu den beiden Inselbahnhöfen, zu gehen, um auf grossen Plakaten die nächsten neuen Filme angekündigt zu sehen, gerne Western, Abenteuerfilme, ein früher James Bond, grosse Liebesdramen. Eine Wucht ging von diesen Plakaten aus, wie von dem verlassenen Schiffswrack im Ostland, oder den Lichtstrahlen der Leuchttürme bei Nacht. (Später, zwischen 1972 und 1975, trat das Kinoprogramm auf den Inseln etwas in den Hintergrund, und wurde von Michael Nauras „magischen“ Jazzsendungen im NDR abgelöst. Meine Transistorradioinselmusik!) Dieses Bild wirkt wie aus einem Traum oder einer Verheissung (ein ferner Verwandter von David Sylvians „Manafon“-Cover), und erinnert mich an den Zauber der Inselbahnhofsplakate, die natürlich oft deftiger im „Pinselstrich“ waren. Dass Ryusuke Hamaguchis Film aussergewöhnliche Stimmungen bereithält, lässt schon dieses Plakat ahnen. Die Musik von Eiko Ishibashi tut das ihrige dazu. (Seit kurzem ist der Film auf „prime“ zu sehen, und als Blu-ray wie Dvd erhältlich.) Später, in Studentenzeiten, hatte ich eine Zeitlang Wim Wenders‘ Plakat von „Im Laufe der Zeit“ an der Wand hängen, ich hatte es irgendwann aus dem City Kino mitgehen lassen, so wie Wim in jungen Jahren gerne Schallplatten in seinem riesigen Trenchcoat klaute – kleine Sünden belohnt der liebe Gott sofort.Protestnote
„Dass sich die Verantwortlichen des BVB und all seine Gremien dazu bereiterklärt haben, die Strahlkraft von Borussia Dortmund dafür einzusetzen, das öffentliche Ansehen eines Rüstungskonzerns zu verbessern und dabei die eigenen Werte über Bord zu werfen, lehnen wir entschieden ab“, heißt es in einer Stellungnahme der Initiatoren: „Wir werden den Verantwortlichen nicht den Gefallen tun und die Sache – wie durch den Zeitpunkt der Veröffentlichung womöglich erhofft – auf sich beruhen lassen.“
Ich unterstütze die Protestaktionen des Fanbündnisses Südtribüne! Genauso verwerflich wie der ehemalige Deal von Bayern München mit den Kataris, ist es, diesen Rüstungshersteller als Sponsor öffentlichkeitswirksam aufzuwerten! Ein No-Go! Die Geschichte von Rheinmetall ist eine Geschichte skrupelloser Geschäftemacherei mit dem Tod. Durch nichts zu rechtfertigen! Waffen werden genauso an die Kriegsverbrecher der aktuellen israelischen Regierung geliefert, die nicht minder niederträchtig agiert wie die Hamas im Oktober 2023. Dass hierzulande israelkritische Äusserungen, die, by the way, zum mainstream der UNO und der europäischen Gerichtshofes in Den Haag gehören, stets als antisemitisch ausgelegt werden, ist Teil eines falschen Narrativs, das stets mit der historischen Schuld der Nazis argumentiert, und diese Faktum instrumentalisiert, um kritische Stimmen zu diskriminieren, und weiter im Gaza-Streifen Tausende und Tausende Unschuldiger zu töten. Das Argument zur Rechtfertigung des Rheinmetall-Deals, die „wehrhafte Demokratie“, weist sich als pure Heuchelei aus!