Dortmund, Alter Markt 1973
„All across the nation
Such a strange vibration
People in motion
There’s a whole generation
With a new explanation
People in motion
People in motion“
Vor Stunden war ich genau an dieser Stelle, wo ein paar Klassenkameraden und ich (rechts) once upon a time ein paar Schalen Pommes verzehrten. Neben mir, in der Mitte, Wolfgang Vogel (RIP), sowie Michael Hoell, mit dem ich noch vor Jahren Shakespeares Sonnet 18 unisono zum Besten gab. Vorhin war dieser Ort fast menschenleer, bevölkert von 300 und mehr bereitgestellten Caféhausstühlen, an einem Tag, an das summer feeling und Menschen sowieso auf sich warten liessen. Als ich damals nach Hause ging, legte ich vielleicht SART von Jan Garbarek auf, oder BREMEN / LAUSANNE von Keith Jarrett, oder LORD OF THE RINGS von Bo Hansson. Vielleicht aber auch das umwerfende THICK AS A BRICK von Jethro Tull. Das gehörte alles zu meinem „horizon kit“. Wappnung und Durchlässigkeit. Später in dem Jahr sah ich mein erstes „ECM-Konzert“ in der Musikaula von Unna, „The New Quartet“ von Gary Burton. Danke, Horst, für die rasche Zusendung der Fotos. Meine sentimentale Ader brauchte in dem Augenblick ein paar alte unscharfe Fotos und einen alten Jukeboxsong (so etwas hilft gegen Gespenstergeschichten.)
… a propos Annette P.
Ich hätte zu gerne das Konzert dieses Quartetts in Montreux gehört. 1971. Eine Freude, mal kurz Paul Bley in früheren Jahren zu sehen, ein Jahr vor Open, to love. Und Han Bennink, den ich bald öfter sehen sollte in den Siebzigern, mit meinem deutschen Lieblingsfreejazztrio: Brötzmann Van Hove Bennink!
Another Green World with 50
The passage of time
Is flicking dimly up on the screen
I can’t see the lines
I used to think i could read between
Perhaps my brains have turned to sand
Es ist naheliegend, sich an grosse Alben zu erinnern, wenn sie ihr fünfzigstes Jahr erreicht haben. So wird nun auch „Another Green World“ 50 Jahre alt. Am 14. November. Jan Reetze hat über eines seiner Schlüsselalben, Kraftwerks „Autobahn“, ein ganzes Buch geschrieben. Wenn ich ein Album von allen wählen müsste, käme ich fast immer auf Brians Album von 1975 zurück. Ich habe über die Jahre viel darüber erzählt, geschrieben, und es immer wieder mal aufgelegt in den „Klanghorizonten“. Es ist, wohl neben seinen „Music For Films“, das unscheinbare mit dem grauen Cover, das meistgespielte Album meiner Radionächte im Deutschlandfunk. Beide sind in der gleichen Zeit entstanden. Wie „Luminal“ und „Lateral“ ein halbes Jahrhundert später, hätten die Zwei auch ein Doppelalbum sein können. Die eine und andere Geschichte wird noch zu erzählen sein – manche bereits nachts zum besten gegeben, also „alte Hüte“, „Repertoire-Stories“! AGW und MFF werden beide in den Klanghorizonten am 25. September zu hören sein, mit jeweils einem Track.
31:31 – the deep kind of smooth
Annette Peacock / vocals, keyboards, synthesizer, programming, arrangements, producing With: Mano Ventura / acoustic guitar /Lol Ford / electric guitar / Duncan Lamont / saxophone / Larry Moses / trumpet / Michael Mondesir / bass / Simon Price / drums / Carlos Valdez / percussion / Avalon Peacock / backing vocalsAls ich mir einst dieses Album bei Frau Peacock bestellte, kam es zeitig an mit einem freundlichen Gruss und verschwand dann viel zu lang in meinem seltsam ungeordneten Archiv. In der Erinnerung hielt ich es später für eine Neuauflage ihres Klassikers „I‘m The One“. Irrtum. Und jetzt hörte ich es zum ersten Mal, und weil ich meinen Ohren nicht traute, ein zweites Mal. Im Garten, unter Kopfhörern, spät abends. Der gelbe Mond verhinderte, dass ich am wolkenkosen Himmel die Sternschnuppen sah – in Arles oder den Highlands oder auf Pellworm wäre das ein Kinderspiel gewesen Aber diese Musik ihres Albums von 2005 vérsöhnte mich mit dem Ausbleiben des Himmelsspektakels. Es ist, wenngleich raffinierter in der Produktion als das erste Hören suggeriert, Annettes leichtestes Album, unendlich lässige „Barmusik“ (und so viel mehr) von einsamer Klasse. Leicht kann man das sog. Leichte für leichtgewichtig halten, aber es ist in diesem Falle wundervoll. Seltsam „sophisticated“. Beim zweiten Hören merkt man, dass selbst diese „easy breezy background band“ ziemlich ausgefuchst ist und Annette manche Überraschung in den Arrangements bereithält. Im Netzt findet sich keine einzige aussagekräftige Besprechung des Albums.

Frau Peacock, einst von legendärer Schönheit (auch Timothy Leary umwarb sie, vergebens), kommt mir hier viel näher, als es mir in meinem Gespräch mit ihr über das zauberhafte „The Acrobat‘s Heart“ gelang. Bei Discogs ist „31:31“ günstig zu bekommen für 150 Euro. Bei jpc gibt es „The Acrobat’s Heart“ als Doppel-Lp (im Rahmen der „ECM-Luminessence“-Reihe) derzeit für 39,90 Euro. Fantastische Pressung. (m.e.)Psychoakustika (2) – für Rosato
Ich war ja fast noch ein Kind, vielleicht 15, 16, höchstens 17, und rührte mich nicht vom Fleck. Ich sehe das Zimmer im Notweg 11 noch vor mir, das Holzmobiliar, die Couch, das alte Radio. Es dauerte lange, bis mir diese Minuten, in den ich regungslos verharrte und mich daran erinnern musste, das Atmen nicht zu vergessen, wieder in den Sinn kamen. Viele Jahre später las ich eine Geschichte von Brian Eno, die mich zum Nachdenken brachte.
Es war der Moment, in dem ihm die erste oder zweite Velvet Underground-Platte in die Hände fiel. Er hörte sie, und es haute ihn um. Man könnte auch sagen, er fiel in eine tiefe Trance. Diese ganz andere Sprache von Rockmusik. Diese Verweigerung der abgegrasten Themen, die Klangfarbe Schwarz. Was immer in seinem Kopf passierte beim Lauschen, es wären allenfalls einige interessante Gedanken herausgesprungen für sein Notizbuch – das Bedeutsame war die unmittelbare Wucht der Musik, etwas, das sich nicht auf ordentlich geschliffene Gedanken reduzieren lässt.
Wie er später erzählte, habe er absichtlich dieses Album nie wieder gehört, um die Wucht des ersten Erlebens nicht zu mindern. So, und nur so, konnten die dunklen Lieder sich ganz tief einnisten, wie der Moment einer Liebe auf den ersten Blick, der nicht durch Wiederholung, Nostalgie oder den Verlust von „Nach-Erzählungen“ und „Zurück-Holen“ geschmählert wird.
Und so erging es mir, als ich aus Versehen an einem Sonntag mitten im Sommer (wie kann man sowas Beiläufiges erinnern?) ein Radioprogramm mit Neuer Klassischer Musik hörte (WDR 3), mittendrin von einem Musikstück kalt erwischt wurde, von einem Komponisten, den ich nie zuvor gehört hatte. Ich war Kinks- und Beatlesfan, ich liebte alle vier Seiten von Soft Machines „Third“, und vielleicht hatte ich schon ein paar frühe ECM-Platten. Mit fehlte alles Vorwissen, als ich mitten in Steve Reichs „Drumming“ versetzt wurde. Ich war fast noch ein Kind, meine Ohren waren in diese 15, 20 Minuten gross wie Scheunentore – and „Drumming“ put a spell on me!

Weder besorgte ich mir den Tonträger, noch machte ich mich schlau, was das denn nun für eine Musik war. Viele Jahre später traf ich Steve Reich zum Interview, „Music for 18 Musicians“ hatte uns alle begeistert, und wir „music lovers“ erfuhren bald, was es, an den Oberflächen, am modus operandi, an den musikästhetischen Hintergründen, mit „Drumming“ und Artverwandten auf sich hatte. Aber wie Brian bei den Velvets, scheute ich mich davor, irgendwann die CD aufzulegen, die immer noch irgendwo im Archiv rumliegt. Nie wieder könnte mich die Musik so kalt erwischen!
Psychoakustika (1)
Diese Reihe, ganz gleich, ob sie umfänglich wird oder rasch versandet, beginnt möglichweise mit einem Fehler: ist das Wort „Psychoakustika“ korrekt so, nicht die Eigenwilligkeit interessiert mich, allein die Rechtschreibung. Es geht um unsere Erlebnisweisen von Musik. Der erste Teil widmet sich, in aller Kürze, dem Phänomen, dass man manche Musikalben mag, gut findet, ohne dass der letzte Funken überspringt – und dann tut er es doch, und wie! So ein Album ist für mich „Woodland Studios“ von Gillian Welch und David Rawlings (2024). Das die Musik richtig gut ist, spürte ich von Anfang an, aber erst jetzt hat sie mich so tief berührt, getroffen, dass mir bei drei Songs Tränen ihren Weg fanden. Und so höre ich gerade dieses Album wieder und wieder, lese die Texte, versinke in den Gesängen des Duos, ihrem Gitarrenspiel, den kleinen Ideen am Rande – und finde keinen einzigen „filler“, nichts, dass überflüssigerweise noch Teil des Ganzen geworden ist.

„Ein Güterwagen täuscht das Auge. Auf seinen sich drehenden Rädern ist keine Ladung zu sehen, nur die Knochen einer Fracht, die den Himmel einrahmen, durchschossen von Blau. So beginnt das neue Album von Gillian Welch und David Rawlings: mit einem illusorischen Fenster zum Jenseits. „Empty Trainload of Sky“ ist eine akustische Rock’n’Roll-Miniatur, wie sie Welch und Rawlings auf ihrem Meisterwerk Time (the Revelator) aus dem Jahr 2001 perfektioniert und seither bewusst mit zwei Gitarren, zwei Stimmen, Spannung, Anmut und Entschlossenheit erweitert haben. Der Schwung dieses skelettartigen Mystery-Trains trägt Tradition und Unendlichkeit in sich. Ob er nun hohl oder voll ist, nichts oder alles enthält, er rast immer weiter vorwärts.“ (Jen Pelly, NPR)
Es folgt: PA (2) – „Platten, die so grossartig sind, dass man sie nur einmal im Leben hören will // PA (3) – „ Warum Neil Youngs „Talking To The Trees“, das generell verrissen wird, in meinen Ohren ein verdammt gutes Album ist
Sweet nightmares are made of this (1982, remake)
Der Kollege drehte sich eine Zigarette, er sass mir gegenüber in unserem Zwei-Mann-Büro. Zwei Psychologen, einer hatte Liebeskummer. Michael, um aus dieser Nummer raus zu kommen, flieg nach London, über Weihnachten, das ist doch deine Stadt. Du musst einfach ständig wach sein, saug Piccadilly auf, das tut richtig weh, aber gut, alleine, ganz alleine, saug die Einsamkeit auf. In vollen Zügen. Das hilft. Down to the bottom! Ja, sie ist bestimmt die schönste Frauen Regensburgs. Du warst ihr Ausbruch, sie hat die Reissleine gezogen.
Die Würfel sind gefallen. Er hatte ja so recht. Ich wohnte noch immer am Ende der Welt, die Wölfe der Tschechei kamen manchmal über die Grenze, und ein Buch mit Kurzgeschichten von Richard Brautigan lag neben dem Bett. Ich fuhr von Bergeinöden nach Frankfurt und besorgte mir ein Flugticket nach London. So allein wollte ich auch nicht sein, und so kündigte ich meinem alten Würzburger Freund David Webster meinen Besuch an. Er freute sich darauf, mich wiederzusehen.
In Frankfurt verweigerten sie mir die Einreise nach London. Ich landete in Büros, und musste sogar zu einem amerikanischen Konsulat, wieso musste ich auf das fucking amerikanische Konsulat? Ein Riesentheater, und ich war sauer, und zeigte das auch. Da klärte es sich, dass ich als Amerikareisender gebucht war, ohne Visum, alles war ein Missverständnis im Frankfurter Nieselregen. Lauter Sorrys und Entschuldigungen, und Lufthansa schenkte mir ein Ticket für die Business Class, mit Sekt und allem Drum und Dran für eine Dreiviertelstunde Flug in den Londoner Nebelregen.
Heiligabend war ich bei den Websters eingeladen, bis dahin hatte ich zwei Tage: billige Absteigen, alte Cafes, und ich besorgte mir sofort ein Musikmagazin. Musik sollte Teil meiner Selbsttherapie sein. Ich liess mich in einem Pub nieder, erleichtert nach dem Tagesstress, der Kaktus auf der Ablage über mir geriet in Bewegung und plumpste dem Mann hinter mir in den Nacken. Ein Aufsschrei. Ich kümmerte mich sofort um ihn, zog ihm einzelne Stachel raus, ein paar Stellen waren blutig, aber er blieb freundlich. Der Pubbesitzer hatte sogar ein Desinfektionsmittel. Am Abend ging ich in den Marquee Club, um Jah Wobble & The Invaders of the Heart zu erleben.
Jah Wobble hatte einen Trenchcoat an, der aussah, als wäre er den ganzen Tag durch den Londoner Dunkelregen gewandert. Man konnte hören, dass Jah Wobble nach der Zeit mit Public Image Ltd. noch viel mehr in die Welt des „elektrischen Miles“ eingetaucht war. Dunkel pulste sein Bass durch den Raum. Eine Trompete mit Wah-Wah-Pedal verschickte knappe telegraphische Notizen, der Drummer hämmerte wohltuende Monotonie. Da erkannte ich sie und taufte sie Healy. Du bist die Fremde, mit der ich diese Nacht erobern werde. Sie stand alleine an der Seite, und trug auch einen fucking beautiful Trenchcoat. Hoffentlich war sie kein Jah Wobble-Groupie. War sie nicht.
Nach dem Konzert lud ich sie zu einem Drink ein, nachdem ich mich freundlich vorgestellt hatte. Why me, fragte sie mich, und ich sagte, your eyes. Sie hatte ein kleines Appartment in West Hampstead. Sie legte eine gemeinsame Lieblingsplatte auf, Chairs Missing von Wire, und dann schliefen wir miteinander. In dieser Nacht lösten sich die Bilder der schönsten Frau Regensburgs in den Umarmungen einer Wildfremden auf. Wir kifften, lachten, und mochten einander – small talk with a beating heart. Sie hatte kleine feste Brüste und einen extrem schlanken Körper, Londoner Regenblässe. Sexual Healing. Ein wenig.
Ich wanderte den ganzen Tag durch Hampstead Heath, ich hörte spät am Abend John Peel im billigen Hotelzimmer (er spielte Musik von Howard Devotos Band „Magazine“, ich weiss es noch genau, einen Song aus „Second Hand Daylight“, oder „The Correct Use of Soap“, wunderbar) und am nächsten Abend, Heiligabend, traf ich bei den Websters ein. Es gab Gans, Rotkohl, und Plumpudding. Es waren noch andere Gäste da. Ich hatte mir einen Infekt eingefangen, und später nachts 38.9 Grad Fieber. Ich schnupfte. David sagte: Michael, erzähl, wie war das Jahr? Wollt ihr das wirklich hören? Ja, Mann! Und ich erzählte die ganze Geschichte. Bis zu dem Augenblick, wo mein Kollege sich eine Zigarette drehte. In einer Fachklinik für Suchtabhängige. Ich ruinierte die Party mit dieser Story, leider. Obwohl ja alles so magisch anfing, mit einem Western mit James Stewart, und dem berühmten Song der Gruppe Grauzone. Ich hätte gerne als Entschuldigung einen Weihnachtsbaum gestiftet. Für Mrs. Webster wurde ich zum roten Tuch.
Das Allerschönste in diesen Tagen waren die Fahrten mit der Underground, besonders die Augenblicke, wenn man die letzte Treppe zum Tageslicht betrat. Immer wieder gerne: Piccadilly Circus, die bunten, flackernden Werbetafeln im Dauerregen. Ich kam mir vor wie in einer ungeschriebenen Geschichte von Richard Brautigan. Eine, in der Duftkerzen Patchouli verströmen, die Kinks im Radio „Mr. Pleasant“ spielen, ein Hirschbraten mit Preiselbeerrahm serviert wird, und ein paar Glückskekse am Tannenbaum hängen.
„Sowieso nur ein gefrorener Himmel“
imagine a summer campfire feel, all
along tracks of purity and wit, kind
of naked, too. now imagine these songs
being even more naked while
rocking in quite nonchalant ways.
as a last step, imagine a room with
a flower, a shadow of the disappeared,
and strum simple, strum, strum – the guitar. (m.e.)
Manche halten ihn für einen Scharlatan, das ist auch schon Don Cherry passiert. Ich habe Jonathan Richman immer gemocht, aber erst seit einihej Jahren intensiver gehört – und sein neues Album spricht mir mit Charme, Witz und Wehmut aus der Seele. Ich habe das Album gestern auf dem staureichen Autobahnen zwischen Dortmund, Düsseldorf und Aachen herum auf bandcamp rauf und runter gehört. Die Lp und Cd-Versionen aus den USA sind schwer zu bekommen und teuer. Ein paar Zeilen aus Pitchfork: „Though he doesn’t dwell on the subject, death is the thread that ties together Only Frozen Sky Anyway. He admits as much in the record’s brief liner notes, writing of the deceptively lively “Se Va Pa’volver” that it represents a theme that took shape during the album’s recording sessions this past January: “The song is about how our friends are leaving, in their dying, on an errand, only to return. In another role. With another mission.” Nun, ich teile nicht „message“, aber die Fantasie!
(Neben „Modern Lovers 88“ habe ich nun also ein weiteres Lieblingsalbum von Jonathan gefunden – im folgenden zu lesen, ein paar ältere Texte aus dem alten Blog, zu „Modern Lovers 88“, von unserem einstigen Gefährten Bob T. Bright (2013), sowie Mark Smotroff (2018) – und von meiner Wenigkeit, das kleine hemdsärmelige Gedicht ganz oben.)
„In other words: Although I knew Jonathan Richman and the Modern Lovers through Roadrunner, Ice Cream Man and Egyptian Reggae, which I heard around the time of the first punk explosion, for some reason I never really listened to him very closely which is quite a long time to allow such a treasure to escape from your life … meanwhile I find myself more and more captivated by his enchanting music. What I find so great about him: Jonathan’s music is small and homespun in its sound and in its lyrical interest and yet manages to seem limitless in the possibilities it suggests of its possible meaning.“
„Whether he is writing about being a mosquito or about honey bees or parachute jumpers, about the joys of driving along a New England freeway or dancing in a lesbian bar; however small or parochial the nature of his concerns, the expansive nature of the joy that the lyrics give rise to in the listener and the vibrancy and ebullience of the music are such that any one of his songs could charge you with sufficient energy to still have room to counter the next wave of misery that is an inherent part of the human condition, but which he manages to somehow dissipate through his songwriting.“
„Although there are so many of his songs that are great, I particularly love ‚Twilight in Boston‚ because it expresses the joy of the mundane – of the prosaic, with precisely the deftness of touch that avoids slipping into the mawkish (of course, this is subjective). It happens to refer to Boston, but this could be an experience that anyone could have, anywhere in the world – at any time. It’s sung with that gleeful sense that enjoyment comes from the here and now, from the smallness of things, which at the same time are connected to something greater.“
Nachdem ich diese Texte zusammenstellte, merkte ich, welche Lust ich mal wieder verspürte, „Modern Lovers 88“ zu lauschen – ich stiess auf die Wiederveröffentlichung „zum Dreissigjährigen“ dank Marks Besprechung – aber sie hatte sich irgendwo in meinem Archiv versteckt. Nach zehn Minuten hatte ich sie ausfindig gemacht und laufen lassen, von der ersten bis zur letzten Rille. Wunderbar! Manchmal altert auch die Begeisterung für Dinge, warum auch immer, in diesem Falle erfüllte mich das Hören mit purer Freude. Die Sache mit Jonathan lässt sich nicht runterbrechen auf das ewige Kind im Manne, oder eine bewährte Regression im Dienste des Ichs. Sie geht um einiges tiefer, selbst da, wo ein Hetero in einer Lesbenbar singt.
“Luminal“ & „Lateral“
„Lieben oder hassen?! Ich liebe die Musik von David Sylvian. Einige seiner Songs sind für mich zeitlose Klassiker. Mit Melanie Dalibert ist es allerdings ganz anders, die Musik überlebt bei mir keine Minuten. Wenn ich lese, was David Sylvian über seine Zusammenarbeit mit Melanie schreibt, ist meine Reaktion: Wieso höre ich das nicht? Bin ich zu sehr mit dem Virus Jazz infiziert, um von dieser Musik noch erreicht zu werden? Übrigens geht es mir mit Brian Eno und seiner Musik der letzten Jahre genauso. Dafür muss ich wohl im Seniorenheim leben.“ (radiohoerer henry)

Flowworker: ***** („Luminal“) & **** („Lateral“)Warum ich noch nicht über das Büchlein „What Art Does“ von Brian Eno und Bette A. geschrieben habe, ist rasch erzählt: ich bin allzu vertraut mit all den Gedanken über Kunst, Feelings, Surrender, Play, etc. die Brian in dieser „unfinished theory“ ausbreitet, nach seinem Anspruch so verständlich, dass es auch nicht auf den Kopf gefallene Teenager verstehen können, und herrlich bunt bebildert ist es zudem! Wäre ich Kunstlehrer, wäre das Stammlektüre in meinen Klassen. Ab und zu schmökere ich mit Vergnügen in dem Bändchen.
Viel lieber aber begegne ich der Kunst ohne Metaebene, lasse die Feelings durch mich hindurch strömen und rauschen, wenn ich „Luminal“ oder „Lateral“ auflege, Brian Enos famose neuen Alben mit Beatie Wolfe, und erlebe da, ungefiltert, Surrender, Play, etc., in allen Schattierungen zwischen dem Unerhörten und dem Unheimlichen, zwischen dem Fest und den Erschütterungen des Lebens. Denn all das dringt hier durch, und viel zu fesselnd, in diesen Wochen, um kluge Worte darüber verlieren zu wollen.
Das Erlebnis der Tiefe spielt sich stets im Zwischenraum von Sender und Empfänger ab, und hier, bei den elf Songs von „Luminal“ etwa, bringe ich es schlicht und ergreifend so auf den Punkt, dass mein mutmassliches Songalbum des Jahres 2025 mich so tief erwischt, berührt, umfängt, umgarnt, verführt, auf gut deutsch „haunted“, dass es seinen Platz findet neben meinen Songalben der letzten beiden Jahre von Beth Gibbons und P.J. Harvey. „Luminal“ ist ein Album, das Tore öffnet, tief taucht und, mich jedenfalls, auf seltsam diskrete Weise, mitreißt!
P.S. I never got an interview in the years of „virtual conversations“ (the artist in an empty room (no „Zoom“, no „phoner“) that was technically so perfect (the icing on the cake). And her answers: interesting from start to end and „to the point“! You can listen to her solo talk from Brian Eno’s studio in Notting Hill until the end of September HERE!
„Openness Trio“ und „Chicago Waves“

Ich blätterte durch Seiten, in denen ein Fan des Labels Blue Note in alten Zeiten schwelgte und fachkundig viele Klassiker in Kurzkritiken umkreiste. In späteren Jahren kamen da nicht mehr so viele Alben zusammen, eine neue Generation, neue Besitzer, die Helden starben, usw. Natürlich gab es immer wieder Werke, seit den Neunzigern, die etwas Besonderes waren, ob von Cassandra Wilson, Madlips „Shades of Blue“, und was uns da noch in den Sinn kommen mag.
Wenn ich fünf Alben des Labels hernehmen sollte, aus der Zeit zwischen 1990 und 2025, als „my blue note favorites of new times“, „Openness Trio“ wäre dabei, von Nate Mercereau, Josh Johnson, und Carlos Niño: von der Ästhetik bis zum Cover eigentlich zu einhundert Prozent der Welt von „International Anthem“ „entlehnt“. Das Album entstand, auch eher typisch für IAR, meist in freier Natur, einmal nahm man unter einem mexikanischen Pfefferbaum Platz.
Solche Naturklanginspirationen deuten, wie die ersten Saxofonsekunden des Albums, auf ECM und Jan Garbarek – und ansonsten: Freier Jazz, Psychedelik (immer ein Ausdruck bei verschwimmenden Sounds – mit Carlos Niño kann man gut über „magic mushrooms“ reden), Ambient Music (aber hinhören, bewusst, sollte man schon) – ich lasse die Floskeln ruhen, nur dies noch: das Album ist ziemlich unbeschreiblich! Und hat einen festen Platz in meinem Jahresrückblick!

Wie, in den „archival recordings“ die Langspielplatte „Chicago Waves“, die Neuauflage eines Livemitschnitts des Duos Miguel Atwood-Ferguson / Carlos Niño aus dem Jahre 2018. International Anthem! Strukturell als völlig freie Improvisation angelegt („zwischen Ashram, Free Jazz und Ambient“, merkte ich in den JazzFacts mit einem Schmunzeln an), ist es in mancher Hinsicht ein enger Verwandter des „Openness Trio“, und Miguel gab als Inspirationen das Blau des Lake Michigan an, Jon Hassell, und einen Free Jazz Violinisten, der einst auf Impulse Records ein paar Platten veröffentlichte, Michael White.