• Cádiz y Paco de Lucia calling

    Was für ein Gefühl, ein Stück Autobahn unter sich zu wissen. LKWs, PKWs, Camper und Motorräder stehen dicht aneinander auf Deck 4 und 5 der grossen ARMAS Fähre von Teneriffa nach Cádiz. Achtundfünfzig Stunden an Bord, vorbei an den magisch im Dunst liegenden Kanareninseln, die letzte, Lanzarote, wird um Mitternacht angelaufen, danach sind es noch sechsunddreissig Stunden auf offenem, ruhigem Ozean bis nach Cádiz. Ohne Netz.

    Ich hatte das Buch von Ocean Vuong nicht mitgenommen, es wiegt zu viel, dafür einige Tageszeitungen und den SPIEGEL. So eine Überfahrt ist lang, umso grösser die Vorfreude auf das Ankommen im fremden Hafen. Cádiz empfängt uns mit flirrendem hellen Licht, fatamorganisch liegt die Stadt mit der grossen Kathedrale am Meer.Der Himmel und das Wasser: ocean blue.

    Voilà, wir sind an der Küste des Lichts. Alles ist fussläufig vom Hafen aus zu erreichen, ich befinde mich schon in der Altstadt mit ihren sehr engen Gassen, die kaum einen Sonnenstrahl durchlassen. Jeden Morgen werden die Strassen und Plätze mit Wasser besprenkelt, das ergibt diese Frische, die, neben dem leichten Atlantikwind, das Flanieren so angenehm macht. Hundebesitzer halten eine Wasserflasche bereit, um die Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge wegzusäubern.

    In der lebendigen autofreien Altstadt herrscht eine Eleganz aufgrund der wunderbar erhaltenen hohen Gebäude im postkolonialen Stil: viele Fenster, viele Holzbalkone. Ich entdecke sieben Buchläden, teilweise mit hübschen Cafés und sehr leckeren sweeties. Ich entdecke ein grosses Kulturhaus, wo am Abend eine junge Flamencosängerin aus Madrid auftritt.

    Ich besuche das eintrittsfreie Kontert, das auf einer Hochterrasse stattfindet mit herrlichem Blick über die beeindruckende Insellage der Stadt. Ich war nie vom Flamenco begeistert, weder vom Tanz noch vom Gesang. Joachim Berendt ist es einst nicht gelungen, den Jazz mit dem Flamenco zu fusionieren. Das gelang dem grossen Künstler an der Gitarre, der nicht weit von Cádiz geboren wurde.

    PACO DE LUCIA

    Paco encanta al que no sabe y vuelve loco
    al que sabe

    Paco nannte sich de Lucia nach dem Vornamen seiner portugiesischen Mutter Luzia. Mt seinem ständigen musikalischen Partner Cameron de la Isla verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Ein Kinderbuch zeugt von dieser Verbundenheit. Dort lese ich, wie der kleine Junge Camerón zum Mond, der Paco heisst, hinaufruft: „wir müssen singen, viel singen, damit die ganze Welt uns hört.“

    Paco war weltweit unterwegs. Er spielte mit Al Di Meola (Land of the Midnight Sun), John Mc Laughlin (Friday Night in San Francisco 1982, Carlos Santana, Bob Marley, Paul Simon und vielen anderen. Und diese Fusion gefällt mir sehr gut. Auf seinem letzten Album CANCIÓN ANDALUZA steht:

    Si hay que navegar
    que me lleve la marea
    primito, donde me quiera llevar.

    2014 ist er in Cancun/ Mexiko gestorben. Beerdigt ist er in Algeciras, wo er geboren wurde. Echte Fans reisen dorthin, es gibt seit einem Jahr das „Casa Paco de Lucia“ – auch wegen der aussergewöhnlichen Landschaft an der Strasse von Gibraltar lohnt sich eine Reise dorthin.

    Zu jedem Aufbrechen ins Offene gehört das Kennenlernen von neuen Menschen in der Fremde. Auf der Hinfahrt wurde ich auf Deck 7 von Marokkanern zum Tee eingeladen. Sie reisten weiter mit der nächsten Fähre nach Tanger. An dem Flamencoabend habe ich eine iranische Filmemacherin kennengelernt, die mit ihren aussergewöhnlichen Themen viele Preise gewonnen hat (für Martina hier ihr Name Yassamin Malek Asr). Auf der Rückreise lernte ich eine liebenswerte Familie aus Madrid kennen, die ihren Hund in Cádiz operieren liessen und jetzt Ferien auf Lanzarote machen. Für Michael.

    L.N.

  • In meinem Lieblingspark

    Ich habe im Jardin du Luxembourg auf einer großen grünen Wiese „Causeway“ gehört, nicht weit von dem Teich, wo Gross und Klein Miniboote auf kleine Fahrten schicken, aus dem bald erscheinenden Album „Disquiet“ der Necks. Wunderbar, von „Unruhe“ in diesen zeitlosen 26 Minuten keine Spur! Das Wetter wie eine gemalter Sommer an diesem langen Wochenende, erst zum Ende von „Causeway“ zogen dichtere Wolken auf, bald würde heftiger Regen folgen, wir winkten ein Taxi herbei. Noch immer schweben mir die Klänge durch den Kopf – ein Hauch der frühen Jahre von Caravan. Richtig interessant würde diese kurze Kurzgeschichte, wenn ein zweiter Hörer irgendwann auftaucht und im gleichen Park das gleiche Musikstück hört. Wo sitzt er oder sie? Welches Wolkenspiel zeigt der Himmel? Und was löst die Musik aus? Sicher nicht das Wort, das die Necks ihm gaben: „Damm“. Oder „Dammweg“. Und während ich meinen Platz auf der belebten Wiese suchte, voller glücklich leuchtender Zeitabschnittsgefährten (vertieft im Spiel, in der Liebe oder der Routine), schweifte, auf dem Weg dorthin, mein Blick nah wie fern, um jenen Steinbrunnen zu finden, wo einst ein Girl, jung wie ich, 1972, in einem anderen Sommer, „Ohio“ sang, von Crosby, Stills, Nash & Young. Diese beiden Stücke würden, zusammen mit der Schneemusik des Parks im Dezember 1992, als ich Tamia und Pierre Favre besuchte im Jüdischen Viertel, den Soundtrack meines Lebens im „Jardin“ abbilden.. Mir fiel sogar eine Szene aus einem Eric Rohmer-Film ein, der hier natürlich zu gerne seine jungen Sinnsucher manche Runde drehen liess. (m.e.)

  • David Boulters kleines Meisterstück

    „Es geht auch um den Versuch, eine Idee von der Küste einzufangen, die in unserer Vorstellung existiert. Ich habe am Meer gelebt, aber Mama und Papa besaßen Pubs, also bin ich auch viel umgezogen. Ich bekam meine Ideen aus Büchern und Musik, aber ich fühlte mich immer von dem Gefühl dieser Küstenwelt angezogen. Ich fasse es so zusammen: Wenn du jemals das Geräusch des Windes zwischen den Segeln der Boote im Hafen gehört hast …  für mich klingt das wie die Musik von Joe Meek, Jahrmarktsmusik. Es ist der Klang von Geistern; der Klang einer Welt zwischen den Welten. Der Klang der Koralleninsel.“ (Richard Skelly, The Coral)

    Looking for Trudy


    Seaside towns out of season can be very evocative, I think. All the boarded-up amusement aracades and windswept, empty beaches. Did you try to encapsulate even a little of that feeling on the album?

    David Boulter: I did, and one of the things that actually sparked the idea for me was playing a Tindersticks show in Norwich about nine years ago. I ended up getting there the day before the show, and I’d arrived by rail and saw that another train was leaving for Great Yarmouth. And it was only forty minutes away, so I decided to go there for the day. This was in November, so it had a very grey feeling and it was at least 30 years since I’d been there. It was very different, and – to begin with – it was very depressing. But then I started to see things that I recognised, and to remember things that I hadn’t thought about at all during that time. It brought about some very strange emotions in me – not really nostalgia, or wanting to go back, but definitely something.

    Records to listen to for people with a weak spot for the sea, the old days, and the wind in the sails: David Boulter: Yarmouth / The Coral: Coral Island / Nino Rota: Amarcord / Fripp & Eno: Evening Star / King Creosote & Jon Hopkins: Diamond Mine / Boards of Canada: Music Has The Right To Children (David Boulters wiederveröffentlichtes Album „Yarmouth“ ist für die Klanghorizonte am 31. Juli gesetzt. Solche Alben werden früher oder später als „buried treasure“ gehandelt. Dagegen lässt sich was tun!)

  • Under a big sky

    16 Flugzeuge pro Tag, 6 Fähren pro Tag beförderten 30000 Gäste, die hauptsächlich aus Venezuela und Kuba kamen. Auf Hierro leben 12000, einmal am Tag fährt das Schiff, dreimal der Flieger. Die Insel ist im Ausnahmezustand. Aber weil die Menschen hier unglaublich schnell und effizient im Organisieren sind, gab es also zum Glück kein Pandemie-déjà-vu. VIVA LA VIRGIN ist angesagt. Seit dem Mittelalter feiern die Einheimischen die Jungfrau der Könige, die sie in einem türkischen Boot in Form eines Bildnisses vorfanden. Die Bootsleute waren am Verhungern, die Herreños tauschten die Jungfrau gegen Nahrung. Alle 4 Jahre tragen sie sie aus der Steinwüste heraus und hinunter bis zur Hauptstadtkirche. Das sind ca 30 km, die sie von Flöten und Trommelmusik begleitet, von Tänzern, die viele Monate ihre Kondition stärken, an einem Tag zurücklegen. Gestern war der grosse Tag, es waren 8 Jahre Warten auf die Virgin vergangen, weil der Bischof die Prozession wegen COVID verboten hatte. Dementsprechend war der Besucherandrang.

    Viele meiner Bekannten sind den langen schwierigen Weg unter Hitze und starkem Sandwind mitgelaufen. Ich wartete in der Kirche auf den Einzug der Hochverehrten. Wir warteten stundenlang auf den Trommelklang, und als die ersten weit entfernten Trommelschläge gehört wurden, war es total still in der Masse, und erst als die Jungfrau in die Kirche reingetragen wurde, riefen sie: VIVA LA VIRGIN. Mich hat das Erlebnis emotional ziemlich bewegt. Ich konnte viele Szenen sehen, wo sich die Tänzer, vollkommen erschöpft, in den Armen lagen, glücklich, dass sie es geschafft hatten. Auch als die ersten Wanderer in der Kirche ankamen , total vermummt wegen der Hitze und dem Sand, wurden sie von den Freunden und Familien fest gedrückt. Ich sah einige mit wunden Füssen, schwarzen Händen und fertigen Gesichtszügen. Ich hatte in der Wartezeit in der Kirche Einige gefragt, warum ihnen die BAJADA (Abstieg der Jungfrau der Könige) so wichtig sei und woher sie kämen. Sie sagten, es sei ein grosses Gemeinschaftsfest, an dem alle teilnehmen, man sitzt mit der Familie zusammen und feiert die Jungfrau, zu der sie für Regen beten. Die meisten kamen aus Venezuela zu ihren Familien, die ausgewandert waren und wieder zurück auf die Insel zogen. El Hierro ist eine Insel mit hoher Migrationsfluktuaktion. El Hierro ist eine Insel, auf der die afrikanischen Flüchtlinge willkommen sind. Die Minderjährigen können hier bleiben, viele leben mittlerweile in Familien. Die neuen Eltern sagen, dass sie so herzlich seien, weil sie sich wünschen, dass, wenn ihre eigenen Kinder mal in Not gerieten und flüchten müssten, genau so herzlich aufgenommen würden. El Hierro nennt sich die Insel mit Seele. Ich erlebe täglich ihr grosses Herz.

    (L.N.)

  • Lajla’s summer books

    Sebastian Haffner: Abschied

    Ich kenne Sebastian Haffner von seinen historischen Büchern. Nun hat sein 86 jähriger Sohn ein Manuskript gefunden und veröffentlicht. Was für eine Freude. Es ist eine Liebeserzählung des jungen Vaters, Sebastian Haffner war da 24 Jahre und verliebt in Paris. Einige junge Deutsche treffen sich in Paris, studieren da und verlieben sich. Haffner kann also auch Liebesgeschichten schreiben. Ich habe das Buch an einem Tag ausgelesen. Haffner baut einen enormen Zeitdruck auf, der minutiös vor dem Abschiednehmen beschrieben wird und die Spannung erhöht. Diese jungen Leute, die zwischen den beiden grossen Kriegen geschildert werden, lebten uns vor, wie frei das Leben sein kann.

    Willi Winkler: Kissinger & Unseld. Die Freundschaft zweier Überlebender

    Auch in diesem Buch wird eine berühmte Person von einer anderen Seite beschrieben, die mir nicht bekannt war. Ich wusste nicht, dass Kissinger Professor in Harvard war und jedes Jahr ein Sommerseminar für Intellektuelle abhielt, besonders für Deutsche. In diesem Seminar sass auch Siegfried Unseld, der Nachfolger von Peter Suhrkamp. Es ist interessant zu lesen, wie sich Kissinger den deutschen Schriftstellern, Dichtern, Denkern gegenüber verhält. Er spricht nicht mit ihnen auf Deutsch, obwohl er in Fürth geboren wurde. Die jüngste Diskussion über Unseld, der Nazimitglied war, hat mich nicht sehr beeindruckt, ich verdanke diesem Mann die Hälfte meiner Bildung. Meine Bücherregale waren voll von den farbigen Taschenbüchern aus dem Suhrkamp Verlag. Wie Unseld zu diesem Geschäftsmodell kam, wird spannend in dem Buch dargestellt. Was ich nicht wusste, ist, dass es Hermann Hesse war, der ihn protegiert hat.

    Claudio Magris: Kreuz des Südens.

    Im Untertitel heisst es, dass es um unwahrscheinliche Geschichten geht. Ich habe als Studentin gerne Bücher von Ethnologen gelesen. Hans Peter Dürr / Traumzeit, Hubert Fichte / Palette oder Hans Jürgen Heinrichs /“ Fremd sind wir in der Fremde“. Jetzt habe ich dieses aussergewöhnliche Buch entdeckt und ein erstes Mal gelesen. Ich lese es noch einmal. Es hat solch einen Reichtum an Gelesenem, ich werde mir die Angaben herausschreiben. In dem Buch geht es um drei Helden, die ans Ende der Welt gehen, um ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben. Sie reisen nach Patagonien und Feuerland, legen neue geografische Grenzen fest, beschäftigen sich mit der Sprache und zeigen den Indigenen, wie man auch mit dem Leben umgehen kann. Sie riskieren bisweilen ihr Leben unter den widrigen Kämpfen, die dort stattfinden. Alle drei Helden haben gelebt. Claude Magris ist ein Meistererzähler.

    Ocean Vuong: Der Kaiser der Freude

    Auf Erden sind wir kurz grandios, diesen schönen Titel hat das erste Buch von Vuong. Ich habe es nicht zu Ende gelesen, es hat mehr und mehr mein Interesse verloren. Nun hat mir meine Buchhändlerin aus Freiburger Studienzeiten das neue Buch so sehr empfohlen, dass ich einen neuen Vuong Anlauf nehmen werde. Das dicke Buch wird mit an Bord sein. Ich mache eine dreitägige Schiffsreise hinüber an die Küste des Lichts. Im Hafen von Cadiz werde ich hoffentlich begeistert sein von diesem Buch.

  • Agharta (zum 50.)

    When I was younger, so much younger than today, I read a review in Jazzpodium in the year 1975, on Miles Davis‘s last work (along with Pangaea), from the era of his so-called „electric phase“ (1969-75). i even believe to remember that Ralph Quinke wrote that little „hymn“ on the double album „Agharta“ (normally Ralph was better known for taking photographs).

    Let‘s put it this way. 1975 was the year of „Another Green World“, and it was the year of „Agharta“. And some other masterpieces. I now translated Jack Milner‘s review from the August edition of UNCUT. Well, DeepL did it.

    I am still sinking deeper and deeper into my velvet sofa when listening to AGHARTA – and I cannot deny the fact, that levitation is close! You know like those yogi buddies pretended when surrendering to TM meditation with fucking high prices for personal mantras. Keep in mind: levitation only works with great music! (m.e.)


    1975 in der Osaka Festival Hall in Japan aufgenommen, ist Agharta nicht nur ein Konzertmitschnitt, sondern ein Dokument, das den Höhepunkt von Miles Davis‘ Karriere und das Ende einer Periode unvergleichlicher Erkundung markiert, in der die Grenzen des Jazz eingerissen und zu etwas völlig Neuem zusammengefügt wurden. Es ist in einem Zustand des Wandels, der sich in Ton und Textur verändert, aber immer in seinem ursprünglichen Puls verankert ist.

    Von In A Silent Way (1969) bis zur Auflösung der Gruppe im Jahr 1975 tanzte Davis mit dem Chaos und drängte den Jazz in dunkle, unerforschte Gebiete. Während er Grenzen sprengte, zerbrach er auch sich selbst. Der Druck der ständigen Weiterentwicklung, gepaart mit seinen Suchtproblemen und persönlichen Dämonen, zerstörte ihn fast. Als er sich 1975 zur Ruhe setzte, war er auf dem Höhepunkt seines unvergleichlichen Schaffens am Boden zerstört.

    Die Gruppe, die er hier zusammenstellte, ist ein Feuersturm des Egos: der Saxophonist Sonny Fortune, die Gitarristen Pete Cosey und Reggie Lucas, der Bassist Michael Henderson, der Schlagzeuger Al Foster und der Percussionist James Mtume. Gemeinsam schaffen sie einen dichten Teppich aus unerbittlichen Riffs und komplizierten Polyrhythmen, wobei sie traditionelle Jazzstrukturen zugunsten von Groove, Schwung und Kraft aufgeben. Das 30-minütige „Prelude“ ist der Anker des Albums und beschreibt eine Musik, die sich mit einem Bienenstock-Geist bewegt. Diese Abkehr von Melodie und Harmonie eröffnet der Band einen Raum, in dem sie erforschen, reagieren und einen lebendigen, sich ständig weiterentwickelnden Sound entwickeln kann. Die Musik rast mit unglaublicher Intensität dahin, schafft es aber irgendwie, die Zeit um sich herum zu verzerren. Sie saugt den Hörer in sich hinein wie ein schwarzes Loch, dicht und fast unfassbar schwer.

    Musiker, die mit Davis gearbeitet haben, sagten, dass er nichts sagen oder tun musste, um die Musik zu lenken, so spürbar war sein Charisma. Bei diesem Auftritt war Miles ein Agent des Chaos, der die Band mit kaum mehr als einer Kopfbewegung oder einer Handbewegung dirigierte. Fünfzig Pausen, manchmal ein Zucken, manchmal ein völliges Ausbleiben, unterbrechen die Musik wie Blitzschläge und lassen die Rhythmusgruppe zwischen Momenten unheimlicher Stille und Ausbrüchen brutaler Intensität hin und her springen.

    Es ist wohl die rohe Energie von Coseys Gitarre und der pulsierenden Rhythmusgruppe, die Agharta wirklich antreibt. In „Prelude“ explodiert der Gitarrist mit einer rasenden Wildheit. Nach der Auflösung der Band einige Wochen später verschwand Cosey weitgehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit und würde sicherlich nie die Höhen erreichen, die er hier erreicht. Er spielte, so scheint es, mit einer kreativen Intensität, die unmöglich aufrechtzuerhalten war.

    Agharta ist der Höhepunkt einer Reise, die fast 25 Jahre zuvor mit der Aufnahme von Birth Of The Cool begann. Obwohl es schwierig ist, sich zwei äußerlich polarisiertere Aufnahmen vorzustellen, sind beide wunderbar klare Manifestationen des Bewusstseins ihres Schöpfers und bilden den Abschluss der vielleicht größten kreativen Reise in der Kunst des 20. jahrhunderts.

    (written by Jack Milner, Uncut, August 2025) 

  • Suddenly I feel

    Wenn man am Ende der Welt lebt und noch den Luxus eines Postboten hat und wenn der dann zweimal klingelt und ein Päckchen abliefert, dann ist man zuhause. Heute kam LUMINAL an, Absender – guess.

    Das Cover hat den warmen Gelbton, das Hierro luz. Die ganze CD ist wie auf El Hierro produziert. Die Texte, die Klänge und die Enden der Stücke, die wie die Fussabdrücke in der neuen Welle verschwinden.

    My lovely days (HIER!) wurde ja auch hier auf flowy schon viel gelobt. Aber wenn man es hier anhört und auf die Tiefe der Welt sieht und der Musik folgt, die einen in die glücklichsten Tage seines Lebens versetzen kann, dann ist man einfach nur glücklich. Der Song wird für die gestern neubegonnene zweite Jahreshälfte mein warming in/inside Hit sein. Und es wird immer so sein: suddenly I feel….so fine.

    (L.N.)

  • Don’t Forget To Dance

    „No, no, don’t forget to smile.“ Es ist das Lächeln, das hier auf der Insel etwas rar ist. Eine Woche Thailand wäre ein prima Update diesbezüglich.

    Nun gab es zu meiner grossen Freude als Tanzfan eine dreitägige MOVE Veranstaltung. Die besten Tänzer trafen sich auf El Hierro. Natürlich bin ich als Düsseldorferin von Martin Schläpfer verwöhnt worden. Natürlich ist die fein ausgesuchte Begleitmusik hier nicht erwartbar. Aber, um es vorwegzunehmen, das Festival hatte Augenblicke von seiner Qualität. Mich hat zum Beispiel bei dem ersten Auftritt die Musik so gepackt, dass ich gleich zum Mischpult ging, um zu fragen, ob die Musik von David Sylvain sei. Fast. Der wunderbare Song I FOLLOW RIVERS ist von Silvain Chauveaux. Die Musik rettet das Tanzstück „Von Blütenblatt zu Blütenblatt“.

    Wie wichtig bzw. attraktiv Requisiten sein sollten, zeigte sich bei diesem Tänzer, Daniel Morales. Eine alte Tasche, gefüllt mit Rosenblättern, reicht nicht aus. Noch augenscheinlicher fiel mir das bei Carmen Marias auf, die mit einem 50er Jahre-Outfit und einem alten Garderobenständer nicht glänzte, aber durchaus eine gute Choreografie zeigte und dein Spannungsbogen von Rückzug und Bühne gut darstellte.

    Ganz ohne Requisiten kam die ELELEI Kompanie aus. Mit ihrer lockeren entspannten Art interagierte die Tänzerin von Anbeginn mit dem Publikum. Habt Ihr Robert gesehen, fragte sie und wann. Durch diese Interaktion, die natürlich nur auf solch einem Platz, der grosse Nähe zum Publikum erlaubt, gewann sie sofort meine Aufmerksamkeit. Der Plot ist schnell erzählt. Es geht ums Verlassenwerden, um grosses Leid, das bis zum Erblinden führt. Sie braucht Hilfe, ihr Tanzpartner führt sie bravourös durch die Wirrnis der Welt. Das Stück heisst: BLINDLINGS. Robert, sagt die Tänzerin zuletzt, nach dieser hervorragenden und risikoreichen Performance. Jeder falsche Schritt hätte auf diesem harten Boden Frakturen mitsichgebracht. Die laute Trommelmusik, der dräuende Himmel über dem Tanzplatz vor der schönen Kirche unserer Hauptstadt, all brachte zusätzlich eine dramatische Wucht in die grossartige Vorstellung. Für mich war es die beste Tanzperformance seit langem. Nur eine Handvoll Zuschauer hatten das Glück, diese talentierten Tänzer mitzuerleben. ELELEI. Great.

    Auch die nächste Gruppe DANZA TTACK hatte Glück mit dem Wetter, das für eine düstere unheilvolle Atmosphäre sorgte. Gestalten in gummiartigen Anzügen kriechen von ausserhalb des Platzes bei lauter Wassermusik ins Zentrum des Geschehens. An diesem Abend waren wir zehn Zuschauer. Die beiden Tänzer, ein Pärchen, versuchen alles, um sich einander zu nähern. Ihr Tanz ist hart, aggressiv, aber sie erreichen die optimale Harmonie am Ende. Das war ein schweres Stück Arbeit, wie im richtigen Leben. Die Ächzlaute aus den Speakern überhöhten diese Schweissarbeit.

    Ein ganz anderes Thema zeigten die beiden Ukrainerinnen am letzten Tanzabend. Sie waren von der Gemeinde eingeladen worden, wie sie mir erzählten. Wegen des Kriegs in der Ukraine leben sie in Polen, dort arbeiten sie als Tanzlehrerinnen und natürlich als Tänzerinnen. Sie treten häufig im TV auf. Hier durften sie in der Kirche tanzen. Ich fragte sie, ob sie Pussy Riots kennen würden, die seien ja auch in Moskau in der Kirche aufgetreten. Sie sagten, sie kennen die nicht oder besser gesagt, sie gaben vor, sie nicht zu kenne, – über Feinde spricht man nicht. Mir hat an ihrer Performance besonders gefallen, dass sie ein aktuelles Thema CHATJPT in ihre Choreografie einbauen.

    Die beiden Frauen in feinen Bodys, schwarzen Shorts und schwarzen Seidenkniestrümpfen mit streng gescheiteltem Haar hinter dem Kopf a la Pina Bausch bewegen sich zwar wie Robots, das Weibliche beherrscht aber den Maschinenraum. Zunächst ist ihr Tanz aggressiv, sie schlagen sich, zerschlagen sich, um sich dann wieder zusammenzusetzen. Und diese Umkehrung „Roboter setzt den Menschen wieder zusammen“, ist ihnen sehr gut gelungen. Den Übergang von KI zum Gefühl zeigen sie in der Stagnation des Parallelltanzes. Am Schluss stehen sie engumschlungen und verhalten, erinnert an den gemalten Kuss von Picasso. Und dann lösen sie sich, kommen zu uns und umarmen jeden Einzelnen. Getanzt wurde auf dem Marktplatz . Die Marktfrauen kommen mit Schalen voller Früchte zu den Ukrainerinnen, der Kartoffelbauer, der die Silbiosprache beherrscht, pfeift ihnen einen Willkommensgruss. Besser geht Performance nicht. (L. N.)