• Monthly Revelations (September)

    Es liegt nun die Jubiläumsausgabe vor eines Triumphs von John Prine im mittleren Alter. 1991 feierte er nach langer Abwesenheit ein erfolgreiches Comeback, als er sich an Tom Pettys Sideman Howie Epstein wandte, um „The Missing Years“ zu produzieren. Mit Benmont Tench von den Heartbreakers an Bord gewann das Album einen Grammy, und vier Jahre später tat sich das Trio erneut zusammen, diesmal mit Marianne Faithfull als Backgroundsängerin, um „Lost Dogs + Mixed Blessings“ aufzunehmen. Angeführt von dem teilweise gesprochenen „Lake Marie“, das Dylan als seinen Lieblingsmoment von Prine bezeichnete, sind Songs wie „Ain’t Hurtin’ Nobody“, „Quit Hollerin’ At Me” und „Big Fat Love” vielleicht etwas ausgefeilter als seine üblichen Nummern, aber die Wärme, der Witz, der Humor und die Menschlichkeit, die sein Markenzeichen waren, sind hier in Hülle und Fülle vorhanden auf einem Album, das zusammen mit „The Missing Years” zu den Höhepunkten seiner Karriere zählt. Soweit diese kleine Abschweifung zu unserer Buchempfehlung des Monats. Alle weiteren Empfehlungen finden sich in unseren „marginalen Kolumnen“! Schönes Stöbern!

  • The story behind „Music For Films“


    THE STORY

    In jenem legendären, einsamen Sommer (oder war es schon Herbst), in dem „Music For Films“ erschien, lebte ich in einer leergeräumten Wohnung, in der die Schatten einer alten Liebe noch an der Wand tanzten. Allmonatlich kaufte ich die „Sounds“, die beste Musikzeitschrift der alten Bundesrepublik. Ich stöberte durch die jüngste Ausgabe, als mein Blick auf eine kleine Werbung der Firma Polydor fiel: „Der Mann im Hintergrund“, war da zu lesen, so flüstert es mir meine Erinnerung ein, ein monochromes graues Cover war abgebildet – Music for Films wurde mit kalkuliertem Understatement verkündet. Sofort bestellte ich die Platte bei einem meiner zwei Dealer, in Unterlüss. Der andere Postversand war Jazz by Post in der Gleichmannstrasse 10 in Pasing, von dort kamen mir über Jahre u. a. viele ECM-Neuheiten ins Haus, die Schatztruhe der 70er Jahre war weit geöffnet. Unterlüss war für die Rockmusik und ihre Ränder zuständig. Zwei, drei Tage später hielt ich Music for Films in Händen. Und hörte sie zum ersten Mal.

    Ich habe diese Platte mit ihren flüchtigen und mich auf jede Flucht mitnehmenden Skizzen, ihren vollkommenen Unfertigkeiten, ihren Sehnsuchts- und Angst- und Traumstoffen seither unendlich oft gehört, bewusst, unbewusst, im Hintergrund, im Seitengrund, Im Vordergrund. Beim Wandern (mit Knopf im Ohr), beim Schreiben, beim Einschlafen, Wachwerden, in der Fremde. Und als Alternative für „die Zigarette danach“. Beim ersten Hören wusste ich damals schon, 1978, dass diese Musik lebensbegleitend sein würde. Sie wurde rasch auch eine Medizin, sie half mir, mit den nackten Schatten an der leeren Wand zu tanzen, statt sie zu verscheuchen.

    Und als damals ein Riese mich aus dem Bett und meiner Wohnung im 7. Stock schleudern wollte, ich meinen Geist vergeblich mit Kakao zu beruhigen suchte, der Alptraum aber wiederkehrte, und ich mir einen heißen Grog machte mit dem guten alten Pott, mit dem Auto auf einen großen leeren Acker in der Nähe von Würzburg fuhr, dort den Sonnenaufgang erlebte und  meine einzige tief anrührende Begegnung mit einer Kantate von Bach aus dem schräpigen Autoradio hatte, und hernach in die Alpdruckwohnung heimkehrte, legte ich Music for Films auf, und erlebte, wie sich die vollkommen irrationalen Glücksgefühle, die sich schon auf dem kühlen Morgenacker aufgetaucht waren, weiter ausbreiteten, und ich mich gar freute auf die nächste Begegnung mit dem Riesen.

    (Wer ganz oben auf „The Story“ klickt, hört, was Brian Eno mir vor ein paar Jahren über „Music For Films“ erzählte, und wie eng die Musik mit den Aufnahmesessions von „Another Green World“ verknüpft war. Es ist ein Fakt, dass kein Album öfter in den Klanghorizonten von mir in all den Nächten zwischen 1990 und 2021 gespielt wurde als diese beiden. Es ist ein Fakt, dass ich in meinem Leben kein Album öfter gehört als diese beiden.)

    „The passage of time
    Is flicking dimly up on the screen
    I can’t see the lines
    I used to think i could read between
    Perhaps my brains have turned to sand“

  • Iskra

    I first heard Olga Anna Markowska’s pieces this spring at mi-so, which is a small store and exhibition space that Erik Skodvin of miasmah recordings and his partner Monique Recknagel of the label sonic pieces started a few years ago here in Schöneberg where I have been living for the past 20 years. More recently they have been inviting friends and other musicians they find interesting to perform in their store for an audience of around 15 people.

    Erik, or miasmah, now released Olga’s debut album, Iskra, which has a great record cover that doesn’t give away anything. The image is a photo by Olga, transformed into a kind of dream image by Erik who worked as a graphic designer for many years, designing also a huge amount of surreal album covers.

    The concert was really fascinating, creating a unique atmosphere, and I could see everyone in the audience being very intrigued and moved by the sounds and energy Olga created with those instruments she brought. While she is first of all a cello player, then a visual artist working with photography and installations, she also uses some additional electronics, and she also bought a kind of zither on a flea market and then taught herself to play it – so it now takes a central role in the unique sound world of her album, opening up a kind of timeless, placeless kind of music. Her sound feels somewhere in a dreamlike, elusive space between acoustic and electronic.

    It is very exciting to see how her music relates to her visual work, and it’s been quite inspiring to visit her website and wander through the photographic and installation works she documents there. For example, Iskra seems to communicate really well with the Borderland or 6 Years projects, maybe also some parts of Map of the Memory, all of which you can find on her website. I think Olga’s work invites us into a very personal sphere, and – even though she doesn’t show herself – we are trying to figure out where we can find her in there, and then also ourselves. I am also quite intrigued by how the work draws from specific places and then draws me towards them. 

    When I talked to Olga, she explained how she worked and lived with the music on this album for quite many years, and through different (even difficult) times of her life, including moving though different periods of her life, …moving from one Polish city to another and also to some residencies in other European countries. I quite loved how she struggled to categorize her music into a genre or style, and the influences or inspirations she mentioned can also be misleading when people cannot hear the music. I am listening to an album by Evgueni Galperine at this moment, Theory of Becoming, which to me feels grounded in a somewhat similar intangible sound world between electronic and acoustic (at least the LP’s A-side), between ancient and avant-garde, between eastern and western sensibility. Some people may think there’s not much to hear there, but then, when you let yourself fall into it, it opens up huge spaces.

    ijb

  • Sirāt


    Ein Freund sagte vor längerer Zeit einmal, es sei total offensichtlich, meine Filme erzählten immer vom Aufbrechen von Grenzen. Ich bin mir nicht so ganz sicher, wie Recht er damit hat, aber mir gefällt diese thematische Quersumme sehr gut; ich kann mich darin wiederfinden bzw. fühle mich davon angesprochen. Und wenn ich dran denke, nehme ich das auch als konkreten Abstoß für meine inhaltliche Arbeit an Projekten. Sehr fasziniert bin ich bspw. von unterschiedlichsten geografischen Grenzgebieten und nehme sie gerne als Anstoß für Reisen und Recherchen und Fotografien. Und entsprechend ziehen mich im Kino Filme an, die das Thema Grenzen auf die unterschiedlichsten Weisen aufgreifen. 

    „Sirāt“ wurde beim Filmfestival in Cannes vor zwei Monaten mit großer Begeisterung aufgenommen und hat bei vielen Menschen Eindruck hinterlassen, wurde entsprechend auch als einer der zwei oder drei Favoriten auf die Goldene Palme gehandelt. („In jedem Jahr gibt es mindestens einen Film, der das Festival in Cannes durchschüttelt und auf den Kopf stellt. 2025 war das […] ohne Frage „Sirāt“ von Óliver Laxe.“ beginnt Joachim Kurz eine von zahlreichen 5-Sterne-Besprechungen.) Die Palme ging letztlich an den geschätzten Iraner Jafar Panahi, der seit vielen Jahren trotz enormer Repressalien einfach weiter macht, von seiner Heimat zu erzählen – wieder und wieder wurde er von seinem Heimatland am Filmemachen gehindert, eingesperrt, mit Ausreiseverboten belegt. Aber „Sirāt“, der immerhin mit dem Preis der Jury nach Hause ging, fand in meinem Umfeld größeren Wiederhall. In meinem Facebook-Thread z.B. überboten sich die Leute gegenseitig mit der Aussage, dass dies für sie der beste, eindrücklichste, nachhaltigste und intensivste Filme in Cannes gewesen sei.

    Zusätzlich neugierig wurde ich, weil Kangding Ray, ein von mir seit vielen Jahren sehr geschätzter Musiker, der u.a. viele Alben bei Raster/Notonveröffentlicht hat, die einen sehr eigenen Sound haben, in sozialen Medien auch auf den Film hinwies. Denn der Franzose (bürgerlich heißt er David Letellier), seit vielen Jahren in Berlin lebend, hat die Filmmusik gemacht. Passenderweise gab es gerade in Berlin eine Voraufführung bzw. Premiere mit Präsenz und Publikumsgespräch mit „Kangding Ray“ und Regisseur Óliver Laxe — ein Franzose, der 12 Jahre in Marokko lebte, wo er einige Filme gedreht hat; vier seiner Spielfilme wurden bereits in Cannes gezeigt, mehrere Preise erhielt er dort, mit „Sirāt“ zum ersten Mal im Wettbewerb.

    „Sirāt“ ist einer dieser Filme, die einen recht gut erwischen, wenn man die Handlung nicht kennt – wenn man es vorab vermeidet, Inhaltsangaben zu lesen. Die Handlung ist ohnehin recht schnell zusammengefasst. Manche Kritiken zogen Parallelen zu „Mad Max“, speziell dem beliebten „Fury Road“; ganz so hysterisch und exzessiv ist der dann auch wieder nicht; aber wenn man andere Orientierungspunkt wie Clouzots Klassiker „Lohn der Angst“ oder Friedkins „Sorcerer“ (bei dem die Tangerine-Dream-Musik an die Filmmusik von Kangding Ray erinnern soll) mit einrechnet, kommt man schon in eine gute Richtung. Auch „The Searchers“ und „Zabriskie Point“ sowie Apichatpong Weerasethakul wurden als Vergleiche herangezogen. Diese an sich unvereinbaren Filmverweise finde ich wiederum enorm spannend, denn einen Film aus der Quersumme dieser vier ergibt gewissermaßen keinen Sinn. Schon früher wurde Laxes Schaffen mit Werner-Herzog-Filmen verglichen. Mir würden auch noch ein paar weitere einfallen. 

    „Sirāt“, ein vollkommen einzigartiger Film, spielt in der marokkanischen Wüste und erzählt von Grenzen aller Art. Es geht auch um Politik, Kapitalismus, um die Rave-Kultur und um Utopien, und es geht um die Geschichte eines Vaters und der Beziehung zu seiner Tochter, doch bleibt es wie gesagt bei einer sehr einfachen Geschichte, die Óliver Laxe auf manchmal überraschend kantige Weise erzählt. Auch die Genregrenzen sind fließend — mit enorm energetischer Techno-Musik starten wir auf einem illegalen Rave in der Wüste, und bald wird es auch eine Art post-apokalyptisches Roadmovie, mit meditativen Passagen und aufreibenden Trips an verschiedene Grenzen. Hauptdarsteller Sergi López ist zwar ein bekannter Schauspieler, geht aber geradezu dokumentarisch in diesem Werk auf, ebenso wie wir um ihn herum viele vom Leben gezeichnete Personen erleben, mit „Laien“ besetzt und aus der realen Rave-Szene – und alles passt enorm gut zusammen, darf aber auch mal alberne Momente haben. Auch wenn die Handlung sehr eindringlich ist und kaum vorherzusehen, womit man konfrontiert werden wird, erzählt „Sirāt“ nicht auf eine gewöhnliche psychologische Weise – vielmehr öffnet sich ein Erfahrungsraum, in dem wir als Zuschauer eine tiefe Erfahrung mit den Figuren und ihrem Trip an die Grenzen machen. In jedem Fall ist es durch und durch ein Film, wie ich mir gewünscht hätte, ihn gedreht zu haben.

    ijb

    Deutscher Kinostart: 14. August 

  • Dortmund, Alter Markt 1973

    „All across the nation
    Such a strange vibration
    People in motion
    There’s a whole generation
    With a new explanation
    People in motion
    People in motion“

    Vor Stunden war ich genau an dieser Stelle, wo ein paar Klassenkameraden und ich (rechts) once upon a time ein paar Schalen Pommes verzehrten. Neben mir, in der Mitte, Wolfgang Vogel (RIP), sowie Michael Hoell, mit dem ich noch vor Jahren Shakespeares Sonnet 18 unisono zum Besten gab. Vorhin war dieser Ort fast menschenleer, bevölkert von 300 und mehr bereitgestellten Caféhausstühlen, an einem Tag, an das summer feeling und Menschen sowieso auf sich warten liessen. Als ich damals nach Hause ging, legte ich vielleicht SART von Jan Garbarek auf, oder BREMEN / LAUSANNE von Keith Jarrett, oder LORD OF THE RINGS von Bo Hansson. Vielleicht aber auch das umwerfende THICK AS A BRICK von Jethro Tull. Das gehörte alles zu meinem „horizon kit“. Wappnung und Durchlässigkeit. Später in dem Jahr sah ich mein erstes „ECM-Konzert“ in der Musikaula von Unna, „The New Quartet“ von Gary Burton. Danke, Horst, für die rasche Zusendung der Fotos. Meine sentimentale Ader brauchte in dem Augenblick ein paar alte unscharfe Fotos und einen alten Jukeboxsong (so etwas hilft gegen Gespenstergeschichten.)

  • 31:31 – the deep kind of smooth


    Annette Peacock / vocals, keyboards, synthesizer, programming, arrangements, producing With: Mano Ventura / acoustic guitar /Lol Ford / electric guitar / Duncan Lamont / saxophone / Larry Moses / trumpet / Michael Mondesir / bass / Simon Price / drums / Carlos Valdez / percussion / Avalon Peacock / backing vocals

    Als ich mir einst dieses Album bei Frau Peacock bestellte, kam es zeitig an mit einem freundlichen Gruss und verschwand dann viel zu lang in meinem seltsam ungeordneten Archiv. In der Erinnerung hielt ich es später für eine Neuauflage ihres Klassikers „I‘m The One“. Irrtum. Und jetzt hörte ich es zum ersten Mal, und weil ich meinen Ohren nicht traute, ein zweites Mal. Im Garten, unter Kopfhörern, spät abends. Der gelbe Mond verhinderte, dass ich am wolkenkosen Himmel die Sternschnuppen sah – in Arles oder den Highlands oder auf Pellworm wäre das ein Kinderspiel gewesen Aber diese Musik ihres Albums von 2005 vérsöhnte mich mit dem Ausbleiben des Himmelsspektakels. Es ist, wenngleich raffinierter in der Produktion als das erste Hören suggeriert, Annettes leichtestes Album, unendlich lässige „Barmusik“ (und so viel mehr) von einsamer Klasse. Leicht kann man das sog. Leichte für leichtgewichtig halten, aber es ist in diesem Falle wundervoll. Seltsam „sophisticated“. Beim zweiten Hören merkt man, dass selbst diese „easy breezy background band“ ziemlich ausgefuchst ist und Annette manche Überraschung in den Arrangements bereithält. Im Netzt findet sich keine einzige aussagekräftige Besprechung des Albums.


    Frau Peacock, einst von legendärer Schönheit (auch Timothy Leary umwarb sie, vergebens), kommt mir hier viel näher, als es mir in meinem Gespräch mit ihr über das zauberhafte „The Acrobat‘s Heart“ gelang. Bei Discogs ist „31:31“ günstig zu bekommen für 150 Euro. Bei jpc gibt es „The Acrobat’s Heart“ als Doppel-Lp (im Rahmen der „ECM-Luminessence“-Reihe) derzeit für 39,90 Euro. Fantastische Pressung. (m.e.)

  • Joe und Jan


    JOE MEEK
    Ein Portrait von Jan Reetze

    Hardcover, 312 Seiten

    Pop, Beat, Rock’n’Roll, Sound-Experimente: Die Geschichte des innovativsten Hitmachers der Sechziger Jahre.

    Die erste Joe-Meek-Biografie in deutscher Sprache erscheint im September 2025. 

  • Monthly Revelations (August)


    album: Olga Anna Markowska: Iskra // film: Sirāt // prose: Brian Anderson: Loud And Clear // talk: Beatie Wolfe (third month in a row) // radio: Ein älteres John Taylor-Portrait // binge: „Robert Lemke – Wer bin ich?“ // archive: Brian Eno: Another Green World (50th anniversary)

    Die „revelations“ des Monats August sind von beachtlicher Verschiedenheit. Das von Ingo präsentierte Albim gibt es anscheinend schon länger in diesem Jahr, aber wir betreiben keine Fetischisierumg des Neuen, und warten gerne auf perfekte Zeitpunkte. Wie ich bei dem „Arcanum“-Album von ECM. Klar, wir entdecken manches erst im nachhinein. Das seltsamste Miteinander hier sind Robert Lemke und Brian Eno – aber, bitteschön, beide hatten in den Siebziger Jahren ihre Hoch-Zeit, Robert Lemke war etwas früher dran. Und auch die legendäre Quizshow öffnete Welten, trotz aller inszenierten Gemütlichkeit (was machte die Schönte des Rateteams auf einmal in einem Italo-Western in dem Armen von Clint Eastwood!?) Neben „Einer wird gewinnen“ meine Lieblingsrateshow aus Kinderzeiten. Und später kluge Dokus zu sehen über die Akteure, wie Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und jetzt Robert Lemke ist und war, für viele eine spannende Zeitreise. (m.e.)

  • Cádiz y Paco de Lucia calling

    Was für ein Gefühl, ein Stück Autobahn unter sich zu wissen. LKWs, PKWs, Camper und Motorräder stehen dicht aneinander auf Deck 4 und 5 der grossen ARMAS Fähre von Teneriffa nach Cádiz. Achtundfünfzig Stunden an Bord, vorbei an den magisch im Dunst liegenden Kanareninseln, die letzte, Lanzarote, wird um Mitternacht angelaufen, danach sind es noch sechsunddreissig Stunden auf offenem, ruhigem Ozean bis nach Cádiz. Ohne Netz.

    Ich hatte das Buch von Ocean Vuong nicht mitgenommen, es wiegt zu viel, dafür einige Tageszeitungen und den SPIEGEL. So eine Überfahrt ist lang, umso grösser die Vorfreude auf das Ankommen im fremden Hafen. Cádiz empfängt uns mit flirrendem hellen Licht, fatamorganisch liegt die Stadt mit der grossen Kathedrale am Meer.Der Himmel und das Wasser: ocean blue.

    Voilà, wir sind an der Küste des Lichts. Alles ist fussläufig vom Hafen aus zu erreichen, ich befinde mich schon in der Altstadt mit ihren sehr engen Gassen, die kaum einen Sonnenstrahl durchlassen. Jeden Morgen werden die Strassen und Plätze mit Wasser besprenkelt, das ergibt diese Frische, die, neben dem leichten Atlantikwind, das Flanieren so angenehm macht. Hundebesitzer halten eine Wasserflasche bereit, um die Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge wegzusäubern.

    In der lebendigen autofreien Altstadt herrscht eine Eleganz aufgrund der wunderbar erhaltenen hohen Gebäude im postkolonialen Stil: viele Fenster, viele Holzbalkone. Ich entdecke sieben Buchläden, teilweise mit hübschen Cafés und sehr leckeren sweeties. Ich entdecke ein grosses Kulturhaus, wo am Abend eine junge Flamencosängerin aus Madrid auftritt.

    Ich besuche das eintrittsfreie Kontert, das auf einer Hochterrasse stattfindet mit herrlichem Blick über die beeindruckende Insellage der Stadt. Ich war nie vom Flamenco begeistert, weder vom Tanz noch vom Gesang. Joachim Berendt ist es einst nicht gelungen, den Jazz mit dem Flamenco zu fusionieren. Das gelang dem grossen Künstler an der Gitarre, der nicht weit von Cádiz geboren wurde.

    PACO DE LUCIA

    Paco encanta al que no sabe y vuelve loco
    al que sabe

    Paco nannte sich de Lucia nach dem Vornamen seiner portugiesischen Mutter Luzia. Mt seinem ständigen musikalischen Partner Cameron de la Isla verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Ein Kinderbuch zeugt von dieser Verbundenheit. Dort lese ich, wie der kleine Junge Camerón zum Mond, der Paco heisst, hinaufruft: „wir müssen singen, viel singen, damit die ganze Welt uns hört.“

    Paco war weltweit unterwegs. Er spielte mit Al Di Meola (Land of the Midnight Sun), John Mc Laughlin (Friday Night in San Francisco 1982, Carlos Santana, Bob Marley, Paul Simon und vielen anderen. Und diese Fusion gefällt mir sehr gut. Auf seinem letzten Album CANCIÓN ANDALUZA steht:

    Si hay que navegar
    que me lleve la marea
    primito, donde me quiera llevar.

    2014 ist er in Cancun/ Mexiko gestorben. Beerdigt ist er in Algeciras, wo er geboren wurde. Echte Fans reisen dorthin, es gibt seit einem Jahr das „Casa Paco de Lucia“ – auch wegen der aussergewöhnlichen Landschaft an der Strasse von Gibraltar lohnt sich eine Reise dorthin.

    Zu jedem Aufbrechen ins Offene gehört das Kennenlernen von neuen Menschen in der Fremde. Auf der Hinfahrt wurde ich auf Deck 7 von Marokkanern zum Tee eingeladen. Sie reisten weiter mit der nächsten Fähre nach Tanger. An dem Flamencoabend habe ich eine iranische Filmemacherin kennengelernt, die mit ihren aussergewöhnlichen Themen viele Preise gewonnen hat (für Martina hier ihr Name Yassamin Malek Asr). Auf der Rückreise lernte ich eine liebenswerte Familie aus Madrid kennen, die ihren Hund in Cádiz operieren liessen und jetzt Ferien auf Lanzarote machen. Für Michael.

    L.N.