• Michelle und der alte Friseur

    in dear memory of Margarete Scheibelhut, my first Michelle from a distance

    Papa konnte es nicht gut aushalten, wie sein Sohn sich eine Mähne wachsen liess. Wir schreiben das Jahr 1965, 1966. Die Zahl meiner Singles war überschaubar, früh hatte ich die Freude des Radiohörens entdeckt, oft unter der Bettdecke, bis ich nach Luft schnappen musste. Europawelle Saar, Radio Luxemburg, vielleicht auch Piratensender. Immer wieder hörte ich Nowhere Man (das haute mich jedesmal um!) oder Michelle von den Beatles im Radio, und bis heute singe ich manchmal von Michelle die gleichen Zeilen vor mich hin, das Kauderwelsch von englisch und französisch, wie ich es verstand. Wahrscheinlich singe ich diese zwei, drei Zeilen seit über einem halben Jahrhundert falsch, aber das macht nichts, eine Brücke aus Kindertagen.

    Da ich bis 1970 nur ein Beatles-Album wie wahnsinnig gehört hatte, Sgt. Pepper (bald kamen das rote und das blaue Doppelalbum, perfekte compilations) hatte ich Rubber Soul und seine Wucht damals, im Herbst 1965, gar nicht so mitbekommen. Wie die Kinks lieferten mir die Beatles Seelen- und Körpernahrung im Wochenrhythmus ihrer genialen Songs und Singles. Meine erste Matte bekämpfte mein Vater mit Geld: 20 Mark, wenn ich zum Friseur gehe. Von dem Geld konnte ich vier Singles kaufen und ein Eis in meiner Lieblingseisdiele in Dortmund-Hombruch.

    Der alte Friseur schnitt mir die Haare aber wirklich arg kurz, platzierte einen Seitenscheitel. Wie doof sah das denn aus! Und dann grinste ich, denn aus seinem Radio kam plötzlich die „Hottentottenmusik“ der Beatles, und natürlich Michelle. Kein Ort, wo meine Bands nicht den Raum eroberten. Das war das letzte Mal, dass ich so einen Handel machte. Alsbald gab es zwei Kultfriseure, die sich auf Hippiefrisuren verstanden („lang, aber gepflegt“). Die machten im Laden eine schöne Show wie Meister Wittke, oder sie verrichteten still und leise ihr Handwerk. Viel später hörte ich erst „Rubber Soul“, in meinen Studentenjahren, mono oder in Ping-Pong-Stereo.

    Aber nie hörte ich das Album mit solcher Klarheit, solcher Transparenz, solchem Punch, und so gloriosem Stereo wie jetzt am Wochenende, in dieser atemraubend-neuen Mischung. Da ist es tatsächlich so, dass ich hier einige Dinge und Klänge zum ersten Mal höre, und das hat etwas, als würde man einem alten Zauber beiwohnen, der unverhofft das eine und andere Unerhörte aus dem Hut zaubert. Obwohl: kein Remaster, kein Remix, keine Deluxe-Kiste, keine nie gehörten Takes können nur annähend an die frühen Jahre, die ersten Male, heranreichen. The first mix is the deepest! Dennoch, diese neue Stereo-Darbietung ist verblüffend, und mir eine grosse Freude! Als „Standard Edition“ erhältlich, mit oder ohne zwanzigseitiges Booklet!

    (Michael)

  • INSULARIA 26

    INSULARIA 26 ist ein internationales Filmfest, das Werke zeigt, die auf den weltweiten Inseln gedreht wurden.

    Gestern startete das jährliche Filmfestival, das in diesem Jahr zu meiner Freude GRÖNLAND zum Schwerpunkt hat. Zunächst liefen sechs Kurzfilme, von denen ich zwei detaillierter beschreiben werde.

    I am a rock
    I am an island

    BIVALVA wurde 2022 auf der chilenischen Vulkaninsel Calbuco gedreht. Regie führte Gabriel Montiel. La historia se escribe de noche wurde 2024 auf Kuba gedreht. Regie führte Alejandro Alonso. Bondy Boy wurde 2025 in Australien gedreht. Regie führte Rhavin Banda. PA wurde 2025 auf Menorca gedreht. Regie führte Maria Besora.

    Diese vier Kurzfilme haben sozialkritische Themen zum Inhalt: eine Fabrikarbeiterin wird von ihrem Chef vergewaltigt, eine Mutter erzählt über ihre schlimmen Visionen, ein indischstämmiger Schüler leidet unter rassistischen Vorwürfen seiner Mitschüler, eine Bäckerin will Sängerin werden.

    And a rock feels no pain
    And an island never cries

    YOU LAND wurde 2023 in Schottland gedreht. Regie führte Debora Maité.

    Diese tragikomische Parabel zeigt eine junge Bäuerin, die sich um ihre alte depressive Mutter kümmert.Ich halte diesen Film für aktuell und wichtig. Er zeigt, wie sich Medien gegenüber Menschen verhalten. Die alte Mutter liegt einsam vor dem Fernseher und spricht mit ihm. Die Tochter zieht sich in ihr Handy zurück und glaubt durch die digitale Welt lebendig zu sein. Wenn es zum persönlichen Gegenüber kommt, lachen die Frauen zusammen, streicheln sich und suchen die Nähe im gemeinsamen Bett. Der Film tröstet insofern, weil er zeigt, dass weder das altmodische Fernsehen noch das moderne Internet das Lachen oder das Berühren der Haut ersetzen können.

    DODO wurde 2025 auf Réunion gedreht. Regie führte Lorris Coulon.

    Ich fand diesen Kurzfilm lustig und wichtig. A must see at schools. Zwei ökobewusste Schüler stellen in ihrer Schulabschlussarbeit in einem Kurzfilm das Verschwinden von dem Vogel DODO vor. Ihre chaotische Suche führt sie tief in eine Vulkanlandschaft, wo sie tatsächlich ein grosses Dodoei finden. Sie wollen den ausgestorbenen Vogel zu neuem Leben erwecken.

    Anmerkung: Der Dodo war ein Vogel, der nicht fliegen konnte. Seefahrer fingen sie, um sie als Nahrung mit auf ihren Schiffen zu halten. Zu ihrer Ausrottung führte aber auch — nein, nicht der Klimawandel — wir befinden uns am des Ende 17.Jhdts. , sondern der Mensch! Die von den Seefahrern mitgebrachten Haustiere, Schweine, Hunde, Katzen… frassen die auf dem Boden liegenden Eier und die Jungtiere. Das führte zur Ausrottung dieser besonderen Vögel.

    Die beiden Filme über Grönland werden kommendes Wochenende gezeigt. Ich berichte..

    (Lajla Nizinski)

  • „Stories From The Nerve Bible“

    Schon ein spezielles Gefühl, seiner alten jungen Stimme zu begegnen, wie hier: mit einem Klick auf die „Portrait-Zeile“ wird man zu meinem Gespräch mit Laurie Anderson und allerlei Stories (u.a. aus dem New York der Reagan-Jahre in den Achziger) entführt. Der aktuelle Anlass war ihr gerade zur Veröffentlchung anstehendes Album „Bright Red“. Ich hörte daraus erstmals einen „rhythm track“ in Brian Enos altem Studio in Kilburn, als ich ihn, noch vor der Internet-Zeit (bevor es jedenfalls richtig losging) besuchte, um 1993, an einem tropischen Tag in London, über sein Album „Neroli“ zu sprechen. Der einige berufliche Anlass der Reise. Im Sommer darauf hatte ich eine gute alte Promo-Kassette im Urlaub in der Toskana dabei, von „Bright Red“, und bald traf ich Laurie in Köln.

    „A portrait of Laurie Anderson anno 1994“

    Icn sah sie drei-, oder viermal live, unvergessen ihre Konzerte in der Essener „Lichtburg“ und in der Philharmonie in Köln, beiden in den 1990er Jahren! Später traf ich sie in Kristiansand bei eiinem Punktfestival wieder. Schon damals waren und blieben meine Lieblingsplatten von ihr „Big Science“, „Mister Heartbreak“ und eben „Bright Red“. Ihre Stories im Interview lockten auf interessante Abwege. Meine Erinnerung an ihre Nepalreise führte dazu, diese Sendung ausgraben zu lassen, damit ich sie in meiner Abschiedsvorstellung verwenden konnte.

    „Studiozeit“ war in den frühen 1990ern noch der Oberbegriff dieser von der Jazzredaktion (Harald Rehmann) betreuten Portraitreihe – damals konnte ich daher noch Küntler ausserhalb des Jazz vorstellen wie Steve Reich, Simon Jeffes, oder Brian Eno. Die wanderten dann aber bald in die nächtlichen „Horizonte“. Auf meiner Wunschliste für weitere Ausgrabungen: meine Sendungen mit und über Michael Naura, Charles Lloyd, Peter Rühmkorf, John Zorn, Jon Christensen, Stephan Micus, Paul Motian, Charlie Haden und und und …. Harald war mein Mentor, als ich ohne Vorerfahrungen, Beziehungen, Sprechertiehung und sonstige „Starthilfen“ zum Radio kam. Neben Volker Bernius (HR) und Michael Naura (NDR). Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich diesem „Trio“ bin!

    Wenn das alles zutrifft, was ich mitkriege, findet im nächsten Jahr, was dem ganzen Bereich nicht-klassischer Musik angeht, ein Kahlschlag ohnegleichen im DLF statt. Bye, bye, Autorenradio! Ich hoffe, dass von der jüngeren Generation z.B. ein Klassekollege wie Niklas Wandt weiterhin, wo auch immer, solche free-style-Sendungen a la „Klanghorizonte“ machen kann. Und mindestens 36 Jahre, Alter! Ich hatte das Glück, so lange dabei zu sein. Eigentlich machte ich meine letzte Radionacht 2021 im Bewusstsein, zum letzten Mal die Klanghorizonte zu machen. Aufgrund des Engagements von Thomas Loewner konnte ich noch fünf Jahre weitermachen, zur „prime time“ sogar. Dank dafür!

  • Monthly Revelations (October)

    Seit „Psychedelic Pill“ hat mich kein Neil Young-Album so sehr berührt wie „Second Song“. It equals the emotional impact, Marianne Faithfull’s „Negative Capability“ had on me. Und somit kommen auch in der Oktoberkollektion der kleinen Offenbarungen ein paar der üblichen Verdächtigen zusammen. Die Besprechung aus Aquarium Drunkard stellt „Second Song“ in den Kontext seines Lebenswerkes. Excellent music writing. In der Archivabteilung habe ich nicht die „Frank Tiberi Coltrane Tapes“ anzubieten, denn sie klingen schrecklich. Was nicht an Coltrane, sondern an der Aufnahme liegt, dagegen sind all die Can-Ausgrabungen nahezu audiophil. Kleine Abschweifung.

    (Und noch eine: heute las ich, dass die Vinyl-Edition von Lambchops Meisterwerk „Punching The Clown“ in gloriosem Mono erschienen sein soll. Weil‘s Kurt Wagner ist, kann ich es mir gut vorstellen. Aber ist das auch so? Wäre einer mal so freundlich, die Platte aufzulegen?) Tatsächlich: Vinyl in Mono only. Cool. (Information von TP)

    Und so finden sich (Überraschung!!) im Archiv die „Reissues“ von „Drawn From Life“ (ein wundervolles neues Cover!) und „Another Day On Earth“ – ein guter Grund, mein Gespräch mit Brian Eno aus dem Jahr 2005 einmal mehr zu posten. Und DRAWN FROM LIFE: an underrated gem!

    „Drawn From Life, originally released on Virgin Records in 2001, was a full collaboration between Brian Eno and J. Peter Schwalm, the two having met through Eno’s longtime friend Rolf Engel. It will carry that joint billing for the first time. The album featured Holger Czukay, Laurie Anderson, Nell Catchpole and Leo Abrahams, and was supported by a tour taking in Porto, Lanzarote and a headline appearance at Japan’s Fuji Rock Festival.“ Fragt mal Thomas Pannhorst nach diesen beiden Alben!

    Ansonsten hole ich jetzt, wo die „12 Conversations“ von Ryuichi Sakamoto und Alva Noto erschienen sind (und was für ein fantastisches Album ist das denn bitteschön!) zu gerne Jan Reetzes Filmbesprechung von „Opus“ wieder hervor. Ansonsten: „Last Seen“ ist meine derzeitige Lieblingsserie, knapp vor der zweiten Staffel von „Women In Blue“. Die „Radio-Rubrik“ ist nun selber ein kleines Archiv geworden meiner letzten drei Sendungen. Und was das Buch des Oktobers angeht – da gibt es ein Lob der Vielfalt mit Lajlas „beach book highlights“! ich bin reif für die Insel und habe mir gleich das Buch mit dem wilden weiten Ozean besorgt.

    Die Fotos in Lajlas Büchertipps stammen aus Hierro und Matala, die Fotos dieses kleinen Überblicks aus Matala und dem Dortmunder Rombergpark. Die Fotos von Enos Studio in Notting Hill (über das er einiges erzählt, in der Rubrik „Archive“), stammen von meinem Interviewtag mit Brian Eno und Karl Hyde im April 2014. As time goes by. (m.e.)

  • Herbstliche Hypnose

    „Second Song“ ist ein Akt der Hypnose. Bei allem anhaltenden und sich endlos erneuernden Einfluss von Neil Young ist diese Kraft etwas, an das niemand heranreicht. Man kann sein launisches, miauendes kanadisches Jammern nachahmen; seinen Verité-Ansatz bei Studioaufnahmen übernehmen; die Akustikgitarre auf Drop-D stimmen und die E-Gitarre über einen Vintage-Verstärker mit Overdrive spielen; ein Solo aus nur einer Note reißen und sich in das Griffbrett graben, als hätte dir ein schwächerer Spieler sein Instrument gereicht, um den Hals einzuspielen. Aber wer sonst kann mit solcher Leichtigkeit und Geduld, mit so wenigen Mitteln, diesen körnigen, herbstlichen Traumzustand heraufbeschwören? Zum ersten Mal seit dem lauteren und raueren „Psychedelic Pill“ aus dem Jahr 2012 schwelgt Young auf seinem 50. Studioalbum in dieser Gabe und verbreitet einen Schimmer bittersüßer Zufriedenheit, der in seinem Gesamtwerk einzigartig wirkt.

    So beginnt Sam Sodomskys Besprechung von Neil Youngs neuer Platte, und ich unterschreibe jedes Wort dieses Auftakts. Ich habe sie heute nachmittag zum ersten Mal gehört, und die Songs transportierten mich. (me)

  • „Surrender, my dear!“

    „For a long time, releasing this music seemed impossible. The loss felt too sudden, and the emotional connection too profound. As time passed, it became clear that these twelve musical encounters should have life outside the archive. To honor Ryuichi’s wish, these pieces are now being released as the continuation of a dialogue that extends beyond the physical.“

    So endet der Begleittext von Carsten Nicolai alias Alva Noto zu der am kommenden Freitag erscheinenden Arbeit „12 Conversations“ von Sakamoto und Noto. Rasch lösten sich die typisch feuilletonistischen Reflexe griffiger oder halbwegs origineller Worte zur Musik in Luft auf. Wie bei den Alben „Belladonna Nocturne“ von Daniel Lanois und „Sol.Hz“ von Seefeel machte sich mehr und mehr Sprachlosigkeit breit, ein Begleitphänomen reinen Verblüfftseins. Ohne das ausdrücklich zu erwähnen, habe ich drei Stücke dieser in jedem Format erhältlichen „Langspielplatten“ im ersten Teil meiner kommenden „Horizonte“ untergebracht, mit dem Obertitel „Nocturnal Green“. Wie der Titel von Teil 2 suggeriert, „Red Cabrio in Los Angeles“, nimmt die Musik, flapsig gesagt, Fahrt auf, und zum Ende hin wirds gleich eine ziemlich wilde. Ein rotes Cabrio in L.A.? Der Drummer von Michael Jackson? Nicht, dass Sie sich im falschen Film wähnen, und jetzt jemand an „Bullitt“ denkt, mit Steve McQueen, Jacqueline Bisset, und einer furiosen Verfolgungsjagd. Der Film mit dem keine Gefangenen machenden Soundtrack von Lalo Schifrin wurde ja auch in San Francisco gedreht. (m.e.)

  • “a way of walking through the smokey leaves of time“

    „Musically, the new album  occupies the same acoustic landscape as Silver & Gold, Harvest Moon and Prairie Wind – ‘reflective Neil’, basically. Crucially, the Chrome Hearts understand when not to intrude, surrounding Young’s songs with sympathetic accompaniment that favours atmosphere over embellishment. Alongside co-producer Lou Adler, Young opts for warmth and space over the compressed sheen favoured by many of his contemporaries, allowing these songs room to breathe and their emotional nuances to emerge.“


    „There is a pleasing symmetry in Young, on his 50th studio album, revisiting on two cases material written at the very start of his career. The frailty of his voice, worn and weathered by age, gives these songs an additional poignancy, a reminder that these reflections come from an artist advancing into his ninth decade. Far from sounding diminished, however, Young has delivered one of his most affecting 21stcentury albums, equally sad and beautiful at the same time. For all the album’s reflections on ageing and loss, Second Song is sustained by what remains.“ (Michael Bonner, Uncut, album of the month of november)

    Ich freue mich auf das neue Album, das am 17. September erscheint. (m.e.)

  • Das schönste Cover eines Musikmagazins anno 2026

    Zum nächsten runden Geburtstag von Steve Reich gibt es wieder werthaltige Editionen. Eine Dreifachvinylausgabe der drei ECM-Platten, und nicht zuletzt eine kleine Sonderedition seiner „Tape Works“. „Drumming“ war mein Erweckungserlebnis, aber als wollte ich das erste Hören und seine Wucht in der Erinnerung konservieren, hörte ich es nicht mehr oft. „Music for 18 Musicians“ drehte einst wie bei so vielen seine tranceinduzierenden Runden, aber fast so oft kehrte ich zu den „tape loop“-Experimenten zurück, und den bewusstseinsverändernden Erlebnissen, die damit einhergingen, speziell zu „It‘s Gonna Rain“, das nun von Electronic Sound zusammen mit „Work Out“ in einer so nie gesehenen farbenfrohen Cd-Edition daherkommt, die dem Cover der Septemberausgabe in nichts nachsteht! „Turn On. Colour In. Drop out.“ (m.e.)

  • My summer books

    Niviaq Korneliussen: DAS TAL DER BLUMEN

    Das Buch wurde zurecht mit dem nordischen Literaturpreis ausgezeichnet.

    Warum zurecht? Es schildert die harten, crazy Lebensbedingungen auf Grönland.Selbstmordschilderungen werden so normal beschrieben, weil sie so normal auf Grönland sind. Die Schriftstellerin hat einen Weg gefunden, über ihre Heimat brutal zu schreiben, gleichzeitig, gelingt es ihr das Zarte, das Schöne, das sexuell Erfüllende, das Trostvolle in die literarische Waagschale zu legen.

    Jon Fosse: VAIM

    Auch dieses Buch hat den nordischen Literaturpreis bekommen. 2023 erhielt Fosse auch den Nobelpreis für Literatur.

    Vaim ist ein Ort in Norwegen. Dort passiert alles, aber nicht viel. Fosse erzählt ohne Punkt durchgängig mit vielen Wiederholungen à la Thomas Bernhard. Das erzeugt von der Form her Spannung. Fosse schreibt meisterlich, ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen.

    Malachy Tallack: DER OZEAN SO WILD UND WEIT

    Die Geschichte spielt auf den Shetland Inseln im Nordatlantik. Das Buch hat mich total fasziniert, weil es eigentlich eine Abhandlung über Countrymusic ist. Immer wieder habe ich das Buch beiseitegelegt und mir den erwähnten Song aus YouTube angehört. Und es gibt viele Songs, viele Neuentdeckungen für mich. Der Schriftsteller ist auch Songwriter. Er hat jedem Kapitel einen handschriftlichen Text beigefügt. „That beautiful Atlantic Walz“ kann man auf YouTube anhören.

    Florian Illies: TRÄUME AUS FEUER

    Mir hat das Buch ausgezeichnet gefallen. Illies ist immer unterhaltsam und geistreich.

    Er hat sich mit Johannes Kunkel beschäftigt, einem Alchimisten im 17. Jhdt., Freund von seinem Gönner, dem Kurfürst aus Neubrandenburg.Für die aussergewöhnlich kunstvoll angefertigten Gläser, die er dem Kurfürsten und seiner Frau zu den Geburtstagen schenkt, übergibt ihm der Kurfürst als Anerkennung und zum Dank die Pfaueninsel. Nach seinemTod hageln die Intrigen des Hofes auf Kunkel nieder, Kunkel verliert alles.

    Lajla Nizinski