Two months to go

Ein gutes Musikjahr zeichnet sich nicht unbedingt durch einen gemeinsamen Sound aus. Die interessantesten Veröffentlichungen des Jahres 2026 bewegen sich vielmehr zwischen den Genres, greifen auf musikalische Traditionen zurück und suchen zugleich nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Eine vorläufige Longlist ohne Rangfolge, geordnet nach Erscheinungsdatum. Ein paar viel versprechende Alben stehen ja noch aus.

Momoko Gill, bekannt von einem tollen Duo mit Matthew Herbert, verbindet auf ihrem Soloalbum Momoko irgendwie Neo-Soul, Jazz, abstrakten Trip-Hop und elektronische Experimente zu einer eigenständigen musikalischen Sprache. Zwischen intimen, zurückgenommenen Songs und dem eindringlichen, von einem großen Chor getragenen „When Palestine Is Free“ zeigt sich eine Künstlerin, die musikalische Vielseitigkeit mit einer klaren persönlichen und politischen Haltung verbindet.

Im Jahr seines 75. Geburtstags habe ich Bill Frisell gleich mehrmals in Berlin erlebt, jeweils mit verschiedenen Trios. Sein Herzensprojekt, In My Dreams, das er sich selbst (und uns) zum 75. schenkte, versammelt langjährige Weggefährten in seiner persönlichen „Dream Band“ und lässt Jazz, Americana und Kammermusik in seinem unverwechselbaren Gitarrenton zusammenfinden. Die zwischen Konzert und Studio entstandenen Aufnahmen leben von trügerischer melodischer Klarheit, feinen instrumentalen Dialogen und einer Gelassenheit, die set jeher viele von Bills besten Alben auszeichnet.

Einen zurückgenommenen musikalischen Dialog entwickeln Marilyn Crispell und Anders Jormin auf Memento – ebenfalls einem Herzensprojekt, von dem mir Marilyn viele Jahre zuvor erzählte, zumal Anders und der schwedische Jazz für ihre künstlerische Entwicklung in den 1990ern wesentlich war – in dem jeder Ton, jede Pause und jede klangliche Reaktion Gewicht erhält. Nicht virtuose Selbstdarstellung, sondern aufmerksames Zuhören, improvisatorische Offenheit und ein tiefes, gewachsenes gegenseitiges Verständnis bestimmen diese fragilen und intensiven Dialoge.

Mit The Ark verbindet der aus Trinidad stammende, in England beheimatete Dichter und Musiker Anthony Joseph seine bildgewaltige Spoken-Word-Poesie mit einer ebenso kraftvollen wie beweglichen Mischung aus Jazz, Funk, Soul und afrofuturistischen Klangvorstellungen. Unter der musikalischen Leitung von Dave Okumu entsteht, als direkte Fortsetzung seines letztjährigen Album Rowing Up River to Get Our Names Back, ein Werk, das kulturelle Erinnerung, Mythologie und politische Gegenwart in einen hypnotischen musikalischen Erzählfluss bringt.

Getreu ihrer enorm langen Pausen zwischen Alben entfalten Seefeel, 15 Jahre nach dem grandiosen selbstbetitelten Album, auf Sol.Hz erneut ihren unverwechselbaren Kosmos aus Dub, Ambient, elektronisch verfremdeten Gitarren und geisterhaftem Gesang wieder neu und noch reduzierter als zuvor. Schwere Bassfrequenzen, instabile Rhythmen und langsam anschwellende oder verklingende Klangflächen schaffen eine Musik, deren eigentliche Ereignisse häufig in den Übergängen und kaum wahrnehmbaren Veränderungen liegen.

In einer ambitionierten großen Suite widmet sich Saxofonist Chris Potter auf Alive With Ghosts Today der Geschichte des amerikanischen Abolitionisten John Brown und den bis heute nachwirkenden Konflikten der Vereinigten Staaten. Mit einem Septett scheinbar divergierender musikalischer Köpfe, u.a. Bill Frisell, Nate Smith und der Violinistin Sara Caswell, entwirft er eine radikal eigene erzählerische Klangwelt zwischen Jazz, Blues, Folk und amerikanischer Orchestertradition, die bei der Kritik durchaus gegensätzliche Reaktionen hervorgerufen hat.

Persönliche Krisenerfahrungen und Einflüsse aus Natur, Spiritualität und brasilianischer Musik verarbeitet Radiohead-Gitarrist Ed O’Brien auf seinem zweiten Soloalbum Blue Morpho zu einem vielschichtigen, häufig geradezu euphorischen Sound. Zwischen psychedelischem Rock, elektronischen Texturen und opulenten Arrangements entsteht ein Album, das seine introspektiven Ursprünge immer wieder in große musikalische Gesten übersetzt.

Auf In Grief or in Hope verzichtet das kanadische Trio Big|Brave diesmal aufs Schlagzeug und konzentriert seine Musik noch stärker auf die physische Wirkung von Verzerrung, Feedback und tiefen, lang anhaltenden Gitarrenklängen. Inmitten dieser monumentalen, bisweilen verstörenden Klangmassen behauptet sich Robin Watties zerbrechlich wirkende Stimme und macht das Album zu einer eindringlichen Auseinandersetzung mit Trauer, Verletzlichkeit und Hoffnung. Wir haben diese Stücke im Frühsommer beim Berghain-Konzert erstmals erlebt, wo die Band rigoros einfach das komplette Album von vorne bis hinten gespielt hat. Auch wenn Big|Brave diesmal noch songhafter geworden sind, passt das Album gewissermaßen hervorragend zu Seefeel.

Auch mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrer Gründung finden die Rolling Stones auf Foreign Tongues noch genügend Energie für ein Album, das Blues, Funk und Rock mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit verbindet. Keine Neuerfindung, sondern eine Band, deren Spielfreude und rhythmisches Gespür auch im Spätwerk bemerkenswert lebendig bleiben. In meinen Augen und zu meiner Überraschung ist dies sogar ihr bestes Album, seit ich die Band aktiv höre. Diesmal passt es sicherlich zu sagen, dass es ihr bestes seit (mindestens) 45 Jahren ist.

Ihren ohnehin experimentierfreudigen R&B erweitert Kelela auf New Avatar um Elemente aus Psychedelic Rock und Shoegaze, ohne dabei ihre charakteristische Verbindung aus sinnlicher Stimme und ausgefeilter elektronischer Produktion preiszugeben. Das Ergebnis ist ein atmosphärisch dichter, zugleich überraschend gitarrenbetonter Entwurf, der die Grenzen zwischen körperlicher Unmittelbarkeit und klanglicher Abstraktion weiter verschiebt. Als langjähriger Fan war ich letzte Woche wieder bei ihrem Berlin-Konzert, und wie sie gerade ihr bisheriges Oeuvre recht souverän einem facettenreichen Neuarrangement unterzieht, hat mich sehr beeindruckt, auch wenn ihr neues Album dem genialen Take me apart dann wohl leider noch nicht das Wasser reichen kann. Aber ich bin enorm gespannt, was sie als nächstes macht.

Nach zahlreichen elektronischen Experimenten kehrt Kurt Wagner alias Lambchop auf Punching the Clown zu einer reduzierten, überwiegend akustischen Instrumentierung zurück, ohne die Eigenwilligkeit seiner Musik aufzugeben. Wagners verschlungene Erzählungen über Erinnerung, Vergänglichkeit und amerikanische Lebenswirklichkeiten entwickeln gerade durch die sparsameren Arrangements eine besondere emotionale Intensität, und wie dann diese Chorarrangements immer wieder genial eingeflochten werden, hat mich nach 30 Jahren Lambchop dann doch überrascht und unerwartet berührt. Für mich sein/ihr bestes Album seit Is a Woman.

Ihre beiden London-Konzerte im Juni 2025 dokumentieren Pulp auf Live! und zeigen eine Band, deren Comeback weit mehr ist als nostalgische Rückschau. Was man absolut nicht erwartet hätte: Die neuen Stücke von More stehen mühelos neben Klassikern wie „Common People“ und „This Is Hardcore“, während Jarvis Cockers Bühnenpräsenz und die opulenten Arrangements von der ungebrochenen Gegenwärtigkeit dieser Songs zeugen. Zum Glück habe ich nach langem Hin&Her-Überlegen am Ende den Weg zu ihrem Konzert im Tempodrom – ihrem ersten Berlin-Konzert seit 30 Jahren! – gemacht. Und war enorm bewegt und begeistert, wie zeitlos diese Band und diese Songs doch mittlerweile sind. Einziger Wermutstropfen ist, dass auf dem Live-Album ein paar Höhepunkte der 2026er Tour nicht drauf sind.

Auf die musikalischen Wurzeln ihrer Heimat North Carolina besinnt sich Rhiannon Giddens auf Hope Is the Thing With Feathers und verbindet traditionelle Folkstücke mit eigenen Kompositionen und Einflüssen aus ihrer vielseitigen musikalischen Laufbahn. Das mit zahlreichen Weggefährten live im Studio eingespielte Album feiert Gemeinschaft, kulturelle Erinnerung und Widerstandsfähigkeit mit der für ihr Werk gewohnten historischen Verwurzelung. Nachdem ich Rhiannon Giddens‘ Soloalben allesamt sehr schätze, freue ich mich schon sehr darauf, Ende November für zwei Tage nach Hamburg zu fahren, um einen Teil ihrer „Reflektor“-Konzerte in der Elbphilharmonie zu besuchen.

Mit Hotel Usona entwerfen Protomartyr ein düsteres Konzeptalbum, in dem ein heruntergekommenes Hotel zum Sinnbild gesellschaftlicher Verwerfungen und politischer Entfremdung wird. Joe Caseys gar nicht mehr so lakonischer Vortrag korreliert mit einer musikalisch erweiterten Klangwelt aus nervösen Gitarren, Bläsern und ungewöhnlichen Instrumentierungen, die der vertrauten Schärfe der Band neue Facetten hinzufügt.

15 bekannte Songs aus sechs(!) Jahrzehnten unterzieht Meshell Ndegeocello auf Synonym einer radikalen Neubetrachtung und besetzt sie mit wechselnden, meist gleichgeschlechtlichen Gesangsduos (Cat Power, Chaka Khan, Anohni, Brandi Carlile u.v.a.). Zwischen Jazz, Soul, Reggae und (experimentellem?) Pop entstehen neue Lesarten von Stücken unter anderem von Human League, Dylan, Eno, Sonny & Cher und sogar zwei Mal den Bee Gees, die zugleich Fragen nach Geschlechterrollen, Identität und gesellschaftlicher Befreiung aufwerfen. Die Kritik nahm dieses Album zumeist etwas lauwarm auf, vielleicht weil Meshells vorhergehende drei Alben so innovative „Alternative Jazz“-Projekte mit reichen Ensembles und eigener Grammy-Kategorie waren. Dabei begeistert mich als langjähriger Fan wieder einmal, wie sie gewohnt rastlos in ihrer Kreativität bleibt und stets auf demselben beeindruckend hohen Niveau mit immer neuen Facetten überrascht. Offenbar ein leicht zu unterschätzendes Album.

Und gleich noch eine weitere innovative schwarze US-Songwriterin: R&B, Funk, Bounce, Reggae und elektronische Clubmusik verbindet Dawn Richard auf Creole Culture zu einer lebhaften Auseinandersetzung mit der kulturellen Herkunft ihrer Heimat New Orleans. Organische Instrumentierungen und programmierte Beats greifen ineinander und lassen ein Album entstehen, das musikalische Tradition nicht konserviert, sondern in immer neue Zusammenhänge stellt.

Gleich drei wirklich tolle Alben gibt es dieses Jahr, zum fünften Labelgeburtstag bei Red Hook Records (und das sage ich nicht deshalb, weil ich alle drei Alben mit kurzen „Dokus“ begleitet habe, sondern weil ich die Musik wirklich sehr gerne höre): Zuerst das zweite Album Shards des Trios BlankFor.ms, Jason Moran und Marcus Gilmore, dann das Jubiläumsalbum Peace Anthems, und nun, just zum Oktober-Ende Saxofon, Gitarre, Schlagzeug und Elektronik auf Trappings of Sleep von Caroline Davis, Grey Mcmurray und Qasim Naqvi, in einem ebenso konzentrierten wie offenen Zusammenspiel, das von fragilen Klangereignissen bis zu aufgewühlten, beinahe eruptiven Passagen reicht. Beide Trios erkunden die Zwischenräume von Improvisation und Komposition, von Genremixturen und von Wiederholung, Stille und klanglicher Verdichtung.

So unterschiedlich diese Veröffentlichungen sind, verbindet sie doch eine bemerkenswerte Offenheit gegenüber musikalischen Formen und Traditionen: Die interessantesten Alben des Jahres zeigen, dass musikalische Eigenständigkeit weniger eine Frage des Genres ist als der Konsequenz, mit der Künstler/innen ihre Vorstellungen verfolgen.

2 Kommentare

  • Olaf Westfeld

    Das liest sich alles interessant – und ich habe alles noch nicht gehört!
    Lambchop und Seefeel sind sowieso auf meiner Liste, EOBrian hatte ich schon wieder vergessen…

  • Ingo J. Biermann

    Warst du letztens eigentlich in Berlin beim Konzert von Momoko Gill? Oder hast du die Reise abgesagt?

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