Kein Schutz

Als 1994 „Protection“ das zweite Album von Massive Attack erschien, diskutierten OZ und ich mehrere Wochen darüber. Ich hörte ein Popalbum, nicht so deep wie „Blue Lines“, aber elegant und vielseitig, er einen seichten und beliebigen musikalischen Gemischtwarenladen.
Ein halbes Jahr später las ich in der Spex eine Rezension von Marcel Beyer über das dazu gehörige Remix Album, bei dem die Stücke durch Mad Professor einer radikalen Dub-Kur unterzogen wurden. Der Titel: „No Protection“.
Die Tür zur Dub-Musik hatte ich schon früher einen Spalt geöffnet, um zu sehen, was sich dahinter verbarg. Diese Bearbeitungen sogen mich in den Raum hinein, tiefer als ich erwartet hatte. Schlagzeug und Bass spannen ein dunkles Gerüst auf, in dem sich die Klänge entfalten. Manche Details blitzen nur kurz auf, andere ziehen lange Schatten, bis sie langsam im Hall verschwinden. Stimmen und Instrumente der ursprünglichen Songs flackern aus dem Halbdunkel auf und führen ein Eigenleben, ihrer ursprünglichen Rolle enthoben; ein Spiel aus Erwartung und Erinnerung, in dem das Verschwundene vorhanden bleibt.
„No Protection“ ist eines jener Alben, die neue Räume öffnen können. Es hat meine Ohren geweitet und mich an Orte geführt, von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Ich besitze es auf CD und LP, und über die Jahre ist es zu einem Weggefährten geworden – ein lifer. Zweifellos mein Lieblingsalbum von Massive Attack. Vor „Mezzanine“, vor „Blue Lines“ und auch vor „Protection“ (die anderen habe ich irgendwie gar nicht mehr gehört).
OZ und ich waren uns dann auch sofort einig, dass diese Remixe die Originale in den Schatten stellen. Gerne würde ich noch einmal die Rezension von Marcel Beyer lesen, ach, ganz viele Texte von ihm aus der Spex, ganz besonders das Dub Special. Falls mir jemand Kopien oder Scans besorgen kann, würde ich mich sehr freuen.