Neun Zimmer in einem Land, das sich selbst nicht mehr erkennt

Die Müdigkeit. Die Informationsüberflutung. Die Gewöhnung an Gewalt. Die technische Euphorie, hinter der ökologische und menschliche Kosten verschwinden. Nationalistische Selbstbilder. Vielleicht ist Hotel Usona Protomartyrs bislang bestes Album. Nicht weil es ihr lautestes, eingängigstes oder politischstes ist, sondern weil hier zum ersten Mal fast alles, was die Band außergewöhnlich macht, gleichzeitig vorhanden ist: Intelligenz ohne akademische Kälte, politische Wut ohne Parolen, schwarzer Humor ohne Zynismus und eine Musik, die keinen einfachen Ausweg anbietet. Die internationale Resonanz ist entsprechend ungewöhnlich einhellig.

Das Album denkt die USA als heruntergekommenes Hotel. Die Leute wohnen weiter darin, obwohl längst sichtbar ist, dass etwas nicht stimmt. Leitungen tropfen, Wände reißen, Geräusche kommen aus den Nachbarzimmern. Niemand weiß genau, wer verantwortlich ist, und trotzdem scheint sich jeder irgendwie arrangiert zu haben.

Beim Berliner Publikumsgespräch sagten die Musiker, anfangs hätten sie sich gefragt, ob Produzent Dave Fridmann eigentlich alle Tassen im Schrank hätte, speziell als er sagte, sein Sohn sei ein super Trompeter und solle alle verschiedenen Bläserstimmen auf dem Album einspielen. Doch Fridmann gibt der Band eine Dimension, die frühere Produktionen nur gelegentlich andeuteten und führt das aus, was die Musiker vorher skizziert hatten. Die Zusammenarbeit sei enorm gut gewesen. Joe Casey interessiert sich für das, was politische Zustände mit Menschen machen. Für Erschöpfung. Gewöhnung. Opportunismus. Verdrängung. Für diese seltsame Fähigkeit, katastrophale Nachrichten aufzunehmen und fünf Minuten später wieder Mails zu beantworten.

Vor allem haben Protomartyr aufgehört, Post Punk als klangliche Grenze zu behandeln. Auf Hotel Usona finden sich Noir, Jazz, Industrial, Noise Rock, Westernmusik, Ballade und beinahe orchestrale Passagen. Trotzdem erkennt man die Band nach wenigen Sekunden. Dazu kommen eben die kraftvollen Bläser von Jon Fridmann, Synthesizer, Klavier, Geräusche und Arrangements, die manchmal eher an Filmmusik, Exotica der fünfziger Jahre oder einen beschädigten amerikanischen Soundtrack erinnern. Bei der Band aus Detroit bedeutet Entwicklung nicht Glättung, sondern Verdichtung. Die Musik wird räumlicher, die Texte präziser, die Wut kontrollierter. Die schneidende Direktheit von The Agent Intellect, die politische Paranoia von Relatives in Descent und die größere melodische Offenheit von Formal Growth in the Desert sind noch vorhanden, aber sie werden Teil einer erheblich weiteren musikalischen Sprache.

Jeder Song öffnet ein anderes Zimmer. Es geht um politische Lähmung, künstliche Intelligenz, Abschiebung, deformierten Patriotismus, Gewalt, JD Vance und am Ende auch um Joe Caseys eigene Erfahrung als Vater. Hotel Usona kommentiert die gegenwärtige Entwicklung der USA, beschreibt den psychischen Zustand einer Gesellschaft, die sich an Dinge gewöhnt, über die sie eigentlich erschrecken müsste.

In Exalted Eagles zerlegt die Band amerikanische Patriotismussymbolik musikalisch von innen. Klavier, Bläser, industrielle Rhythmen und ein merkwürdig tänzelnder Puls ergeben etwas, das The Line of Best Fit als Verbindung von Industrial Rock und Samba beschreibt. Der Adler bleibt amerikanisches Hoheitszeichen, aber er ist auf diesem Album kein stabiles Symbol mehr. The Knife Dream ist wohl ziemlich unheimlich. Die Band selbst ordnet ihn dem Thema Gewalt zu, musikalisch wird daraus jedoch keine konventionelle aggressive Rocknummer. Klavier, dissonante Bläser und sich verschiebende Rhythmen erzeugen einen Traumzustand, der zunehmend bedrohlich wird.

Third Country ist der politisch konkreteste Song, aber auch einer der musikalisch fremdartigsten: Fünfzigerjahre-Exotica, Walzer, Girl-Group-Rhythmen und eine fast filmische Weite, während der Text von Abschiebung handelt, setzt diesem Thema eine fast filmische, teilweise exotische Klangwelt entgegen. So funktioniert die Schönheit dieses Stücks nicht als Entlastung, sondern als Kontrast.
Und schließlich Checking Out: Plötzlich wird alles persönlich. Casey schreibt über Vatersein, Zukunftsangst und die Frage, wie man ein Kind in eine Welt setzt, die man selbst immer weniger versteht. Damit zieht sich das Album zusammen. Alles Politische landet irgendwann im Privaten. Musikalisch sammelt der Song noch einmal fast alles ein, was zuvor zu hören war: Drone, Marschrhythmus, Gitarren, Bläser, dichter werdende Arrangements. Der Titel meint zugleich das Verlassen eines Hotels und den inneren Rückzug aus einer Realität, die kaum noch auszuhalten ist.

Auch wenn das Album schon im letzten Jahr aufgenommen wurde (warum braucht es heutzutage eigentlich immer so unfassbar lang, bis ein Album tatsächlich veröffentlicht wird?), könnte es kaum besser zur politischen Gegenwart, in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus, passen. Es beschreibt erschreckend genau, wie es sich anfühlt, in einer Großstadt im amerikanischen Midwest zu leben. Protomartyr bauen daraus kein Manifest. Sie bauen ein Konzeptalbum mit dem Titel eines Hotels – „Hotel United States of North America“. Und irgendwann merkt man, dass die Wände dünner sind, als man dachte.

Ein Kommentar

  • Jochen Reinecke

    man könnte hier jeden Song einzeln auserzählen, aber am Ende reichen Worte nicht, um die Intensität zu beschreiben, die von diesem Album ausgeht. (…) „Checking out“ beschließt den Reigen, der vermutlich komplexeste und wahnsinnigste Song, den Protomartyr je geschrieben haben. Zu Beginn sägen die Gitarren, als stünde die Apokalypse unmittelbar bevor, dann rattern die Drums hektisch wie ein aus dem Tritt geratenes EKG – und als man gerade nach dem Medikament gegen Herzrhythmusstörungen greifen will, scheinen die beruhigenden, besänftigenden Posaunen- und Flügelhorntöne durch. So springt der Song permanent von einem zum anderen Extrem, immer zerfaserter und fragmentarischer werden die Drums, immer mehr steigert sich der Gesang vom reinen Proklamieren ins verzweifelte Schreien (…) Nach 280 Sekunden beginnt der Song quasi nochmal von Neuem: nun mit einem brutal windschief und punktierten Beat, der sich erst beim wiederholten Hören am Ende als einfacher Viervierteltakt entpuppt. Erst hören wir dazu chaotisches und vielschichtiges Instrumental-Durcheinander – und dann biegen Protomartyr in eine Coda ab, die so rabenschwarz und zugleich wärmend-stärkend ist wie in Interpols „Wrecking ball“.

    schreibt Jochen Reinecke in seiner Viereinhalbsternebesprechung.

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