Aus den Zwischenräumen
Es ist wohl zehn Jahre her, dass ich auf den Mix „Fairlights, Mallets and Bamboo“ gestoßen bin, der mein Hören wirklich verändert hat.
Der Untertitel versprach „Fourth World Music From Japan 1980-1986“. Das Fourth-World-Konzept einer künstlich erschaffenen imaginären Musiktradition war mir unbekannt, japanische Musik aus den 80ern auch. Der Mix lief über Monate praktisch auf Dauerrotation – und ich hörte mit weit geöffneten Ohren.
In den folgenden Jahren wurden LPs wiederveröffentlicht, die wohl zu den Klassikern des Genres zählten. Einige davon habe ich mir gekauft und mich teilweise beim Hören gefragt, ob ich überhaupt schon einmal bessere Musik gehört habe – sei es das traumhafte „Through The Looking Glass“ von Midori Takada oder das fast schon eingängige „Kakashi“ von Yasuaki Shimizu.
Warum dieser lange Vorlauf? Weil der Mix von Spencer Doran stammt, einer Hälfte von Visible Cloaks, die im Mai mit „Paradessence“ ein neues Album rausgebracht haben.
Und was ertönt da aus meinen Boxen: zerbrechliches Knistern, dürres Knacken, feines Klirren, sorgfältig gewobene Flächen, gelegentlich schwebende Töne. Vor allem aber ganz viel Raum. Stille. Nachhall. Geräusche, die sich ausdehnen, Gestalt und Position wechseln, langsam ausklingen oder abrupt abbrechen. Die Musik scheint sich immer wieder selbst aufzulösen, ihr Zentrum zu verlieren, sie wird zu musique concrète aus digitalen Quellen; selten schälen sich kurze melodiöse Motive aus dem Klangraum.
„Paradessence“ ist mehr als eine Demonstration von Klangtransparenz und räumlicher Tiefe, mit der man seine High-End-Anlage beeindrucken könnte (auch wenn das vermutlich hervorragend funktioniert). Aus den Zwischenräumen schweben Bilder empor, Landschaften aus Rauch. Die Zeit scheint langsamer zu vergehen. Die zarten Klänge leuchten wie Glühwürmchen in tiefer Nacht.
3 Kommentare
flowworker
Like the recent albums of Felicia Atkinson and Eric Honoré, this is essential music, delving into microscopic worlds, and, in regards to Visible Cloaks, another real discovery for music meditation..
HERE comes my new edition of MUSIC FOR A LONG AFTERNOON:
Olaf Westfeld
Hätte ein bisschen mehr Kontext geben können – Felicitas Atkinson ist bei einem Stück von „Paradessence“ dabei. Und ja – das passt gut in einen langen Nachmittag, when the shades are down.
flowworker
Tatsächlich ist diese Stunde schön symemtrisch aufgebaut, könnte auch eine alternative playlist der Septermberhorizonte sein😉…. eine Art flowworker co production…feat. Gunter Hampel, Eric Honoré, Steve Tibbetts a.o.durch
Dank Thomas erinnerte ich mich von ferne an das wunderbare Duo Hampel Brown – und auch daran, dass ich Gunter Hampel and his Galaxie Dream Band in den frühen Jahren des Moers Festivals live erlebte, im Schlosshof. Ein Traum!
Und die Idee der Fourth World Music wurde ja von Jon Hassell ins Leben gerufen.
m.e.