The New World (3) – „Nina, Jana and Laurie, for example“

Was hier folgt, ist der abschliessende dritte Teil der Besprechung von Shearwaters neuem Album. Und wer da alles auftaucht: Doug Wieselman, ein ewiger Mitspieler auf interessanten Alben, Laurie Anderson, eine Gruppe aus Mali und und und. Daraus den von Louis herausgehörten grossen „flow“ des Albums zu entwickeln, ist gewiss eine Kunst. Und dann hört sich für den Rezensenten ein Song an wie „eine zufällige Begegnung von Talk Talk und Nina Simone“. Kurz wähne ich mich in einem Buch über „imaginäre Alben“ a la Borges.

Gespannt wie ein Flitzebogen bin ich allemal von meinem Gesamteindruck, nach dem ersten und zweiten Hören – und habe zudem um Zusendung der lyrics gebeten. Vom Thema des Albums her, und von den zahllos eingeflochtenen „field recordings“ aus betrachtet, hatte ich in perfekter Synchronizität bereits das passende Album der Arktis-Forscherin Jana Winderen ausgewählt – für meine Klanghorizonte Ende September. Das Lied mit Laurie Anderson würde ich kaum spielen, denn eines ihrer grossartigsten Lieder ever ist bereits gebucht! Man kennt Alben, die an der Last ihres Anspruchs, ihres „Konzepts“, zusammenkrachen, und es gibt solche, die beidem gerecht werden und noch einen Mehrwert produzieren. Die Rezension ist schon mal per se beeindruckend, da darf sich Louis ruhig einige Male weit aus dem Fenster lehnen. Mein alter Freund Gregor war stets ein Freund davon, „die Kirche im Dorf zu lassen“. „Entscheidend is auffer Platte“, um einen anderen alten Spruch von Adi Preissler frei zu zitieren!

Die Songs von „The New World“ strotzen nur so vor Naturbildern: Elefanten und Kojoten, Kaninchen im Regen und Schnecken in den Ringelblumen. Doch Meiburgs hautnahe Erfahrung mit der Natur steht ganz im Dienst seiner Songs. Ein Songwriter, der weiter von der Realität seiner Themen entfernt wäre, könnte diese ungewollt romantisieren und dadurch etwas Unwahres schaffen. Doch wenn er seine bemerkenswerte Stimme – einen hohen, angestrengten Seelenschrei, der aus dem gleichen Holz geschnitzt ist wie der von Anohni oder Thom Yorke – einsetzt, um in „More And More“ vom Regen zu singen, der von den Cascades abzieht, oder in „A Mink In The Dust“ von Stichlingen, die im Teich springen, dann vertraut man ihm irgendwie, dass er dort war und das gesehen hat.

Was real und was unwirklich ist, ist ein zentrales Anliegen von „The New World“. Wir leben in einer Welt voller schlechter Schauspieler, Deepfakes, Fehlinformationen und Desinformation. Die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, fühlen sich manchmal realer an als die Welt da draußen. Meiburgs Gegenmittel ist die direkte Auseinandersetzung mit der Welt. Das lässt sich buchstäblich in Form von Feldaufnahmen hören, Klangfragmenten, die Meiburg auf seinen Reisen eingefangen hat: „The Only Sound I’m Afraid Of“ schwebt über das Krächzen tasmanischer Raben herein, während das in Moll gehaltene „Anamnesia“ vom dumpfen Brummen eines Gepäckförderbands am Flughafen Melbourne durchzogen ist. Im weiteren Sinne manifestiert sich dies jedoch in einem kreativen Prozess, der in Entdeckungen, Zufällen und dem chaotischen Geflecht menschlicher Zusammenarbeit verwurzelt ist.

„The New World“, so Meiburg, sei von „dem wildesten Ensemble, das wir je zusammengestellt haben“, entstanden. Die Aufnahmen erstreckten sich über vier Jahre an Orten wie London, Berlin und Texas, wobei das Kern-Trio von Shearwater – Meiburg, die Keyboarderin Emily Lee sowie der Schlagzeuger und Toningenieur Dan Duszynski – stets dabei war. Besonders wichtige Arbeit wurde jedoch in Shahzad Ismailys Figure-8-Studio in Brooklyn geleistet, einem kreativen Zentrum, in dem Musiker jeglicher Herkunft und aus allen Bereichen auftauchen und zum Mitwirken animiert werden können. Mitglieder der malischen Gruppe Ngoni Ba steuern Ngoni und plätschernde Rhythmen bei, gespielt auf Tamma, Yabara und Kalebasse. Der in Palästina geborene Firas Zreik bereichert „More And More“ mit dem klangvollen Qanun. Der New Yorker Holzbläser Doug Wieselman steuert Klarinette und Saxophon bei, während mit dem erfahrenen Perkussionisten Thor Harris ein alter Freund zurückkehrt, der zuletzt um 2013 auf dem Album „Fellow Travelers“ von Shearwater zu hören war. Auf dem Papier sieht diese Besetzungsliste wahrscheinlich nach einem Rezept für Chaos aus, doch es ist ein Zeichen für Meiburgs Weitblick – ganz zu schweigen von den Fähigkeiten des Mix-Ingenieurs Danny Reisch in der Postproduktion –, dass all diese unterschiedlichen Teile zu einer Platte verschmolzen werden können, die wie ein einziges, fließendes Ganzes klingt.

Dieser Zustand des Fließens ist ein prägendes Merkmal von „The New World“. „Even Song“ eröffnet das Album in medias res. „Racing through the path ahead/ Even though it makes no sense“, singt Meiburg, während ein One-Two-Strum auf seiner Gitarre mit dem Zischen der Hi-Hats verschmilzt und so ein Gefühl von vorwärtsrauschender Bewegung erzeugt. An anderer Stelle suggerieren organische Rhythmen zwar Vorwärtsdrang, aber auch Reibung – man denke nur an das seekranke 5/4-Schlingern von „Daydream Unbeliever“ oder an „A Mink In The Dust“, das wie ein Elefant durch dichtes Gestrüpp dahintrottet. Wir sind auf dem Weg irgendwohin – doch die Route ist nicht immer klar und der Weg alles andere als einfach.

Hier finden wir auch einige der bisher besten Songs von Shearwater. „More And More“ ist ein geschmeidiger Blues, der eine zufällige Begegnung zwischen Talk Talk und Nina Simone heraufbeschwört, mit sanften Klarinettenklängen, die wie Rauchschwaden durch die stimmungsvollen Passagen ziehen. „The Only Sound I’m Afraid Of“ ist ein eleganter Big-Music-Titel, der an die epischen Rock-Momente von „Jet Plane And Oxbow“ aus dem Jahr 2016 anknüpft. „Slugs In The Marigolds“ schlägt eine verspielte Richtung ein, wobei seine weinerliche Figurenriege die Vorzüge des Rausches als Gegenmittel gegen die Übel der Welt erwägt.

Doch eines der besten Stücke wird bis zum Schluss aufgehoben. Wir sind so an Meiburgs Gesang gewöhnt, dass das Auftauchen einer anderen Stimme – insbesondere einer so unverwechselbaren wie der von Laurie Anderson, die spricht, als würde sie den Zuhörer direkt ansprechen – ein ziemlicher Schock ist. Während sich „The New World“ oft so anfühlt, als würde man – manchmal holprig – flussabwärts getragen, ist „You And Your Dog“ der Moment, in dem wir sanft unter einem Himmel aus funkelnden Sternen in ein Delta hinausgleiten. Anderson geht behutsam mit den von Meiburg geschriebenen Worten um und erzählt eine traumhafte Geschichte von zwei Freunden, die einen Strandspaziergang machen, sich verlieren und einander nie wieder ganz finden können. Die Kombination aus ihrer sanften, beruhigenden Stimme und seinen magisch-realistischen Worten verschmilzt zu etwas Schönem, das wie Sandkörner durch die Finger rinnt. Die Botschaft, vielleicht – und die Botschaft von „The New World“ im weiteren Sinne – ist, dass das Leben vergänglich ist. Aber die Tatsache, dass wir hier, gemeinsam, zur gleichen Zeit auf diesem Planeten existieren, ist sowohl außergewöhnlich als auch wunderbar.

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