Wien, Ida Lupino und Hermann Nitsch

Wien ist ein Sehnsuchtsort. Ich kehre immer wieder in diese Stadt zurück – seit fast zwei Jahrzehnten.

Das Provinzielle trifft auf das Erhabene, die Prunkbauten der Donaumonarchie auf die Mietskasernen, die nach dem Krieg entstanden sind, Geschichte auf Postmoderne, die steinerne Großstadt auf die naturbelassenen Donau-Auen oder die Weinberge oberhalb der Stadt.

Hinter dem offensichtlichen K.u.K. Glamour und der Beschwingtheit des Walzerkönigs verbirgt sich ein Subtext des Geheimnisvollen, Morbiden, Verdrängten und Untergründigen. Nur folgerichtig, dass Freud in Wien die Psychoanalyse entwickelte. Oder dass Harry Lime in der beklemmenden Kanalisation verfolgt wurde.

Wien ist eine Film- und Kinostadt. Klar, „The Third Man“ oder „Before Sunrise“ sind kulturelles Allgemeingut. Mein Wienfilm ist „Bad Timing“ von Nicolas Roeg, „der Vertigo des englischen Kinos“ (Joseph Lanza). Art Gartfunkel und Theresa Russell geraten in die Abgründe von Liebe, Leid und Leidenschaft in den düsteren, tristen Kulissen der Stadt um 1980 herum. Roeg ist sicherlich ein Vorbild von Julio Medem, über den hier zuletzt viel geschrieben wurde.

Mit dem Filmmuseum hat Wien eine filmhistorische Institution, die in der Amtszeit von Alexander Horwath einen Reigen an sensationellen Werkschauen veranstaltete, derer ich regelmäßig Zeuge werden konnte.

Filmmuseum Wien

Zum Ethos des Filmmuseums gehört die Präsentation von analogen Originalfassungen in bestmöglicher Qualität. In 2013 sah ich dort in Anwesenheit der Regisseure Retrospektiven über Dominik Graf (er zeigte auch eine Handvoll seiner Lieblingsfilme wie Rohmers „Die Sammlerin“) und Joe Dante (ein überbordender Erzähler aus Hollywood) sowie eine Reihe über The Real Eighties (ich erinnere „At Close Range“ und „Something Wild“).

Das Film Archiv Austria mit dem Metro Kinokulturhaus wenige hundert Meter weiter ist die andere Filminstitution, nicht minder aufregend.

Film Archiv

Ich sah dort in den letzten Tagen „They Drive by Night“ (1940) von Raoul Walsh mit George Raft, Humphrey Bogart und der im Mittelpunkt der Filmreihe „Filmgeschichte ist weiblich“ stehenden Schauspielerin Ida Lupino. Sie spielt in ihrer ersten Hauptrolle eine Verlorene zwischen dem Wunsch nach Reichtum, der sie nicht glücklich macht an der Seite ihres vulgären Mannes (Alan Hale) und dem sexuellen Verlangen nach dem geradlinigen Joe Fabrini (George Raft), der eine andere Frau (Ann Sheridan) liebt. Der erste Teil des Films ist ein Sozialdrama, das von der Mühsal der beiden Brüder Joe und Paul (Bogart) im harten Fernfahrer Geschäft handelt. Im plot point verliert Bogart seinen Arm nach einem Unfall. Danach setzt der Psychotriller ein. Lupino ist eine Getriebene, die alles versucht, um die Liebe von Raft zu erobern…

Die Solidarität der Fernfahrer und deren Trotz gegen die widrigen Arbeitsbedingungen bleiben mir in Erinnerung. Und das facettenreiche Spiel von Ida Lupino. Das Wechselbad der Gefühle in Ihrem Gesicht in der Gerichtsszene ist meisterlich.

Hermann Nitsch ist von anderem Schlag. Gegen den Wiener Aktionskünstler nehmen sich die Vorläufer des amerikanischen Action Painting wie Mürbchen aus. Nitsch ist neben Otto Muehl einer der bekanntesten Vertreter dieser eindringlichen Form von Live Art Performance, die radikal aufräumt mit der etablierten Kunst, der katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus. Aktuell ist sein Frühwerk im Wiener Aktionismus Museum (WAM) zu sehen, welches jüngst ausgebaut wurde.

WAM

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht sein übergroßes „Blutorgelbild“ von 1962. Es gehe bei Nitsch „um die sich niemals schließende Wunde Mensch“, sagt der WAM Direktor. Die Tabubrüche des Aktionskünstlers muss nicht nicht mögen oder schön finden. Als Ausdruck der Kampfes gegen alles Etablierte bleiben sie in Erinnerung.

Nitsch hat später zu seinen Installationen auch Musik komponiert zwischen Klassik und Avantgarde. Die seltenen Tonträger sind mittlerweile hochpreisige Sammlerstücke.

Das Bindeglied zwischen Wien, Ida Lupino und Hermann Nitsch scheint mir Siegmund Freud zu sein…der nächste Aufenthalt im Wiener Sommer wird andere Assoziationen hervorrufen.

2 Kommentare

  • Lola

    Ich hätte es nicht besser schreiben können. Der Autor spricht mir aus der Seele. Wunderbar geschrieben mit Liebe in der Feder.

  • Michael

    Meine drei einzigen Tage in Wien haben mir eine klaffende Wunde beim Öffnen der Tür einer Wohnung eingebracht, eine entrüstete Gastgeberin, ein Interview mit dem Halbbruder von Steve Reich (Jonathan Carroll), und nur wenig Magie. Ausser Carrolls Plädoyer für sprechende Hunde, fantastische Literatur und die Geschichte, wie er in dem Klassiker 100 Jahre Einsamkeit versank. Auch kein schönes Stromern durch die interessantesten Viertel, alles blieb Aussenperspektive. Schön, dass unter den flowies einige Wienfreunde sind, und wohl nicht nur Lola / Lajla und Thomas…

    Was für ein inspirierender Streifzug durch Filmwelten. Ida Lupino ist mir einige Male im Leben begegnet, zu allererst in dem gleichnamigen Stück auf Paul Bleys Album Open, to love, später dann in einem tollen Gedicht von Frank O’Hara, und dann vor wenigen Jahren während eines Zoom-Interviews mit Rickie Lee Jones zu ihrem letzten Album wunderbarer Coversongs: da nahm sie meinen Gedanken auf, ich würde mich beim Hören des Albums wie in einem alten Lichtspieltheater fühlen, und geriet ins Schwärmen über Ida, ihre Schauspielkunst, auch ihre Stimme, und sie enpfahl mir, unbedingt „Road House“ zu sehen. Und das hat sich gelohnt. Auf youtube gibt es ihn als „full movie“ zu sehen: HIER!!!

    Rickie Lee speaking (bei ca. 21‘OO‘‘

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