Das noch Unerzählte erzählen!
19. Juni 2012. Alle Sitzplätze im Audimax der Frankfurter Universität sind schon besetzt, und dabei fängt die Veranstaltung erst in 20 Minuten an. Und es kommen immer mehr Leute, meist ältere, die Alexander Kluge hören wollen. Ich war verabredet, ein Freund eines Freundes war aus Karlsruhe angereist. Wir saßen nebeneinander. Die Poetikvorlesungen gibt es als Buch; für mich aber sind die Eindrücke und meine handschriftlichen Notizen wertvoller als es eine geschliffene Fassung der Vorträge je sein könnte. Thema des 19. Juni waren die Wirklichkeitsmassen, die auf ihre Erzählung warten. Alexander Kluge hatte dabei das traditionell Politische im Blick. Was er an Themen nannte, die noch nicht erzählt sind: die gestohlene Revolution in Ägypten, die Feigheit der AKW-Chefs. Erzählen als Kassandratätigkeit. Die unerzählte Realität auf Erzählbarkeit prüfen. / Die Fäden der Rohstoffmassen, die uns umgeben, miteinander verbinden. Zwei Erzählstränge, die nichts miteinander zu tun haben, kombinieren. Im Zwischenraum entsteht etwas Neues. Alexander Kluge zeigte Auszüge aus seinen Filmen (zum Beispiel aus „Fünf Leinwände“), er begeisterte sich für Paul Klee, er bezeichnete Walter Benjamins „Passagenwerk“ als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts und er fragte nach der Hauptstadt des 21. Jahrhunderts und brachte den Gedanken ein, es sei eventuell keine Stadt, sondern etwas in den Köpfen der Menschen; er präsentierte ein kaum bekanntes Märchen der Brüder Grimm (Das eigensinnige Kind), und er betonte, die Erzählweise im 21. Jahrhundert könne nicht mehr linear sein, sie müsse gravitativ sein. Wenn ich meine Notizen jetzt wieder lese, wird mir bewusst, dass diese wenigen Stunden im Audimax auf mich und auch auf meine Gedichte eine starke Wirkung hatten. Zwei Erzählstränge, die nichts miteinander zu tun haben, kombinieren. Im Zwischenraum entsteht etwas Neues. Die Hauptstadt als etwas in den Köpfen der Menschen. Die Vielfalt und die Unruhe in uns. Zum ersten Mal hörte ich hier von der Verwandtschaft des Rechtsgefühls mit dem Gleichgewichtsgefühl. Als sein zentrales Motiv nannte er: Die Scheidung seiner Eltern zu verhindern. Und wenn ich mich richtig erinnere, ich habe es nicht notiert, sagte er, im Nachhinein sei er sicher, dass er mit den Fähigkeiten, die er entwickelt hatte, die Scheidung seiner Eltern hätte verhindern können. Hieraus spricht die Leidenschaft des Juristen am Diskurs, der Glaube an den Diskurs.
6 Kommentare
Michael Engelbrecht
Allerfeinstes Gewebe!
Thomas
Toller Text, Martina.
Meine Erinnerungen an Alexander Kluge beschränken sich auf Hannelore Hoger, krasses Piraten TV mit DCTP um Mitternacht, gegen den der unsympathische damalige RTL Chef Sturm lief, und den von mir aus Jux zu Schulzeiten oft zitierten Filmtitel „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“. Den Film hatte ich nie verstanden, um so mehr Hannelore Hoger darin bewundert.
Martina Weber
Die persönlichen Erinnerungen haften stärker als die Nachrufe. Man kann dankbar dafür sein. An die Filmausschnitte in Alexander Kluges Poetikvorlesung erinnere ich mich kaum, ich weiß nur, dass ich nicht wirklich etwas damit anfangen konnte. Nach der Erfahrung der Vorlesung hatte ich auch ein paar Bücher von Alexander Kluge angeschaut, aber es hat mich nichts gepackt, nichts zur vertieften Lektüre motiviert. Dafür blieben einige Gedanken aus der Vorlesung und ein paar Formulierungen umso nachhaltiger haften.
Lajla
Toll, dass du uns an deinen Notizen teilhaben lässt. Ich denke, dass Alexander Kluge visuell verstanden werden muss. Dieses Cross Mapping zum Beispiel versteht man nur , wenn man es sieht, also die neu entstandene Karte. Das gilt auch für die übereinander gelegten Texte. Man schaut sich den neu entstandenen Text an…
Mich interessiert die Interviewtechnik von ihm. Mich faszinierten die Sendungen 10 vor 11. Viel viel Abregendes darin.
Lajla
Anregendes
Martina Weber
Als ich „Cross Mapping Alexander Kluge“ recherchiert habe, bin ich zu meinem eigenen Post auf manfonistas gelangt. Da habe ich schonmal kurz von der Poetikvorlesung erzählt, und auch von einem großartigen Interview mit Max Dax. Cross-Mapping: Die Kombination privater und öffentlicher Schwierigkeiten. Hier der Link: https://www.manafonistas.de/2013/11/07/cross-mapping-poetologie-nicht-nur-eines-films/