Eine grossartige neue TV-Serie

Ich empfinde das Argument, Serien seien Zeiträuber immer etwas erheiternd, es wird meistens von Zeitgenossen ins Spiel gebracht, die Serien nicht viel abgewinnen können. Es entsteht bei sensiblen Gemütern dann leicht der Eindruck, sie könnten mit ihren endlos begrenzten Tagen verschwenderisch, fast Zeit totschlagend, umgehen, was natürlich völliger Blödsinn ist, wenn man eine grossartige Serie über eine, zwei oder mehr Staffeln geht, die uns völlig gefangennimmt, bereichert, das Bewusstsein tanzen lässt, uns emotional und andersweitig „mitnimmt“, unvergesslich ist, und ein paar Horizonte öffnet. So eine grandiose, auf acht Folgen beschränkte Kriminalserie der besonderen Art ist „All Her Fault“, die man auf einem Zusatzkanal von „Prime“ sehen kann, der jederzeit kündbar ist. Fesselnd vielschichtig, abgründig: Grosses Kino sozusagen im TV-Serienformat. Aber wer natürlich dabei lauter Sinn stiftende Dinge vernachlässigt, wie etwas psychoanalytische Deutungen von Meisterwerken der Bildenden Kunst zu verfassen, seinem alten Hund ein paar neue Tricks beizubringen, oder die Lektüre von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ endlich für die folgenden 12 Monate in Angriff zu nehmen, der hat natürlich ein paar Argumente auf seiner Seite.