Die Herkunftsgeschichte neu erzählen und sich befreien

Ein Jahr nach ihrem Erzählband „Manchmal das Glück“ erschien von Ulrike Sabine Maier im Herbst 2025 der erste Roman: „Hinter tausend Stäben“ (Edition Federleicht). Beide Bücher thematisieren belastende Einflüsse durch das persönliche Umfeld und die Vergangenheit. Erinnerungen, die weiterwirken, obwohl man lieber mit ihnen abgeschlossen hätte. Im Roman spielt die Familiengeschichte über drei Frauengenerationen und Prägungen durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle. Der Roman beginnt mit einer Schlüsselszene im Jahr 1965. Die 28-jährige Luise, schwanger mit Zwillingen, besucht ihre noch nicht 50-jährige Mutter Inge, die in einem Krankenhaus im Sterben liegt. Vorwürfe, Fremdsein, Wut und Aggressionen kreuzen sich im Raum. Dabei fällt auf: Die Mutter schleudert ihre Gedanken wie Steine, Luise hingegen denkt sich meist ihren Teil. Nur von anderen hat sie etwas über die Mutter erfahren, sie selbst hatte nie das Gefühl, auch nur eine Mutter gehabt zu haben. Als Luise das Krankenhaus verlässt, spürt sie, dass die Geschichte ihrer Mutter für sie nicht zu Ende erzählt ist. Und doch fängt sie erst ein halbes Jahrhundert später damit an, die Vergangenheit ihrer Mutter aufzuarbeiten. Sie befragt Überlebende, durchforstet Urkunden, Briefe und Fotografien, sie reist nach Dresden und stellt sich ihren eigenen Erinnerungen.

Wie ich von Ulrike Sabine Maier weiß, kennt sie die Person, auf der die Romanfigur Luise basiert. Die Romanautorin entwickelt also stellvertretend für die Person, die hinter der Romanfigur Luise steckt, eine fiktive, aber auf Recherchen beruhende Familiengeschichte mit dem zeitlichen Schwerpunkt von 1922 bis 1947. Zu Beginn ist Inge sechs Jahre alt, freiheitsbedürftig, ehrgeizig, unangepasst und sehr intelligent; ihre Eltern betreiben das Palasthotel in Dresden. In anschaulicher, bildreicher und poetischer Sprache schildert Ulrike Sabine Maier in charakteristischen Szenen das Leben von Inge und später das von Luises Kindheit, hineingeflochten werden Passagen aus dem Jahr 2016 mit Luise. Inge studiert Medizin, sie engagiert sich im Widerstand, lernt – sie lebt inzwischen in München – die Mitglieder der Weißen Rose kennen. Gleichzeitig ist sie mit der vom NS-Regime geförderten Pianistin Elly Ney und deren Tochter befreundet. Immer wieder geht es um Leben und Tod, auch wenn Inge als Ärztin plötzlich Gelbe Zettel ausfüllen soll. Inge ist ein zerrissener Charakter; sie ist auch selbst, wie mehrfach angedeutet wird, psychisch krank. Luise ist ein ungewolltes Kind, und das hat sich ihr eingebrannt: Sie wird hin und her geschoben, mal ins Kinderheim, dann zu den Eltern des Vaters, die sie ablehnen. Sie macht die Erfahrung, nicht gesehen zu werden, nicht bei ihrem Namen genannt zu werden, also keinen Namen zu haben, nicht auf ein Foto mit aufgenommen zu werden, weil der Vater, der von der Mutter geschieden ist, eine neue Familie gegründet hat und sie, Luise, eigentlich gar nicht existieren sollte.

Motive durchziehen das Buch wie leuchtende Fasern: Die rote Wut oder auch das Tier im Menschen, ein Charaktermerkmal als Familienerbe. Formen des Lächelns. Die Fähigkeit, durch Wände zu gehen. Kopflose Engel. Der Geruch nach Rosmarin. Auch der Panther im Zoo. Der Titel des Romans ist einer Zeile aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Panther“, das um die Gefangenschaft des Raubtiers in einem engen Käfig kreist, entnommen.

Mich hat die Figur des Kriegskinds Luise (Jahrgang 1937) am meisten berührt. Ulrike Sabine Maier gelingt es, die kindliche Welt in jeder Altersstufe in angemessener Sprache zu transportieren. Zu den stärksten Szenen des Romans zählen für mich die, als Luise nach Ende des Krieges zum ersten Mal mit ihrer Mutter zusammenwohnt und ihr, die von Krankheit, Hunger und gebrochenem Herzen daniederliegt, tapfer eine Suppe bringt. Dann darf sie ein Gemälde des Nachbarn betrachten. Sofort erkennt sie die Mutter darin, im Schwarz, und außen herum brennende Häuser kurz nach den Bomben. Dann negiert sie ihre Erfahrung, lacht und sagt, es sind doch nur Farben auf einer weißen Wand.

In der Zeit, in der Luise die Geschichte ihrer Mutter aufarbeitet, sind ihre beiden Töchter 50 Jahre alt. Auch die Töchter als Generation der Kriegsenkel (Jahrgang 1966) spüren die Last des Familientraumas. „Wir sind nicht so, wie du es dir wünschst“, sagt Anna ganz ruhig. „Und da ist eine Leere, bei dir, bei mir, bei Susanne, die ich nicht erklären kann. Wie du selber sagst: Es fehlen Teile! In uns!“

Während des Zweiten Weltkriegs hat man Kindern oftmals vermittelt, dass sie keine Probleme haben und dass andere Menschen wichtiger sind als sie. Die Kinder hatten still zu sein und zu funktionieren. Ehemalige Kriegskinder wurden häufig als unauffällig und angepasst beschrieben. Das schreibt Luise Reddemann in ihrem Buch über Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie. Die Beschäftigung mit der traumatischen Belastung der Kriegskinder und Kriegsenkel war, so Reddemann, nach der Jahrtausendwende noch neu und ungewöhnlich und erst ab dem Jahr 2013 war einiges an Forschung in Gang gekommen.

Im Roman findet sich doch etwas, was Luise mit ihrer Mutter teilt. Das Trauma, um das die Amerikanerin Jennifer die beiden sogar beneidet. Und die Abenteuerlust.

Ulrike Sabine Maier zeigt in ihrem hervorragend recherchierten, sorgsam gestalteten und auch gesellschaftlich wichtigen Roman:Das biologische Erbe jedes einzelnen Menschen schließt die psychische Verfassung seiner Vorfahren mit ein. Die eigene Familiengeschichte bedeutet dennoch nichts Festgelegtes oder gar ein inneres Skript für das Leben und Schicksal eines Menschen. Es ist nicht leicht, aber es ist möglich, die eigenen Erinnerungen zu bearbeiten und zu gestalten und sich dadurch zu befreien.

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