„I sing the body acoustic“ (Begegnungen mit der Musik von Ralph Towner)
„Ich habe seine Musik im Laufe etlicher Jahre als zunehmend unverzichtbar empfunden, angefangen von „Solstice“ über die Oregonveröffentlichungen und die Soloplatten. Eine echte Offenbarung war dann „At First Light“, für mich ist da nochmal das ganze Towner-Universum erklungen – und ich habe gespürt, daß das eine Art Vermächtnis sein wird. Ich habe Ralph nie im Konzert erleben können, ich hatte zweimal Karten für ein Solokonzert, eines in Blomberg/Detmold und einmal in Einbeck bei Hannover. Beide Konzerte mussten krankheitshalber abgesagt werden. Selten habe ich es so bedauert, einen Musiker nie live gesehen zu haben. So begleitet mich z.Zt. eine Ralph-Playlist auf meinen Spaziergängen im Schnee, meinem ollen ipod sei Dank, bei „Nimbus“ und „Jamaicastopover“ drücke ich dann auch gern mal die Repeattaste.“ (aus einem Kommentar von Jens)
„Ralph Towners akustisches Gitarrenspiel (classic, 12-string) war bahnbrechend und eine Inspiration – auch für viele Gitarristen. Es wurde – solo und im Oregon-Kreis – nicht nur Musik gemacht – es war, als würden Parallelwelten geschaffen und Naturgötter beschwört. Komischerweise fand ich Klassische Gitarre immer relativ langweilig, aber der Ton, den eine Konzertgitarre erzeugen kann, den finde ich reizvoll. Abends beim Einschlafen zu den Klängen von Towners Twelvestring („Brujo“) hinüberzugleiten ins Traumreich – das bleibt unvergessen.“ (aus einem Kommentar von Jochen)

„My favourite guitarists? Neil Young, wizard – electric. Ralph Towner, wizard – acoustic. And then – Steve Tibbetts. A revelation from the first album onwards. I’ve been returning ever since. Always returning.“ So ähnlich begann ich mein Interview mit Steve über sein Album Life Of, dem Ende 2025 das mich nach wie vor tiefer und tiefer in seinen Bann ziehende Spätwerk Close folgte, viele Jahre später. Den Werken dieser drei Musiker bin ich über Jahrzehnte gefolgt, und hier möchte ich nun ein wenig über meine ersten Hörerlebnisse mit Ralphs Musik erzählen. Sein Auftritt mit Oregon im Sommer 1974 in Münster (im Landesmuseum) gehört zu dem Highlights meiner Konzertbesuche. Im gleichen Sommer sorgten auchb das Gateway Trio mit John Abercrombie, Dave Holland, und Jack deJohnette sowie das Jan Garbarek-Bobo Stenson-Quartett für magische Abende.

Ich bin Jahrgang 1955, und das bedeutete in meinem Falle, dass ich die hohe Zeit der Kinks und Beatles als Teenager voll mitbekam. Teilweise unter der Bettdecke mit Transistorradio, oder ersten Singles. Drei Wochen in den grossen Ferien, morgens gerne dreimal hintereinander, das Sgt. Pepper-Album zu hören, hatte massive Folgen! Bald folgten nich ganz andere Einschläge, wie etwa die ganz frühen Jahre von ECM – als rock- und jazzsozialisiertes Individuum öffnete sich mir auch noch als „greenhorn“ die wilden Klänggebräu des „elektrische Miles“, Soft Machines drittes Album(zu dem ich ein ähnlich obsessvies Verhältnis pflegte wie zu Sgt. Pepper) – und eben die ersten zehn ECM-Langspielplatten. Ähnlich wie Steve Tibbetts (der ja Jahre lang im Plattenladen „Wax Museum“ arbeitete, und die ungkaublichste Musik der entfesselten 1970er Jhre in Minnepolis’ heissesten Vinylshop geliefert bekam), kannte ich von den ersten 300 Platten des Münchner Labels mit der regelmässig wiederkehrenden Zeile „produced by Manfred Eicher“ ungefähr 250. So dicht wie Steve sass ich ja nicht an der Quelle!

Ich glaube, zu meinen ersten zwölf „ECM-Scheiben“ gehörte Ralph Towners „Diary“, ein Soloalbum, das ich immer zu meinen besonderen „Erweckungserlebnissen“ zählen werde. Ich liebte und liebe die Musik so sehr wie das Cover, ich erinnere heute noch, wie Manfred Sack in der ZEIT von seinem „Samtpfotenpiano“ schrieb, als er die Musik dieses klingenden Tagebuches beschrieb, auf dem Towner eben auch mal zu Gong und Klavier griff. Als ich in jenen Jahren darüber hinaus seinem überraschenden akustischen Auftritt auf einem Stück von Weather Reports „I Sing The Body Electric“ lauschte, seinem fast ebenso spartanischen Beimischungen auf Jan Garbareks „Dis“ (unvorstellbar dieses Meisterwerk ohne Windharfe und Ralph), den Oregon-Alben „Distant Hills“ und „Evening Light“, Ralph Towners „Solstice“, war der Pakt besiegelt. Nicht zu vergessen Raph Towners Album „with Glen Moore“ namens „Trios, Solos“, ein erster Schritt, das vertraglich an Vanguard Records gebundene Oregon-Universum zu locken. Ralph Towners 1970er Jahre endeten im Herbst 1979, als live in München und Zürich das nichts weniger als grandiose „Solo Concert“ entstand. Fragen sie mal Wolfgang Muthspiel danach!

Man muss kein Instrument spielen, keine Raketenwissenschaft betreiben, um Ralph Towners Musik zu verfallen – auf ureigene Weise behandelte er in seinem Spiel Unaussprechliches, Parallelwelten, Zwischenzonen: hier wurden tiefe Emotionen und Essenzen ausgelotet, für die es Annäherungen, im Reich der Worte, vielleicht in der modernen Lyrik geben mag, im Bewusstseinsstrom eines Sprachrausches, oder in fantasievoll-pointierter Musikkritik. Hier wie da wäre die Sprache jedoch ein reines Lockmittel, ein Empfehlungsschreiben für die Pforten der Wahrnehmung, die sich letztlich nur öffnen, wenn sich Tonarm und Nadel auf das Vinyl senken, und die Musik beginnt. Let‘s call it deep listening.

Und dann: die späteren Jahre? Der Zauber ging weiter, aber nicht jedes Album hinterliess bei mir gleichermassen tiefe Spuren. So endete für mich die grosse Zeit von Oregon mit dem Tod von Colin Walcott. Weit verzweigen sich die anderen Projekte von und mit Ralph Towner. Die tiefsten Hörerelebnisse hatte und habe ich, wenn Ralph reine Sologitarrenalben aufnahm wie „At First Light“ oder „Anthem“ oder „Timeline“ oder „Ana“. Und auch bei seinen beiden Duo-Arbeiten mit Gary Peacock „Oracle“ von 1994 und, Jahre später, „A Closer View“. Ausgerechnet zwei Tage nach seinem Tod erschien nun „Oracle“ in der „Luminessence“-Vinyl-Serie seines Hauslabels. Umwerfend. Ich hörte es zuletzt jeden Tag einmal vom ersten bis zum letzten Ton, und es packte mich wie damals in den 1970er Jahren („when I was younger, so much younger than today“).
Der Sound: schlicht überragend. Und auf „Oracle“ erfährt man etwas darüber, wie virtuoses Handhaben von Bass und Gitarre keine Sekunde lang in die Falle des Perfektionsmus tappt. Wie zwei Musiker es nie verlernt haben, in ihren Klängen jenen „Geist des Anfängers“ zu praktizieren, der sich dadurch auszeichnet, dass man eben nicht alles zu wissen meint. Und die eigenen Fragen, Ahnungen wie Anmutungen, in jede erdenkliche Tiefe transportiert. Ekstase braucht halt nicht unbedingt, in solchem Einssein von Konzentration und Losgelöstheit, Geschrei und Wildheit. Das Cover selbst, mit den verschwommenen Umrissen der Körper und Instrumente, ein gelungenes Pendant zum „Ungreifbaren“ der Klänge selbst!
3 Kommentare
Michael Engelbrecht
Hier eine längere Passage aus einer Mail von Steve Tibbetts (falls jemand den Beitrag „On Memory Lane“ aus unserem Blogtagebuch verpasst haben sollte):
Hi, Michael, the track „Oceanus“ changed my life. If I had to pick one selection that embodied the peak of ECM’s glory years, that would be the one. I met Ralph Towner twice, once in NYC at Bob Hurwitz’s apartment, and once at an Oregon gig here in Minnesota. The New York meeting was over a glass of wine at Bob’s apartment in the West Village. There was still a pervasive aura of „Welcome to the ECM family.“ Hans Wendl wrote those words in his first letter to me, the letter confirming dates for Oslo in ’81. ECM had its own office on Park Avenue. They were riding high. I had been flown to NYC to do interviews for „Northern Song.“ I was starstruck to be around Towner. I felt like my position in this new „family“ was like meeting a new girlfriend’s parents, maybe at a dinner in the Hamptons. Small talk, kind smiles, but a subtle tension at being the new guy. I sipped my wine very slowly and thought, over and over, „Don’t say anything stupid.“ (….) The second time was after an Oregon concert at the Cedar Cultural Center. This was when they were working with a new percussionist after Colin died. The concert itself was good, but what astounded me was Ralph’s piano playing. I made a vow, that night, to take piano lessons (I did) and to practice guitar 5-6 hours a day (I didn’t). Again, we chatted after the concert, and again, I was star-struck. Colin changed my life as well, but that’s a story for another time. Your use of the word „ganachakra“ in your email is an „suspicious coincidence,“ as they say. Best to you, s
Michael Engelbrecht
Und HIER, zu Begin von Thomas Loewners akteullem JazzFacts Magazin, Erinnerungen an Ralph Towner und Richie Beirach. Hörbar bis zum kommendem Donnerstag.
De OTON von Towner stammt aus einem Portrait von Niklas Wandt von 2023. Meine alte Sendung aus den frühen 2000er Jahren wird nächste Woche im Archiv gesucht und dann evtl auf flowflow gepostet.
Brian Whistler
Brian Whistler erinnert an Oregon und eine frühe Begegnung – in dem folgenden längeren Auszug aus seiner Erlebnis des ersten Duo-Konzerte überhaupt der zwei Oregon-Gründer Ralph und Paul McCandless 2019 (einem alten Manafonistas Text entnommen):
Last night, Ralph first appeared on stage solo and played a lovely set comprising old and new tunes, mostly off of the latest album. The title track, “My Foolish Heart,” was given a tender and detailed rendition. A new as yet unrecorded tune called “Flow” (Ralph spelled out the title to make sure we understood it wasn’t a woman’s name,) was presented. A spirited performance of “Saunter” followed, along with a lively version of “Dolomiti Dance” and a very sweet rendition of “I’ll Sing to You” (which Ralph forgot the title to for a minute, but, hey, he remembered all the notes).
Paul came on stage, armed with just his soprano sax and bass clarinet, and the two launched into a set of classic and lesser known Oregon tunes, all Towner compositions, including Duende, Anthem and The Prowler. It was a beautiful set, and a deeply emotional experience for me. As I mentioned, I grew up listening to these guys, and here they were, still playing, exploring and taking chances, leaning into the moment some 50 years later. The duo received a warm welcome and undivided attention through the set.
After the the classic Oregon closer “Witchi Tai To,” on which Paul played penny whistle, the duo came out and played an encore of Towner’s “Celeste,” a delicate tune written for his daughter. Afterwards, I spoke with Paul about the show. He told me the fact that the duo had never performed before made the music feel very fresh for both artists.
It was hard and a little embarrassing for this fan nerd to do, but I had brought the cover to Ralph’s newest solo disc and was determined to have him sign it. When I approached him, he smiled disarmingly as if he recognized me. I reminded him of a workshop the original lineup of Oregon had given at Sonoma State University back in the late 1970s. I had taken a composition class with Ralph and recounted how he had sat at the piano and asked students to throw out chords for him to play at the piano. He wrote them down and attempted to find melodic common ground, a thread that might bind together these random chords. (It was almost as if the students were messing with him, suggesting the weirdest possible succession of chords.) He remarked, “Hey, that was a cool idea. How did it go? Did I succeed?” “Not really,” I told him and we both broke out in laughter.
But it was a fascinating exercise in getting a glimpse at his composition process: Start with a couple good chord voicings, which hopefully suggest a melody on top, and then keep at it until a tune emerges. It was a revelation for me personally: His process was no different than that of the rest of us mere mortals; he just had a better ear and perhaps a lot more determination and patience than we did.
After the performance, Ralph and Paul hung around, and no one seemed to want to leave. Pictures were taken. I got my precious autograph and drove home, thinking of all the musical gifts I had received from these two masters for the last five decades.