Alternativer oder erweiterter Kanon

Im März besuchte ich wie meistens das Brooklyn Museum, da dort gerade Fotografien von Seydou Keïta zu sehen waren (bzw. noch für ein paar Tage zu sehen sind: A Tactile Lens), sowie eine Filminstallation von Christian Marclay (Doors). Da es das Wochenende des „Internationalen Frauentags“ war, fanden im Haus gerade zahllose Veranstaltungen, Lesungen, Gespräche, Konzerte und dergleichen mit und über Frauen in der Kunstwelt statt, und im Museumsbuchladen lagen zahlreiche entsprechende Bücher aus. Da ich gerade auf der Suche nach einem passenden Geschenk für einen guten Freund, der zufälligerweise am 8. März Geburtstag hat, allerdings eh schon zu viele Bücher hat und ein bisschen die Lust am Musikalbenkauf zu verlieren scheint, schien mir das in die Hände fallende Buch „Classic Albums by Women“ eine spannende Wahl.

Nun handelt es sich dabei weder um eine Zusammenstellung von „klassischer“ Musik noch um eine Verdichtung kanonischer Bestenlisten auf rein weibliche Interpretinnen, sondern eher um eine Art Kaleidoskop durch individuelle Empfehlungen und Lieblingsalben verschiedener, oftmals bekannter Musiker/innen und im weiteren Musikgeschäft tätigen Menschen, Das ganze basiert auf den von Colleen “Cosmo” gestarteten „Classic Album Sundays“, einem Podcast und einer Webseite mit u.a. Interviews eben mit Künstler/innen und anderen Leuten, die im „business“ einiges kennen.

Zahlreiche dieser Bekannten haben für dieses Buch also jeweils ein Album empfohlen und sich mit der jeweiligen CD oder LP oder auch ihrer iTunes-Bibliothek fotografieren lassen, so dass es keine kuratorische Liste gibt, was zur Folge hat, dass einige Musikerinnen häufiger vertreten sind als andere – Grace Jones beispielsweise besonders oft; „Horses“ von Patti Smith gehört zu den paar Alben, die mehrmals gewählt wurden. Honey Dijon sagt etwa über Grace Jones‘ Island Life: “Grace Jones is the reason I felt free enough to become an artist”. Die sehr unterschiedlichen Weisen, auf die die knapp 200 Empfehlungen ausgesprochen werden, ist allein schon einen Blick in das Buch Wert. Auch sind die Favoriten oftmals gar nicht so naheliegend. Peter Hook (Joy Disivion / New Order) hat sich z.B. für Nicos Chelsea Girl entschieden.

Ich habe meinem Freund dann drei CDs aus dem Buch herausgesucht und mitgeschickt, die er sich freiwillig mit ziemlicher Sicherheit nicht kaufen würde, die ich aber zu Recht in dieser Auswahl entdeckt habe, drei ausgesprochen unterschiedliche 5-Sterne-Alben ganz verschiedener Jahrzehnte und Hintergründe: Journey in Satchidananda (1971) von Alice Coltrane, I do not want what I haven’t got (1990) von Sinéad O’Connor und Lemonade (2016) von Beyoncé. Ich bin gespannt, was er dazu sagen wird.

Hätte man mich gefragt, ein einziges Lieblingsalbum in diesem Buch zu empfehlen, so hätte ich mich wohl für Undertow (2000) von Sidsel Endresen entschieden, weil es mir damals viele Türen öffnete, viele Verbindungen zwischen interessanten Musikern herstellte und bis heute, gut 25 Jahre später, noch immer mit jedem Hören wie neu und auf spannende Weise ungehört erscheint, wie das wenige Alben schaffen. Sidsel Endresen hat eine unvergleichliche Präsenz als Songwriterin und in ihrer Stimme, und mit Undertow befindet sie sich souverän in ihrem ganz eigenen Genre.

Für welches Album würdet ihr euch entscheiden, solltet ihr für ein solches Projekt angefrgat werden – und mit welcher Begründung?

6 Kommentare

  • Michael Engelbrecht

    Oh, ohne Zögern hätte ich mich für Hejira von Joni Mitchell ausgesprochen, mit langem oder kurzem Text! Es ist ein Album, das micn damals wie heute endlos berührt, und deren lyrics unfasssbar gut sind und bestimmt niemals eine Patina ansetzen! Knapp dahinter wäre Bright Red von Laurie Anderson gelandet.

  • Olaf Westfeld

    „Fetch The Bolt Cutters“ von Fiona Apple. Unglaublich sinnliche, wunderschöne, experimentelle, Popmusik. Aufwühlend und berührend. Tolle Texte.
    Und über „Lives Outgrown“ könnte ich fast das gleiche schreiben…

  • Lajla

    IDEAL. Es war unser Berlin Sound. Wir lebten in Westberlin – 1980 wurde dort unser Sohn geboren. Obwohl Ideal nur paar Jahre große Konzerte gaben, verschwanden sie für mich nie von der Bühne. Bin bis heute Annette Humpe Fan.

  • Thomas

    Als Kind der Achtziger verfiel ich mit „Hounds of Love“ Kate Bush forever. Ich war nicht der Einzige… Es waren die Tage der großen Emotionen und fetten Sounds 🤷‍♂️

  • Lorenz

    Undertow ist zwar wirklich toll aber bei mir wäre es Dalbello „whomanfoursays“. Hat mich damals umgehauen und hat dazu auch noch ein tolles Cover.

  • Jan Reetze

    Da gäbe es einige, Joni Mitchell, Kate Bush, Juliette Gréco, Dusty Springfield, Annette Humpe, Carla Bley, Janis Joplin, spontan und zuvörderst fiele mir aber Laurie Andersons „Mister Heartbreak“ ein. Über ihre Einzigartigkeit muss man, glaube ich, keine Anmerkungen verlieren, höchstens wäre zu fragen: Warum dieses Album, warum nicht eines ihrer anderen? Weil mir ihr erstes Album („Big Science“) noch ein bisschen zu sehr zusammengesammelt aus verschiedenen Performances vorkommt, während sie beim zweiten Album genau zu wissen schien, was sie wollte, und auch in der Lage war, es mit den exakt richtigen Musikern umzusetzen. Wenn es also ein Album gibt, das ihrer gedanklichen Welt am nächsten kommt, dann ist es für mich dieses. Dass dann obendrein noch Peter Gabriel und William S. Burroughs zu hören sind, ist ein Extra-Plus.

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