• Flanieren, mit einem besonderen Blick für Pfirsiche



    Auf dem Weg zurück nach A., legte ich „Sushi. Roti. Reibekuchen.“ mit J. Peter Schwalm, Brian Eno und Holger Czukay in den Cd-Player meines Toyotas, brauste über die Autobahn, und fühlte mich an ein paar warme Augusttage des Jahres 1998 versetzt. Irgendwo schwirrt noch die Aufnahme meines damaligen  „public talks“ mit Brian herum, der während seiner „future light-lounge proposal“-Multimedia-Installation stattfand, in der Bundeskunsthalle Bonn. Eine Passage des Gesprächs könnte ihren Weg finden in meine Klanghorzonte am 26. Juli. On va voir. Die hier auf der CD dokumentierten Sessions erhielten eine dezente Portion von leicht abstraktem Funk dank zweier Mitglieder von Schwalms damaliger Formation „Slop Shop“. 

    „On a hill, under a raven sky / I have no idea exactly what I’ve drawn“ (Brian Eno, Spinning Away)

    Es war, nach 25 Jahren, Enos erster Live-Auftritt, allerdings ohne grosses TamTam  als Ambiente dargeboten zu erstklassigem Futter. Solch köstliche Roti bekam ich erst Jahre später wieder vorgesetzt, in Dishoom’s, 2, Upper St. Martin Street. Jan Bang kennt den „Inder“ auch. Bei diesen Jams mischten sich ausgehdehnte Suchaktionen, mal irrlichternd, mal leerlaufend, mit rundum erfüllten Passagen. Holger Czukay hatte seine Freude am Einstreuen obskurer Sprach-Samples, und  all dem, was sein Weltempfänger aus dem Äther fischte. Und so nahm diese aussergewöhnliche „Dinner Music“ ihren Lauf, der erst nach Stunden von der Polizei der Stecker gezogen wurde. Das wird jetzt nicht unter meinen Top 25 von Brians Werke-Verzeichnis landen, ist aber, in der richtigen Stimmung, lustvolles Hörfutter, zum Beispiel bei langen Nachtfahrten („under the night sky of Arles“, oder sonstwo). Lesenswert die Liner Notes von Wyndham Wallace, der das Geschehen musikhistorisch klug einzuordnen weiss. 

    „To boldly go where no one has gone before“
    (Captain Kirk, Raumschiff Enterprise) 

    Solche Expeditionen ins Unbekannte wird man eher mit Brian Enos élan vital verbinden, als mit  meinem morgigen Trip an die Côte d‘Azur, nahe Hyères. Ein wenig hat mir das Katja Eichingers Reisebüchlein „Das grosse Blau“ eingebrockt. Es ist schon speziell, wenn man diesen besonderen Erdwinkel  zwischen Glamour, Reichtum und traumschönen Landschaften vorrangig aus Bildender Kunst, Erzählwerken und Filmen kennt. Ich habe mir ein ganz kleines Häuschen gemietet (die obere Hälfte), direkt am Meer (wahrscheinlich die Langzeitresonanz von Lajlas Finca auf Hiero), fernab von allem Rummel. Kein  Nizza, kein  Marseilles, kein Flowworker-Blog. Die Cds sind rasch zusammengestellt, neben Beth Gibbons und John Cale ist noch William Parker dabei. Enos „Thursday Afternoon“. Dies und das, handverlesen. Und, sowieso, en voyage a la France, Jacques Brels letztes Album (das mich schon mehr als ein halbes Leben begleitet) – so erhält mein eingerostetes Französisch etwas Schwung. 

    „Down at the beaches, just looking at all the peaches.“
    (The Stranglers, Peaches)

    Wenn ich mich nicht im Ultramarinblau des Himmels auflöse oder von einem weissen Hai grefressen werde, bin ich kurz vor Monatsende zurück. Ab dem 22. Juni mag jeder Flowworker nach Gusto die Juli-Kolummen („Monthly Revelations“) bestücken, und, was sich dort findet, streichen, oder auf den Junianfang transportieren  – ansonsten hole ich das ratzfatz nach. Emails erreichen mich, und werden beantwortet, vielleicht schreibe ich mal wieder Postkarten. Loslassen, Alter, und freundlich sein zu Fremden, und streunenden Hunden sowieso.

  • Das seltsame Ende einer Müdigkeit



    It’s a lot like magic / It’s a lot like friendship …“ Auf der Autobahn in die alte Heimat legte ich die Cd „Poptical Illusion“ von John Cale ein, und freute mich über die Kraft, die seine Stimme und Songs immer noch verströmen. Satte Rhythmen umhüllen seine sonore Stimme, die ohne Verzagen einmal mehr alte Träume und Dämonen aufsucht. Ich war auch auf einer Mission, allerdings sehr viele Nummern kleiner gelegt, in Richtung der Räume der Kindheit.

    Ich betrat das Schwimmbad namens „Froschloch“, in dem ich früher manchmal mit meiner Mutter unbeschwerte Nachmittage verbrachte, mit flirrendem Kinderstimmensingsang. Solch ein akustisches Lufttheater höre ich heute nurmehr auf Platten von Boards Of Canada als schemenhafte Spuren uralter Zeiten. Das Schwimmbad, in dem ich zuletzt vielleicht 1966 war, war trotz 19 Grad Lufttemperatur und Sonnenschein überraschend leer – ich erkannte alles wieder, die feinsten Wellungen der hügeligen Wiesen, die Areale für die Spielplätze, der renovierte Bau seitlich, der heutzutage als Jugendherberge dient, wie ich beim Bademeister erfuhr. Das Wasser wurde nicht erwärmt, und brachte es nach diesem sonnenarmen Frühling auf gerade mal 18 Grad.

    Die Strand- und Strandkorbanlage gab es damals, 1963, noch nicht, ich machte es mir bequem, und mir kamen 1001 Bilder und Tonspulen aus der Mitte der Sechziger Jahre in die Sinne, und wie oft ich in letzter Zeit an Matthes dachte, meinen Blutsbruder, mit dem ich meine vier ersten Schuljahre teilte, und mit dem ich an einer Bushaltestelle an der Harkortstrasse in Hombruch paralleles Nasen-An-Schaufensterscheiben-Drücken ausübte, auch, um noch näher an die aushängenden Singles heran zu kommen, es durften gerne Adamo sein und Manuela. Die zwei Stunden im Schwimmbad vergingen wie in einem Traum, wehmütig, surreal. Wo war das Portal, mit dem ich durch die Zeit springen könnte? Ich notierte die Namen, die mir einfielen, ich liess Erinnerungen schweifen, googelte Namen, glich sie ab.

    Mattes kommt gleichsam durch eine Hintertür, als Verlustmeldung, sobald ich in den alten Strassen auftauche, die Mädels würden kaum unter ihrem ersten Namen firmieren, und dann stosse ich auf eine Spur: Michael Z. (ein seltener Name, und verortet heute unweit seines damaligen Kinderzimmers in der Grotenbachstrasse). Nun ist es nicht so, dass wir so dicke miteinander waren wie Mattes und ich, aber er war oft dabei, als wir die Siedlung am Weissdornweg in ein Terrain des Wilden Westens verwandelten, Spiele spielten, für die mir die Namen entfallen sind. Manchmal kauften wir an der Bude Fotopäckchen, und ich erinnere mich an eines, auf dem das Wrack des abgestürzten Flugzeugs der Mannschaft von Manchester United zu sehen war.

    Ich wählte die Rufnummer von Michael Z., nannte meinen Namen, liess alle Kindheitsstoffe aussen vor, und bat um Rückruf. Die Müdigkeit, die ich seit der schlafosen Nacht in Brüssel immer wieder bleiern spürte, war wie weggeblasen, ein kleines Fenster hatte sich geöffnet auf der Suche nach meinem Blutsbruder von 1963. „Can I close another chapter / In the way we run our lives…“ (John Cale, How we see the light)

  • Vor und nach Beth (zweiter Teil – Nach Beth)

    Es war noch ein wenig Licht am Himmel, als ich aus dem Zirkus kam. Ein heiteres Stimmengewirr von glücklichen Konzertbesuchern. Fast hätte ich mir noch ein „Lives Outgrown“-Tshirt geschnappt. In der benachbarten Kneipe trank ich ein grosses, mir viel zu saures Belgisches Bier, und kam ins Gespräch mit Christiane, Robert und Helène, und wir erzählten uns besondere Momente der vergangenen zwei Stunden, fast hätten wir Gänsehaut an Gänsehaut gereiht: „I cannot say how much I adore life“. Zurück im Hotel war der Schlaf nicht annähernd so erfüllt wie der Abend es vorgemacht hatte. Ich bedauerte es, keine Zopiclon dabei zu haben, und fragte mich, ob Vollmond sei. Ist die Nacht erst einmal aufgeholt, kommen die Schwebungen zurück. A soft spell: that rare bleakness that breaks the dark.

  • Vor und nach Beth (erster Teil – Vor Beth)


    Der Taxifahrer stimmte mich schon mal auf das ganze Leben ein. „Ce qui has a good humour, toujours finds solutions“, radebrechte er zwischen Englisch und Französisch, auf dem Weg zum Motel One. Und unterwegs tischte er mir Erlebnisse mit berühmten Geistern auf, in einem solchen Affentempo, dass mir sicher manche Pointe entging, denn öfter besorgte er das Lachen allein. Aber immerhin, unvergessen, der Auftritt von James Brown, der kostenlos spielte, nachdem er erstmal von der Polizei wegen Drogenbesitz gekascht wurde. Und er war begeistert von Joe Jackson und den Harlem Globetrotters. Mit Handschlag verabschiedeten wir uns, und ich kundschaftete schon mal den Königlichen Zirkus aus. Hintereingang, Soundcheck. Presseausweis. Ein paar überzeugende Sätze, und ich war drin. (Was dann kam, der Stoff, aus dem Weihnachtsgeschichten sind.) Als ich abends meinen Platz einnahm in dem Rondell, bühnennah, war noch viel Zeit, bis die Ereignisse mit einem „acoustic showase“ von Bill Ryder-Jones loslegen sollten. Und was hörte ich da im weiten Rund erschallen, nahezu die komplette wundervolle erste Seite von Fripp & Enos „Evening Star“, „Wind On Water“ usw. Obwohl ich diese Seite 1 des alten Vinyls in- und auswendig kenne (und immer noch unheimlich gerne höre), dauerte es eine halbe Minute, bis ich diese Musik an diesem völlg fremden Ort „unterbrachte“. Ich ging zu den zwei Herren am Mischpult, die aber das Gerät eher bewachten als betreuten, und etwas stoffelig waren, als ich nach der Playlist fragte und ob ich mir mal den Computer näher anschauen könne. Denn ganz deutlich war auf dem Screen zu lesen „Mellow Beth“, und also hatte die Südengländerin ein sorgsames „Tape“ eingerichtet, um uns Besucher akustisch einzufangen, mit durchweg feiner Musik, etwas Tönzerisch-Luftig-Leichtem von Steve Reich (glaube ich), ein Instrumentalstück der herrlichen zweiten Seite von David Bowies „Heroes“, ein Stück, das ein so betörendes Spoken-Word-Ding war, dass es sofort in meinen nächsten Klanghorizonten landen würde, wenn ich es bloss erkannt hätte. Ich sprach dann mit den beiden Mädels, neben mir, die erklärte Bill Ryder-Jones Fans waren, und pünktlich um acht verdunkelte sich der riesiggrosse Raum.

  • Sound and vision on air (JazzFacts, July 4th)

    Norma Winstone / Kit Downes: Outpost Of Dreams
    Christelle Séry & Jérôme Descamps: Te Ti‘Ama  (Clean Feed)
    Sidsel Endresen – Jan Bang – Erik Honore: Punkt Live Remixes Vol. 2 

    B1: Christophe Monniot: Six Migrant Pieces (Karl Lippegaus)
    Malcolm Jiyane Tree-0: True Story (New Soil)
    B2: Modney: Ascending Primes (Pyroclastic; Niklas Wandt)


    Eric Chenaux: Delights Of My Life

    William Parker / Cooper-Moore / Hamid Drake: Heart Trio
    Wadada Leo Smith & Amina Claudine Myers: Central Park’s Mosaics of Reservoir, Lake, Paths and Gardens

  • Can: Live in Aston 1977

    This is the fifth of Can’s „Live in …“ series, recorded again by some audience member, this time even in stereo — these tiny little walkman units with stereo mics that came up in the late seventies made it possible. The sound quality is not bad, especially when using headphones.

    This recording shows Can with a new line-up, as it was to be heard already on their album Saw Delight of the same year. Holger Czukay had given up the bass and handed it over to Rosco Gee of Traffic. Instead bass, Holger now added sound samples, using a shortwave radio and his famous dictaphone. The radio and the pre-recorded sounds on the dictaphone he could integrate into the live music with a morse key. Mostly the samples he uses are well known already — mainly they come from Holger’s solo albums Movies and Canaxis. But there’s also a telephone which Holger used to randomly call people and integrate their clueless „Hello …?“ into the ongoing music.

    While these external sounds work fine on Holger’s own recordings and relatively well on Can’s (dummyhead mixed) album Saw Delight, it does not really work in this live set. Holger’s sounds remain in the background here and aren’t making much sense — one might get the impression they were more conceded than accepted. Holger left Can with the following album, Out Of Reach, and somehow you can feel the loss already here.

    Anyways, Rosco Gee delivers a solid and sometimes funky bass fundament. The band somehow seems to anticipate already the overall sounds of their following LPs Out Of Reach (the only Can album that somehow failed), and the self-titled Can, which finished the chapter Can in 1979.

    Live in Aston 1977 has four tracks, two long ones and two shorter ones, all in all around 45 minuted of playing time. „Two“ is clearly an improvised version of their famous „Vitamin C“, Damo’s vocals are played here by guitar. In „Three“, Irmin spurs his Alpha-77 unit (which contains mainly ring modulation and filters). There are also some keyboard hints to „Vernal Equinox“ from the Landed album. In general, Jaki’s drums tend to clatter along a bit, while Irmin’s Farfisa organ is a bit too much in the foreground. But don’t forget the source — probably the bootlegger sat somewhere in front of him.

  • from old days at school to an evening on the radio


    Es gibt Gedichte, die hallen nach seit frühen Jahren. Auf jeden Fall erging es mir so mit dem berühmten Dreizeiler von Ezra Pound, betitelt „In a Station of the Metro“. Wie oft dachte ich an ihn, wenn ich in London mit der Underground fuhr, Richtung Notting Hill, Picadilly Circus, oder Angel Station. Der Text ging so: „The apparition of these faces in the crowd: / Petals on a wet, black bough.“ Zuweilen, wenn der Blick ins Leere ging, oder in Sekundenschnelle fremde Gesichter zu lesen versuchte, schwebte dieses Bild einher von den Röhren der unterirdischen Räume als nassen kalten Baumstämmen. Aber ich habe gewiss nicht damit gerechnet, dem Gedicht auf dem im September erscheinenden, dritten Album von Erik Honoré, „triage“ (Punkt Editions), zu begegnen. Mind the gap, mind the gap, mind the gap. Der nächste Track für die Klanghorizonte im Juli.


  • Beschte Gedanken von letschter Woche

    Frage mich oft, woher eigentlich die Mode kommt, dass E-mails, Forumskommentare und dergleichen gerne ohne Subjekt verfasst werden. Kann ja nichts mit Zeitersparnis oder praktischen Gründen zu tun haben, da diese Nachrichten meistens nicht durch Kürze bestechen. Habe dies vor vielen Jahren erstmals bei einem Bekannten wahrgenommen, der in der DDR geboren wurde [neudeutsch: ist] und aufgewachsen ist [wurde?]. Schrieb sehr häufig Mails und andere Nachrichten ohne „Ich“. Nahm selbiges später auch bei anderen Menschen aus der ehemaligen DDR wahr, dachte daher, es handle sich dabei vielleicht um ein Produkt kommunistischer Sozialisation: „Ich“ soll keinen so großen Raum bekommen. Aus meiner (süd-)westdeutschen Sozialisation war mir diese Angewohnheit vollkommen unbekannt. 


    Beobachte diese Gewohnheit seither stetig, in den Folgejahren allerdings auch bei vielen anderen Menschen, die nicht sozialismussozialisiert waren [sind?], sondern im Kapitalismus aufwuchsen. Nahm seither sehr häufig auch wahr, dass viele Menschen diese Praxis auch bei „wir“ und „sie“ (Plural) anwenden, was nicht selten zu eigenartig verwirrenden Formulierungen führt, wo man manchmal erstmal gar nicht versteht, ob nun von der ersten Person Plural oder anderen die Rede ist. Muss als Leser dann erst mal nachdenken, von wem da gerade die Rede ist. Passiert in Folge von Weglassen des „Ich“ ja häufig auch, dass man einen Satz erstmal als Aufforderung/Ansprache missversteht. Ist mir schon häufiger passiert, dass ich erst nicht wusste, was der oder die Schreibende sagen wollte. Wäre doch einfacher, da ganz banal ein „Wir“ oder „Ich“ zu schreiben, bevor man seine Leser unnötig vor Denksportaufgaben stellt, denk ich mir. Überleg dann und wann, ob es nicht eigentlich ein normales Zeichen von Höflichkeit ist, wenn ein Schreiberling beim Schreiben, will sagen beim Kommunizieren, zumindest so viel Mühe investiert, dass man dem Gegenüber das Verständnis nicht unnötig verkompliziert, wenn es doch ganz einfache Sprach- und Kommunikationsregeln gibt. Aber ja, klar: jeder, wie er mag. Oder wie sie mag natürlich. 


    Weglassen des Subjekts ist allerdings nicht die einzige Skurilität, die ich an Satzanfängen beobachte. Oft, dass Menschen auch andere Wörter am Satzanfang einfach so weglassen. Mal nur eines, manchmal aber auch mehr. 
    Paar Beispiele aus meinem Archiv. Füttere dieses gelegentlich, wenn ich mich in Online-Foren herumtreibe:

    „Ganzen Tag putze ich.“ / „ganzen Tag bin ich draussen unterwegs.“ / „Ursprüngliche Satz stimmt so.“ / „Teuerste Schild war Littering mit 1000 $“ / „Zweite Jahr in Folge das Radisson ausgewählt.“ / „Beste Kommentar seit langem.“ / „Problem ist, persönliche Erfahrungen sind, so schrecklich diese auch tatsächlich sind, nichts mehr als persönliche Erfahrungen.“ / „Freund von mir war auch in Riga und kann das so bestätigen.“ / „Größte Problem sind die Akkus.“ / „Als Kind darin gespielt und sogar einen Helm gefunden.“ / „Gute ist ich habe gar keinen Sohn, Nachteil ich hab ne Tochter die irgendwann mit sowas Konfrontiert wird.“ / „Neuesten beide Alben nicht gehört, (…)“ / „Sweet Harmony fand ich das Video immer eklig irgendwie als Teenager, (…)“ / „Vieles interessantes durch ihn entdeckt.“ / „Metal hab ich einiges dabei.“

    Besondere Kurzform dieser Weglassen-Laune ist dann die Formulierung „Beste!“, wahlweise auch „Beschte“. Online-Foren nicht selten anzutreffen. Es um Tonträger oder Filme geht beispielsweise. Bis heute nicht herausgefunden, woher diese Formulierung eigentlich kommt und frage mich dann im Geheimen immer: „Beschte was?“ – Beschte Film, beschte Flughafen, beschte Monat, beschte Katzenfutter? Beschte Reschpecktsbekundung vermutlich. Habe nämlich auch mit Fragezeichen im Kopf unzählige Male beobachtet, dass „Reschpeckt“ ja auch so ein lustiges Ding ist: Wird von recht vielen Menschen, die sonscht koi Wort schwäbisch schwätze täte, so schwäbisch ausgesprochen. Au do han i bis heit net rausgfonda, wo des herkommt. Viele Menschen sprechen astreines Hochdeutsch, finden Schwäbisch sogar luschtich, aber würden selber niemals „Veschper“, „Kaschper“, „reschpektive“, „Knuschpern“, „Inschpektor“, „Geschpenst“, „Dischpokredit“, „Inschtanthaltung“, „Inschtitution“, „Kaschtration“, „deschpektierlich“ und so weiter sagen. 

    Irgendeinem Grund hat es sich nur bei „Räschpeckt“ eingebürgert. Zeitlang dachte ich, es wär nur ein Gag.

    Gag ist es vielleicht tatsächlich. Sich irgendwann verselbständigt. 

  • Ein Meisterwerk von Jonathan Glazer (1/3)


    „Ein Wort der Warnung. Es gibt Filme – und davon gibt es viele -, die beim ersten Anschauen beeindrucken, die aber in dem Moment, in dem man das Kino verlässt, wie eine Handvoll Sand versickern. Dann gibt es andere, weitaus weniger, die beim ersten Sehen wie ein Blitz einschlagen und bei Ihnen bleiben, sich in Ihre Psyche einnarben und Ihr Kinoparadigma subtil, aber dauerhaft um die eigene Achse drehen. Jonathan Glazers meisterhafter und abschreckender The Zone of Interest gehört für mich zur zweiten Gruppe. Ich verließ den Film erschüttert und betroffen; in den folgenden Monaten blieb er hartnäckig bei mir.“ (Wendy Ide, The Guardian)

    Ich teile die Meinung von Wendy Ade über Jonathan Glazers Film „The Zone Of Interest“ – ein „long burner“, den man bei amazon prime kaufen kann, wenn man ihn im Kino verpasst hat. Fragte man mich nach solchen lang nachhallenden Filmerlebnissen, quer über die Jahrzehnte verstreut, fielen mir zuerst folgende ein, hin und her springend, und mit immenser „Affektladung“ (nicht immer würde der lang anhaltende Zauber von einst heute noch wirken): „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, „Amarcord“, „Die Mutter und die Hure“, „Paris, Texas“, „Celine und Julie fahren Boot“, „Absolute Giganten“, Donnie Darko“, „Blade Runner“, „Die 39 Stufen“, „Eine kurzer Film über die Liebe“, „Psycho“, „Jules und Jim“, „McCabe und Mrs. Miller“, „It Follows“, „Silverado“, „Tierra“, Diva“, „The Duke of Burgundy“, dieser Weihnachtsfilm mit James Stewart, „Blue Velvet“, „Der dünne Mann“, „The Big Sleep“, „Wer die Nachtigall stört“, undundund, und eben zuletzt „The Zone Of Interest“.

    Ich empfehle, sich zwei ruhige Stunden einzurichten, wenn man sich das Anschauen zutraut, und die obige freundliche Warnung ernst nimmt. Bei der Oscarverliehung hielt Jonathang Glazer eine Rede, in der er unter anderem über den Angriff Israels auf Gaza sprach, die von jüdischer Seite für jede Menge Empörung, aber auch viel Zuspruch sorgte, nachzulesen im Wikipedia—Eintrag zu Jonathan Glazer. Ich teile seine Ansicht voll und ganz, auf jeden Fall zeigen die aktuellen „Wirkungstreffer“ und „Wirkungsgeschichten“ dieses Films (und um diesen Film herum), wie traurig brisant und aktuell dieser Film ist (die Markierungen einzelner Worte stammen von Wikipedia).

    „Alle unsere [filmischen] Entscheidungen haben wir getroffen, um uns in der Gegenwart zum Nachdenken anzuregen, und nicht um zu sagen: »Seht, was sie damals getan haben«, sondern: »Seht, was wir heute tun.« Unser Film zeigt, wohin die Entmenschlichung in ihrer schlimmsten Form führt; sie hat unsere gesamte Vergangenheit und Gegenwart geprägt. Gerade jetzt stehen wir hier als Menschen, die es ablehnen, dass ihr Jüdischsein und der Holocaust von einer Besatzungsmacht gekapert wird, die so viele unschuldige Menschen in einen Konflikt gezogen hat. Ob die Opfer des 7. Oktober in Israel oder des andauernden Angriffs auf Gaza, alle Opfer dieser Entmenschlichung, wie können wir Widerstand leisten?

    P.S. Weil mittlerweile so gut wie allen die Story des Films, das Thema, bekannt ist, wird Teil 2 eine Filmkritik in kurzen Absätzen und Sprüngen sein, und jeder, der will, kann sich, wenn er den Film gesehen hat, drauf einlassen, einen Abgleich mit eigenen Empfindungen anstellen, im besten Fall das eine oder andere Aha-Erlebnis haben, oder verwundert den Kopf schütteln. „Etwas besprechen“ also nicht, um den Schlaumeier zu mimen, sondern Ungefähres, Verschwommenes, Unklares auf den Punkt zu bringen, scharfzustellen, Scheinbar-Entferntes nah aneinander zu rücken. Und „etwas besprechen“ bedeutet auch, Ambivalenzen auszuhalten und sich nicht gleich in der Expertise zu verschanzen.

    Teil 3 wird dann eine Art Kindheitsgeschichte sein, mehr short story als long story, und wohl auch eine fragmentierte Form annehmen, es geht da um ein paar Schatten aus der Nachkriegszeit. Alles im Vorübergehen notiert, flüchtig, wiederum ohne „grosse Töne“. Vielleicht auch nur ein Gedicht. A propos grosse Töne, kleine Töne. Die „Musik“ des Films stammt von Micachu aka Mica Levi. She wrote a score, most of which was ultimately cut as Glazer and Burn did not want to have the film sweetened or dramatized by it. The sound collages Levi wrote for the prologue and the epilogue remained, as did soundscapes created for the sequences involving the Polish girl. Aber damit bin ich schon mitten in Teil 2. Das hier ist ja nur das Vorgeplänkel.

  • Die Achtziger

    Für eine Musiknerds-Liste („100 Alben der 80er für die Ewigkeit“) in einem Musiknerds-Forum in diesem Internet habe ich zuletzt mal darüber nachgedacht, was denn meine persönlichen „Top 100“-Alben der Achtziger wären. Am Ende hatte ich fast 200 Alben zusammen, die ich wirklich sehr gut finde; zum Teil habe ich sicherheitshalber nochmal reingehört, um zu überprüfen, ob ich das immer noch gut finde oder ob es vielleicht eher doch nicht so der Hammer ist … Point in Case: Phil Collins; fast immer hat der gute Phil ja keinen allzu positiven Ruf (und ich kann ohne Probleme gestehen, dass ich auch nie so wirklich Fan war), allenfalls geht ja sein Debüt Face Value als nicht schlechtes Album durch. Da ich mal für n Appel und n Ei die Komplettbox mit allen acht oder neun Phil-Alben in mein Regal gestellt hab, habe ich da unlängst nochmal reingehört, um zu schauen, wie das eigentlich dem Test of Time standhält und muss sagen (da täuschte mich meine Erinnerung nicht): Den Nachfolger Hello, I Must Be Going! finde ich tatsächlich besser (auf dem Debüt stechen eigentlich nur „In The Air Tonight“ und das lockere „I’m not moving“ heraus). Und wiederum den Megaseller No Jacket Required finde ich ganz gut, aber weitaus stärker finde ich tatsächlich das weithin abgewunkene …But Seriously.

    Ich stellte auch mal wieder fest, was für ein fantastisches Album Synchronicity (The Police) ist. Selbstredend hab ich nicht alle 200 Alben jetzt aktuell durchgehört. Zu einigen kehre ich eh oft genug zurück (Patti Smiths Dream of Life etwa, das sicher kaum jemand auf dem Schirm hat, wenn es um die besten LPs der Achtziger geht). Ich teile hier mal die oberen 25 mit euch. Ab dann wird es ein bisschen schwierig zu entscheiden, ob nun Michael Nymans The Cook, the Thief, his Wife & her Lover echt besser ist als Bill Frisells Lookout for Hope oder ob es irgendwie angemessen ist, Actually (Pet Shop Boys) höher zu stellen als irgendwas vom Art Ensemble of Chicago oder Laurie Anderson oder Tom Waits oder Stevie Nicks oder Arthur Russell. Dazu muss man vielleicht auch sagen: Anders als viele hier hab ich die Achtziger ja als Kind erlebt, nicht als ausgewachsener Musikhörer. ECM und The Cure kamen bei mir halt erst viel später überhaupt ins Bewusstsein. „Road to Nowhere“ von den Talking Heads ist in meiner Kindheit weitaus präsenter und prägender gewesen als Remain in Light oder sonstwas von Brian Eno (von dem ich auch eine Handvoll Alben in die Liste genommen habe). 1989 kaufte ich Sleeping with the Past (das m.E. tatsächlich auch heute noch bestehen kann und Elton Johns bestes oder maximal zweitbestes Album der 80er ist) und natürlich nicht Salome Dances for Peace (1989) – das Kronos Quartet spielt Terry Riley, auch wenn ich die beide heute gleichauf nennen würde.

    Dies wären aber mit heutigem Stand meine 25 persönlichen Lieblingsalben, die von 1980 bis 1989 veröffentlicht wurden:

    1. David Bowie: Scary Monsters (And Super Creeps) (1980)
    2. Sinéad O’Connor: The Lion and the Cobra (1987)
    3. Dexys Midnight Runners: Don’t stand me down (1986)
    4. U2: The Joshua Tree (1987)
    5. Gianna Nannnini: Latin Lover (1982)
    6. Talk Talk: Spirit of Eden (1988)
    7. Eurythmics: Savage (1987)
    8. Joy Division: Closer (1980)
    9. Einstürzende Neubauten: ½ Mensch (1985)
    10. Bill Frisell: Rambler (1985)
    11. The Rolling Stones: Tattoo You (1981)
    12. The Police: Synchronicity (1983)
    13. Pulp: Freaks (1987)
    14. John Cale: Music for A New Society (1982)
    15. The Cure: Pornography (1982)
    16. Patti Smith: Dream of Life (1987)
    17. David Torn: Cloud About Mercury (1986)
    18. Arvo Pärt: Tabula Rasa (1984)
    19. New Order: Substance (1987)
    20. Lou Reed: New York (1989)
    21. Laurie Spiegel: The Expanding Universe (1980)
    22. Talking Heads: Remain in Light (1980)
    23. Grace Jones: Nightclubbing (1981)
    24. Sonic Youth: Daydream Nation (1987)
    25. Prince: Sign o’ the Times (1987)