• “Dieses Sommergefühl“

    Es passiert das Schlimmste, wenn man nicht damit rechnet. Und manchmal auch ein Glück. Zwischen diesen Polen entfalten sich die gesammelten Flüchtigkeiten, die leisen Töne dieses Reigens aus Melancholie, Unruhe und Trost. Der dritte Film von Mikhaël Hers, den ich in kurzer Zeit erlebe, sein Stil ist nicht zuletzt von der magischen Alltäglichkeit eines Eric Rohmer beseelt , und so überzeugend wie „Mein Leben mit Amanda“ und „Passagiere der Nacht“. Es passt alles in diesem schönen Film über Verlust, „in dem die Lebenden unter der Sonne wie getriebene Schatten unter der Sonne umherirren, wo das Glück Unschlüssigkeit und die Schönheit menschenleerer Großstädte Trost bedeutet“. Schön gesagt. Und immer wieder diese doppelten Böden und Untertöne der Songs und „instrumentals“. Selbst „Teenage Kicks“ von den Undertones findet seinen idealen Platz in all diesen Schwebungen des Seins zwischen New York, Berlin und Paris. Und, ganz gross, das allerletzte Lied der Sorte „mir komplett unbekannt und auf Anhieb völlig vertraut“. (Auf DVD ist der Film erhältlich, wie die beiden anderen auch.)

  • Let The Power Fall (eine Lieblingsplatte)


    Dieser Raum sieht so aseptisch aus, aber er ist eine Höhle mit schönem Durcheinander, eine Zeitmaschine. Im April 1981 kam Robert Fripps Soloalbum „Let The Power Fall“ zu mir nach Hause, nach Bergeinöden im Nördlichen Bayerischen Wald. Ich erinnere mich an eine Fünf Sterne Besprechung im Downbeat damals. Wenn man bedenkt, welch komplexe Horizonte Fripp mit King Crimson eröffnet hat, waren seine „Frippertronics“ eine offensichtliche Gegenwelt dazu, asketisch, down to the bone, und zugleich enorm reichhaltig. 

    Erst im Vorjahr hatte ich ihn ein, zwei gute Stunden entfernt, in einer ehemaligen Pferdescheune, im To Act in Weissenohe in der Fränkischen Schweiz live erlebt, mit seiner kurzlebigen wie tollkühnen „League Of Gentlemen“, und ein Jahr später, in the wild summer of 1982, gleich ein weiteres Mal mit dem neu aufgestellten Crimson Quartett und den Zauberern Belew, Bruford, Levin an seiner Seite, in Nürnberg, open air 30000 Seelen im weiten Rund.

    Nur ein Album voller „Frippertronics“ habe ich vielleicht öfter gehört, Roberts zweites Teamwork mit Brian Eno, „Evening Star“, da aber nur die Seite 1. interessanterweise hat mich die harsche Rückseite namens „Index Of Metals“ stets kalt gelassen, anders als die traumhaften zwei Grosskompositionen ihres Erstlings „No Pussyfooting“, welches Manfred Sack einst in der „Zeit“ verriss als, simngemäss, grob-psychedelischen, womöglich drogenbegleiteten Abklatsch von „minimal music“. Bis heute kehre ich zu all diesen Alben zurück, „Let The Power Fall“ in der Surroundfassung ist atemraubend, auch der Nachfolger „God Save The Queen / Under Heavy Manners“ brilliert durchweg, mit einer Seite „Discotronics“ der erhabenen Art. Diese Werke haben sich nie ganz preisgegeben. Ich sinke dahin. (michael engelbrecht)

    „More Frippers“:

    1. updated and very frippery: an interview with waterfall noises & the tow Michaels
    2. exposures – die öffnung einer schatzkiste
    3. sheltering skies
    4. a master documentary

    P.S. In regards to the „waterfall interview“: Robert Fripp is interviewed by Michael Engelbrecht and Michael Frank in the lobby of a hotel in Cologne, Germany. The sound of an indoor fountain nearby obscures the questions being asked so the topics being discussed are listed below. „ME“ and „MF“ indicate who asks the questions. Stating the obvious I’d nevertheless like to point out that this interview is a snapshot of Robert Fripp in 1998. A lot has happened since then, e.g. further incarnations of the band King Crimson and Toyah and Robert’s Sunday Lunch on youtube. Robert Fripp’s answers made this interview a truly remarkable encounter for both my colleague and friend Michael Engelbrecht and me. We would like to thank him again for his time, insights and music. Thank you also to my friend, band colleague and sometime member of Guitar Craft Michael Peters who helped me to prepare for this interview. (Michael Frank)

  • Memento

    Bass Piano # Bass Gitarre # Piano Bass. Eine Empfehlung, sich irgendwann in diesem Frühjahr vielleicht, im Laufe eines langen Abends, folgende drei Duo-Alben, produced by Manfred Eicher, anzuhören, in aller Ruhe: 1) Gary Peacock & Marilyn Crispell: Azure (2013) — 2) Gary Peacock & Ralph Towner: Oracle (1994) — 3) Marilyn Crispell & Anders Jormin: Memento (2026) „The music takes you where you need to go“, Marilyn once said. A phrase, doubtlessly vague, artfully vague, too, a fitting travel suggestion nevertheless.


    Some sort of echoes, if you don’t mind. The words simple, very simple, but put together with care, caring for resonance. Alright. Ready? Ten, nine, eight. You read the word of the title and probably you think „memory“ first, or maybe, same breath, next breath, „memento mori“, it depends. Seven, six. You look at the cover, what springs to mind after a while, in my case, well, those old Cohen verses: „there‘s a crack in everything / that‘s where the light gets in“. Five. Relax. The music of „Memento“ is, more floating than topical, about loss and memory. As I was listening to it from start to end at the first time, in a dark room with two candles (one of the rituals for music like this), I was drifting, dreaming (short flashes of this and that), all part of listening deeper… deeper still. Are there seagulls to hear, on that „beach piece“? The bass played with a bow, what do yo think. Four, three. You won‘t find clever wordings here, quotable one-liners, word play, smart analysis. What you will find, are windows, kind of. A warm rush of empty places, beautiful. It’s personal, and your unconscious a friend. Oh, the music, imagine, feel… „melancholia of that elevating kind“. Piano and bass only. Old school? No way! Two, one. Here you go. (m.e.)

  • „Another holy grail“

    Zu den Schätzen meiner Cd-Sammlung zählen sicherlich Miles Davis‘ „The Complete On The Corner Sessions“. Anlässlich der Zeit rund um Miles Davis 100. Geburtstag hat die Jazzredaktion des Deutschlandfunks  im Mai einige Sondersendungen geplant. Vielleicht sollte ich ja auch in den Klanghorizonten am 28. April mein Scherflein dazu beitragen, mit einer Kostprobe dieses „heiligen Grals“, der natürlich unverkäuflichen Sorte. R. Jackson schrieb jüngst darüber in „The Aquarium Drunkard“:

    „Es ist geradezu schicksalhaft, dass „On the Corner“, das am wenigsten geschätzte und am wenigsten verstandene der Fusion-Alben von Miles Davis, nun im Mittelpunkt des begehrtesten Miles-Box-Sets steht. Das liegt zweifellos zum Teil an der hochwertigen Aufmachung: Wie die meisten anderen Boxen, die die epochalen Werke des Trompeters für Columbia Records versammeln, sind die CDs in einem dicken Buch mit Metallrücken untergebracht, das glänzende Fotos, exzentrische Illustrationen sowie ausführliche Essays und Anmerkungen enthält – alles verpackt in einer robusten PVC-Box.  

    Als jemand, der endlich ein Exemplar zu einem Preis ergattert hat, der etwas unter dem völlig überzogenen Marktpreis liegt, kann ich Ihnen versichern: Die Prägung ist in der Tat der Hammer.  Doch der wahre Wert dieses unglaublichen Schatzes liegt in den vielen Stunden unveröffentlichter Aufnahmen, die den letzten, zwar unsteten, aber dennoch atemberaubenden Höhepunkt von Miles’ Schaffensphase als Studiokünstler und klanglicher Visionär der 1970er Jahre einfangen. 

    Zugegeben, einige der unveröffentlichten Tracks tendieren zur Formlosigkeit – sofern man von einer Form bei solch kraftvoll wandelbarer Musik überhaupt sprechen kann. (Nichts kommt an das Sonny-Sharrock-Echoplex-Spektakel heran, das auf „The Complete Jack Johnson Sessions“ zu finden ist und eine reine Offenbarung darstellt.) 

    Sagen wir einfach, dass einiges davon nicht das kraftvolle, geheimnisvolle Anziehungsfeld des Originalalbums entfaltet, dessen mutierter Funk Drum ‘n’ Bass, Trip-Hop, Postpunk und andere, noch unentdeckte Genres vorwegnahm. (Die unbearbeiteten Stücke des Albums verlieren nichts von ihrer komplexen, ursprünglichen Faszination.) 

    Aber selbst die eigenwilligsten Jams haben ihre Momente purer, nach der Leere strebender Schönheit und erdiger, überirdischer Magie, und die Gelegenheit, sechs Stunden im Hüft-, Kopf- und Herzraum dieser Musik zu verbringen, sollte als wahrer und bedingungsloser Segen betrachtet werden. 

    Wie der Percussionist Mtume im Booklet sagt: „Denn man kann nicht wirklich messen, wie weit es sich ausbreitet. Miles schuf eine Musik, aus der Elemente für jedes Musikgenre extrahiert werden konnten. … Und es gibt kein Lineal, um diesen Zentimeter zu messen. Wie man in der Kirche sagt: Ein ‚Amen‘ passt genau hier. Das ist die Wahrheit, Bruder.“ Amen.“

  • Das rote Eichhörnchen beispielsweise

    „Genau das macht den Zauber von Medems Filmen aus, daß er auf die Erde blickt wie auf ein fernes Gestirn, dessen Naturgesetze nur den Regeln des Herzens zu gehorchen scheinen.“ (Michael Althen)

    “Medem hatte ein Medizinstudium abgeschlossen, mit der Absicht, Peychoanalytiker zu werden. Bereits als Kind hatte er Super-8-Filme gedreht; in seiner Studienzeit war er als Filmkritiker für die Zeitung „La Voz de Eiskadi“ tätig. Kindliches Super-8 und Psychoanalyse: davon ist noch einiges zu spüren in den enigmatischen, hypnotischen Spielfilmen, die er seit 1993 gedreht hat. Die Genauigkeit eines Wissenschaftlers wechselt sich ab mit der Fabulierkunst des geborenen Geschichtenerzählers, wenn Medem das Labyrinth der Passionen erforscht, den Irrgarten der Emotionen durchstreift.“ (Hans Schifferle, in: Rolf Aurich, Ulrich Mannes: Hans Schifferle. Berufung: Kritiker)

    In einem imaginären existenziellen Kinoschmöker über meine „100 Lieblingsfilme“ kämen sage und schreibe vier Filme des Basken Julio Medem vor. Und, wenn ich im Inhaltsverzeichnis blättere, Hitchcock ist im Vergleich nur dreimal vertreten. Hans Schifferle spricht von „Landkarten der Sehnsucht“ , in seinem Essay über „die metaphysischen Kinomelodramen des Julio Medem“, und lässt alle vier darin auftauchen. Mein Einstieg war, ein Tip von Jan Garbarek, „Die Liebenden des Polarkreises“ ich war so berührt, dass ich bald „Tierra“ folgen liess, ein so hinreissender verrückt-real-surrealer Film (natürlich über die Liebe und ihre Verzweigungen), der mich in jeder Sekunde so gefangennahm wie jede Sekunde des unendlich zauberhaften Liedes gleichen Namens von Caetano Veloso. Ich sah „Tierra“ in Barcelona und zuhause, habe die DVD von „Tierra“ gewiss wieder und wieder angeschaut, und wieder und wieder sah ich später auch „Lucia und der Sex“. Vor einer Woche nun nahm ich die Fährte eines weiteren Medem-Films auf: und auf Anhieb gesellte sich „Das rote Eichhörnchen“ (das unlängst lange in der Arte Mediathek zu sehen war) als Dvd zu meiner privaten Serie von 100 Lieblingsfilmen.

  • Irmin (remix)

    Wenige Dinge sind so nervend wie die klassisch angehauchten Klimperstudien, die Unbegabte auf leidlich gestimmten Klavieren in grossen Buchhandlungen feilbieten. Und die Stirn legt sich durchaus in Runzeln, wenn ein Pionier des wilden Undergrounds der frühen Jahre, im hoffentlich langwährenden Lebensabend angekommen, zum Konzertflügel findet, und „Schubert“ sagt. Er sagt auch „Cage“,  er sagt auch „Gagaku“, und als letztes verweist er, angesichts seiner „spontanen Meditationen“, darauf, dass natürlich auch der wilde Underground zum emotionalen Gedächtnis zähle, welches diese 5 Klavierstücke mitgeformt habe, also sagt er auch „Can“.

    Ernst Jandl war es schon immer suspekt, in welche Wallungen „Kulturbetreiber“ geraten, wenn sie sich salbungsvoll geben. In seinem Gedichtband „Die Bearbeitung der Mütze“ bekam der gute alte Rilke-Kult sein Fett weg, und, wenn man das im Vorfeld liest, was hier nun an kulturellem Gepäck abgeladen werde, könnten „böse Zungen“ dichten: „Schubert schubst einen Stuhl um / Cage sitzt auch am Tisch herum / Alles ein wenig gaga und Gagaku / eins, zwei, drei / und dann noch Can, auwei.“ Nun kommen sie also bald heraus, die „5 Klavierstücke“ von Irmin Schmidt, die er auf zwei Flügeln gleichzeitig darbietet, wir haben einen Pleyel-Flügel vor uns, präpariert a la Cage, und einen Steinway (gerne möchte der Pressetext damit punkten, dass es ein hundert Jahre alter Steinway ist). 


    Und dann höre ich also in aller Ruhe diese CD, die letzthin vollkommen unaufgefordert in meinem Briefkasten lag, und von der ich mittlerweile auch wusste, und bald bestätigt fand, dass sie im Süden Frankreichs an einem belebten Badestrand der Cote D‘Azur aufgenommen wurde, so dass also Kindergeschrei und Wellenrauschen einen steten Klangteppich bilden, und der Pianist vergeblich versucht, mit manchem Schnack aus Kinderlied und französichem Evergreen die Lauf- und Badekundschaft etwas ruhiger zu stimmen. Mehr gaga als Gagaku.

    Ab und zu schneit etwas von Schuberts Winterreise herein, und der Herr am Piano, der nun vollends vom Bar- zum Badepianisten mutiert, hellt die beim alten Franz herrschende Tottraurigkeit mit recht munteren Kapriolen und Triolen auf. Nehmen diese wertvollen Konzertflügel nicht Schaden, wenn man sie komplett in den Sand setzt? Nun, das mit dem Süden Frankreichs stimmt tatsächlich, ansonsten hat ein gewisser Gareth Jones in einem Tonstudio (oder einem zum Tonstudio umfunktionierten Wohnzimmer) das alte Handwerk von „close miking“ perfekt umgesetzt: jeder Pianoton hyperrealistisch, gestochen scharf, und das gesamte Werk spannend entspannend, eine wahre fesselnde Freude.

    In manchen Repetitionen könnte man tatsächlich ferne Echos der auch heute noch seltsam rituell wirkenden Musik von Can ausmachen, aber das Betörende an dieser Aufnahme ist, dass eben nichts „heilig“ und „hehr“ wirkt, alles so herrlich „gepäckbefreit“ daherkommt. Klar, dass man nicht ständig im reinen Jetzt lauscht, und so kam mir, in einem dieser subtilen Can-Momente, eine Erinnerung an mein erstes Hören von „Tago Mago“, ein Kumpel fand es am Heiligabend auf seinem Gabentisch, und restlos begeistert an einem der Tage danach (umgeben von Weihnachtsgebäck und Kerzen im Dunkeln), wurden wir fortgetragen an einen fernen, fernen Ort, von den gnadenlosen Rotationen des Schlagwerks, und all den rätselhaften Sounds ringsum.

    (m.e.)

  • “Batik“


    Es war Hochsommer, es war der August des Jahres 1978, als ich mir die brandneue Schallplatte „Batik“ zulegte, meine Heroen Ralph Towner und Jack DeJohnette spielten hier zusammen, was nicht oft vorkam(aus dem Kopf fällt mir nur das vorzügliche Album „Deer Wan“ von Kenny Wheeler ein), und der Dritte im Bunde war der Bassist Eddie Gomez. ECM 1121. Es war ein Jahr der Nullpunkte, Abgründe, Trennungen, und Leerstellen in meinem Leben. Die Musik erschien mir seltsam nervös, fahrig, und ich weiss nicht mal, ob ich sie durchhörte – sie fiel durch. Und zwar so gründlich, dass ich ihr bis in die letzte Woche nie eine weitere Chance gab. Als ich mir nun die CD-Version der ECM-Serie „Touchstones“ besorgte, und mir alle Zeit der Welt nahm, musste ich leicht schmunzeln: es waren meine Ohren, die damals nicht in bester „Aufnahmestimmung“ waren, denn das Album ist über seine fünf Kompositionen hinweg mitreissend, wilder, auffahrender in manchen Passagen, als man es von Towner gemeinhin gewohnt sein mag, aber, hey, wunderbar vitalisierende Musik der Sorte „free-the-chamber“, „folk-the-dream“, „paint-the-horizon“! Diese rund sechzehn Minuten lange Reise des Titelstücks: very trippy! Wer ein Freund von Ralph Towners Musik ist, und diese Platte nicht kennt, wird ein Fest erleben! Zwei Anmerkungen: zum einen: die Cd-Version ist mit einer blauen Grundfarbe ausgestattet, die originale LP-Version verströmte eindeutig einen rostbräunlichen Rotton. Eine ästhetische Entscheidung? Zum andern: das „Sequencing“ der fünf Stücke für die Vinyl-Version ist perfekt und alternativlos. Fast jeder, der die Stücke in zufälliger Reihung hören würde, käme wohl zu der gleichen Schlussfolgerung, die auch, was die CD angeht, von mir ein „High Five“ bekommt! „In the words of Scott Yanow: The music unfolds slowly but logically, and Towner’s quiet sound displays a lot of inner heat. Highlights include „Waterwheel“ and the 16-minute „Batik.“ Well worth listening to closely, at a high volume.“

    (aus unserer kleinen Serie „Wiedergehört nach Ewigkeiten“)

  • Hans Schifferle

    Liebe Leser, liebe Flowies. Gestern, als ich Roedelius’ alte Tonbänder nach Bonn brachte, zeigte mir TP ein neues Filmbuch, das spätestens auf der Rückfahrt viele Erinnerungen in Gang setzte. Natürlich kannte ich Texte und Kritiken von Hans Schifferle (1957–2021), vor allem aus der Süddeutschen Zeitung und bis zurück in die zweite Hälfte der 1970er Jahre. Und ich mochte sie sehr, ihren schrägen unkonventionellen Blick auf die Dinge, wie sowieso die ganze Bande um Michael Althen, HG Pflaum, Peter Buchka und Co. Dieses Filmbuch werde ich ganz sicher lesen, durchforsten, und es wird mich dazu bringen, alte und neue Spuren aufzuspüren. Und ich glaube, ich werde hier nicht ein einsamer Leser dieser Werkschau sein. Alles andere als trockene akademische, schulgebundene Kost erwartet euch hier. (m.e.)

    „Hans Schifferle schrieb sein Leben lang über Filme. Sein Verhältnis zum Kino war von existenzieller Natur. Er wollte Kino erleben und nicht nur Filme schauen. Hans Schifferle akzeptierte keine Genregrenzen und fand auch in vermeintlich zweit- und drittklassigen Filmen einen Reichtum, den andere nur in anerkannten Klassikern sehen wollten. Dank seines immensen film- und kulturhistorischen Wissens, seines Stilbewusstseins, seiner analytischen Fähigkeiten und nicht zuletzt seiner konzentrierten Hingabe an den jeweiligen Film entstanden unter seiner Autorenschaft Filmkritiken und Essays, die lustvoll zu lesen sind und den cineastischen Horizont erweitern. Prägend für Schifferles Akkulturation war die Münchner Kinoszene der 1980er Jahre, als mit dem Filmmuseum und dem Werkstattkino zwei außergewöhnliche Bildungsstätten auf sich aufmerksam machten, ein „Living Cinema“, das darüber hinaus eine neue Generation von Filmkritikern hervorbrachte. Schifferle veröffentlichte reichhaltig und breit gestreut: Er schrieb für die „Süddeutsche Zeitung“, den „Kölner Stadt-Anzeiger“, für „epd Film“, diverse Stadt- und Lifestyle-Magazine, er publizierte in Filmbüchern, Festivalkatalogen, in Publikumszeitschriften und cinephilen Spezialjournalen. Der vorliegende Band enthält zahlreiche Texte von Hans Schifferle, Fotos und Dokumente sowie einen Essay von Ulrich Mannes.“ (Pressetext des Verlages)

  • Alter wilder Westen

    Manafonistas, der Blog, ist eine Fundgrube alter feiner Texte, und jeder kann nach Lust stöbern. Zuweilen fehlt ein Satz, eine Wendung, und, schwups, landet das remixte Material in der Gegenwart. Die Suche nach alter Zeit ist auch die Suche nach alten Geschichten, die wir uns früher erzählt haben. Eine Freude, sie wie alte Teppiche auszukllopfen, und zu neuem Leuchten zu bringen! So erging es mir mir den Texten vom wilden Westen und Arild. Ich bin Arild einige Male begegnet, und edaure es bis heute, dass ich sein Konzert mit Jan Garbarek und Edvard Vesala 1972 im alten Domicil verpasst habe. Irgendetwas Typisch-Siebzehnjähriges muss dazwischen gekommen sein. Die Platte „Triptykon“ ist so grossartig!

    Am Kiosk kauften wir als Kinder kleine, verpackte Fotos,  man konnte nie wissen, was darin enthalten war, ausser etwas aus der grossen fremden Welt der Erwachsenen und der Geschichte. Nie vergesse ich das Foto der vom Himmel gestürzten Fussballmannschaft von Manchester United. Auch Schwarz-Weiss-Bilder von Western waren beliebt. Ich hatte Robert Fuller im Kopf, und „Am Fuss der blauen Berge“.

    Der Held in meinen Serienträumen hiess Okko und rettete mich aus lauter gefährlichen Situationen. Leider zog er, als ich sieben war, seiner Wege, und ich durfte mich allein auf die Abenteuer des Verliebens machen. Nicht ganz allein, denn im Radio begleitete mich Caterina Valente durch manche Tagträumerei.

    Die alten Wildwestfilme wirkten für Kinder verdammt realistisch, und als ich heute The Searchers von John Ford nach Ewigkeiten wiedersah, dauerte es, bis ich den Film halbwegs wieder mit den Augen des Heranwachsenden sah. Die grosse Leinwand half dabei.

    Wie in vielen Dramen, gab es auch hier einen Narren, der letztlich für die richtige Spur sorgt. Sein Traum vom Schaukelstuhl ist ein uralter, von Buster Keaton über J.J. Cale bis Kurt Wagner. Die humorvollen Szenen überlagern keinesfalls das Bittere und Dunkle des Films, der so viel vom Stammesdenken und dem alten Westen erzählt.

    John Ford und John Wayne schürften in Abgründen. Einmal reitet John Wayne durch den Schnee, ein Mann mit vielen Gesichtern, der keinen Zweifel lässt, sein Ziel zu erreichen, „as sure as the turning of the earth“, wie er in unnachahmlicher Art sagt (man muss es im Original sehen, dann können auch Altlinke die Klasse von Wayne erkennen).

    Und am Ende, das traurig ist, und doch versöhnlich, dreht sich John Wayne um und verlässt das sichere Heim. Man glaubt es kaum, aber sein Gang hat Grazie, und er scheint, ansatzweise, im Einklang mit sich selbst. Zwei Seiten der Furchtlosigkeit, eine glasklare Entschlossenheit – und ein befriedetes Herz (neben all den unsichtbaren Tränen).

  • nine rooms to remember (var. 1)

    (1) Eivind Aarset: Strange Hands
    (2) Jonathan Richman: Only Frozen Sky Anyway 
    (3) Pan American: Fly The Ocean In A Silver Plane

    (4) Etienne Nillesen: Twee 
    (5) Björn Meyer: Convergence
    (6) Irmin Schmidt: Requiem

    (7) O.S.T. Sirāt     
    (8) Tinariwen: Hoggar    
    (9) Erik Honoré: Temporary Empire