Geschichten rund um „Thursday Afternoon“ (für Jan Reetze)
Im Oktober 1985 erschien Brian Enos 61-minütige Ambient-Komposition „Thursday Afternoon“, und auch wenn ich damals, Ewigkeiten nach „Before And After Science“, zu gerne mal wieder ein neues Songalbum von ihm gehört hätte, tauchte ich auf Anhieb in diese seltsam-ruhigen, mit Worten kaum greifbaren, immerzu schwebenden Texturen ein. Sehr gleichformig, keine crescendi, keine breaks, und doch… und doch…

Hatte Robert Wyatt Klavierspuren der kristallinen Art hinterlassen (high end close miking!) , auf „Music For Airports“, so waren Roger Enos impressionistische Klaviertupfer auf „Thursday Afternoon“ weitauf tiefer im Mix eingesunken. Brian betont gerne das Funktionale, und so war „Thursday Afternoon“ damals eben auch dazu gedacht, das neue Medium der CD auszureizen mit einer gut einstündigen Verweildauer, bei welcher das Umdrehen von Schallplattenseiten wegfiel, und man sich ganz auf die Klänge konzentrieren konnte, oder sie einfach laufen liess, als – seltsam sublimen wie aktiven – Hintergrund.
„Es ist, als hätte der Nachthimmel eine Komposition erhalten.“
Jeder kleine Augenblick spiegelt das Ganze – der holistische Dreh! Allemal ein Phänomen, wie viele Hörer „Thursday Afternoon“ ohne eine Spur von Langeweile lauschen, von Anfang bis Ende, bewusst, halbbewusst, oder unbewusst! Niemals greifbar, einnehmend ohne Platitüden, ein wenig rätselhaft auch, und dann … einfach verschwunden.
Ein Meisterwerk aus Licht und Schatten, das hintergründig fesselt – und sowieso als eigenständiges Hörerlebnis. Fesselt und loslässt zugleich.
In einer Rezension in „Stereo“ regte sich der renommerte Musikkritiker Franz Schöler fürchterlich über die analoge Quelle der Klavieraufzeichnug auf, deren Bandrauschen auf dem fertigen Produkt durchweg zu hören sei. Warum um alles in der Welt, rief er sinngemäss in die Runde, warf die Hände wohl wild in die Lust, wo doch das Digitale alles Rauschen eliminieren könne!??
Darauf von anderer Seite angesprochen, bekannte sich Brian zu seiner Freude am analogen Rsuschen, und sprach dem „tape hiss“ allerlei Qualitäten zu, sicher keine ausgefuchtse Volte, um Kritiker auf seine Seite zu ziehen. Er mochte dieses Element des Unperfekten, den nicht-aseptischen „Staub“, Spuren der Unreinheit. Psychoakutischer „sidestep“: wer jetzt nicht wild entschlossen auf das Rauschen achtet, nimmt es nach wenigen Minuten gar nicht mehr wahr!
“Thursday Afternoon“ trat zudem auch als Soundtrack in Erscheinung. Wer Enos DVD gleichen Titels besitzt, kann in dem 61-minütigen Film eine nackte Frau in einer Badewanne beim Daliegen zuschauen (in meiner Erinnerung sehr weichgezeichnet, wie in einem Soft Porno von David Hamilton – das Schamhaar musste für den japanischen Markt weggepixelt werden!), und was die Farbgebung und -filterung angeht, hatte das minimal bewegte Schaumbad durchaus einen Touch von Jean Renoir. Aber, seriously, auf Dauer war diese Kopplung von Sound und „Film“ arg langweilig – die grossartige Musik von „Thursday Afternoon“ verträgt schlcihtweg keine Eingrenzung auf ein visuelles Motiv gleichwelcher Art. Die Musik braucht den offenen, inneren Raum, seine privaten Horizonte!

Übrigens: das Label 12k wurde 1997 von dem Musiker und Klangkünstler Taylor Deuoree gegründet, kein Unbekannter in den „Klanghorizinten“. In Interviews erzählte Deupree, dass ein wiederholtes Hören von Brian Enos Ambient-Meisterwerk Thursday Afternoon (das er 1986 bei einem Freund rauf und runter hörte, während sie schliefen) seine Einstiegsdroge in die Ambient-Musik war und seine gesamte musikalische Philosophie sowie die spätere Label-Gründung maßgeblich beeinflusste.
Kurzes Nachspiel mit einem Tauchpionier
Wenige Jahre nach „Thursday Afternoon“ wurde mir, im ersten Jahr der „Klanghorizonte“ ein neues Album von Jean Michel Jarre zugeschickt, und ich schüttelte verwundert den Kopf. Der Franzose war uns in den 1970ern bestens bekannt mit seinen von Synthesizern geprägten, kommerziell sehr erfolgreichen Alben „Equinoxe“ und „Oxygene“. Kaum ein Studentenwohnheim, wo das Donnergegroll, das Walzerhafte und Sphärische des einesn oder anderen Ohrwurms nicht durch die Flure hallte. Aber was war das!? Ganz offensichtlich, und ich habe jetzt nichts gegoogelt, hatte Jarre „Thursday Afternoon“ sehr oft gehört, denn ich erkannte auf Anhieb einzelne Motive oder Texturen wieder, doch was Eno als Ko-Komponist oder zumindest Inspiration aufgeführt. Abgesehen von dieser „freundlichen Übernahme“ erschien mir Verknüpfung der (maritimen?) Sounds mit den als Kind gern gesehehen Meereserkundungen von Monsieur Cousteau verlockend. Eine kleine Copyright-Kontroverse wäre durchaus denkbar gewesen. Nicht mal ein Merci auf der Rückseite der Cd. So verschwommen meine akutsichen Reminiszenzen sind, „Waiting For Cousteau“ empfand ich damals als durchaus feines Stück Musik.
the art of dialogue
In the net i found an new spoken review by a guy who gave very few insights into the album in question. In parts t seemed very poor. Cliché after cliché, no single analysis of a track. Well, I don‘t have any problems if someone loves, likes, or dislikes an album. That‘s where dialogue comes into play.
i answered him: At least your review scratches the surface of the surface. Digging a bit deeper would help. ANOTHER DAY ON EARTH is another fantastic Eno song album with an interesting melange of song structures and ambient elements. They intertwine perfectly. You missed melodies? Well, listen again, to How Many Worlds or Just Another Day, Caught Between or Bottomliners … maybe some them take time to evolve, some are nearly singalongs, my friend. Eno unfolds a „theatre of voices“ of a class beyond any mainstream expectations. And surely miles away from such a limited strangely self-comscious parlando, Apart from that, the whole album conains a multitude of emotions and „states of mind“ that make it unique, too. The last piece about a suicide bomber was a track David Bowie absolutely admired, and for good reasons, and really doesn‘t deserve such a trivial response. Sorry for open words. No hard feelings. Then he answered me.
I’m sorry, it’s a really mediocre record and you’ve got your nose stuck up his arse.
Der besondere Zauber von Bill Forsyths „Housekeeping“

Das ist schon eine spezielle Kategorie: Filme zwischen den späten 1960er und 1990er Jahren, die man erst lange, nachdem man sie im Kino oder wo immer hätte sehen können, bei Festivals oder Freunden, im Kino oder Fernsehen, zum allerersten Mal sieht, lange nach ihrer Zeit, und die einen dann so umhauen, dass sich die Frage, wie diese Filme gealtert sind, gar nicht mehr stellt. Bei mir hiessen solche Filme in den letzten zwei, drei Jahren, „Medium Cool“, „Die rote Schildkröte“ – und „Housekeeping“.
Ein Schotte, der einen Film im nördlchen Idaho dreht und in einem Roman gleichen Namens versinkt, auf der Suche nach der bestmöglichen Umsetzung der literarischen Vorlage. Es gelingt ihm, und ich bin froh, diesen Film endlich entdeckt zu haben. Man lasse sich bitte nicht von dem lapidaren Titel und dem skurrilen Kinoplakat abhalten – und gehe allen Inhaltsangaben im Vorfeld aus dem Weg! Diane Keaton war für die weibliche Hauptrolle vorgesehen, aber dann spielte, bei allem Respekt ein Glücksfall, Christine Lahti. Hans Schifferle widmete ihr einst eine Liebeserklärung. Wir hören die Stimme der Schriftstellerin aus dem Off, ein ums andere Mal, und gewöhnlich ist das der Stoff einer zähen Umsetzung. Nicht hier, wieso sonst scheint die Zeit gleichermassen zu fliegen und stillzustehen, als ich den Film sah und sah und wieder sah. Es gab vor Jahren den nicht minder bewegenden Film über gestrandete Schicksale im amerikanischen Hinterland, No Man’s Land, mit der beeindruckenden Frances Dormand, durchaus ein Film in der Tradition von „Housekeeping“: das Porträt einer Seele, eines Menschenlebens, das sanft aus dem Ruder der Normaldefinitionen eines erfüllten Lebens, mit seinen Versatzstücken amerikanischer Träume, gelaufen ist. Ein wenig Sylvie Walker steckt in allen von uns, und in einigen sicher noch etwas mehr! Kam der Vorschlag vom Kollegen Pannhorst, nach dem Film irgendwann „Running On Empty“ von Jackson Browne zu hören, und zwar das ganze Album!?
Brian Enos Story von „Fractal Zoom“
„Was „Fractal Zoom“ betrifft, experimentierte ich damals mit etwas, das ich „unwillkommenen Jazz“ nannte. Da gab es eine gewisse Dissonanz und Schärfe, die mir gefiel. Gleichzeitig wollte ich aber dieses – zumindest für mich – große Experiment wagen, eine Art von Musik zu schaffen, die die Freiheit und die Dissonanz besitzt, die man manchmal im Jazz findet. Und dennoch etwas Liedhaftes an sich hat. „Fractal Zoom“ begann mit einer Aufnahmesession, die ich in Los Angeles mit dem großartigen Schlagzeuger Sugarfoot Moffett machte.

Er wurde wegen seiner Bassdrum-Technik „Sugarfoot“ genannt. Er konnte sehr, sehr gut mit der Kick-Drum umgehen. Er tauchte bei der Session auf. Ich erinnere mich, wie er in einem roten Cabrio auf den Parkplatz fuhr, auf dessen Rücksitz nur drei Snare-Drums lagen. Sonst nichts. Ich hatte den Rest des Schlagzeugs gemietet, aber er wollte seine eigenen Snare-Drums mitbringen. Jedenfalls nahmen wir ein paar Improvisationen auf, und eine davon wurde zur Grundlage für „Fractal Zoom“.
Ich habe die Bänder mit nach England genommen und dort weiter daran gearbeitet. Dabei habe ich diese großartige Zutat namens „Robert Fripp“ hinzugefügt, der für diesen Titel auf ganz besondere Weise Gitarre gespielt hat. Er nannte es „Pin Trumpet“. Das ist dieser sehr, sehr dünne, durchdringende Klang, den man in dem Stück hört. Ich glaube, die Gitarre wurde elektronisch irgendwie um eine Oktave erhöht. Aber ich hatte immer noch keinen Song. Und ich wollte etwas, das lyrisch und süß und sehnsüchtig und fast schon ängstlich über diesem Groove lag.
Der Groove war, glaube ich, wirklich mehr als alles andere vom Spiel von Jaki Liebezeit geprägt. Ich wollte einen dieser unaufhörlichen, kraftvollen Grooves, wie er sie hinbekam. Und natürlich war der andere Schlagzeuger, der mich sehr beeinflusst hat, Klaus Dinger, den ich zum ersten Mal bei Neu gehört hatte. Es ist dieses Schlagzeugspiel von Sugarfoot Moffett, das diesen Track wirklich untermauert. Ich hörte mir den Song jetzt wieder an – etwas, das ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr getan habe, da ich meine älteren Werke nicht so oft höre. Und er gefällt er mir wirklich gut. Ich bin überrascht und es ist mir ein bisschen peinlich, das zu sagen.
Aber diese Wolke aus Gesang und Instrumenten, die etwa zwei Minuten nach Beginn unerwartet auftaucht, hat etwas Wunderschönes an sich. Und ich denke, man kann es eigentlich als eine Art Fusion-Musik bezeichnen. Ein Versuch, einige Stilelemente miteinander zu verbinden, die normalerweise nicht zusammen vorkommen. Etwas zu schaffen, das sowohl rau und ziemlich aggressiv ist als auch etwas, das fast schon ekstatisch wirkt.
Lentas Dreaming (take 2)

I’m driving through the south and west of Crete, up into the mountains and back down again, to deserted beaches and others where Greek pop music plays in the tavernas. But day after day, in my hire car, alongside the charm of Greek B-side songs, Brian and Peter’s *Drawn From Life* plays on a loop: ‘Crete Endless’.
Right now, I’m sitting in Lentas at Angela’s Café, reading the fascinating review by the musician and composer Markus Reuter, which he wrote for ‘flowworker’ (this short essay will also appear on his ‘Substack channel’ shortly).
With this text – and my own double interview with Brian and Peter, now 25 years old, at the back of my mind – what fresh words could I possibly add to an album that is a ‘dream’ for Markus and me, a ‘journey’, and inexhaustible… perhaps a collection of fragmented asides à la ‘50 Ways To Dance On DRAWN FROM LIFE’?!
An imaginary radio hour for a late autumn evening
“Precious things rarely stay underground forever.“

1) Don Cherry: Sunrise (reissue)
2) Enzo Favata: Ritornare (ECM, 2026)
3) Brian Eno & Peter J Schwalm: Drawn From Life (reissue)
4) Movietone: Day And Night (reissue)
5) Brian Eno: Another Day On Earth (reissue)
6) Arve Henriksen: Cartography (ECM, 2008)
7) Shovel Dance Collective: Everything in Readiness (2026)*Das eindringliche zweite Album der „Bristolianer“ nähert sich dem Status eines „vernachlässigten Meisterwerks der 90er Jahre“. Reden wir von Shoegaze, Dream Pop und Post-Rock, und den eher vernachlässigten Nischen der 1990er Jahre. Die wohl faszinierendste davon war die Szene der jungen Musiker aus Bristol, die sich von der Canterbury-Psychedelia, dem Krautrock und dem Free Jazz inspirieren ließen. Die Szene erreichte mit diesem zweiten Album der Gruppe, die von den ehemaligen Flying-Saucer-Attack- und Crescent-Mitgliedern Rachel Brook und Kate Wright gegründet wurde, einen Höhepunkt. „Day And Night“ bewegt sich in einer schattenhaften Zone zwischen Talk Talks „Laughing Stock“ und Grouper’s späteren Erkundungen liminaler Räume und ist durchdrungen von einem Geist der Spontaneität und einer seltsam trotzigen Zartheit. Die gelegentlichen Verzerrungsstürme beeinträchtigen nicht die unheimliche Schönheit von „Noche Marina“ oder „The Crystallisation Of Salt At Night“, einem zehnminütigen Ausflug in die wässrigen Tiefen, die einst von Robert Wyatt kartografiert wurden. (Jason Anderson, Uncut, December 2026)
This little radio hour has a story. After my last hour of „Klanghorizonte“ on Sep 24, i felt the cut. More than before I dreamt on doing radio nights and things related with composing playlists. It‘s a joyous thing, but now some shades of blue radiate around. So what else than to turn a loss into playful fantasy. Honestly, if I would continue with my broadcast, this exactly would be my playlist for early December, so to speak. But: whereas the farewell show had seen, well, 30 or more different versions of the „final round“, this new and imaginary list was done with the idea to accomplish it within one hour and never change it. Mission accomplished. Now I can let it go and take care of other things and ideas. 7 wonderful albums in my ears, and I am sure, some of them at least the readers of this blog – discreetly running under the radar – will like or love, too. Thank you for listening!
Brian, Joan, Jon, Jan & Associates
BRIAN ENO has, after a 35-year hiatus, decided to relaunch his fabled record label, Opal. The whole interview with Eno on Opal and much more can be read in the December edition of UNCUT. Here‘s a little excerpt with some echoes in the comments ranging from an old Jon Hassell portrait from the early 1990‘s to the „Punkt Family“ with Jan Bang, Eivind Aarset and Arve Henriksen. (m.e.)
Was there anyone you tried to get for Opal but couldn’t?
At one point I thought I would love to have Joan Armatrading on the label! I know that sounds a bit random, but I really admired her work. But I don’t think we ever made any approach to her. Mostly, it would be just people I already knew – like Jon Hassell, who was really one of a kind.

Hassell was another very uncompromising character…
Oh my gosh… I mean, we were very close friends, but bloody hell! He could have had such a happier life if he hadn’t been so paranoid. He worked with so many people who really believed in him and did everything to support him, and he always thought, ‘They’re trying to take over my life.’
Just Another Day in Matala

Ein Bilderbuchsonnentag. Eine gute Woche nach dem grossen Unwetter. An Comos Beach sind die Schildkröten eingezogen, und keine Sonnenschirme und -liegen werden mehr aufgestellt. Das bringt bittere Einbussen für die Taverne, wenn vor allem Kurzverweiler und Sonnenstichresitente an dem entlegenen Strand vorbeischauen – kein Paradies mehr für Kids, die den ganzen Tag sonst herumtollen. Und Bunga Bunga wird ihre Tintenfische nur noch in geringer Zahl servieren. Wo soll ich nun meine „beach books“ lesen? Kreta ist riesengross, in der Nähe, heisst hier, dreissig, vierzig Minuten mit dem Leihwagen, noch entlegener, aber nur Kieselsteinstrand. Dafür der gleiche Wind aus Afrika, und, das ist die Hoffnung, Stille bis zum Horizont. Eine Stille wie auf Amrum im Winter. (m.e.)
(Apart from local Greek Radio, i only listen to the soon-to-be reissued „Drawn From Life“ by Eno / Schwalm on car rides. Leah Kardos is right: it’s a revelation, as it has been for me 25 years ago. It unfolds its greatest impact when being taken in from start to end. Enjoy the historic interview we‘ve recently put out as a scrap book story!)
Michelle und der alte Friseur
in dear memory of Margarete Scheibelhut, my first Michelle from a distance
Papa konnte es nicht gut aushalten, wie sein Sohn sich eine Mähne wachsen liess. Wir schreiben das Jahr 1965, 1966. Die Zahl meiner Singles war überschaubar, früh hatte ich die Freude des Radiohörens entdeckt, oft unter der Bettdecke, bis ich nach Luft schnappen musste. Europawelle Saar, Radio Luxemburg, vielleicht auch Piratensender. Immer wieder hörte ich Nowhere Man (das haute mich jedesmal um!) oder Michelle von den Beatles im Radio, und bis heute singe ich manchmal von Michelle die gleichen Zeilen vor mich hin, das Kauderwelsch von englisch und französisch, wie ich es verstand. Wahrscheinlich singe ich diese zwei, drei Zeilen seit über einem halben Jahrhundert falsch, aber das macht nichts, eine Brücke aus Kindertagen.
Da ich bis 1970 nur ein Beatles-Album wie wahnsinnig gehört hatte, Sgt. Pepper (bald kamen das rote und das blaue Doppelalbum, perfekte compilations) hatte ich Rubber Soul und seine Wucht damals, im Herbst 1965, gar nicht so mitbekommen. Wie die Kinks lieferten mir die Beatles Seelen- und Körpernahrung im Wochenrhythmus ihrer genialen Songs und Singles. Meine erste Matte bekämpfte mein Vater mit Geld: 20 Mark, wenn ich zum Friseur gehe. Von dem Geld konnte ich vier Singles kaufen und ein Eis in meiner Lieblingseisdiele in Dortmund-Hombruch.

Der alte Friseur schnitt mir die Haare aber wirklich arg kurz, platzierte einen Seitenscheitel. Wie doof sah das denn aus! Und dann grinste ich, denn aus seinem Radio kam plötzlich die „Hottentottenmusik“ der Beatles, und natürlich Michelle. Kein Ort, wo meine Bands nicht den Raum eroberten. Das war das letzte Mal, dass ich so einen Handel machte. Alsbald gab es zwei Kultfriseure, die sich auf Hippiefrisuren verstanden („lang, aber gepflegt“). Die machten im Laden eine schöne Show wie Meister Wittke, oder sie verrichteten still und leise ihr Handwerk. Viel später hörte ich erst „Rubber Soul“, in meinen Studentenjahren, mono oder in Ping-Pong-Stereo.
Aber nie hörte ich das Album mit solcher Klarheit, solcher Transparenz, solchem Punch, und so gloriosem Stereo wie jetzt am Wochenende, in dieser atemraubend-neuen Mischung. Da ist es tatsächlich so, dass ich hier einige Dinge und Klänge zum ersten Mal höre, und das hat etwas, als würde man einem alten Zauber beiwohnen, der unverhofft das eine und andere Unerhörte aus dem Hut zaubert. Obwohl: kein Remaster, kein Remix, keine Deluxe-Kiste, keine nie gehörten Takes können nur annähend an die frühen Jahre, die ersten Male, heranreichen. The first mix is the deepest! Dennoch, diese neue Stereo-Darbietung ist verblüffend, und mir eine grosse Freude! Als „Standard Edition“ erhältlich, mit oder ohne zwanzigseitiges Booklet!
(Michael)
