„Five Lifers“
Langspielplatten haben, anders als Cds, das ideale Format, mit der Gefühlsladung der Musik assoziiert zu werden. Umso mehr, je reizvoller sie per se sind, oder als Äquivalent der Klänge herhalten können. Wundervoll der magische Realismus von Mati Klarwein auf Jon Hassells „Dream Theory in Malay“ (wir lieben ja auch seine Cover für Miles Davis und Santana), oder die Farb- und Schattenspiele auf Michael Brooks „Hybrid“; von den beiden ECM-Covern ganz zu schweigen – anders als „Madar“ wartet Steve Kuhns Solopianoalbum „Ecstasy“ noch auf seine Wiederveröffentlichung. Jedes Album „five stars“!

„In Sizilien gibt es viele Osterprozessionen. Zu diesem Anlass fertigt man Gebäck an, welches das Lamm Gottes darstellen soll. Der Fotograf hat dieses Bild gemacht, weil die Augen auf diesem Teilchen so vollkommen jenseitig wirken, als stammte das Geschöpf von einem anderen Planeten. Der Glitzerschmuck auf der Stirn erschien mir wie ein Symbol für das Strömen von Ideen.“ (Mark Hollis, Hamburg, 1997)
Patience der finalen Horizonte (3) – „the visible center“
“Mark Hollis clearly needed someone to bounce off; to surprise him, challenge him, start the engine, back him up. An accomplice. In this sense, his relationship with Friese-Greene is especially key. It is comparable to the one enjoyed by David Bowie and his long-term producer Tony Visconti, had Visconti also co-written all the songs; or Bowie and Brian Eno, had Eno, not Visconti, also produced those three „Berlin“ records.“ (Graeme Thomson)

(Für Martina W.) Das ist das Zentrum der Sendung, in einer Stunde, in der es, in der jetztigen Version, und wenn ich die alte Laurie-Sendung im Archiv finde, O-Töne geben wird von Robert Wyatt, Graeme Thomson, und Laurie Anderson. Keinen Ton sage ich in diesem Mittelteil, in dem drei Stücke von Daniel, Talk Talk und Seefeel laufen. Natürlich kann alles auch ganz anders kommen. Zum Beispiel, wenn dermassen aufregende neue Alben erscheinen (oder archivarische Entdeckungen), dass der „Klanghorizonte Klassiker-Anteil“ stark zurückgefahren wird. Zum Beispiel veröffentlicht „WeWantSounds“ im September, wie Thomas P. gestern verlauten liess, einen alten Schatz von Don Cherry, eine Trioaufnahme mit Dollar Brand und Carlos Ward. Und, by the way, was wird das „ECM“-Album dieser „blue hour“ sein? Ein Klassiker – oder kommt da im Oktober noch ein „Kracher“? Ein Dank an die Runde auch für die (Wieder-)Entdeckung von Seefeel. Grossartiges Album. Damals, 1993, spielte ich tatsächlich ihr Debut „Quique“, ich erinnerte mich allein dank des Covers. Circles closing.

Zwischendrin liest Graeme zwei Passagen aus seinem Buch „In Another World“. Das erste Stück der Stunde erzählt vom Londoner Nebel, im letzten Stück, dem „showdown“, geht es ins Hinterland. Und neben dem River Themse spielt der Hudson River eine Rolle. Also geht es fast zu wie in dem alten Spiel „Stadt – Land – Fluss“. Leider könnte das sich aber auch das als Fata Morgana erweisen, denn ohne Lauries alten OTON aus dem Jahre 1994 wackelt das ganze Konstrukt. Das Buch von Graeme Thomson über Talk Talk zu lesen, ist wirklich eine grosse Freude, nicht nur, weil all meine Erinnerungen an die Treffen mit Mark Hollis so lebendig werden. Nebenbei: Graeme vergleicht „The Colour Of Spring“ in mancher Hinsicht mit „Hounds Of Love“, was ich interessant finde, weil ich mich, anders als jeder, den ich kenne, nie so mit dem Album anfreunden konnte. Wie gesagt: eine Patience dauert ihre Zeit, und das Finale der Horizonte, ich sag’s mit Augenzwinkern, der dreifache „showdown“ mit field recordings und zwei Liedern, wird nicht verraten. Ich sage nur: STADT – LAND – FLUSS!

Playing time: Für Anfang September ist „Alighting“, im Rahmen des Punktfestivals von Kristiansand, ein neues Album von Jan Bang angekündigt. Dort wird das interessante Duo Arild Andersen / Jan Bang ein Konzert von Erland Dahlen live remixen! Am 11. September erscheint „Yours Sincerely“, ein brandneues Werk des Altmeisters Haruomi Hosono. Die Klanghorizonte werden am 24. September um 21.05 Uhr im Deutschlandfunk gesendet. Vom 25. bis 27. Sepember findet in der Geburtstadt von Brian Eno das „Fifth Woodbridge Ambient Music Festival“ statt. Am 27. September spielt das Eivind Aarset Quartet im Musikbunker in Aachen, an einem Sonntagabend um 19.00 Uhr.
„Life’s Backward Glance“
You live almost like a cult when you’re younger. We had our meeting points at River Mersey, loud singing, and campfire. Each person would have their thing they were into most and they’d bring that to the table. We’d all gravitate to certain things – Everyone loved Lee Perry, I loved Jimmy Cliff and doo-wop groups. My grandad had all these old records, like Reader’s Digest Hawaiian and choral records, and that’s where we’d pick a lot of stuff up from.“ (James Skelly, The Coral)„Es war, lang her, Mai 75, auf unserer Zeltreise in die Bretagne, dann natürlich auf dem Weg nach Paris, wo wir die richtige Ausfahrt verpassten, und anderthalb mal den Boulevard Peripherique umrundeten, da hatte ich nur eine Kassette dabei, und einen dieser winzigen Kassettenrecorder, und so lief, wenn überhaupt, entweder „Ruth Is Stranger Than Richard“ von Robert Wyatt, oder „Hotel Hello“ von Gary Burton und Steve Swallow“ (M.E.)

Es ist schon ein paar Jahre her, da konnte ich einige Hörer der Klanghorizonze mit meiner Begeisterung für das Doppellabum „Coral Island“ anstecken, eine Zeitreise entlang alter englischer Küstenkäffer, mit wunderbaren spoken word-stories und einem Melodientaumel, der in alter Zeit manche Jukebox in Beschlag genommen hätte. Ich hatte immer ein Faible für diese Briten vom River Mersey. Mit jenem Album knüpften sie an den Thrill von „Magic and Medicine“ an, und blieben in einem kreativen High, dem wir nun „388“ verdanken, ein Retro-Rausch besonderer Art, eine weitere Reise zurück in die Lebensräume ihrer Teenager-Jahre, und ihrer unerschöpflichen Freude an altem Reggae und Ska. Das ganze in rohem Sound, vollkommen unpoliert, ohne billige Imitationen zu servieren, macht „388“ zu einem Hörerlebnis, das gutes altes Vinyl fast zwingend erforserlich macht, und einen dezenten Suchtfaktor auslösen kann.
Und als ich gestern „388“ auflegte, unmittelbar gefolgt von „Coral Island“, ging mir wieder jener Sommermorgen durch den Kopf, aus dem Jahre 1971. Ich war 16, meine Baskenmütze auf dem Kopf, und sass auf einem Pier in Torquay. Ich sah auf die Palmen und hatte bis zu diesem Trip mit den EF-Ferienreisen nach England nichts von den Palmen und dem Golfstrom dort gewusst. Es waren die drei Wochen, in denen ich Neil Young entdeckte.Vor mir auf der Kaimauer lag ein kleines Taschenbuch über das richtige Pfeiferauchen. Ich hatte alles Nötige dabei, und auch den Tabak meiner Wahl. Da es der einzige Tabak ist, den ich je in einer Pfeife rauchte, habe ich ihn nie vergessen: „Mac Baren‘s Mixture Scotish Blend“ verströmte einen süssen Honigduft, das Whisky-Aroma liess sich allenfalls erahnen. Ich befolgte die Anweisungen zum Stopfen der Pfeife sorgsam, aber im Endeffekt scheiterte ich, immer wieder ging mir nach wenigen Zügen die Glut aus. Ich war zu blöd dazu. Schwamm drüber. Ich fühlte mich unbesiegbar, nachdem mich das erste Hören von „After The Goldrush“ in eine tiefe und andauernde Träumerei versetzt hatte.
Das alles kam mir wieder in den Sinn, als ich gestern mit einem Keks mein kleines Coral-Festival veranstaltete. Benannt nach dem legendären TASCAM-Tonbandgerät, das bei den Aufnahmesessions in den Kempston Street Studios in Liverpool zum Einsatz kam, fängt das neue Album „388“ die Band mit ihrem ungebrochenen Elan ein. James Skelly legte eine Regel fest: Alles musste live im Raum eingespielt und noch am selben Tag abgemischt werden, wobei die Ecken und Kanten, das Bandrauschen und die menschlichen Unvollkommenheiten erhalten bleiben sollten, die in der modernen Produktion so oft wegretuschiert werden.
Nehmen wir nur mal diesen frühen Song des Albums her: „Ride That Train“ knüpft an vertrauten Rocksteady-Snare-Groove an und führt eine eingängige Keyboard-Melodie ein, einen Sound, die sich durch das gesamte Album zieht. Klare, leicht verhallte Gitarrenstiche untermalen den Rhythmus mit sanften Offbeat-Akzenten, während James Skellys Gesang im Vintage-Soul-Stil locker über dem Mix schwebt. Schlicht und ergreifend.
Diese Form von Magie und Medizin funktioniert auch im CD-Format. Es ist ihr mittlerweile dreizehntes Album, und sicher, im Kontext ihrer Historie, im Vergleich etwa zu „The Coral Island“ oder „Magic And Medicine“, kein Schlüsselwerk, kein opus magnum. Aber es sind ja oft die Dinge an den Rändern, die anrührender sind und auch tiefere seelische Prozesse befeuern als das, was uns Neunmalkluge als Mass der Dinge und Klänge andienen wollen.

Gestern, spät am Abend, bei Kerzenlicht, legte ich die neue Arbeit von Steve Swallow in meinen Cd-Player, „Winter Songs“, eine ECM-Produkton, die in genau einer Woche in die Läden kommen wird. Und, genauso wie „388“, ist es eine Zeitreise geworden ein Blick zurück, gelassen, nicht ohne Wehmut, doch auch mit stiller Freude – zwei Alben, die eines verbindet, was sich am besten mit dem Titel einer Komposition aus Steve Kuhns wundervollem Solopianoalbum „Ecstasy“ aus der Mitte in der 1970er Jahre in Worte fassen lässt: „Life’s Backward Glance“.
Mike Rodriguez, Trompete. Chris Cheek, Tenorsaxofon. Steve Cardenas, Gitarre. Gil Goldstein, Piano. Steve Swallow, Bass. Adam Nussbaum. Und genau wie bei „388“ hört man hier der Musik alter Freunde zu, die alles, aber auch alles, in ihr Spiel legen, um der Musik – das war wohl ihre gemeinsame Vision – Luft zu geben, Atem, Aura, also etwas, bei dem die üblichen Worte (Analysen, Vorurteile, Lobeshymnen, Schnellschüsse) in eine schöne Leere laufen. Mission erfüllt.
So lässt sich auch mit lyrischer Eleganz, mit makellosem Sound, Zauber auf Zauber entfachen, ohne einen einzigen überflüssigen Ton. Wer die drei letzten Alben von Carla, Steve und Andy ganz besonders mag, wird auch hier fündig werden, und, im seltsamen Glanz eines Rückblickes auf gelebtes Leben, von ferne auch mal die Lichter des „Hotel Hello“ aufflackern sehen!
„Go out with a bang or on a quiet note“ – Patience der finalen Horizonte (2)
(für Thomas P., with two hidden messages from my Ericksonian days of hypnotherapy – honestly, this may only be of interest for readers with a sense of humour, a weak spot for the surreal, and immaculate taste of music.)
“Where have all the good times gone?“ (Ray Davies)
“Life will bring you pain all by itself. Your responsibility is to create joy.“ (Milton Erickson)
Schon verrückt, dass wir uns erst nach rund dreissig Jahren wiedergesehen haben und ich dir dazu erst den heiligen Gral von Roedelius vorbeibringen musste. Als Auftakt setze ich wieder mal die „Don Cherry“-Karte. „Repetition is a form of change“ (Oblique Strategies). Aber welches zeitlose Stück aus welchem Album für meine zweite „imaginary playlist for September“? (Es kommt natürlich, letztlich, anders.) Die Auswahl ist gross, hier die Alben mit wundervoll zarterwilder Wucht, neben den erst spät ausgegrabenen Livedokumenten „Modern Art / Stockholm 1977“ & „Organic Music Theatre / Chateauvallon 1972“…. Da haben wir also, rein assoziativ, die Magie von Codona 1, 2, 3, El Corazon, Brown Rice, Old And New Dreams, und „sowieso die erst kürzlich gespielte Relativity Suite.
Sagen wir, es geht los mit „Lonely Woman“, aus dem ersten Old And New Dreams-Album (die Vinylwiederauflage aus der „Luminessence“-Serie ist fantastico). Es folgt ein ziemlich langes Medley, in dem ich kein Wort sage und die Musik für sich sprechen lasse, eine ausgefuchste Sequenz mit einzelnen Tracks aus „Bright Red“, „Laughing Stock“, den neuen Alben der Herren Lanois und Wagner, sowie, Schlag auf Schlag, „Echoes“ (think twice, bro, from the irresistible wilderness of Fire! Orchestra), „Lord Of The Rings“, „Colossal Youth“, „Close“, „Chiaroscuro“ (the album with Erik Honoré‘s „tape hiss magic“!) „Marquee Moon“, „Naked City“, „Time Fades Away“, Shleep“, „Chairs Missing“ und „Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes in the street“.

Und schon sind wir beim Showdown, dem letzten Stück, das natürlich, weil ich immer die gleiche Sendung mache, von Brian Eno sein wird. Die erste grosse Frage, die sich nun stellt, lautet, wie das alles in 54 Minuten und 38 Sekunden stattfinden soll? Die Antwort: stell dir vor, es gibt, tief in der darauffolgenden Nacht, eine zweite Stunde kurz vor der Morgendämmerung, wie in alten Zeiten…… oder aber eine Collage, einen akustischen Flickenteppich und einen Meister von „crossfading“ in der Tonregie, sowie mehrere Otöne beteiligter Musiker!Die zweite Frage ist eine herausfordernde: welches Eno-Stück bitteschön, am Ende einer langen Reise!? Go out with a bang, or on a quiet note!? Ich habe mich entschieden, für die Sache mit dem „bang“ statt dem stillen Horizont! Da das eine Überraschung sein soll, wird dieser „Knall“ (die Ur-Definition eines „Bangs“ in meiner Eno-Historie) natürlich nicht verraten. Nur soviel: B. würde es lieben, und Brian ist mit B. nicht gemeint!
The dark side of this all: Look at the cover one more time, dear reader: a harsh, frozen moment viewed through a sickly, bilious green haze, giving the audience a feeling of tension rather than celebrating rock-star glory. „Time Fades Away“ was recorded during the massive arena support tour following his highly successful Harvest album. The tour was famously disastrous, plagued by exhaustion, illness, and part of the fanbase who missed Neil‘s romantic hippie dreams. He was ditching them all, so „Time Fades Away“ belongs to his „Ditch Trilogy“. Anyway it still belongs to my favourite live „rock“ albums of the 1970‘s! So fucking dark, but you can dance!
In Another World: The Four Seasons Of Talk Talk
The book tells a story of a band and the people in it, but it
is above all a biography of four records: The Colour Of Spring.
Spirit Of Eden. Laughing Stock. Mark Hollis.It is a story of the disturbance of sound in space, the
upending of expectations, the meeting of spontaneous
accident and laborious design.A mad kind of science to it all.
In the pursuit of what end? Enduring beauty. Enveloping
mystery. Art that lasts and shape-shifts, that is never heard
quite the same way twice.Something sacred.
Some kind of virtue.

Von den vier Jahreszeiten kenne ich den Frühling gar nicht so gut, weil ich eigentlich immer ihrem Sommer, Herbst und Winter lauschte. Aber jetzt, nach der ersten Jahreszeit, freue ich mich umso mehr, „The Colour Of Spring“ wieder mal aufzulegen. Weil Graeme Thomson sicher nicht nach dem ersten Kapitel alle guten Geister verlassen haben, kann ich schon jetzt, auf Seite 92 klar sagen, dass dieses Buch eine grosse Freude, und ein spanender Lesetrip sein wird, für die, die einige dieser Alben oder alle geliebt haben, aber auch für die, welche eine spannende Story lesen wollen über eine der ungewöhnlichsten Bandhistorien überhaupt, erzählt mit einer perfekten Balance aus Sachlichkeit, Empathie, und Flowfaktor 10. Die obigen Sätze finden sich auf der Rückseite des Buchcovers. Meine Story mit Talk Talk begann im Sommer 1989, als „Spirit Of Eden“ erschien. Da ahnte ich noch nicht, dass ich wenige Monate später in diversen deutschen Radiohäusern landen sollte. Meine vier meistgespielten Alben zwischen 1990 und 2026 waren mit hoher Wahrscheinlichkeit „Laughing Stock“ und „Mark Hollis“, neben „Music For Films“ und „Another Green World“! Sollte ich raten, würde „Possible Musics“ von Jon Hassell wohl auf Platz 5 gelandet sein, und Steve Tibbetts‘ „Big Map Idea“ auf Nummer 6. Man muss kein Meisterdetektiv sein, Ende September „the third season“ zu erwarten. Und die Stimme von Graeme Thomson. Ein Schotte aus Edinburgh.Lost at sea

„Punkt Editions präsentiert „Temporary Empire“, die unbearbeitete Live-Aufnahme vom Punkt Festival 2025, bei der Erik Honoré mit dem Trompeter Eivind Lønning und dem Perkussionisten Mark Wastell zusammenkam. Das im Teateret in Kristiansand aufgenommene Album dokumentiert eine einzige, durchgehende Konzertbegegnung: Stimmen, die Honorés Texte vortragen, Elektronik, Trompete, Gongs, Glocken, Trommeln und Feldaufnahmen entfalten sich als eine gemeinsame, zeitgebundene Struktur.
Das Album wurde von Erik Honoré abgemischt und von Stephan Mathieu gemastert. Die CD-Ausgabe enthält die vollständigen Texte sowie Liner Notes und wurde von Nina Birkeland exquisit gestaltet.
Temporary Empire ist ein Text-Musik-Werk, das in einem bestimmten historischen Moment und dessen langem Nachhall verwurzelt ist. Ausgangspunkt sind die Nachwirkungen des Sechstagekriegs von 1967 und die sogenannte Gelbe Flotte: fünfzehn Handelsschiffe, die mehr als acht Jahre lang im Suezkanal festsaßen. Abgeschnitten von Nationen, Flaggen und normalen Routen bildeten die Besatzungen eine seltsame, provisorische Gemeinschaft – eine Mikrogesellschaft, die nicht durch Macht oder Eroberung, sondern durch Routine, Fürsorge und Erfindungsreichtum aufrechterhalten wurde. Der Titel verweist auf dieses Paradoxon: ein „Imperium“, das nur durch Präsenz, Geduld und gegenseitige Unterstützung existierte und fast spurlos verschwand.“Soweit ein Teil des Pressetextes, der den Rahmen und Kontext des Albums auf den Punkt bringt. Ein grossartiges „spoken word and more“-Album, dessen klanglich herausragende Cd-Edition demnächst eine ausführliche Würdigung erfährt. For sure no everyday experience, but an unforgettable one! (m.e.)
Lieder vom Felsgrund
Drei OTÖNE von Robert Wyatt: H E R E !
(Heute morgen wiedergefunden. Sie stammen wohl aus meinen Londoner Gesprächen aus den Jahren 1997 und 2003, Thema waren die Alben „Dondestan“ und „Shleep“… oder doch „Cuckooland“? Robert spricht über seinen Anspruch an Musik, sein Changieren zwischen Jazz und Pop, sein Trompetenspiel und mehr… ich habe den Raumklang eines Cdplayers aufgenommen, vielleicht muss man etwas lauter stellen, aber es lohnt sich. Es beginnt nach 10 Sekunden Stille.)
Lieder vom Felsgrund. Oder vom Meeresboden? Oder vom Abgrund? Oder vom Nullpunkt, was immer mitschwingt im Titel einer meiner wichtigsten Wegbegleiter seit späten Teenagerjahren, „Rock Bottom“ von Robert Wyatt. Erst jetzt stiess ich auf die zweite John Peel Session von Robert Wyatt. Er war nach seinem schicksalhaften Fenstersturz im Sommer 1973 sehr lange im Krankenhaus, und aus seinen letzten Wochen dort und seinen ersten im Rollstuhl stammt der grossartige Songzyklus. Wenn es diese kleine John Peel-Session auf einer Maxi-Single gäbe (es sind nur 18 Minuten) würde ich sie sofort erwerben. Aber ihn HIER auf youtube zu hören, ist auch sehr bewegend, und viel mehr als ein Kuriosum.

Mr Neely ist ebenso angetan und schreibt in AD: „Das Set ist makellos produziert und präsentiert zwei Stücke aus Wyatts Meisterwerk „Rock Bottom“, das im Sommer 1974 erschien, darunter eine atemberaubende Interpretation von „Sea Song“, die die aquatische Atmosphäre des Mellotrons ebenso einfängt wie die klanglich perfekte Darbietung von Klavier und Gesang. Ebenfalls vertreten ist der vielleicht skurrilste von Wyatts poporientierten Klassikern, eine Coverversion von „I’m a Believer“ von The Monkees, die ebenfalls in jenem Jahr als Single erschienen war und bei „Top of the Pops“ gemeinsam mit Nick Mason von Pink Floyd aufgeführt wurde. Schließlich werden wir mit dem einzigartig komischen „Soup Song“ verwöhnt – einem Vorausblick auf den Titel, der im folgenden Jahr das Album „Ruth Is Stranger Than Richard“ eröffnen sollte. Sowohl auf Platte als auch in diesen wegweisenden Radiosessions ist „seltsam“ („strange“) das größte Kompliment, das hier im Spiel ist.
(das Wort für „skurril“ lautet im Original „whimsical“😉)
Reprise: I travelled three times to London to interview Robert and Alfie on „Dondestan“, „Shleep“ and „Cuckooland“ in the times of their release. Unforgettable, when, on the hottest day of that summer of 2003 , we were lead to the empty Purcell Room, that excellent concert hall, and then moved though every track of „Cuckooland“. At one point Robert told me how Brian Eno sang his part of the uncanny „Forest“ with opulent arm gestures of an opera singer. (And what a deeply moving song that is, from two of my favourite singers ever!) Many of his stories blurring the lines between the private and the political. And such a great humour, too. He‘s life‘s company, always has been! (m.e.)

Julio Cortazar und Robert Wyatt sind sich leider nie begegnet, obwohl es früh in den 1970er Jahren möglich gewesen wäre in Paris. Was Politik und Jazz angeht, wören hier zwei verwandte Seelen aufeinander gestossen, und hätte man ihre leider nur imaginären Gespräche über eine Woche aufgezeichnet, wäre ein wunderbares Buch dabei herausgekommen.
It‘s a strange, strange world

In den letzten Tagen wurden mir zwei Dinge bewusst: zwei Bands hatte ich in den Klanghorizonten durchweg sträflich vernachlässigt, von der einen hatte ich ein frühes Album vorgestellt, aber zu wenig Feuer gefangen, um ihren weiteren Weg zu verfolgen (Seefeel), von der anderen hatte ich nie wirklich was gehört, bis ich vor wenigen Jahren die Magie ihrer frühen Werke entdeckte (American Analog Set) und die Schatzkiste mit dem Titel „New Drifters“ sowie atemraubend coloriertem Vinyl meinen Plattenspieler ausgiebig in Beschlag nahm. Und heute hörte ich das neue Album von „Seefeel“ in zwei Durchgängen, und was war das denn bitteschön: Meister des fade-in, des fade-out, und des in-between, rätselhaft, pastoral, und ungeheuer subtil.
Eine Radiosendung aus den frühen 1990er Jahren
“It is a point worth remembering as we listen to these records. We are being told a story. Nothing we are hearing really happened.“ (Graeme Thomson)
Endlich ist das Buch von Graeme bei mir angekommen, „In Another World. The Four Seasons Of Talk Talk“. Darin geht es um die vier essentellen Alben „The Colour Of Spring“, „The Spirit Of Eden“, „Laughing Stock“, und „Mark Hollis“ aus den Jahren 1986 bis 1998. Alles Klassiker, alles Alben, die ich in den dreieinhalb Jahrzehnten meiner „Horizonte“ in den Nächten spielte, stückweise, immer wieder mal. Dass in meiner letzten Sendung im September Graemes Buch vorkommt, und ein Song aus „Laughing Stock“, darauf kann man ein Ei schlagen. Schon im ersten Kapitel über „The Colour Of Spring“ gewinnt der Schreibstil und der Gehalt des Buches meine volle Sympathie.
Und obwohl der Autor Mark Hollis nie begegnet ist, kehrten meine Erinnerungen an unsere Interviews in London zu „Laughing Stock“, und in Hamburg zu „Mark Hollis“ zurück. Er gab überhaupt nur sehr wenige Interviews, und meine Erinnerungen sind so lebhaft wie wehmütig. Auch wenn die Aufnahmen verloren gingen, mündeten sehr viele O-Töne in die „Klanghorizonte“ der Jahre 1991 und 1998, in zwei lange Artikel in „Jazzthetik“, sowie in eine neunzigminütige Ausgabe des „Klanglaboratoriums“ (oder hiess es „Jazzlaboratorium“) beim NDR, als Michal Naura Redakteur war und mir zehn Jahre lange grünes Licht gab für alle möglichen Expeditionen durch die Randgebiete der improvisierten Musik.
Besitzt jemand diese Sendung zufällig? Unwahrscheinlich. Die damalige Crew von Naura ist im Ruhestand, und jene frühen Tonbänder wurden meines Wissens nie digitalisiert. Ich gab den Titel meiner damaligen Sendung, eine diskrete Abwandlung von „50 ways to meet your lover“, bei Google ein, mit zusätzlichen Stichworten, und schaltete in den KI-Modus. Folgende Antwort erhielt ich: „Es gibt keinen bekannten Titel „50 Wege, das Zeitgefühl zu verlieren“. Der Begriff stammt wahrscheinlich aus einem Gespräch des Moderators Hubertus Meyer-Burckhardt, der in der NDR Talk Show über sein Buch „Diese ganze Scheiße mit der Zeit“ und den bewussten Umgang mit der eigenen Lebenszeit spricht.“
Fast eine Kalendergeschichte!
Patience der finalen Horizonte
Vorspiel: Es war ist schon eine besondere Jugenderinnerung. Drei Wochen in den Sommerferien mit Eltern in einem erlesenen Hotel in Reit im Winkl, eine Reitstunde, nach der mir einen Tag der Hintern wehtat (bye, bye, Robert Fuller!), verliebt in eine evangelische Pfarrerstochter, die mich nur träumen liess, nicht mal ein Kuss auf die Wange, und ein Jahr später eine surreale Zugfahrt an ihrer Seite in den Schwarzwald um eine Horde wilder Kinder in einem Nonnenstift abzugeben. Was blieb mir an heissen Sommertagen ausser „Foxtrot“ von Genesis zu hören, das „blaue Album“ der Beatles – und immer neue Patiencen zu legen, mit Hilfe eines Büchleins aus dem Falken-Verlag. Teenager sind kleine Hormonfabriken, und ich erprobte 25, 30 Patiencen, alle auf ihre Weise reizvoll, unterbrochen von Fantasien über die schärfste „milf“ (= „mothers i like to be fucked by, in meiner Lesart) meiner frühen Jahre, die sich genau ein Stockwerk unter mir auf ihrem Holzbakon in der Sonne rekelte. „If paradise is half as nice“, sang Amen Corner aus meinem Transistorradio. Aber Jahrzehnte später kam meine Lust an der Patience zurück, als die Abstände zwischen meinen Klanghorizonten immer länger wurden, und ich diverse Playlists entwarf, stets auf der Suche nach dem perfekten „sequencing“. Da es zu den Prinzipien dieses Blogs ohne Bezahlschranke gehört, eigenen Passionen und Schreibfantasien nach Lust und Intuition zu folgen, fand ich immer mehr Freude an dieser „Patience der Horizonte“.

Imaginary September Playlist (for Lorenz E.)
Evening on the Carlisle-Edinburgh Line, aus Trains In The Night (4‘43)
Jan Garbarek: Sart, aus Sart (14’51)
Lifetones: For a Reason, aus For A Reason (6‘37)
Marion Brown: Maimoun aus Vista (8‘01)
Scott Walker: Manhattan, aus Tilt (6‘05)
Martina Testen / Simon Šerc: Nokturno, aus Nokturno (5‘00, Ausschnitt)
Nokturno is the sound of a single night, from dusk to dawn, rich in complexity and rife with meaning. The creatures appear at different times, staggering their appearance, finding ways in which to co-exist. The thunder rolls; the residents react. Church bells suggest a divine hand. As the frogs surface, the animals emerge from their holes and the birds begin to sing again, what ideas might rule their thoughts?
P.S. Natürlich ist diese Liste rein fiktiv – so wird es nicht kommen. Aber würde ich die Stunde genauso durchziehen, es kämen keine Beschwerden! 😉 Und natürlich, das feine Buch von Millay Hyatt fände seinen Platz. Mein Dankeschön an den einen oder andern Akteur aus der Echokammer meiner Maihorizonte