Offene Mail an Sascha Staat
Lieber Sascha!
Wir haben nur einmal kurz vor dem „Londoner“ miteinander gesprochen – ich bin Autor und Moderator von Musiksendungen im DLF, und Musik sei nicht so deine Kernkompetenz, sagtest du so oder ähnlich:) – aber nun zum Thema, und ich weiss, die Zahl der Schreibenden wird sogar dich überraschen…
Da ich nicht auf Instagram oder X unterwegs bin, konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen, was zu deinem Ausstieg geführt hat (aber es scheint, Stand jetzt, auch nur Spekulationen zu geben). Hättest du es lange vorher gewusst, hättest du es sicher früher mitgeteilt, wie ich dich einschätze.
Hast du anderswo ein superdotiertes Angebot bekommen, oder gab es aktuellen Ärger? Viel mehr (ausser evtl. noch ganz privaten Gründen) kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin Profi, was Moderieren angeht, und ich kann sowas beurteilen: du hast da eine aussergewöhnliche Gabe, und du hast einen Fussballverein (nebenbei den einzig richtigen:)) – das gehört doch beides (und das ist keine Raketenwissenschaft!) zusammen!
So grundsätzlich bis sehr sympathisch ich deine Kollegen finde, allen voran die Herren Krampe und Koers, ohne dich verliert dieser Podcast sein Herz. Wenn du nicht weitermachst, bin ich beim „BVB-Vodcast“ der Ruhrnachrichten raus, weil es nicht zuletzt dein Humor war, der mich zum Stammhörer gemacht hat. Alles hat seine Zeit, schon klar! Und falls es so bleiben wird, einen herzlichen Dank für grossartige Sendungen (bei Emre Can hast du dich etwas vergallopiert, aber das passiert auch den Besten), für eine einmalige Mischung von Hintersinn und Witz (ich gehörte übrigens immer schon zu den Freunden des Vorgeplänkels!!!!)Vielleicht bis nächste Woche, rein zufällig, bei „Zorbas“. Früher hiess der Laden „Humpen“, und ich habe mir dort den einzigen Filmriss meines Lebens zugezogen😉🪘
M.E.
email: micha.engelbrecht@gmx.de
Lauter kleine Gedankensprünge

- Das Punktfestival von Kristiansand ist ja gerade zuende gegangen. Ob Ingo einen kleinen Text dazu schreibt, weiss ich nicht – war ja eher Urlaub als Arbeit! Schade, dass es keine Teleportation gibt: ich wäre gerne vor Ort gewesen, allein schon, um Jon Balke mal persönlich kennenzulernen, nach einem gefühlten Dutzend virtueller „Interviews“. Weiter unten Ingos Foto von Jons Auftritt vor Ort!
- Ich habe tatsächlich auch den roten Mond gesehen, faszinierend, leider hat er wenig geändert an meinen dezenten Schlafstörungen um die Vollmondtage herum. Tage später lege ich das Album „Yellow Moon“ auf.
- Gestern hat sich wohl der Sommer verabschiedet mit einem letzten sehr warmen Tag. Mittags ging ich ins Apollo Kino und war der einziger Zuschauer im kleinsten Raum dort, als ich Ozons neuen Film „Wenn der Herbst naht“ sah. Ab und zu schon erlebt, ein ganzes Kino allein für sich zu haben. Kleiner feiner Film, grosses Schauspielerkino, eine Reminiszenz an Claude Chabrol sicher auch. Ich dachte an meine Teenagerzeiten, als ich Truffaut und Chabrol verschlang. Drei Sterne.
- Mit Robert Oschatz habe ich einen guten Sprecher fürs „overvoice“ von Steve Tibbetts zugeteilt bekommen. Und Anne Fuchs liest die Übersetzung eines wunderbaren Liedes von Robert Wyatt, das seine Lebensgefährtin Alfreda Benge einst schrieb (ich habe den Blogroll etwas verschlankt, und Steve Tibbetts dazugenommen)
- A propos Robert: I travelled three times to London to interview Robert and Alfe on „Dondestan“, „Shleep“ and „Cuckooland“. Unforgettable, when, on the hottest day of that summer of 2003 , we were lead to the empty Purcell Room, that excellent concert hall, and then moved though every track of „Cuckooland“. At one pont Robert told me how Brian Eno sang his part of the uncanny „Forest“ with opulent arm gestures of an opera singer. (And what a deeply moving song that is, from two of my favourite singers ever!) Many of his stories blurring the lines between the private and the political. And such a great humour, too. HERE the story of Richard W visiting Robert W, not too long ago.

- Statt Kristiansand live lauschte ich daheim der Triple-Cd „Disquiet“, die ja erst Mitte Oktober erscheint. Vier lange Stücke auf drei Cds, eine weitere Schatztruhe für Freunde der Necks. Mein Lieblingsstück ist „Warm Running Sunlight“, gute dreissig Minuten, kein klassischer Groove, a celebration of cymbals, und ein impressionistischer Rausch (da kann man wirklich an warmes fliessendes Sonnenlicht denken, oder die Seerosen von Claude Monet – und dann, eingestreut, zwei Passagen mit „field recordings“, was perfekt passt zum Unterthema „Feldaufnahmen“ am 25. September).
- Es ist interessant, wie Musik, die einen einst begeisterte, nach Jahrzehnten immer noch tief geht, oder sich in reine Nostalgie verwandelt. Beispiel für ersteres: Veedon Fleece von Van Morrison, Beispiel für letzteres: Pink Floyd Live In Pompeji. Das hat nichts mit der Qualität an sich zu tun, vielmehr mit unserer privaten „aural history“. Selbst mit Supersurroundsound nahm mich Pink Floyds nicht mehr so gefangen wie einst in meinem Kinderzimmer, als ich wieder und wieder „Set the controls for the heart of the sun“ auflegte. Das Stück mag ich immer noch sehr, aber lieber ohne die Kulisse des Films. Zu zweit oder dritt Live in Pompeji gucken, das ist aber dann doch wieder cool, weil bestes „Popkornfutter“, und eine wohltuende „Regression im Dienste des Ichs“, um den alten Groddeck mal zu zitieren.

- “Warm Running Sunlight“: erstes Hören vor Wochen im Jardin du Luxembourg, with warm running sunlight all around me…
- Here, after Ingo’s comment, my kind words on Jon‘s album „Skrifum“: „Let’s call this, like that underrated gem of Leonard Cohen, another „new skin for the old ceremony“. Jon Balke’s fourth solo piano album on ECM is a strangely organic affair, no matter how much science from the laboratory may be involved. A llittle machine called „spektrafon“ is extrapolating sounds from the grand piano that inspire in subtle ways Jon‘s playing of the keys. I‘m immediately thrilled by the game he‘s playing here. Like from a shadow world, sounds unheard appear in drone-like clothing, on the verge of vanishing or lingering on – you never know. And they are not tapping into the „drone trap“ by sounding especially mysterious or alien. So forget about „new age“ and „old tricks“. Thanks to Jon’s heightened awareness ranging (to follow the meaning of the Icelandic word „Skrifum“) from a sharp pencil to a broad brush (staying away from conversational stylings), every track of this adventurously discreet music is a little world of its own. The whole album is a quietly flowing, exciting journey, a ghost story for an old instrument – delivered with a constant sense of wonder. Welcome to your next favourite ritual of deep listening!“
- Und wer mich nach dem Dub-Album des Jahres 2025 fragen sollte, bekommt eine klare Antwort: Hi Dynamic Instrumental & Dub von Breadwinners. Siehe Coverfoto aus der britischen Dubschmiede. Unfassbar gut. Vinylpflicht!
Eine schöne Widmung

Ich habe Nils Lofgren nur einmal live gesehen, als Teil von Neil Youngs Crazy Horse, im Sommer 1982, unvergesslich sein Spiel, die Band, Neil sowieso, und jener lang vergangene Spätsommertag! Natürlich freut mich James Lee Burkes Widmung, aber ich muss nicht gross motiviert werden, seinen neuen Roman „Clete“ zu lesen. Wieviele seiner 24 Romane mit dem Gespann Robicheaux / Clete habe ich mittlerweile verschlungen, vielleicht gut die Hälfte. Und ich bin nie enttäuscht worden. Im Gegenteil: James Lee Burke ist ein Sprachmagier, und wenn ich seinen Sprachstil kurz und griffig skizzieren sollte, wäre „psychedelic writing“ das, was mir zuerst in den Sinn käme.

Kaum je hat ein Schriftsteller „nature writing“ und „crime novel“ zu einer magischeren Mischung kombiniert. Um mal einen Aspekt herauszugreifen. Fast zeitgleich kommt nun auch sein „stand alone“-Roman heraus, mit dem er im letzten Jahr den „Edgar“ gewann – er führt uns da in den Amerikanischen Bürgerkrieg. Von Eskapismus kann keine Rede sein, wenn man sich das anschaut, was ein Trump und seine MAGA-Leute mit Methode und Irrsinn anrichten. Diverse Triggerwarnungen erspare ich mir. Harmlos sind seine Bücher nie, und man nenne sie besser nicht „gute Unterhaltung“. So ein Burke’scher Leserausch kann schon ein paar Tiefenwirkungen haben!
„Twilight language and warm running sunlight“ – die Klanghorizonte (DLF) vom 25. September
special guests: Ludwig Berger and Steve Tibbetts
INTRO: Some people, listeners, have a story to tell with „field recordings“ that trigger encounters with some of the most adventurous sounds being „out there“. Some of those albums became famous (remember the one with those singing whales!), some very much stayed under the radar (very much like the spaces they had been exploring). Even the so-called well-known can turn into stranger things.

By chance, I once discovered an old album named „Trains in the Night“ beautifully capturing the sounds of old locomotives in England‘s vast hinterland, and the nature around. Listening to the compositions of artists like Jana Winderen BJ Nilsen, Chris Watson or Ludwig Berger, is always a special experience. Is the howling of the wind real, or enhanced by electronics? How can someone „document“ sounds that cannot be be heard within our „normal“ range of perception? In a way the act of „cartographing“ distant areas includes sharpened senses, adequate tools – and inventiveness. When I was sinking, literally, in some of these albums of „field recordings“, I couldn‘t help but remember, in moments passing by, old sci-fi movies, but from minute to minute I was more and more drawn into the sounds themselves and forgetting my sepia-tinged nostalgia. Where-am-I-music of a rare kind! Three field recordings turn up in my forthcoming hour of KLANGHORIZONTE! (this Intro is an updated version of my introduction for an interview with Jana Winderen – you can read it HERE!)
And here we go, dear music lovers…an hour filled with discoveries, re-discoveries, field recordings and conversations! Surprisingly there is even a short appearance of a Jefferson Airplane song, called „Rejoyce“. HERE it is!

“Without climate protection, it is likely that Ludwig Berger’s recordings will outlive alpine glaciers”, warns the film in its last shot, showing the valley overtaken by greenery. It is not exaggerated. The ice carried the planet’s history for millennia yet it is disappearing at an alarming rate. As a response, the album invites listeners to relate to the glacier as a body, filled with life, here gently auscultated by Berger’s hydrophones. With „crying glacier“ and its intrinsic more-than-human collaborative nature, Ludwig Berger amplifies the Morteratsch Glacier’s voice to emphasize its personhood, and other glaciers‘ urgent need for recognition and preservation.“ (from Ludwig Berger‘s Bandcamp page)

P.S. I was asking Lloyd Swanton, the bass player from The Necks, about some of his favourite ECM albums and more, and here comes his answer… (übrigens, The Necks spielen am 30. Oktober in Aachen und einen Tag später in Berlin)
Radio on
Listen now! (Ein Klick genügt hier)
„klanghorizonte“ playlist in sequence: Flora / Luminal / The Jewel In The Lotus / Loose Talk / New Vienna / Luminal / Lateral (Big Empty Country) / special guest: Beatie Wolfe / Sprecherinnen: Christiane Nothofer & Nina Lentföhr
Mitten im Leserausch

Dies ist keine Romanbesprechung. Denn ich bin erst auf Seite 257. Und der Kriminalroman hat 571 Seiten. Federico Axat wurde 1975 in Buenos Aires geboren, wo er auch heute lebt. Das ist das erste Buch, das ich von ihm lese. Keine Spoilerei, keine Sorge. Die Geschichte beginnt mit einer enorm erfolgreichen Journalistin (zwei Emmys für investigative Fernsehbeiträge – na ja, okay!), die sich aus ihrem Beruf zurückzieht, und es dann doch nicht sein lassen kann. So weit, so bekannt. Eine Jugendliche ist verschwunden, man spricht von Suizid, aber daran bestehen gehörige Zweifel. Okay, das ist erstmal klassisches Krimi-Terrain.
Aber dann passiert mir dieser „switch“, dass ich plötzlich in der Story drin war. Axat hat einen angenehm intelligenten, unprätentiösen Schreibstil mit einer Prise Humor und der Fähigkeit, seine Figuren ernst zu nehmen. Das ganze Feld vibriert mit dem Zauberwort „coming of age“. Die junge Clique, die sich über Musik und Freundschaft findet, droht zu zerreissen, als ein Drama viral geht. Eine Protagonistin ist die nur musikalisch frühreife Janice, die nicht zufällig zu ihrem Namen gekommen ist und in Joplins Album „Pearl“ viel mehr von sich findet als in den keimfrei geschliffenen Pop-und-Country-Preziosen einer Taylor Swift. „I pulled my harpoon out of my dirty red bandana / I’s playin‘ soft while Bobby sang the blues / Windshield wipers slappin‘ time…“ Wie Musik als Bindemittel einer kleinen, halbverschworenen Gruppe von Teenagern fungiert, das hat was!
Dann das Ende all dieser Träume ewiger Verbundenheiten, das Ende der Jugend nah: ich fühle mich hier und da angenehm erinnert an meinen Lieblingsfilm „Absolute Giganten“. Ich mag es, wie der Autor aus manch unscheinbarer Figur vielschichtige Momente hervorzaubert. Der Aufbau der Spannungskurven funktioniert auch dank zweier faszinierend in Szene gesetzter Zeitebenen, angesiedelt vor und nach dem Verschwinden der hochintelligenten Sophia (hochintelligent, Zentrum der Clique, der diversen Handlungsebenen, Schlüsselfigur mit erstaunlich früh gebildeter Menschenkenntnis und detektivischem Talent – sie heisst auch noch Holmes, fällt mir echt erst jetzt auf).
Und so bin ich jetzt mittendrin, auf Seite 257, hoffe, dass Sophia keinen schlimmen Scheiss gebaut hat und noch lebt – und schreibe diese Zeilen im Wartezimmer einer ungemein sympathischen, extrem gutaussehenden Augenärztin. Zumindest in diesem autobiografischen Fall werde ich alle Rätsel auflösen (ich bin vielleicht viermal in meinem Leben bei Augenärzten gewesen, zweimal davon mit sechs oder sieben Jahren): normaler Augeninnendruck, mit Brille komme ich links zumindest auf 100 Prozent, Anfang eines Grauen Stars (muss nicht operiert werden), kein Grüner Star. So weit, so gut, so altersgerecht! Jetzt aber ratzfatz zurück in mein erstklassiges Leseabenteuer, dem wahrscheinlich besten Psychothriller seit „Der Gott des Waldes“ von Liz Moore! Ein Fall nicht nur für Sylvia aus meiner Klartraumgruppe!
My 20 favourite albums of 2025 (revisited and so far)
Diese Liste ist einfach durchweg meiner Wahrnehmung geschuldet, anderes habe ich nicht, Konsensalben nehme ich am Rande wahr, und freue mich über seltene Übereinstimmungen. Also: für die Damen und Herren der flowflow-Gemeinde hier meine durchdachte, „gerankte“ Liste der 20 Juwelen des Jahres, als Inspiration für den vorweihnachtlichen Jahresrückblick. Bis dahin erscheint der dritte Streich von Brian und Beatie, und was nicht noch alles. Aber dass noch ein Werk rauskommt, dass es mit meinen drei Alben des Jahres aufnehmen kann, bezweifle ich dezent. Sechs-Sterne-Alben wie diese sind halt selten, auch in meinem Universum.
- Steve Tibbetts: Close
- Beatie Wolfe & Brian Eno: Luminal
- Anouar Brahem: After The Last Sky
- Jeff Tweedy: Twilight Override
- Lucrecia Dalt: A Danger To Ourselves
- Jon Balke: Skrifum
- The Necks: Disquiet
- Brian Eno & Beatie Wolfe: Liminal
- Jan Bang & Arve Henriksen: After The Wildfire
- Benedicte Maurseth: Mirra
Elf: Jeremiah Chiu & Marta Sofia Honer // Zwölf: Jonathan Richman: Only Frozen Sky Anyway // Dreizehn : Mercereau – Johnson – Niño: Openness Trio // Vierzehn: Tortoise: Touch // Fünfzehn: Chicago Underground Duo: Hyroglyph // Alabaster dePlume: A Blade Because // Sechzehn: Cate Francesca Brooks: Lofoten // Siebzehn: Saul Williams meets Carlos Niño and Friends… // Achtzehn: Henriksen – Seim – Jormin – Ounaskari: Arcanum // Neunzehn: Modern Nature: The Heat Warps // Zwanzig: Ludwig Berger & Vadret De Morteratsch: Crying Glacier
The Making of Strawberries
„Robert Forster – like anyone who has watched parents die and loved ones suffer – knows that the worst is never over. However, Strawberries concludes that raging against the dying of the light is a mug’s game; the only sensible response to mortality and pain is to live (and love) harder. […] Forster is writing some of the best songs of his life.“
(Jim Wirth, MOJO)Close (3)
We Begin
We Begin
We Begin
Away
Away
Away
Remember
Remember
Somewhere
Somewhere
Somewhere
Anywhere
Everywhere
Everywhere
Everywhere
Everywhere
Everywhere
Remember and
Remember and Wish
We EndSamuel Beckett hat einst auch kurze Gedichte geschrieben. Er kannte Gomringer. Er kannte sowieso die Kunst der Verknappung. Diese Tracklist stammt aber nun von Steve Tibbetts’ Ende Oktober stammendem Album „Close“. In weissen Buchstaben sind diese 20 Stücke gelistet, über zwei Seiten. Wobei, anders als hier, dem jeweiligen Titel, untereinander, die einzelnen Teile angefügt sind, „Part 1“, „Part 2“, „Part 3“ beispielsweise. Weiss auf schwarzem Hintergrund.
Halten wir fest: ungewöhnlich ist diese Tracklist allemal. Nehmen wir sie spasses- wie ernsteshalber als ein Gedicht: hätte Gomringer es in einem Büchlein untergebracht (oder Beckett in seinen Kurzgedichte, niemand hätte an der Echtheit gezweifelt. Die Freunde klassischer Poesie rollten damals sowieso mit den Augen, wenn solch ernüchternde Wortanordnungen ohne raffinerte, vielschichtige Ebenen, als Poeme hingestellt und verkauft wurden.
Hätten wir diesen Text (ein Spiel der Imagination) im Abitur serviert bekommen, hätten wir ihn seitenlang interpretiert. Als Zeit zwischen Anfang und Ende, zwischen Geburt und Tod. Wir hätten sprachlich die Ortungen von Somewhere, Anywhere, Everywhere auseinandergepflückt. Es gibt, bei aller Schlichtheit, keine Ordnung, keinen Plan, es gibt Bewegungen in Raum und Zeit, und erst zum Ende hin entsteht eine Art Überraschung. Remember and. Und was bitteschön?! Remember and Wish. Ah, Wünsche kommen ins Spiel, mit einem Augenzwinkern könnte man sagen, die Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat. Remember geht in unserem Zeitpfeilen nach hinten, Wünsche gehen „nach vorne“. Dann ist aber auch schon (in diesem Gedicht alles vorbei. We End.
Hier kommen wir zur Verbindung von Tiitel und Musik. Hätte mir jemand die zwanzig Musikstücke zum Hören gegeben, mit der Herausforderung, ich möge das Stück, das den Titel „Remember and Wish“ trage, unter ihnen herausfinden, es wäre mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gelungen. Aus diesem einen Stück springt einen das Wünschen geradezu an, in einem Motive, das nichts mit einem Evergreen zu schaffen hat.
All diese Worte „nur“ Worte. Wegzeichen. Markerungen. Marker. Mental Notes. Irrwege. Phrasen.
Höre die Musik: DAS IST DER BURNER!
“Close“ (2)
Es ist schon ein paar Jahre her, als „Life Of“ von Steve Tibbetts erschien, so ruhig und in sich versunken wie einst „Northern Song“, doch ganz anders gewoben und gearbeitet. „Even the silences were different.“ Ich konnte mich wohl gerade noch beherrschen, den berüchtigten Satz von mir zu geben (oder ich habe ihn tatsächlich rausgehauen?!): „he has painted his masterpiece“. Nun, nach den ersten Reisen durch sein Ende Oktober erscheinendes Album „Close“ kam mir dieser Ladenhütersatz wieder in den Sinn, und einmal mehr hätte ich gute Gründe dafür.
Seit „Safe Journey“ warte ich auf Werke von Steve Tibbetts mit der gleichen Erwartungslust wie, einst oder immer noch, auf Alben von Brian Eno, Robert Wyatt oder Scott Walker. Ich kann in vielen Arbeiten des Gitarristen hausen, leben, herumstreunen, wie in einem grossen Abenteuer. Keines seiner Alben hat sich je abgenutzt, und jedes neue Opus legt neue Horizonte frei. So wartete ich auch diesmal, zum Ende hin immer ungeduldiger, auf „Close“. Als es dann möglich war, die Musik als Journalist vorab zu hören, war ich gerade auf dem Weg zum Rursee, wo ich sehr gerne schwimmen gehe, tief in der Eifel. Aner natürlich wollte ich es in aller Ruhe hören.
Wir erlebten launige Stunden am See, und irgendwann nahm die Hitze zu. Ich holte mir eine Cola, und dachte mir, komm, ich höre mir mal auf dem Parkplatz die ersten Stücke an. Gesagt, getan. Ich lauschte „We Begin – Part 1“, „We Begin – Part 2“, und „We Begin, Part 3“. Nicht, weil unsere Pflegetochter inzwischen von einer Wespe gestochen wurde (das erfuhr ich erst Minuten später): nein, ich drückte auf die „Stop“-Taste, weil mich die Musik dermassen packte, dass ich am liebsten in die Sounds hineingekrochen wäre, wie einst vielleicht an der Seite von Jules Verne in eine Höhle auf seiner „Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Ich wollte mich verlieren in dem einzigartige Gewebe dieser leisen wie wilden Sounds. Es gibt ja auch den kleinen Schock des Ergriffenseins, und schliesslich musste ich an diesem Nachmittag noch gut funktionieren, Kühlpacks besorgen und Marjans leichte Unterzuckerung beenden. Ich schreibe hier munter drauflos, aber ich war in jenen Minuten auf seltsame Art sprachlos. Die grosse Reise holte ich daheim am späten Abend nach, vom ersten bis zum letzten Ton. Und dann dieses Cover mit all seinen Dunkelheiten und speziell ausgeleuchteten Winkeln – „fairytalelike“ – wohl eine noch gelungenere Einladung, „Close“ kennenzulernen als all meine ausufernden Worte!