Eingefangen durch Klang
Zwei Songalben haben es mir seit Wochen besonders angetan. Ich kann sie mir überall anhören, auf Langeoog Richtung Ostland (mit uraltem Sony Walkman), daheim bei Kerzenlicht und strahlender Frühlingssonne. Ich habe in diesen Tagen am Meer, zwischen Seezunge, Ostfriesensmalltalk, und der Lektüre von Hans Schifferles Kinotexten, fast nur „Hen’s Teeth“ und „Hoggar“ gehört. Die Alben von Iron and Wine und Tinariwen verbindet, neben einem warmen Klangbild (das ist nicht so dahergesagt) und einem Faible für lässigste Melodien, eine permanent feingesponnene Textur vorwiegend akustischer Art, die genau dieses Wort verdient: „feingesponnen“. Jede Sekunde anstrengungslos mit Leben gefüllt, die Lyrik eine Fundgrube. Perfekte Lagerfeuermusik noch dazu. Man kennt die Stimmen, die Schubladen, die Stilrichtungen, aber es gibt grosse Unterschiede zwischen alten Hüten und stillstehender Zeit. Die roots für diese beiden Schallplaten haben in lang vergangenen Jahrzehnten ihr Wurzelwerk gefunden, in der Sahel-Wüste, im Laurel Canyon. Here we are in the years. Comes a time. Drifters‘ paradise.
„Klanghorizonte, 28. Mai, Deutschlandfunk, 21.05 Uhr“
Interviewanfragen: Etienne Nillesen, Irmin Schmidt, Björn Meyer
„Gegen Ende seiner Zeit bei Can erwarb Irmin Schmidt ein Grundstück in der Nähe von Roussillon im Südosten Frankreichs als Rückzugsort auf dem Land. In den 1980er Jahren, als er Soloalben produzierte und Filmmusik sowie Fernseh-Soundtracks komponierte und seine Frau Hildegard Schmidt das Label Spoon leitete, um das Erbe von Can und die Karrieren der Bandmitglieder nach der Auflösung fortzuführen, ließ das Paar auf dem Grundstück ein Haus errichten. Seltsam, weitläufig und eingebettet in die Weinberglandschaft des Luberon wie ein brutalistischer minoischer Palast, ist Les Rossignols seitdem ihr Zuhause. Les Rossignols bedeutet „die Nachtigallen“ – ein Name, der von der Präsenz des Gesangs der Natur in dieser idyllischen Landschaft zeugt. Doch nun, da er sich seinem zehnten Lebensjahrzehnt nähert, wird Schmidt sich zunehmend bewusst, was durch die Klimakrise verloren geht. Requiem ist seine instrumentale Meditation darüber, was aus seinem privaten Fleckchen Erde verschwindet.“) Rob Young, Uncut, May 2026)

„Zum 60-Jährigen Jubiläum von Peter Thomas‘ legendärer Musik für die Raumpatrouille gibt es Ende Mai eine edle und erweiterte Ausgabe auf Vinyl und Cd. In meiner Playlist versuche ich mal, den Exoten Peter Thomas mit einer anderen aber nicht minder fantasievollen „Sternenmusik“ von Gregory Uhlmann zu verknüpfen, eine in meinen Ohren ziemlich fesselnde Version dessen, was Brian Eno einst „where am I – music“ nannte. Und danach überrascht Eivind Aarset mit seiner Version einer wilden lauten „Space Fusion Research Company“. (Michael E.)
TRIO ONE – DEEP SPACE
Peter Thomas Sound Orchester: Raumpatrouille Orion
Gregory Uhlmann: Extra Stars
Eivind Aarset: Strange HandsTRIO TWO – DEEP SOUND
Etienne Nillesen: Twee (Snare Drum Solo Album)
Irmin Schmidt: Requiem (Piano Solo Album plus field recordings)
Björn Meyer: Convergence (Electric Bass Solo Album)Trio Three – DEEP TRANCE
O.S.T. Sirāt
Tinariwen: Hoggar
Sunn O)))*
*Liner notes for the album are provided by award-winning British writer Robert Macfarlane, famed for his works concerning landscape and the multifaceted relationship between humanity and nature. Macfarlane negotiates the peaks and valleys of the SUNN O))) sound in a poetic, philosophical manner

“Dieses Sommergefühl“

Es passiert das Schlimmste, wenn man nicht damit rechnet. Und manchmal auch ein Glück. Zwischen diesen Polen entfalten sich die gesammelten Flüchtigkeiten, die leisen Töne dieses Reigens aus Melancholie, Unruhe und Trost. Der dritte Film von Mikhaël Hers, den ich in kurzer Zeit erlebe, sein Stil ist nicht zuletzt von der magischen Alltäglichkeit eines Eric Rohmer beseelt , und so überzeugend wie „Mein Leben mit Amanda“ und „Passagiere der Nacht“. Es passt alles in diesem schönen Film über Verlust, „in dem die Lebenden unter der Sonne wie getriebene Schatten unter der Sonne umherirren, wo das Glück Unschlüssigkeit und die Schönheit menschenleerer Großstädte Trost bedeutet“. Schön gesagt. Und immer wieder diese doppelten Böden und Untertöne der Songs und „instrumentals“. Selbst „Teenage Kicks“ von den Undertones findet seinen idealen Platz in all diesen Schwebungen des Seins zwischen New York, Berlin und Paris. Und, ganz gross, das allerletzte Lied der Sorte „mir komplett unbekannt und auf Anhieb völlig vertraut“. (Auf DVD ist der Film erhältlich, wie die beiden anderen auch.)
Das rote Eichhörnchen beispielsweise
„Genau das macht den Zauber von Medems Filmen aus, daß er auf die Erde blickt wie auf ein fernes Gestirn, dessen Naturgesetze nur den Regeln des Herzens zu gehorchen scheinen.“ (Michael Althen)
“Medem hatte ein Medizinstudium abgeschlossen, mit der Absicht, Peychoanalytiker zu werden. Bereits als Kind hatte er Super-8-Filme gedreht; in seiner Studienzeit war er als Filmkritiker für die Zeitung „La Voz de Eiskadi“ tätig. Kindliches Super-8 und Psychoanalyse: davon ist noch einiges zu spüren in den enigmatischen, hypnotischen Spielfilmen, die er seit 1993 gedreht hat. Die Genauigkeit eines Wissenschaftlers wechselt sich ab mit der Fabulierkunst des geborenen Geschichtenerzählers, wenn Medem das Labyrinth der Passionen erforscht, den Irrgarten der Emotionen durchstreift.“ (Hans Schifferle, in: Rolf Aurich, Ulrich Mannes: Hans Schifferle. Berufung: Kritiker)

In einem imaginären existenziellen Kinoschmöker über meine „100 Lieblingsfilme“ kämen sage und schreibe vier Filme des Basken Julio Medem vor. Und, wenn ich im Inhaltsverzeichnis blättere, Hitchcock ist im Vergleich nur dreimal vertreten. Hans Schifferle spricht von „Landkarten der Sehnsucht“ , in seinem Essay über „die metaphysischen Kinomelodramen des Julio Medem“, und lässt alle vier darin auftauchen. Mein Einstieg war, ein Tip von Jan Garbarek, „Die Liebenden des Polarkreises“ ich war so berührt, dass ich bald „Tierra“ folgen liess, ein so hinreissender verrückt-real-surrealer Film (natürlich über die Liebe und ihre Verzweigungen), der mich in jeder Sekunde so gefangennahm wie jede Sekunde des unendlich zauberhaften Liedes gleichen Namens von Caetano Veloso. Ich sah „Tierra“ in Barcelona und zuhause, habe die DVD von „Tierra“ gewiss wieder und wieder angeschaut, und wieder und wieder sah ich später auch „Lucia und der Sex“. Vor einer Woche nun nahm ich die Fährte eines weiteren Medem-Films auf: und auf Anhieb gesellte sich „Das rote Eichhörnchen“ (das unlängst lange in der Arte Mediathek zu sehen war) als Dvd zu meiner privaten Serie von 100 Lieblingsfilmen.
“Batik“

Es war Hochsommer, es war der August des Jahres 1978, als ich mir die brandneue Schallplatte „Batik“ zulegte, meine Heroen Ralph Towner und Jack DeJohnette spielten hier zusammen, was nicht oft vorkam(aus dem Kopf fällt mir nur das vorzügliche Album „Deer Wan“ von Kenny Wheeler ein), und der Dritte im Bunde war der Bassist Eddie Gomez. ECM 1121. Es war ein Jahr der Nullpunkte, Abgründe, Trennungen, und Leerstellen in meinem Leben. Die Musik erschien mir seltsam nervös, fahrig, und ich weiss nicht mal, ob ich sie durchhörte – sie fiel durch. Und zwar so gründlich, dass ich ihr bis in die letzte Woche nie eine weitere Chance gab. Als ich mir nun die CD-Version der ECM-Serie „Touchstones“ besorgte, und mir alle Zeit der Welt nahm, musste ich leicht schmunzeln: es waren meine Ohren, die damals nicht in bester „Aufnahmestimmung“ waren, denn das Album ist über seine fünf Kompositionen hinweg mitreissend, wilder, auffahrender in manchen Passagen, als man es von Towner gemeinhin gewohnt sein mag, aber, hey, wunderbar vitalisierende Musik der Sorte „free-the-chamber“, „folk-the-dream“, „paint-the-horizon“! Diese rund sechzehn Minuten lange Reise des Titelstücks: very trippy! Wer ein Freund von Ralph Towners Musik ist, und diese Platte nicht kennt, wird ein Fest erleben! Zwei Anmerkungen: zum einen: die Cd-Version ist mit einer blauen Grundfarbe ausgestattet, die originale LP-Version verströmte eindeutig einen rostbräunlichen Rotton. Eine ästhetische Entscheidung? Zum andern: das „Sequencing“ der fünf Stücke für die Vinyl-Version ist perfekt und alternativlos. Fast jeder, der die Stücke in zufälliger Reihung hören würde, käme wohl zu der gleichen Schlussfolgerung, die auch, was die CD angeht, von mir ein „High Five“ bekommt! „In the words of Scott Yanow: The music unfolds slowly but logically, and Towner’s quiet sound displays a lot of inner heat. Highlights include „Waterwheel“ and the 16-minute „Batik.“ Well worth listening to closely, at a high volume.“(aus unserer kleinen Serie „Wiedergehört nach Ewigkeiten“)
Die Mädchen und der Jazz

So sind unsere Mädchen: wie Jazz. Und so sind die Nächte, die mädchenklirrenden Nächte: wie Jazz: heiß und hektisch. Erregt.
Die verschwundenen Plattenläden

Eine
zu bittersüße Lektüre.
Wenn ich heutzutage
durch bestimmte Teile Londons
gehe, bin ich oft versucht,
mir Scheuklappen aufzusetzen,
da so viele scheinbar unauslöschliche
Säulen der Stadt verschwunden sind.
Ray’s Jazz Shop mit seinen Doppeltüren
und den exzentrischen Zeitungsausschnitten
mit „Jazz-Namen” an der Wand –
„Colonel Al Haig” – und den schmerzlich
vermissten Bob Glass und Ray Smith
hinter der Theke; Dobell’s hinter The Mousetrap;
Mole Jazz und
der verstorbene, großartige
Ed Dipple; die beiden Filialen
von Vinyl Experience;
Rhythm Records; Intoxica; Sounds That Swing;
der Rough Trade-Keller in Neal’s Yard…
alles längst verschwunden.
Dann plötzlich letztes Jahr
Harold Moores Records!
Ausgelöscht und ersetzt
durch eine Modeboutique.
Von den Londoner Buchhandlungen
will ich gar nicht erst anfangen.
Deshalb bin ich nach Schottland gezogen.
Alasdair Dickson
Bevorzugte Farbe: Blau (eine alte Radiosendung)

That was the title of an old Ralph Towner portrait of mine, now found with the help of Thomas Loewner in the deep archives of the radio station. It was exactly 30 years ago when the show was recorded and broadcasted. February 1996, few weeks after the release of his collaborative work „Lost and Found“. I‘ve heard this thing for the first time now since then. No surprise, that „blue hour“ included some of my favourites like „Solstice“, „Diary“, or „Solo Concert“.
A la recherche du temps perdu: while listening, I remembered the relaxed atmosphere of the interview in Dortmund, where he played a solo concert in the old „Domicil“. Ralph took his time to unfold thoughts and memories: the early years with Oregon, his first encounter with the 12-string, a detailed look at his way of composing and improvising solo. What you won‘t hear, is his deep and telling sigh when I mentioned „Solstice“. He spoke about another pure guitar solo album to be recorded soon. „Ana“, produced by Manfred Eicher in Oslo, was released in 1997 – and what a beautiful album that one is! Ask Mr. Whistler!
And
we go,
take your seat, a glass of wine,
thirty years ago today,
and listen!
„Musique pour la cuisine du Philippe“
Ich habe den „heiligen Gral“ von Roedelius verkauft, sein Tonbandarchiv. Nach dem Gespräch mit dem Käufer (auch hier führt wieder mal ein Weg nach Ostfriesland) blicke ich nach draussen – alles schneeweiss. Es dunkelt, zwei Kerzen, und ich lege mal wieder „Lux“ von Brian Eno auf. Vier Plattenseiten fesselnde „Ambient Music“ aus den 2010er Jahren. Horizont und zugleich Heimat. Viele der späteren Ambient-Werke von Brian sind nicht weniger erstaunlich oder gehaltvoll wie die frühen Klassiker, sie hatten allein dem Nachteil, in einer Zeit zu erscheunen, in welcher das Genre „Ambient Music“ geläufig geworden war, und nicht mehr Teil eines aufregenden Diskurses.
Michael, you know, the music doesn’t progress, per se; instead, Brian’s meditative blend of wafting keys and sporadic bass stabs are mentally rejuvenating. There’s an overwhelming sense of calm here, and the album remains intriguing, though it never strays far from its sonic centre. Through it all, Lux harbours a big sound through a minimal existence.
In dem Restaurant nahe des Jardin du Luxembourg (25, rue Servandoni) fand ich mich am frühen Mittag ein, an einem heissen Sommertag des Jahres 2013, um noch einen der begehrten Tische zu ergattern. Ich hatte dem Tip von einem Freund bekommen, weil die Besitzerin mittags gerne, kein Scherz, keine Fantasie, Enos Ambient Music auflegte, im Hintergund, wo sonst, und es lief tatsächlich Lux“. Nur einmal hat mich Enos Musik an einem öffentichen Ort dermassen überrascht – in den Jameos Del Agua auf Lanzarote gehörte „Music For Airports“ zum Inventar des guten Tons im Café oberhalb der Höhle.
Und hier nun „Lux“. Das Interieur der Gastatätte liess ans Paris der 50er Jahre denken, und die gleichermassen herbe, in die Jahre gekommene, unnachgiebige Schönheit der Chefin ein altes Paris wachwerdrn, das Robert Wyatt einst besungen hat. Leicht konnte ich mir vorstellen, wie sie einst Julio Cortazar eine krosse Entenbrust servierte, und Erik Satie auflegte. Zu Beginn ein Gazpacho, das alles in den Schatten stellte, was ich mir bisher unter einer erfrischenden Gemüsesuppe (mit ungekochtem Gemüse) vorstellte. Und dann der Hauptgang: zuvor hatte ich mit meinem Schulfranzösisch identifiziert, dass es sich um Kalbsfleisch handelt, mit Pfifferlingen, in Madeira geschmort oder flambiert. Und, als ich es mir munden liess, wusste ich sofort: nur ein unangefochtener Meisterkoch bringt eine solch abgerundete Komposition zustande, das Fleisch „au point“, auf den Punkt gebraten – die Pointe aber war, schlicht und ergreifend: ich mag keine Kalbsniere. Dessen ungeachtet, kann ich „La Cuisine du Philippe“ wärmstens empfehlen. Falls alle noch leben, und es den Laden im Winter 2026 noch immer gibt. Allein daran habe ich meine Zweifel.

Vor wenigen Monaten, zog es mein etwas älteres Ich wieder in den Jardin du Luxembourg, in dem ich, und um den herum, ich genug Stunden der wahren Empfindungen erlebte, für einen sehr privaten Film voller Musik. Ich hatte das neue Werk der Necks dabei und legte mich zum Hören einss langen Stückes auf eine grosse Wiese dort. Als ich 20 war, sang und spielte dort im Park ein „hippie woman“ den grossen Song „Ohio“ von Crosby, Stills, Nash & Young. Ich sehe sie noch heute vor mir. Genauso wie die einstige Busfahrerin von Joe Zawinul, die ich dort im Quartier Latin kennenlernte, lang ist es her. Ich überquerte also, wieder und wieder in all den Jahren, die Rue Servandoni auf dem Weg zum Park, und vergass einfach, nachzusehen nach diesem alten Restaurant, das „Lux“ laufen liess an einem heissen Sommertag anno 2013. Das Cover allein, wie ein Blick in meinen Lieblingspark. „Warm Running Sunlight“. Prochain fois!
