• Alter wilder Westen

    Manafonistas, der Blog, ist eine Fundgrube alter feiner Texte, und jeder kann nach Lust stöbern. Zuweilen fehlt ein Satz, eine Wendung, und, schwups, landet das remixte Material in der Gegenwart. Die Suche nach alter Zeit ist auch die Suche nach alten Geschichten, die wir uns früher erzählt haben. Eine Freude, sie wie alte Teppiche auszukllopfen, und zu neuem Leuchten zu bringen! So erging es mir mir den Texten vom wilden Westen und Arild. Ich bin Arild einige Male begegnet, und edaure es bis heute, dass ich sein Konzert mit Jan Garbarek und Edvard Vesala 1972 im alten Domicil verpasst habe. Irgendetwas Typisch-Siebzehnjähriges muss dazwischen gekommen sein. Die Platte „Triptykon“ ist so grossartig!

    Am Kiosk kauften wir als Kinder kleine, verpackte Fotos,  man konnte nie wissen, was darin enthalten war, ausser etwas aus der grossen fremden Welt der Erwachsenen und der Geschichte. Nie vergesse ich das Foto der vom Himmel gestürzten Fussballmannschaft von Manchester United. Auch Schwarz-Weiss-Bilder von Western waren beliebt. Ich hatte Robert Fuller im Kopf, und „Am Fuss der blauen Berge“.

    Der Held in meinen Serienträumen hiess Okko und rettete mich aus lauter gefährlichen Situationen. Leider zog er, als ich sieben war, seiner Wege, und ich durfte mich allein auf die Abenteuer des Verliebens machen. Nicht ganz allein, denn im Radio begleitete mich Caterina Valente durch manche Tagträumerei.

    Die alten Wildwestfilme wirkten für Kinder verdammt realistisch, und als ich heute The Searchers von John Ford nach Ewigkeiten wiedersah, dauerte es, bis ich den Film halbwegs wieder mit den Augen des Heranwachsenden sah. Die grosse Leinwand half dabei.

    Wie in vielen Dramen, gab es auch hier einen Narren, der letztlich für die richtige Spur sorgt. Sein Traum vom Schaukelstuhl ist ein uralter, von Buster Keaton über J.J. Cale bis Kurt Wagner. Die humorvollen Szenen überlagern keinesfalls das Bittere und Dunkle des Films, der so viel vom Stammesdenken und dem alten Westen erzählt.

    John Ford und John Wayne schürften in Abgründen. Einmal reitet John Wayne durch den Schnee, ein Mann mit vielen Gesichtern, der keinen Zweifel lässt, sein Ziel zu erreichen, „as sure as the turning of the earth“, wie er in unnachahmlicher Art sagt (man muss es im Original sehen, dann können auch Altlinke die Klasse von Wayne erkennen).

    Und am Ende, das traurig ist, und doch versöhnlich, dreht sich John Wayne um und verlässt das sichere Heim. Man glaubt es kaum, aber sein Gang hat Grazie, und er scheint, ansatzweise, im Einklang mit sich selbst. Zwei Seiten der Furchtlosigkeit, eine glasklare Entschlossenheit – und ein befriedetes Herz (neben all den unsichtbaren Tränen).

  • Arild

     
    I laid back and listened to that wonderful bass solo album „Landloper“ by Arild Andersen that came out in 2024. One of these albums that better work in darkness. I know Arild’s bass since I discovered ECM with Jan Garbarek‘s album SART. He never stopped surprising me, real and reliable company. („Landloper“ ends with an irresistible mélange of the two classics ‘song for che’ and ‘lonely woman’). I somehow never ever even heard about his 1981 album „Lifelines“ before. By chance, two years ago, I stumbled on it. Via Discogs, I got a near mint vinyl copy. Paul Motian on drums, Kenny Wheeler on trumpet, and a fabulous pianist with his only appearance ever on ECM. One of the titles: „Landloper“. 

  • “Dieses Sommergefühl“

    Es passiert das Schlimmste, wenn man nicht damit rechnet. Und manchmal auch ein Glück. Zwischen diesen Polen entfalten sich die gesammelten Flüchtigkeiten, die leisen Töne dieses Reigens aus Melancholie, Unruhe und Trost. Der dritte Film von Mikhaël Hers, den ich in kurzer Zeit erlebe, sein Stil ist nicht zuletzt von der magischen Alltäglichkeit eines Eric Rohmer beseelt , und so überzeugend wie „Mein Leben mit Amanda“ und „Passagiere der Nacht“. Es passt alles in diesem schönen Film über Verlust, „in dem die Lebenden unter der Sonne wie getriebene Schatten unter der Sonne umherirren, wo das Glück Unschlüssigkeit und die Schönheit menschenleerer Großstädte Trost bedeutet“. Schön gesagt. Und immer wieder diese doppelten Böden und Untertöne der Songs und „instrumentals“. Selbst „Teenage Kicks“ von den Undertones findet seinen idealen Platz in all diesen Schwebungen des Seins zwischen New York, Berlin und Paris. Und, ganz gross, das allerletzte Lied der Sorte „mir komplett unbekannt und auf Anhieb völlig vertraut“. (Auf DVD ist der Film erhältlich, wie die beiden anderen auch.)

  • Das rote Eichhörnchen beispielsweise

    „Genau das macht den Zauber von Medems Filmen aus, daß er auf die Erde blickt wie auf ein fernes Gestirn, dessen Naturgesetze nur den Regeln des Herzens zu gehorchen scheinen.“ (Michael Althen)

    “Medem hatte ein Medizinstudium abgeschlossen, mit der Absicht, Peychoanalytiker zu werden. Bereits als Kind hatte er Super-8-Filme gedreht; in seiner Studienzeit war er als Filmkritiker für die Zeitung „La Voz de Eiskadi“ tätig. Kindliches Super-8 und Psychoanalyse: davon ist noch einiges zu spüren in den enigmatischen, hypnotischen Spielfilmen, die er seit 1993 gedreht hat. Die Genauigkeit eines Wissenschaftlers wechselt sich ab mit der Fabulierkunst des geborenen Geschichtenerzählers, wenn Medem das Labyrinth der Passionen erforscht, den Irrgarten der Emotionen durchstreift.“ (Hans Schifferle, in: Rolf Aurich, Ulrich Mannes: Hans Schifferle. Berufung: Kritiker)

    In einem imaginären existenziellen Kinoschmöker über meine „100 Lieblingsfilme“ kämen sage und schreibe vier Filme des Basken Julio Medem vor. Und, wenn ich im Inhaltsverzeichnis blättere, Hitchcock ist im Vergleich nur dreimal vertreten. Hans Schifferle spricht von „Landkarten der Sehnsucht“ , in seinem Essay über „die metaphysischen Kinomelodramen des Julio Medem“, und lässt alle vier darin auftauchen. Mein Einstieg war, ein Tip von Jan Garbarek, „Die Liebenden des Polarkreises“ ich war so berührt, dass ich bald „Tierra“ folgen liess, ein so hinreissender verrückt-real-surrealer Film (natürlich über die Liebe und ihre Verzweigungen), der mich in jeder Sekunde so gefangennahm wie jede Sekunde des unendlich zauberhaften Liedes gleichen Namens von Caetano Veloso. Ich sah „Tierra“ in Barcelona und zuhause, habe die DVD von „Tierra“ gewiss wieder und wieder angeschaut, und wieder und wieder sah ich später auch „Lucia und der Sex“. Vor einer Woche nun nahm ich die Fährte eines weiteren Medem-Films auf: und auf Anhieb gesellte sich „Das rote Eichhörnchen“ (das unlängst lange in der Arte Mediathek zu sehen war) als Dvd zu meiner privaten Serie von 100 Lieblingsfilmen.

  • “Batik“


    Es war Hochsommer, es war der August des Jahres 1978, als ich mir die brandneue Schallplatte „Batik“ zulegte, meine Heroen Ralph Towner und Jack DeJohnette spielten hier zusammen, was nicht oft vorkam(aus dem Kopf fällt mir nur das vorzügliche Album „Deer Wan“ von Kenny Wheeler ein), und der Dritte im Bunde war der Bassist Eddie Gomez. ECM 1121. Es war ein Jahr der Nullpunkte, Abgründe, Trennungen, und Leerstellen in meinem Leben. Die Musik erschien mir seltsam nervös, fahrig, und ich weiss nicht mal, ob ich sie durchhörte – sie fiel durch. Und zwar so gründlich, dass ich ihr bis in die letzte Woche nie eine weitere Chance gab. Als ich mir nun die CD-Version der ECM-Serie „Touchstones“ besorgte, und mir alle Zeit der Welt nahm, musste ich leicht schmunzeln: es waren meine Ohren, die damals nicht in bester „Aufnahmestimmung“ waren, denn das Album ist über seine fünf Kompositionen hinweg mitreissend, wilder, auffahrender in manchen Passagen, als man es von Towner gemeinhin gewohnt sein mag, aber, hey, wunderbar vitalisierende Musik der Sorte „free-the-chamber“, „folk-the-dream“, „paint-the-horizon“! Diese rund sechzehn Minuten lange Reise des Titelstücks: very trippy! Wer ein Freund von Ralph Towners Musik ist, und diese Platte nicht kennt, wird ein Fest erleben! Zwei Anmerkungen: zum einen: die Cd-Version ist mit einer blauen Grundfarbe ausgestattet, die originale LP-Version verströmte eindeutig einen rostbräunlichen Rotton. Eine ästhetische Entscheidung? Zum andern: das „Sequencing“ der fünf Stücke für die Vinyl-Version ist perfekt und alternativlos. Fast jeder, der die Stücke in zufälliger Reihung hören würde, käme wohl zu der gleichen Schlussfolgerung, die auch, was die CD angeht, von mir ein „High Five“ bekommt! „In the words of Scott Yanow: The music unfolds slowly but logically, and Towner’s quiet sound displays a lot of inner heat. Highlights include „Waterwheel“ and the 16-minute „Batik.“ Well worth listening to closely, at a high volume.“

    (aus unserer kleinen Serie „Wiedergehört nach Ewigkeiten“)

  • „Klanghorizonte, 28. Mai, Deutschlandfunk, 21.05 Uhr“

    Interviewanfragen: Etienne Nillesen, Irmin Schmidt, Björn Meyer

    TRIO ONE – DEEP SPACE

    Peter Thomas Sound Orchester: Raumpatrouille Orion
    Gregory Uhlmann: Extra Stars
    Eivind Aarset: Strange Hands

    TRIO TWO – DEEP SOUND

    Etienne Nillesen: Twee (Snare Drum Solo Album)
    Irmin Schmidt: Requiem (Piano Solo Album plus field recordings)
    Björn Meyer: Convergence (Electric Bass Solo Album)

    Trio Three – DEEP TRANCE

    O.S.T. Sirāt 
    Tinariwen: Hoggar
    Sunn O)))*

    *Liner notes for the album are provided by award-winning British writer Robert Macfarlane, famed for his works concerning landscape and the multifaceted relationship between humanity and nature. Macfarlane negotiates the peaks and valleys of the SUNN O))) sound in a poetic, philosophical manner

  • Die verschwundenen Plattenläden

    Eine 

    zu bittersüße Lektüre. 

    Wenn ich heutzutage 

    durch bestimmte Teile Londons 

    gehe, bin ich oft versucht, 

    mir Scheuklappen aufzusetzen, 

    da so viele scheinbar unauslöschliche 

    Säulen der Stadt verschwunden sind. 

    Ray’s Jazz Shop mit seinen Doppeltüren 

    und den exzentrischen Zeitungsausschnitten

    mit „Jazz-Namen” an der Wand – 

    „Colonel Al Haig” – und den schmerzlich

     vermissten Bob Glass und Ray Smith 

    hinter der Theke; Dobell’s hinter The Mousetrap; 

    Mole Jazz und 

    der verstorbene, großartige 

    Ed Dipple; die beiden Filialen 

    von Vinyl Experience; 

    Rhythm Records; Intoxica; Sounds That Swing; 

    der Rough Trade-Keller in Neal’s Yard… 

    alles längst verschwunden. 

    Dann plötzlich letztes Jahr 

    Harold Moores Records! 

    Ausgelöscht und ersetzt 

    durch eine Modeboutique. 

    Von den Londoner Buchhandlungen 

    will ich gar nicht erst anfangen. 

    Deshalb bin ich nach Schottland gezogen.

    Alasdair Dickson

  • Bevorzugte Farbe: Blau (eine alte Radiosendung)


    That was the title of an old Ralph Towner portrait of mine, now found with the help of Thomas Loewner in the deep archives of the radio station. It was exactly 30 years ago when the show was recorded and broadcasted. February 1996, few weeks after the release of his collaborative work „Lost and Found“. I‘ve heard this thing for the first time now since then. No surprise, that „blue hour“ included some of my favourites like „Solstice“, „Diary“, or „Solo Concert“.

    A la recherche du temps perdu: while listening, I remembered the relaxed atmosphere of the interview in Dortmund, where he played a solo concert in the old „Domicil“. Ralph took his time to unfold thoughts and memories: the early years with Oregon, his first encounter with the 12-string, a detailed look at his way of composing and improvising solo. What you won‘t hear, is his deep and telling sigh when I mentioned „Solstice“. He spoke about another pure guitar solo album to be recorded soon. „Ana“, produced by Manfred Eicher in Oslo, was released in 1997 – and what a beautiful album that one is! Ask Mr. Whistler!

    And

    HERE

    we go,

    take your seat, a glass of wine,

    thirty years ago today,

    and listen!