Bevorzugte Farbe: Blau (eine alte Radiosendung)

That was the title of an old Ralph Towner portrait of mine, now found with the help of Thomas Loewner in the deep archives of the radio station. It was exactly 30 years ago when the show was recorded and broadcasted. February 1996, few weeks after the release of his collaborative work „Lost and Found“. I‘ve heard this thing for the first time now since then. No surprise, that „blue hour“ included some of my favourites like „Solstice“, „Diary“, or „Solo Concert“.
A la recherche du temps perdu: while listening, I remembered the relaxed atmosphere of the interview in Dortmund, where he played a solo concert in the old „Domicil“. Ralph took his time to unfold thoughts and memories: the early years with Oregon, his first encounter with the 12-string, a detailed look at his way of composing and improvising solo. What you won‘t hear, is his deep and telling sigh when I mentioned „Solstice“. He spoke about another pure guitar solo album to be recorded soon. „Ana“, produced by Manfred Eicher in Oslo, was released in 1997 – and what a beautiful album that one is! Ask Mr. Whistler!
And
we go,
take your seat, a glass of wine,
thirty years ago today,
and listen!
„Musique pour la cuisine du Philippe“
Ich habe den „heiligen Gral“ von Roedelius verkauft, sein Tonbandarchiv. Nach dem Gespräch mit dem Käufer (auch hier führt wieder mal ein Weg nach Ostfriesland) blicke ich nach draussen – alles schneeweiss. Es dunkelt, zwei Kerzen, und ich lege mal wieder „Lux“ von Brian Eno auf. Vier Plattenseiten fesselnde „Ambient Music“ aus den 2010er Jahren. Horizont und zugleich Heimat. Viele der späteren Ambient-Werke von Brian sind nicht weniger erstaunlich oder gehaltvoll wie die frühen Klassiker, sie hatten allein dem Nachteil, in einer Zeit zu erscheunen, in welcher das Genre „Ambient Music“ geläufig geworden war, und nicht mehr Teil eines aufregenden Diskurses.
Michael, you know, the music doesn’t progress, per se; instead, Brian’s meditative blend of wafting keys and sporadic bass stabs are mentally rejuvenating. There’s an overwhelming sense of calm here, and the album remains intriguing, though it never strays far from its sonic centre. Through it all, Lux harbours a big sound through a minimal existence.
In dem Restaurant nahe des Jardin du Luxembourg (25, rue Servandoni) fand ich mich am frühen Mittag ein, an einem heissen Sommertag des Jahres 2013, um noch einen der begehrten Tische zu ergattern. Ich hatte dem Tip von einem Freund bekommen, weil die Besitzerin mittags gerne, kein Scherz, keine Fantasie, Enos Ambient Music auflegte, im Hintergund, wo sonst, und es lief tatsächlich Lux“. Nur einmal hat mich Enos Musik an einem öffentichen Ort dermassen überrascht – in den Jameos Del Agua auf Lanzarote gehörte „Music For Airports“ zum Inventar des guten Tons im Café oberhalb der Höhle.
Und hier nun „Lux“. Das Interieur der Gastatätte liess ans Paris der 50er Jahre denken, und die gleichermassen herbe, in die Jahre gekommene, unnachgiebige Schönheit der Chefin ein altes Paris wachwerdrn, das Robert Wyatt einst besungen hat. Leicht konnte ich mir vorstellen, wie sie einst Julio Cortazar eine krosse Entenbrust servierte, und Erik Satie auflegte. Zu Beginn ein Gazpacho, das alles in den Schatten stellte, was ich mir bisher unter einer erfrischenden Gemüsesuppe (mit ungekochtem Gemüse) vorstellte. Und dann der Hauptgang: zuvor hatte ich mit meinem Schulfranzösisch identifiziert, dass es sich um Kalbsfleisch handelt, mit Pfifferlingen, in Madeira geschmort oder flambiert. Und, als ich es mir munden liess, wusste ich sofort: nur ein unangefochtener Meisterkoch bringt eine solch abgerundete Komposition zustande, das Fleisch „au point“, auf den Punkt gebraten – die Pointe aber war, schlicht und ergreifend: ich mag keine Kalbsniere. Dessen ungeachtet, kann ich „La Cuisine du Philippe“ wärmstens empfehlen. Falls alle noch leben, und es den Laden im Winter 2026 noch immer gibt. Allein daran habe ich meine Zweifel.

Vor wenigen Monaten, zog es mein etwas älteres Ich wieder in den Jardin du Luxembourg, in dem ich, und um den herum, ich genug Stunden der wahren Empfindungen erlebte, für einen sehr privaten Film voller Musik. Ich hatte das neue Werk der Necks dabei und legte mich zum Hören einss langen Stückes auf eine grosse Wiese dort. Als ich 20 war, sang und spielte dort im Park ein „hippie woman“ den grossen Song „Ohio“ von Crosby, Stills, Nash & Young. Ich sehe sie noch heute vor mir. Genauso wie die einstige Busfahrerin von Joe Zawinul, die ich dort im Quartier Latin kennenlernte, lang ist es her. Ich überquerte also, wieder und wieder in all den Jahren, die Rue Servandoni auf dem Weg zum Park, und vergass einfach, nachzusehen nach diesem alten Restaurant, das „Lux“ laufen liess an einem heissen Sommertag anno 2013. Das Cover allein, wie ein Blick in meinen Lieblingspark. „Warm Running Sunlight“. Prochain fois!Sirāt
Man muss aufpassen, wenn man sich grosser Themen annimmt – „between nothingness and eternity“. Ich glaube, genau so hiess das dritte Albums des Mahavishnu Orchestra, und seine Schwäche war das „overpowering“, die Musik wirkte hochtrabend, bedeutungsschwanger, und etwas hohl – kein Vergleich mit den beiden Vorgängern „The Inner Mounting Flame“ und „Birds Of Fire“. Oliver Laxe nimmt sich grosser Themen an auf Sirāt, und er benutzt dazu eine Geschichte, Sound, und die Sprache seiner Bilder. Nichts an diesem Meisterwerk ist hochtrabend.
Ein Wahnsinnsfilm. Vielleicht gelingt es mir, in meiner Ausgabe der Klanghorizonte im Mai ein Stück des Soundtracks aufzulegen. Aber was davor, was danach? Nicht leicht.
Jemand meinte kürzlich, ich würde wohl Filme danach bewerten, wie sehr sie mich emotional mitreissen. Das ist natürlich grosser Unsinn aus der Rubrik „gutartige Unterstellung“. Aber es gibt Filme, da hole ich gerne Erinnerungen hervor an Susan Sonntags Text „Against Interpretation“ ….
Es gibt Filme, da ist halt das erste, möglichst unvoreingenommene, Sehen, Erleben, Erfühlen eminent wichtig. Keine altkluge Hinführung, keine akademische Schubaldisierung …. Am hilfreichsten wären – vor einem Film wie Sirāt – ein paar Suggestionen, eine dezenteTranceinduktion a la Milton Erickson, für eine Reise, deren Ausgang niemand kennt.
Und jeder Leser dieser Zeilen schaue sich zu allererst SIRĀT an, lasse den Filn ein paar Tage und Nächte nachwirken, bevor, in irgendeiner Form, der „Analyse“ Raum gegeben wird, dem Drumherum …. und bevor man das weiter unten angegebene Interview liest. Oder die jetzt folgenden Zeilen, als „appetizer“ für ein hochinteressantes Gespräch! Also, STOP!!!!!
SIRĀT gibt es als blu ray, dvd, bei prime, und am besten, ab und zu, in einem Programmkino deines Vertrauens!

„Oliver Laxe spricht über Kino so, wie andere über Rituale sprechen. Das Kino ist für ihn eher ein „Tempel“ als ein Ort der Freizeitgestaltung. Er spricht in Rätseln, wenn er Gestalttherapie, Sufi-Mystik, Rave-Kultur und die Kraft der Bilder auf den Körper in einem Atemzug zusammenfasst. Immer wieder kehrt er zu der Idee zurück, dass Kino eher eine körperliche als eine rein intellektuelle Erfahrung ist. Diese Philosophie belebt Sirât, Laxes neuesten Spielfilm und sein bisher provokantestes Werk. Der Film spielt zwischen einer fast apokalyptischen Wüstenlandschaft und einer Underground-Rave-Party und entfaltet sich wie eine Feuerprobe, die die Zuschauer in Ekstase, Trauer und Erschöpfung treibt. Laxe setzte sich mit uns zusammen, um über seinen neuen Film, das Heilungspotenzial des Kinos und die Gemeinsamkeiten von Rave-Partys und Kino zu sprechen.“
Einmal vor langer Zeit im Kino Endstation
“This film is concerned with the interior experiences of an individual. It does not record an event which could be witnessed by other persons. Rather, it reproduces the way in which the subconscious of an individual will develop, interpret and elaborate an apparently simple and casual incident into a critical emotional experience.”
— Maya Deren on Meshes of the Afternoon, from DVD release Maya Deren: Experimental Films 1943–58.This story is concerned with the interior experiences of an individual. An jenem Abend war ich mit einer guten Freundin im Restaurant des Bahnhofs, wohl heute noch ein kultureller in-Treff – Jan Garbarek spielte da schon, Tocotronic, und Faust (ein geniales Konzert spät in den Neunzigern). Irgendwie hatte ich, was ich sonst nie habe, eine Vorahnung, des öfteren schweifte mein Blick durch den Raum. Es war später Nachmittag, die Küche hatte bereits geöffnet, die Netze des Nachmittags waren weit gespannt. Nach einem kurzen Gang zum WC kehrte ich zurück an unseren Tisch, und, neben dem kleinen hölzernen Podium dort passierte es.
Wer jemals das luzide Träumen geübt hat, weiss, dass eine Basisübung die Prüfung des Wirklichkeitszustandes ist: Träume ich oder bin ich wach? Durch alle Sinneskanäle hindurch wird die „Realität“, besser, „der Realitätszustand“, kritisch hinterfragt. Keine fünfzig Meter neben dem Kino, das „Meshes of the Afternoon“ aufführte, spielte sich, in anderer, hier ungenannter Zeit, eine leicht surreale Situation ab.
Unsere Blicke trafen sich, und ich will nicht sagen, dass ich vom Donner gerührt war – vom Blitz getroffen war ich. Sie hatte Engelslocken – fernab meiner sonstigen, urtyp-definierten Jagdgründe ein blondes Wesen. Was tun, in Bruchteilen von Sekunden? Wir kreuzten uns, keinen Meter voneinander entfernt. Ich drehte mich um. sie drehte sich um. Wir standen da wie angewurzelt, schauten einander in die Augen. Die Zeit stand mucksmäuschenstill, es könnten drei Sekunden gewesen sein. Die nächste Drehung, absolut synchron, und jeder setzte den eigenen Weg fort. This story does not record an event which could be witnessed by other persons. Or on the surface only, bit by bit.
Ich entschied mich für die galante Variante, und eine Pointe, einen Knalleffekt, der Jean Pierre Leaud, Truffauts alter ego, würdig sein sollte. Es ist doch cool, eine romantische Seele zu sein, erfindungsreich und furchtlos. Ich zahlte zügig unsere Rechnung, kutschierte S. nach Hause, 15 Kilometer, und fuhr mit dezent angezogenem Tempo zurück zum Bahnhof. Nichts sollte mich aufhalten, selbst von einem vollbesetzten Tisch mit Kind, Hund, und Ehemann, würde ich sie kurz nach vorne winken. Es gibt in Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ diese Gedankenspiele zu Alltäglichkeiten, in denen eine profane Verrichtung, ein Schritt nach links oder rechts, einem ganz anderen Lebenslauf auf die Sprünge helfen.Rather, this story reproduces the way in which the subconscious of an individual will develop, interpret and elaborate an apparently simple and casual incident into a critical emotional experience. So, wie sie mich angesehen hatte, war hier keineswegs die alte Tante Projektion im Spiel, vielmehr pures „Wahr-Nehmen“, ein erster Blick, der tausend weitere enthielt. Eine Prüfung von „Realität“ der Marke „a thousand kisses deep“. (Leonard war mein Lehrer. All die Abende in Babsis Dachboden, Jahre, Jahre zuvor, mit Cohens endlosen Drehungen auf dem Plattenteller, liefen auf diesen Moment hinaus, ich hatte den „Stranger Song“ auf den Lippen, „Suzanne“ sowieso, bereit jeden Millimeter zwischen dem Müll und den Blumen abzusuchen.) Ich war schwarz gekleidet, bereit zur Eroberung. Django in love. Nach Paris, mais bientôt, ein Dutzend Liebesgedichte, gerne ein Song aus der Hüfte, wäre ich Bob Dylan – und der Bund fürs Leben sowieso! Sie war nicht mehr da.
An den folgenden Tagen und Wochen war ich häufig wie nie im „Bahnhof Langendreer“, ich gab einer Studentin, die dort kellnerte, und sich was traute, 100 Mark, und versprach ihr eine Menge mehr, sollte sie den Engel im Raum ausfindig machen (sie bekam eine Beschreibung, zehn Karten mit meiner Telefonnummer, ich nannte sie meine „Liebesdetektivin“). Sie machte einen guten Job, schoss ein paarmal ins Blaue, wie sie mir erzählte, doch der Engel tauchte nie wieder auf. Ich hätte schlichtweg sofort handeln müssen, in the moment. „And you want to travel with her, and you want to travel blind.“
Bill Bruford, master drummer & storyteller
Irgendwie kam ich auf flowflow vor Tagen auf meine liebsten Interviewpartner im Laufe der Jahrzehnte zu sprechen, und da darf in meinem Top 10 der Drummer Bill Bruford nicht fehlen. Wunderbar allürenfrei, ein authentsicher Gentleman, ein Künstler, der in seinem Leben sehr verschiedene Klangwelten erforscht und mitgeprägt hat – und nebenher noch ein exzellenter Storyteller ist, inhaltliche Substanz und pointierte Darstellung einswerden lässt. Das ist auch hier zu erleben, wenn man ihm gut zuhört, wenn er vom King Crimsons Klassealbum „Larks’ Tongues in Aspic“ erzählt. Ich traf ihn dreimal, in Kristiansand und zweimal in Köln – ein Künstler, der sofort eine entspannte Interviewatmosphäre herstellt, seinem Gegenüber natürliche Wertschätzung entgegen bringt, und einfach nur der Traum eines Musikjournalisten ist, in der Hinsicht, dass er einen fantastischen OTON nach dem anderen liefert, bestechend analytisch und dezent humorvoll.
Mit King Crimson erlebte ich ihn in Nürnberg 1982 mit 30000 Zuhörern – neben Neil Young war das „Discipline“-Quartett das Highlight eines langen Festivaltages – und sechzehn Jahre später auf der Bühne im Westfalenpark von Dortmund – ein weiterer Sommerabend voller Magie! Seine schon etwas ältere Autobiografie ist ein Muss für alle, die tiefer in Bill Brufords Denkweisen und Erlebnisse als Bandleader und Sideman eindringen wollen. Und sie ist en passant sehr witzig – das bessere Wort wäre „sophisticated“! HIER noch ein Auftritt von Bill Bruford als Interviewgast, der einen weiten Bogen schlägt – timewise, soundwise!
“Stargazing with Gregory“
„If there is a middle ground between Cluster & Eno, Terry Riley’s Shri Camel, and Yo La Tengo’s There’s a Riot Going On, it’s somewhere nearby. Lofty comparisons aside, Gregory Uhlmann’s Extra Stars seems to look beyond reference or imitation. Even the album’s title indicates as much — inspired by a trip to California’s Ancient Bristlecone Pine Forest, where the reality of the night sky’s starry expanse stretches beyond the boundaries of belief.“ (International Anthem HQ)
- Sunday, February 15, 2026
- 5:00 PM 6:00 PM
- Angels PointAngels Point Road, Los Angeles, CA
Die Cd / Lp erscheint am 6. März. Icn habe sie heute gehört, und der launige Vergleich trifft schon zu: stargazers‘ paradise – surreal, fragile, illuminating! Scheint irgendwie Klanghorizonte-Stoff zu sein… (m.e.)
Im Vorübergehen notiert
Der Plan war, heute morgen um 7 Uhr an meinem liebsten einsamen Strand von Lanzarote rumzuliegen und zu schwimmen. Aber die angekündigten Temperaturen spielten nicht mit. Im Süden zu frisch, im Norden zu kalt. Eisberge vor Rügen, really? Die Alternative war, auf der Uwe-Düne in Kampen auf die Nordsee zu schauen mit Ralph Towners „Solstice“ im Walkman. By the way: wer erinnert sich noch an „The Sylt Loneliness Treatment“?! So reinigte ich den Pellett-Ofen, liess meine Mädels ausschlafen, ging Brötchen holen und die kleine Bergrunde. Im März dann!

Es ist Steve Tibbetts gewesen, der mir erstmals vor Jahren von Schallplatten erzählte, die in seiner Jugend wochenlang seinen Plattenspieler blockierten: „Dis“ von Jan Garbarek zählte dazu, Jefferson Airplanes „After Bathing at Baxters“, Cans „Tago Mago“. Jetzt, wo ich nur noch wenige Sendungen mache im Jahr, kehrt auch bei mit dieses Ritual bedingungslosen Wieder- und Wiederhören bestimmter Alben zurück. In der letzten Woche hörte ich songut wie nichts anderes als die neue Vinylfassung von „Oracle“ von Gary Peacock und Ralph Towner.
Jens hat schon recht, wenn er das karge Echo der Presselandschaft auf den Tod Towners bemerkt. Aber Der Spiegel betreubt seit Jahrzehnten konservativen Musikjournalismus, „Die Zeit“ hat nie einen würdigen Nachfolge für Konrad Heidkamp präsentiert, und nach dem Verschwinden von Karl Bruckmaiers „Musikseite“ ist auch die SZ im mediokren Zeitgeist angekommen: wenige Ausnahmen bestätigen die Regel, dass jedes neue Beyonce-Album einen Vierspalter verdient und jedes neue Freunschaftsbändchen der Taylor Swift-Gemeinde mehr Aufmerksamkeit erfährt als der Verlust visionärer Musiker jenseits des Mainstreams.
Ich suche noch ein konsensfähiges Konzert als Geburtstagsgeschenk, für das sich die Mädels so begeistern können wie ich. Nicht leicht: In Hamburg, da, wo Elke, Olaf, Norbert und ich Anouar Brahem erlebten im letzten Jahr, tritt 2026 Elvis Costello auf. Das Thema: seine frühen Songs! Retro kann aufregend sein bei diesem Elvis, denn man weiss nie: lässt er es krachen, oder serviert er ein Streichquartett? Aber 110 Euro für einen guten Sitzplatz und die weite Reise bedeuten ein dezentes No. Köln wäre noch okay gewesen.

Es ist ein paar Tage her, da bot ich auf dem Blog den „heiligen Gral“ von Herrn Roedelius zum Verkauf, nun meldete sich ein Interessent aus Passau, der mich auf 150 Euro runterhandeln wollte für meine limitierte „Forster Schatztruhe“ aus den 1970er Jahren. Ich lehnte freundlich ab. So lange Autofahrten ins tiefe Bayern sind schon ein paar Jahre her. Einmal sauste ich mit meinem Toyota nach Garmisch-Patenkirchen, um mir mittels einer Seilbahnfahrt zur Zugspitze die Eustach‘sche Röhre zu öffnen (voller Erfolg!), einmal besuchte ich Manfred Eicher im Hauptquartier, für eine längere Sendung über Tigran Hamasyans ECM-Album „Atmosphères“, einmal trafen sich die „Pioniere“ der kognitiven Verhaltenstherapie für Suchterkrankungen in Furth. i. W. vierzig Jahre später (auf der 8 Stunden Fahrt lief unentwegt Robert Fripps „Music For Quiet Moments“) – drei ganz spezielle „road movies“!
„Zwei Amerikas“ – Joe Boyds Rundbrief
Andrea und ich haben uns auf ein 18-monatiges Abenteuer begeben, um „And the Roots of Rhythm Remain” von Seattle bis Jaipur, von Edinburgh bis Querétaro zu promoten. Menschen und Momente bleiben lebhaft in Erinnerung, aber nur wenige sind so eindrücklich wie die von unserem Besuch in Minneapolis im vergangenen März. Unsere Veranstaltung fand im Cedar Cultural Center statt, einem warmen und einladenden Ort, an dem regelmäßig Künstler auftreten, die aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Sprache von ICE-Schlägern von der Straße weggeholt werden könnten. Nach unserem Soundcheck schlenderten wir ein paar Häuser weiter, um in einem familiengeführten Restaurant äthiopisch zu essen. Andrea, die einen Großteil ihrer Jugend in Addis Abeba verbracht hat, erklärte, es sei eines der besten Gerichte gewesen, das sie je gegessen habe.
Am Abend zuvor hatten wir in einem Hmong-Restaurant eine kulinarische Offenbarung nach der anderen erlebt. In den Nachrichten wurde letzte Woche von einer Razzia der ICE in der Hmong-Gemeinde der Twin Cities berichtet. Es fällt schwer, die Brutalität zu verdauen, die wir auf diesen eisigen Straßen sehen, wenn wir uns an die herzliche Geselligkeit in einem wunderbaren Restaurant voller Minnesotaner aller Herkunft erinnern. Wir aßen mit alten Freunden, deren Namen ich aus Vorsicht nicht nennen möchte, da sie derzeit Einwandererfamilien versorgen, die gefährdet sind, wenn sie ihr Zuhause verlassen, um zu arbeiten oder einzukaufen. Ein Freund fungiert auch als Späher, der von der ICE identifizierte Nummernschilder verfolgt und den Widerstand über deren Aufenthaltsort informiert.

Heutzutage scheint es zwei Amerikas zu geben: Bei unseren Veranstaltungen begegnen wir dem Amerika, das Freude an ungewohnter Musik, Essen und Sprache hat und gerne mit Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunftzusammenkommt. Diese Menschen legen auch Wert darauf, dass die Fakten stimmen. Auf der anderen Seite der Kluft sehen wir ein Amerika, das Angst vor dem „Anderen” hat und es ablehnt, während es Beweise, die seine Vorurteile nicht stützen, ablehnt und bekämpft. Die Einwohner von Minneapolis mögen vielleicht faktenorientierter sein als die Einwohner anderer amerikanischer Städte, aber die Region scheint Einwanderer und den Reichtum, den sie mitbringen, auf jeden Fall willkommen zu heißen. Vielleicht sind es auch die skandinavischen Wurzeln vieler Menschen, die am Oberlauf des Mississippi leben, die sie gegen Trumps Drohungen, Grönland zu beschlagnahmen, aufbringen. Wie dem auch sei, wir sind ihnen zu großem Dank verpflichtet.
In Großbritannien patrouillieren keine maskierten Bewaffneten auf den Straßen und werfen unschuldige Menschen in Transporter, aber es lohnt sich, an unseren „MAGA-lite“-Moment im Jahr 2013 zu erinnern, als die konservative Innenministerin Teresa May Transporter mit Schildern und Lautsprechern durch Einwandererviertel schickte, um den Menschen zu sagen, sie sollten „nach Hause gehen“ oder „mit Verhaftung rechnen“. 83 Jahre alt zu sein bedeutet, mehr Zeit mit Ärzten des NHS und deren Hilfspersonal zu verbringen, von denen etwa 90 % (jedenfalls in London) eindeutig nicht „angelsächsisch” sind. Ich bin immer wieder bewegt von der Empathie, Effizienz und Fröhlichkeit, mit der ich behandelt werde. Die meisten dieser heldenhaften Gesundheitsfachkräfte haben irgendwann einmal rassistische Beschimpfungen von Menschen mit meiner Hautfarbe erlitten, halten aber dennoch unbeirrt an ihrer Arbeit fest.Die meisten dieser heldenhaften Gesundheitsfachkräfte haben irgendwann einmal rassistische Beschimpfungen von Menschen mit meiner Hautfarbe erlitten, halten aber dennoch unbeirrt an ihrer Aufgabe fest, uns alle gesund zu halten. Ich habe eine Fantasie, in der Nigel Farage und Jacob Rees-Mogg krank werden und mit einem ausschließlich aus Weißen bestehenden Team von Krankenschwestern konfrontiert werden, angeführt von Louise Fletcher in ihrer Rolle als Schwester Ratched aus „Einer flog über das Kuckucksnest“, die eine riesige und ziemlich stumpfe Injektionsnadel schwingt.
Ich lese gerade „The History of White People“ von Nell Irvin Painter. Unter vielen anderen Entdeckungen ist die Tatsache, dass vor dem 16. Jahrhundert die Versklavung von Weißen genauso verbreitet war wie später die Versklavung von Schwarzen. Als diese abscheuliche Institution zu sehr mit Afrikanern in Verbindung gebracht wurde, wurde der Handel mit weißen Männern eingestellt und durch Zwangsrekrutierung, Strafarbeit und Leibeigenschaft ersetzt. Junge weiße Frauen wurden jedoch oft noch als „Beute“ im piratenhaften Sinne des Wortes behandelt.
Eine weitere Enthüllung ist, wie die griechisch-römische Welt „Barbaren” sah und sie als groß und stark, aber auch hässlich, schmutzig und stinkend beschrieb. Diese „Anderen” waren eigentlich Germanen und extrem weiß, sogar ekelerregend weiß, mit fahler Haut, verfilztem strohfarbenem Haar, unverständlicher Sprache und ungehobelten Gewohnheiten. Nachdem Germanen, Angelsachsen und Nordmänner die „europäische Zivilisation“ übernommen hatten, griffen sie diese Beschreibungen, mit denen sie einst selbst beschrieben worden waren, auf und wandten sie auf Afrikaner an. In Trumps Tiraden über Hunde essende Haitianer hören wir Anklänge an Herodot. Allerdings schrieb Herodot über Trumps Vorfahren.
Wenn wir zu angenehmeren Themen übergehen (aber nicht zu weit), finden auch unsere Besuche beim Jaipur Literary Festival in Indien und beim Hay Festival in Mexiko Resonanz. In Jaipur hatten wir die besorgten Artikel (und Berichte von akademischen Freunden) über die Unmöglichkeit, angloamerikanische Studenten dazu zu bringen, ein Buch – irgendein Buch – zu lesen, im Kopf, als wir die eifrigen Scharen junger Inder beobachteten, die zu den Vorträgen und Interviews strömten, Notizen machten, Fragen stellten und Stapel von Büchern kauften. Das Durchschnittsalter des indischen und mexikanischen Publikums dürfte etwa halb so hoch sein wie das ähnlicher Menschenmengen in Großbritannien oder Amerika. Die Welt ist jung und wissbegierig, auch wenn das in unseren eigenen, von den Medien verwirrten Gesellschaften nicht immer offensichtlich ist.

Wenn die politischen Unruhen der 1960er Jahre der Musik dieses Jahrzehnts eine zusätzliche Intensität verliehen haben, könnte dann die derzeitige aufgeheizte Atmosphäre die Leidenschaft in der heutigen Musik noch steigern? Das wird nur die Zeit zeigen, aber Andrea und ich haben in den letzten anderthalb Jahren auf jeden Fall eine Fülle spannender Live-Musik erlebt: Tinariwen beim Green Man Festival, Swamp Dogg und Arooj Aftab bei Big Ears, die Halkiades Band bei Christopher Kings „Why The Mountains Are Black”-Festival in Nordgriechenland, Olivier Stankiewicz, der der Barockoboe rockige Energie verlieh, bemerkenswert bewegende Londoner Tribute an Martin Carthy und The Incredible String Band, der südasiatische klassische Sänger Muslim Shaggan in einem Sikh-Tempel, Dan Penn und Spooner Oldham beim Americana Festival, der südafrikanische Cellist Abel Selaocoe in der Wigmore Hall, Robert Plants Saving Grace in der Festival Hall, Martin Hayes beim Borris Festival, eine Schostakowitsch-Sinfonie bei den London Proms und einige seiner Streichquartette in einer Kirche in Minneapolis, Trio Da Kali im Barbican, Michael Shannon und Jason Nardurcys R.E.M.-Tribute-Band, die mein Werk „Fables of the Reconstruction” aufführte, Martin Fröst, der Coplands Klarinettenkonzert bei den Proms grandios spielte…
Ein Höhepunkt war für mich Emmylou Harris‘ Meisterkonzert in Glasgow während des jüngsten Celtic Connections Festivals. Zu Beginn meiner Zeit als Plattenproduzent fiel mir auf, dass Harmoniegesang viel besser klingt, wenn sich die Stimmen in der Luft vermischen, als wenn jeder Sänger sein eigenes Mikrofon hat. Daher war ich begeistert, als zwei Mitglieder von Emmylous großartiger Band, Phil Madeira und Kevin Key, sich zu ihr in einem weiten Halbkreis um ein einziges Mikrofon stellten, um „Bright Morning Star“ a cappella zu singen; der Klang war tatsächlich so warm und voll, wie ich es mir erhofft hatte.
Als ich in den frühen 60er Jahren zum ersten Mal Bluegrass hörte, gab es immer ein einziges Mikrofon und eine rituelle Choreografie, bei der die Banjo- und Dobro-Spieler ihre Instrumente unbeholfen in Richtung Mikrofon hielten, während sie schicke Soli spielten und sich alle vorbeugten, um den Refrain zu singen. Das klang natürlich großartig. Audio ist nicht der einzige Bereich, in dem altmodisches „weniger” eine Verbesserung gegenüber modernem „mehr” darstellt, aber lassen Sie mich damit nicht anfangen, sonst sitzen wir den ganzen Tag hier.
Bis zum nächsten Mal!

Nachbemerkung von M.E. – Am 12. März ist Joe Boyd in Berlin (siehe comments), und HIER ist ein Gespräch mit ihm, das ferne Jahrzehnte und weit entfernte Räume zum Klingen bringt. Sein Buch ist tatsächlich all die guten Kritiken wert, aber es ist ein Riesenwälzer, das man am besten hin und wieder aus dem Regal holt, um sich in eines seiner Kapitel zu versenken. Joe Boyd gehrört zu den grossen Produzenten unserer Zeit, und vertritt einen spannenden Berufsstand, zu dem mir auf Anhieb Namen einfallen wie Joe Meek (seit ich Jan Reetzes Buch über diesen producer gelesen habe), George Martin, Manfred Eicher, Brian Eno, Daneil Lanois, Rudy Van Gelder, Michael Cuscuna und und und. Die Liste ist lang. Ein besonderes Verdienst von Joe Boyd ist, dass er seine Arbeit und die Musikgeschichte überhaupt auch in zwei tollen Büchern Revue passieren lässt.
„I sing the body acoustic“ (Begegnungen mit der Musik von Ralph Towner)
„Ich habe seine Musik im Laufe etlicher Jahre als zunehmend unverzichtbar empfunden, angefangen von „Solstice“ über die Oregonveröffentlichungen und die Soloplatten. Eine echte Offenbarung war dann „At First Light“, für mich ist da nochmal das ganze Towner-Universum erklungen – und ich habe gespürt, daß das eine Art Vermächtnis sein wird. Ich habe Ralph nie im Konzert erleben können, ich hatte zweimal Karten für ein Solokonzert, eines in Blomberg/Detmold und einmal in Einbeck bei Hannover. Beide Konzerte mussten krankheitshalber abgesagt werden. Selten habe ich es so bedauert, einen Musiker nie live gesehen zu haben. So begleitet mich z.Zt. eine Ralph-Playlist auf meinen Spaziergängen im Schnee, meinem ollen ipod sei Dank, bei „Nimbus“ und „Jamaicastopover“ drücke ich dann auch gern mal die Repeattaste.“ (aus einem Kommentar von Jens)
„Ralph Towners akustisches Gitarrenspiel (classic, 12-string) war bahnbrechend und eine Inspiration – auch für viele Gitarristen. Es wurde – solo und im Oregon-Kreis – nicht nur Musik gemacht – es war, als würden Parallelwelten geschaffen und Naturgötter beschwört. Komischerweise fand ich Klassische Gitarre immer relativ langweilig, aber der Ton, den eine Konzertgitarre erzeugen kann, den finde ich reizvoll. Abends beim Einschlafen zu den Klängen von Towners Twelvestring („Brujo“) hinüberzugleiten ins Traumreich – das bleibt unvergessen.“ (aus einem Kommentar von Jochen)

„My favourite guitarists? Neil Young, wizard – electric. Ralph Towner, wizard – acoustic. And then – Steve Tibbetts. A revelation from the first album onwards. I’ve been returning ever since. Always returning.“ So ähnlich begann ich mein Interview mit Steve über sein Album Life Of, dem Ende 2025 das mich nach wie vor tiefer und tiefer in seinen Bann ziehende Spätwerk Close folgte, viele Jahre später. Den Werken dieser drei Musiker bin ich über Jahrzehnte gefolgt, und hier möchte ich nun ein wenig über meine ersten Hörerlebnisse mit Ralphs Musik erzählen. Sein Auftritt mit Oregon im Sommer 1974 in Münster (im Landesmuseum) gehört zu dem Highlights meiner Konzertbesuche. Im gleichen Sommer sorgten auchb das Gateway Trio mit John Abercrombie, Dave Holland, und Jack deJohnette sowie das Jan Garbarek-Bobo Stenson-Quartett für magische Abende.
Ich bin Jahrgang 1955, und das bedeutete in meinem Falle, dass ich die hohe Zeit der Kinks und Beatles als Teenager voll mitbekam. Teilweise unter der Bettdecke mit Transistorradio, oder ersten Singles. Drei Wochen in den grossen Ferien, morgens gerne dreimal hintereinander, das Sgt. Pepper-Album zu hören, hatte massive Folgen! Bald folgten nich ganz andere Einschläge, wie etwa die ganz frühen Jahre von ECM – als rock- und jazzsozialisiertes Individuum öffnete sich mir auch noch als „greenhorn“ die wilden Klänggebräu des „elektrische Miles“, Soft Machines drittes Album(zu dem ich ein ähnlich obsessvies Verhältnis pflegte wie zu Sgt. Pepper) – und eben die ersten zehn ECM-Langspielplatten. Ähnlich wie Steve Tibbetts (der ja Jahre lang im Plattenladen „Wax Museum“ arbeitete, und die ungkaublichste Musik der entfesselten 1970er Jhre in Minnepolis’ heissesten Vinylshop geliefert bekam), kannte ich von den ersten 300 Platten des Münchner Labels mit der regelmässig wiederkehrenden Zeile „produced by Manfred Eicher“ ungefähr 250. So dicht wie Steve sass ich ja nicht an der Quelle!

Ich glaube, zu meinen ersten zwölf „ECM-Scheiben“ gehörte Ralph Towners „Diary“, ein Soloalbum, das ich immer zu meinen besonderen „Erweckungserlebnissen“ zählen werde. Ich liebte und liebe die Musik so sehr wie das Cover, ich erinnere heute noch, wie Manfred Sack in der ZEIT von seinem „Samtpfotenpiano“ schrieb, als er die Musik dieses klingenden Tagebuches beschrieb, auf dem Towner eben auch mal zu Gong und Klavier griff. Als ich in jenen Jahren darüber hinaus seinem überraschenden akustischen Auftritt auf einem Stück von Weather Reports „I Sing The Body Electric“ lauschte, seinem fast ebenso spartanischen Beimischungen auf Jan Garbareks „Dis“ (unvorstellbar dieses Meisterwerk ohne Windharfe und Ralph), den Oregon-Alben „Distant Hills“ und „Evening Light“, Ralph Towners „Solstice“, war der Pakt besiegelt. Nicht zu vergessen Raph Towners Album „with Glen Moore“ namens „Trios, Solos“, ein erster Schritt, das vertraglich an Vanguard Records gebundene Oregon-Universum zu locken. Ralph Towners 1970er Jahre endeten im Herbst 1979, als live in München und Zürich das nichts weniger als grandiose „Solo Concert“ entstand. Fragen sie mal Wolfgang Muthspiel danach!
Man muss kein Instrument spielen, keine Raketenwissenschaft betreiben, um Ralph Towners Musik zu verfallen – auf ureigene Weise behandelte er in seinem Spiel Unaussprechliches, Parallelwelten, Zwischenzonen: hier wurden tiefe Emotionen und Essenzen ausgelotet, für die es Annäherungen, im Reich der Worte, vielleicht in der modernen Lyrik geben mag, im Bewusstseinsstrom eines Sprachrausches, oder in fantasievoll-pointierter Musikkritik. Hier wie da wäre die Sprache jedoch ein reines Lockmittel, ein Empfehlungsschreiben für die Pforten der Wahrnehmung, die sich letztlich nur öffnen, wenn sich Tonarm und Nadel auf das Vinyl senken, und die Musik beginnt. Let‘s call it deep listening.
Und dann: die späteren Jahre? Der Zauber ging weiter, aber nicht jedes Album hinterliess bei mir gleichermassen tiefe Spuren. So endete für mich die grosse Zeit von Oregon mit dem Tod von Colin Walcott. Weit verzweigen sich die anderen Projekte von und mit Ralph Towner. Die tiefsten Hörerelebnisse hatte und habe ich, wenn Ralph reine Sologitarrenalben aufnahm wie „At First Light“ oder „Anthem“ oder „Timeline“ oder „Ana“. Und auch bei seinen beiden Duo-Arbeiten mit Gary Peacock „Oracle“ von 1994 und, Jahre später, „A Closer View“. Ausgerechnet zwei Tage nach seinem Tod erschien nun „Oracle“ in der „Luminessence“-Vinyl-Serie seines Hauslabels. Umwerfend. Ich hörte es zuletzt jeden Tag einmal vom ersten bis zum letzten Ton, und es packte mich wie damals in den 1970er Jahren („when I was younger, so much younger than today“).
Der Sound: schlicht überragend. Und auf „Oracle“ erfährt man etwas darüber, wie virtuoses Handhaben von Bass und Gitarre keine Sekunde lang in die Falle des Perfektionsmus tappt. Wie zwei Musiker es nie verlernt haben, in ihren Klängen jenen „Geist des Anfängers“ zu praktizieren, der sich dadurch auszeichnet, dass man eben nicht alles zu wissen meint. Und die eigenen Fragen, Ahnungen wie Anmutungen, in jede erdenkliche Tiefe transportiert. Ekstase braucht halt nicht unbedingt, in solchem Einssein von Konzentration und Losgelöstheit, Geschrei und Wildheit. Das Cover selbst, mit den verschwommenen Umrissen der Körper und Instrumente, ein gelungenes Pendant zum „Ungreifbaren“ der Klänge selbst!
