• Wim

    Zu meinem Kurzbesuch in Bonn kam ich zwar pünktlich nach Zeitplan an, hatte mir dreieinhalb Stunden für die Wenders-Ausstellung in der Bundeskunsthalle eingeplant, stellte dann aber bei meiner Ankunft vor Ort fest, dass direkt gegenüber im Kunstmuseum gerade eine Retrospektive mit Werken von Gregory Crewdson stattfindet (wohl aus Wien herüber gewandert). Dass ich mir das entgehen ließe, stand außer Frage, und sei es nur für einen etwas beschleunigten Besuch. Wie oft kann man diese spektakulären Bilder schon im Original sehen? Und dann gleich noch als Karriere-Überblick!

    Nach einer knappen Stunde, natürlich unverschämt kurz für die 70 gezeigten Werke des Bildkünstlers, für dessen Arbeit seit langem eher die Bezeichnung Regisseur als die des Fotografen passt, kam ich nicht umhin, zwei Bildbände zu kaufen, da die überraschend bezahlbar waren. Auch als Recherche für meine weiteren Überlegungen für einen Dokumentarfilm über einen Fotografen sicher von Nutzen.


    „Was macht die Qualität eines Filmes aus? Natürlich gibt es objektive Qualitätsmerkmale, die man auch sehen lernen kann. Vor allem aber ist ,Qualität' eine subjektive Wahrnehmung. Ein Film kann den einen begeistern oder berühren und die andere eben gar nicht. Das mag damit zu tun haben, dass wir in Filmen oftmals unser eigenes Leben reflektiert sehen, dass wir uns aus den unterschiedlichsten Gründen mit einzelnen Figuren identifizieren, oder dass Filme Wünsche oder Sehnsüchte in uns wecken können, von deren Existenz wir bis dahin keine Ahnung hatten. Am besten lässt sich erkennen, wie gut ein Film (für uns) war, wenn er noch lange in uns nachklingt, wenn wir uns an den Film oder an Szenen des Films erinnern, als wären es unsere eigenen Erfahrungen, als wäre der Film ein Teil unseres Lebens geworden ..."

    Also blieben mir noch zweieinhalb Stunden für Wenders, direkt gegenüber, und das schien mir noch bei den ersten Ausstellungstücken auch eine gut ausreichende Zeit zu sein, doch wird die Ausstellung, je weiter man durch sie hindurchgeht, immer zeitverlangender. Man trifft auf viele sehr gut kuratierte Filmausschnitte und beeindruckend umfangreiche Materialien aus Wims Laufbahn: etliche Gemälde aus seiner Frühzeit, die vielleicht nicht weltbewegend sind und denen man ihre Einflüsse auch deutlich ansieht, die allerdings zumindest ich zuvor aber nie gesehen hatte, unzählige Recherchematerialien von allen möglichen Projekten vom Debütfilm Summer in the City bis zum bisher letzten, Perfect Days, Fotografien in allen vorstellbaren Größen und Qualitäten, Arbeitsfotos, private Stücke und Einblicke in seine Inspirationen und Einflüsse … usw.…. dann gibt es auch ein paar 3D-Filme zu sehen, die man sonst kaum einmal zu Gesicht bekommt und von denen ich nicht einmal wusste… es gibt vier von Wenders eigens für diese Ausstellung editierte Multikanal-Installationen, die vielleicht nichts eigentlich Neues bieten (doch, ich entdeckte unter den vielen verarbeiteten Ausschnitten einen Filmtitel, von dem ich wohl noch nie gehört hatte), aber in der Neuanordnung und vor allem der monumentalen Größe und der dazu editierten Musik doch beeindruckend sind – darunter eine wilde Collage zum Thema Fahrten und Reisen zur Musik von Canned Heat.

    Und dann gibt es am Ende auch noch zahlreiche Drehbuch-, und Arbeitsseiten zum Lesen, nebst Briefkorrespondenzen mit Leuten wie Willy Brandt, Nick Cave, Lou Reed… einen Darstellervertrag mit Gorbatschow (In weiter Ferne, so nah), Original-Drehbücher aus Wims Studienzeit, von teils verschollenen Filmen, weitere Nebenwerke wie ungewöhnliche Werbefilme und einen Kurzfilm zum 80. Jahrestag der Kapitulation (auch im „Zeit“-Podcast angesprochen), alles in Form von Bildschirmen mit Kopfhörern, Interviews… und einiges mehr… ich konnte am Ende dann doch nicht mehr alles ordentlich betrachten, durchlesen und anhören, diese vielen Materialien in den unmittelbaren Schreib- und Vorbereitungsprozess konnte ich leider nicht mehr ausreichend betrachen (und mein Smartfon hatte längst keinen Akku mehr, um noch etwas abzufotografieren) und wurde um 18 Uhr als letzter aus den Ausstellungsräumen hinauskomplimentiert. Daher habe ich sogar vergessen, wenigstens einen Blick auf die große Wand mit den Trophäen zu werfen. Nur den Goldenen Löwen habe ich im Vorübergehen gerade so gesehen.

    Wenn die Ausstellung in wie auch immer veränderter Form im nächsten Jahr nach Frankfurt wandert, muss ich wohl noch einmal hin. Wie man auch zu diesem oder jenem einzelnen Film von Wenders stehen mag, der unglaubliche Reichtum allein seines Kinoschaffens und der von ihm (und ggf. Kameraleuten) geschaffenen Bilder ist wohl in dieser Form und Fülle ohne Vergleich. Ein großes, vielschichtiges Werk sondergleichen, quer durch die Jahrzehnte und Themenabschnitte auch von Wim selbst kommentiert, so zum Beispiel hier über Orte und Amerika im Speziellen und über das Reisen.

  • About Wim

    Es gab wohl nie eine Zeit in meinem Leben als Filmmensch, in der Wim Wenders nicht da war. Natürlich war er immer schon viele Jahrzehnte älter (und länger da) als ich – und doch ist er irgendwie derselbe geblieben. Wim und sein Kino waren einfach immer da. Schon als ich noch Gymnasiast war, besuchte ich im Stuttgarter Kino eine Wenders-Retrospektive; dort hatte ich auch das seltene Glück, seinen kaum einmal gezeigten Debütfilm Summer in the City sehen zu können. Meist saß ich in der dritten Reihe in der Mitte, und ich erinnere mich, dass vor mir oftmals eine junge Frau saß, die diese Filme ebenfalls alleine anschaute. Leider bin ich nie mit ihr ins Gespräch gekommen, frage mich, welchen Weg ihre Lebenslaufsbahn wohl seither eingeschlagen haben mag und welche Rolle diese Filme auf ihrem Weg spielen.

    Über die Jahrzehnte hinweg gab es in meinem Leben stetig Berührungspunkte mit Wenders’ Schaffen – egal, ob ich Filme entsetzlich fand (Palermo Shooting) oder großartig (The Salt of the EarthParis, Texasu.v.a.m.), ob ich sie verpasst habe (Submergence, Les beaux jours d’Aranjuez) oder ob ich ratlos davorstand (Der BAP-FilmDer Papst-Film), sein spezifischer Blick auf die Welt, die Kunst und das Kino sprach immer zu mir. Und war häufiger eine Inspiration als nicht. Als ich studierte, war er zu Gast, bei der Berlinale erlebte ich ihn bei der Präsentation der restaurierten Fassung seines überwältigend radikalen, größenwahnsinnigen, fünf Stunden langen Bis ans Ende der Welt, in Cannes erlebte ich ihn bei der Jubiläumsaufführung seines Palmengewinnerfilms Paris, Texas (war 1984 wirklich das letzte Mal, dass ein deutscher Film die Goldene Palme bekam?), ich besuchte auch ein Regieseminar bei der von mir hochgeschätzten Claire Denis, die bei zwei seiner mutigsten Filme und größten Erfolge (Paris, Texasund Der Himmel über Berlin) als Regieassistentin mitarbeitete und nie müde wurde, in lebendigsten Worten größer Wertschätzung von Wim zu erzählen … und bei meiner Diplomvergabe der Filmhochschule hielt ausgerechnet Wim die Rede für die Absolventen und übergab uns die Diplome.

    Auch hier in seiner Rede sagte er wieder ausschließlich Dinge über das Filmemachen, die mir aus dem Herzen sprachen, wie das kaum jemand sonst vermag. Ich hatte zu jenem Zeitpunkt bereits in einigen eigenen Filmen vieles umzusetzen versucht, wovon er da sprach. Zu Wenders’ Achtzigstem lud ihn die DIE ZEIT letztens zu ihrem „unendlichen Podcast“ein, und ich hatte das sieben Stunden lange Gespräch noch lange nicht zu Ende gehört, da hatte ich bereits den Wunsch, das Ganze noch ein weiteres Mal durchzuhören; ebenso das Ende 2024 veröffentlichte vierstündige Gespräch im Podcast von Mathias „Matze“ Hielscher. So geht es mir immer, wenn ich ihn irgendwo sprechen höre, selbst wenn er manchmal nicht zum Schluss kommen will. Er ist kein versierter, meisterhaft effizienter, punktgenauer Erzähler, auch in seinen Filmen nicht. Er selbst sagt gerne, dass er beim Erzählen nicht wisse, wie seine Geschichten ausgehen — sonst würde man ja „schummeln“. Und ich kann selbst nicht erklären, warum ich auch vieles, was ich schon öfter gehört habe und längst weiß, ihn noch immer gerne sagen höre. Und auch die Bilder, die er geschaffen hat – in Kinofilmen oder als Fotografien, kann man nicht oft genug sehen. In vielen Situationen war Wim Inspiration, Einfluss, Orientierung, selbst wenn ich daran nicht explizit denke.

    Aktuell sind in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken zwei Dokumentarfilme über Wenders — der zweistündige „Desperado“, der zu seinem 75. entstand, ist in der NDR/ARD-Mediathek zu sehen und bietet eine Vielzahl enorm bekannter Gesprächspartner/innen und eindrucksvolle, auch aufwendige Szenen, in denen Wim sein eigenes Werk wiederbesucht. Und bei ARTE/ZDF gibt es den aktuellen Dokumentarfilm „Der ewig Suchende“ zu sehen, der sich vielleicht wie ein Update, eine kürzere Fortsetzung ausnimmt und hier und dort noch etwas ergänzt, auch um weitere renommierte Gesprächspartner. Man kann das alles anschauen und anhören und wird immer wieder noch Interessantes hören und sehen. Und bis Mitte Januar kann man in Bonn in der Bundeskunsthalle obendrein eine umfangreiche Ausstellung – W.I.M. – Die Kunst des Sehens –  auch mit vielen Fotografien und einer immersiven Filminstallation besuchen; der Ausflug nach Bonn steht noch auf meinem Plan. 

    Wenders ist nicht wegzudenken aus der deutschen Kino- und Kulturgeschichte, und ich kann mir kaum vorstellen, wie das sein wird, wenn er irgendwann mal nicht mehr da sein wird. Sein Werk wächst mit der Zeit mehr, als dass es obsolet würde. 

    ijb

  • Saving Grace

    Gestern habe ich mir mal ein paar – zumindest für mich – ganz neue Neuerscheinungen aus dem (auf den ersten Blick) Classic-Rock-Segment zugelegt: neben dem Tweedy-Dreier-Album die toll kuratierte 2-CD-Kompilation mit 38 Songs aus 60 Berufsjahren Ronnie Woods, die von einer Wood-Komposition der Birds 1965 bis zu vier bislang unveröffentlichten Stücken reicht – Fearless: Anthology 1965-2025 – mit einigem ziemlich Bekanntem (’ne Handvoll Faces-Klassiker, ’ne Handvoll Stones-„Deep Cuts“ mit Wood-Co-Writing-Credit, die Jeff Beck Group, drei klasse Rod-Stewart-Perlen usw.) und einigem weniger Bekanntem, bspw. einem Duett mit Mick Jagger aus dem Jahr 1974, also vor Ronnies Zeit bei den Stones (von seiner ersten Solo-Scheibe I’ve Got My Own Album To Do) und einigen weiteren Stücken von seinen Solo-LPs, darunter auch Dylans Seven Days).

    Vor allem aber die neue LP von Robert Plant: Saving Grace – und die ist fantastisch. Sehr intensiv, sehr eigen, sehr berührend, bin begeistert, wird garantiert in meiner Jahres-Top10 auftauchen. Schade, dass Plant nur noch so selten neue Platten macht – aber wie toll, dass die dann zuverlässig so große Klasse sind.

    Plants letztes Soloalbum war Carry Fire, und dass das bereits 2017 war, überraschte mich selbst gerade. Für manche Leute sind acht Jahre ja ein kompletter Karrieren-Zeitraum. Auf Saving Grace widmet sich Plant weiter seinem Herzensprojekt seiner späteren Jahre, die Traditionen US-amerikanischer Musik auf raffinierte, berührende Weise in die Gegenwart zu holen. Vielleicht nur Dylan gelangen vergleichbar zeitlos klingende Neuaufnahmen uralter Songs jenseits von Folk und Gospel. Dass neben Memphis Minnie (die älteren von uns erinnern sich an When The Levee Breaks vom vierten Zeppelin-Album) und Blind Willie Johnson auch mal wieder eine Nummer von des (mittlerweile nicht mehr existenten) Duos Low aus Dylans Heimatstadt Duluth, Minnesota, dabei ist, fällt einem erst einmal gar nicht auf. Zehn meisterlich arrangierte Stücke, die gewissermaßen eine intensive Reise durch ein Jahrhundert US-Roots-Musikgeschichte bieten und Türen in alle möglichen Richtungen öffnen.

  • Iskra

    I first heard Olga Anna Markowska’s pieces this spring at mi-so, which is a small store and exhibition space that Erik Skodvin of miasmah recordings and his partner Monique Recknagel of the label sonic pieces started a few years ago here in Schöneberg where I have been living for the past 20 years. More recently they have been inviting friends and other musicians they find interesting to perform in their store for an audience of around 15 people.

    Erik, or miasmah, now released Olga’s debut album, Iskra, which has a great record cover that doesn’t give away anything. The image is a photo by Olga, transformed into a kind of dream image by Erik who worked as a graphic designer for many years, designing also a huge amount of surreal album covers.

    The concert was really fascinating, creating a unique atmosphere, and I could see everyone in the audience being very intrigued and moved by the sounds and energy Olga created with those instruments she brought. While she is first of all a cello player, then a visual artist working with photography and installations, she also uses some additional electronics, and she also bought a kind of zither on a flea market and then taught herself to play it – so it now takes a central role in the unique sound world of her album, opening up a kind of timeless, placeless kind of music. Her sound feels somewhere in a dreamlike, elusive space between acoustic and electronic.

    It is very exciting to see how her music relates to her visual work, and it’s been quite inspiring to visit her website and wander through the photographic and installation works she documents there. For example, Iskra seems to communicate really well with the Borderland or 6 Years projects, maybe also some parts of Map of the Memory, all of which you can find on her website. I think Olga’s work invites us into a very personal sphere, and – even though she doesn’t show herself – we are trying to figure out where we can find her in there, and then also ourselves. I am also quite intrigued by how the work draws from specific places and then draws me towards them. 

    When I talked to Olga, she explained how she worked and lived with the music on this album for quite many years, and through different (even difficult) times of her life, including moving though different periods of her life, …moving from one Polish city to another and also to some residencies in other European countries. I quite loved how she struggled to categorize her music into a genre or style, and the influences or inspirations she mentioned can also be misleading when people cannot hear the music. I am listening to an album by Evgueni Galperine at this moment, Theory of Becoming, which to me feels grounded in a somewhat similar intangible sound world between electronic and acoustic (at least the LP’s A-side), between ancient and avant-garde, between eastern and western sensibility. Some people may think there’s not much to hear there, but then, when you let yourself fall into it, it opens up huge spaces.

    ijb

  • Sirāt


    Ein Freund sagte vor längerer Zeit einmal, es sei total offensichtlich, meine Filme erzählten immer vom Aufbrechen von Grenzen. Ich bin mir nicht so ganz sicher, wie Recht er damit hat, aber mir gefällt diese thematische Quersumme sehr gut; ich kann mich darin wiederfinden bzw. fühle mich davon angesprochen. Und wenn ich dran denke, nehme ich das auch als konkreten Abstoß für meine inhaltliche Arbeit an Projekten. Sehr fasziniert bin ich bspw. von unterschiedlichsten geografischen Grenzgebieten und nehme sie gerne als Anstoß für Reisen und Recherchen und Fotografien. Und entsprechend ziehen mich im Kino Filme an, die das Thema Grenzen auf die unterschiedlichsten Weisen aufgreifen. 

    „Sirāt“ wurde beim Filmfestival in Cannes vor zwei Monaten mit großer Begeisterung aufgenommen und hat bei vielen Menschen Eindruck hinterlassen, wurde entsprechend auch als einer der zwei oder drei Favoriten auf die Goldene Palme gehandelt. („In jedem Jahr gibt es mindestens einen Film, der das Festival in Cannes durchschüttelt und auf den Kopf stellt. 2025 war das […] ohne Frage „Sirāt“ von Óliver Laxe.“ beginnt Joachim Kurz eine von zahlreichen 5-Sterne-Besprechungen.) Die Palme ging letztlich an den geschätzten Iraner Jafar Panahi, der seit vielen Jahren trotz enormer Repressalien einfach weiter macht, von seiner Heimat zu erzählen – wieder und wieder wurde er von seinem Heimatland am Filmemachen gehindert, eingesperrt, mit Ausreiseverboten belegt. Aber „Sirāt“, der immerhin mit dem Preis der Jury nach Hause ging, fand in meinem Umfeld größeren Wiederhall. In meinem Facebook-Thread z.B. überboten sich die Leute gegenseitig mit der Aussage, dass dies für sie der beste, eindrücklichste, nachhaltigste und intensivste Filme in Cannes gewesen sei.

    Zusätzlich neugierig wurde ich, weil Kangding Ray, ein von mir seit vielen Jahren sehr geschätzter Musiker, der u.a. viele Alben bei Raster/Notonveröffentlicht hat, die einen sehr eigenen Sound haben, in sozialen Medien auch auf den Film hinwies. Denn der Franzose (bürgerlich heißt er David Letellier), seit vielen Jahren in Berlin lebend, hat die Filmmusik gemacht. Passenderweise gab es gerade in Berlin eine Voraufführung bzw. Premiere mit Präsenz und Publikumsgespräch mit „Kangding Ray“ und Regisseur Óliver Laxe — ein Franzose, der 12 Jahre in Marokko lebte, wo er einige Filme gedreht hat; vier seiner Spielfilme wurden bereits in Cannes gezeigt, mehrere Preise erhielt er dort, mit „Sirāt“ zum ersten Mal im Wettbewerb.

    „Sirāt“ ist einer dieser Filme, die einen recht gut erwischen, wenn man die Handlung nicht kennt – wenn man es vorab vermeidet, Inhaltsangaben zu lesen. Die Handlung ist ohnehin recht schnell zusammengefasst. Manche Kritiken zogen Parallelen zu „Mad Max“, speziell dem beliebten „Fury Road“; ganz so hysterisch und exzessiv ist der dann auch wieder nicht; aber wenn man andere Orientierungspunkt wie Clouzots Klassiker „Lohn der Angst“ oder Friedkins „Sorcerer“ (bei dem die Tangerine-Dream-Musik an die Filmmusik von Kangding Ray erinnern soll) mit einrechnet, kommt man schon in eine gute Richtung. Auch „The Searchers“ und „Zabriskie Point“ sowie Apichatpong Weerasethakul wurden als Vergleiche herangezogen. Diese an sich unvereinbaren Filmverweise finde ich wiederum enorm spannend, denn einen Film aus der Quersumme dieser vier ergibt gewissermaßen keinen Sinn. Schon früher wurde Laxes Schaffen mit Werner-Herzog-Filmen verglichen. Mir würden auch noch ein paar weitere einfallen. 

    „Sirāt“, ein vollkommen einzigartiger Film, spielt in der marokkanischen Wüste und erzählt von Grenzen aller Art. Es geht auch um Politik, Kapitalismus, um die Rave-Kultur und um Utopien, und es geht um die Geschichte eines Vaters und der Beziehung zu seiner Tochter, doch bleibt es wie gesagt bei einer sehr einfachen Geschichte, die Óliver Laxe auf manchmal überraschend kantige Weise erzählt. Auch die Genregrenzen sind fließend — mit enorm energetischer Techno-Musik starten wir auf einem illegalen Rave in der Wüste, und bald wird es auch eine Art post-apokalyptisches Roadmovie, mit meditativen Passagen und aufreibenden Trips an verschiedene Grenzen. Hauptdarsteller Sergi López ist zwar ein bekannter Schauspieler, geht aber geradezu dokumentarisch in diesem Werk auf, ebenso wie wir um ihn herum viele vom Leben gezeichnete Personen erleben, mit „Laien“ besetzt und aus der realen Rave-Szene – und alles passt enorm gut zusammen, darf aber auch mal alberne Momente haben. Auch wenn die Handlung sehr eindringlich ist und kaum vorherzusehen, womit man konfrontiert werden wird, erzählt „Sirāt“ nicht auf eine gewöhnliche psychologische Weise – vielmehr öffnet sich ein Erfahrungsraum, in dem wir als Zuschauer eine tiefe Erfahrung mit den Figuren und ihrem Trip an die Grenzen machen. In jedem Fall ist es durch und durch ein Film, wie ich mir gewünscht hätte, ihn gedreht zu haben.

    ijb

    Deutscher Kinostart: 14. August 

  • Hass und Heat

    In Berliner Kinos laufen aktuell zwei Filmklassiker aus dem Jahr 1995. Das war wohl das Jahr, in dem sich mein Kinointeresse zu einem veritablen Berufswunsch formierte. La Haine (Hass) von Matthieu Kassowitz habe ich interessanterweise nie gesehen, ich meinte wohl immer (vermutlich durch die Berichterstattung bzw. Rezeption), das wäre ein Film, der sich als Epigone von Scorseses Siebziger-Jahre-Schaffen und dem damals mega angesagten Frühwerk von Scorsese-Schüler Tarantino geriert, zudem auch noch in Schwarzweiß (für mich lange Zeit in den meisten Fällen der Inbegriff des artsy selbstverliebten Autorenkinos) mit ein paar jungen Typen als Hauptfiguren, die beim Herumhängen in Paris infantile Machosprüche raushauen, Drogen konsumieren und mit Waffen hantieren, was mich alles einfach nie die Bohne interessierte, als Filmzuschauer auch nicht. Und was soll ich sagen, ich hatte drei Jahrzehnte lang genau das richtige Bild von dem Film. Natürlich hat er tolle Kameraarbeit, und die Musikauswahl macht auch Spaß… aber irgendwie berührt hat mich das ganze Ding dann doch nicht. Von dieser Art Herumhänger und Sprücheklopfer hab ich seither hier in Berlin eh mehr als genug jeden Tag. 

    Einen Tag später mal wieder Michael Manns Heat, der vor 30 Jahren sicherlich enorm einflussreich auf mein Verständnis von Kino war, und den ich alle zehn Jahre mit großer Begeisterung gesehen habe und jedes Mal noch besser fand, nun als neu restauriere digitale Fassung. Interessant, dass mich dieser Film nicht kalt lässt, schon damals als Jugendlichen nicht, geht es doch um zwei lebenserfahrene Männer nach Jahrzehnten im Beruf, die allem ein bisschen überdrüssig sind. (Und ja, mit Waffen hantieren.) Überhaupt ist Michael Mann ein ausgesprochener Männer(figuren)-Regisseur; in der Folge von Heat habe ich mich allen seinen Filmen eingehend gewidmet und seine Regiearbeit intensiv studiert, und immer wieder frage ich mich, ob das eigentlich so die einzigen Männerfilme sind, mit denen ich was anfangen kann. Offenbar schafft(e) Michael Mann es, weit darüber hinaus sehr vieles und und sehr tief zu erzählen, so dass man sich auch in diesen Filmen wiederfinden kann, wenn man nicht Meistergangster oder LAPD Detective ist. 

    Außerdem die grandiose, quasi dokumentarische Verwendung von zahlreichen unglamourösen Hinterhof-Drehorten in L.A. — was sollte mich das vor 30 Jahren interessieren… hat aber bei mir als BRD-Kind offenbar viel angesprochen, dieses aufmerksame, von aufrichtigem Interesse geprägte Erzählen eines „anderen“ Los Angeles. (Heute würde man sicherlich weit mehr Schwarze und „People of Color“ besetzen.) Und dann ist der Film natürlich von einer phänomenalen Regie und Filmsprache gezeichnet; das hat mich sicherlich geprägt, wie Michael Mann mit einer solchen souveränen Meisterschaft immer haargenau den richtigen Ton trifft, eine Leistung auf dem Höhepunkt seines Könnens — offenbar wie die beiden Hauptfiguren. 

    Wir haben den Film mit der Tochter angeschaut, die mit ihren 16 Jahren heute fast so alt ist wie ich damals. Auch ihr hat der Film sehr gut gefallen (bei La Haine hätte sie sich, jede Wette, gelangweilt). Witzigerweise hat sie anfangs die beiden Hauptfiguren verwechselt — für Menschen meiner Generation natürlich skurril, De Niro und Pacino zu verwechseln, aber in diesem konkreten Fall eigentlich in gewisser Weise auch wieder „richtig“.  

    Hätte ich vor 30 Jahren La Haine gesehen und nicht Heat, wäre mein Kinoverständnis und meine wären meine Vorlieben heute ganz andere?

  • Zum 20. Juli

    Zum Wochenende in der Passionskirche, Kreuzberg: Bill Callahan auf seiner ersten Europatournee seit elf Jahren. Proppenvolles Haus, langer Applaus, doch Callahan bleibt bei seinem sehr präzisen Programm, Start Punkt 20:30, Ende Punkt 22:00. Sehr kurze Zugabe („Let’s move to the Country“), zwei Songs weniger als bei anderen Konzerten der Tour. Dennoch ganz famos, wie der Texaner ganz allein mit einer elektrischen Gitarre, ein paar Pedalen und einem Becken alle begeistert. Und dann, nach dem Konzert beim besten Willen so lange hinter der Tür bleibt, bis wirklich restlos alle Menschen das Weite gesucht haben oder schließlich hinauskomplimentiert worden sind. Gemeinsam mit zwei älteren Herren warte ich noch eine gute Stunde vor der Kirche, um wenigstens zwei Platten signiert zu bekommen. Wer weiß, ob und wann der gute Mann sich hier noch einmal blicken lässt. Einer der beiden Männer ruft Callahan zum Abschied zu: „Don’t forget us.“ Im direkten Vergleich mit Callahans sehr freundlichem „Opening Act“, einem jüngeren, aber nicht mehr ganz jungen Mann an einer Gitarre, ebenfalls aus Texas, zeigt sich auch frappierend augenfällig, wie enorm die Welten zwischen ganz nettem persönlichen Liedermachen und der großen Kunst der Einfachheit eines autobiografisch durchzogenen, aber erstklassigen Songwritings sein kann. Obwohl Callahan seine Songs in dieser reduzierten Form darbietet, geht das tief.

    Tags zuvor in Potsdam: Performance-Künstlerin Ellen Kobe veranstaltet eine „Podiumsdiskussion“ (ja, in Anführungszeichen) zum 20. Juli über einen Film, an dem wir über zwei Jahre gearbeitet haben, der aber mangels Geld nie gedreht wurde, „Stauffenbergs Tasche“. Auf meinen nur halb ernst gemeinten Ratschlag bei Andres Veiels „Riefenstahl“-Premiere hin hat Ellen nun eine öffentliche, knapp 90-minütige Gesprächsrunde mit realen Personen über den Film organisiert, mit Filmemacher Andres Veiel, der Hauptdarstellerin des Films (HFF-Schauspielprofessorin, die auch Studenten ihrer Universität mit in die Besetzung brachte) und einem kenntnisreichen Militärhistoriker, plus umfangreiches Intro/Grußwort von Schirmherr Olaf Scholz (seine Zusage stammt noch aus der Zeit, als er Kanzler war und noch nicht abzusehen war, dass er zum aktuellen Zeitpunkt bereits frühzeitig sein Amt an Herrn Merz weiterzugeben hätte). Keiner der zahlreichen Zuhörer erfährt, dass es den Film nicht gibt, aber viele fragen hinterher, wo man ihn denn sehen könne. Insofern ist die Veranstaltung ein Erfolg — und eine weitere Etappe in Ellens Gesamtwerk, das ich seit einigen Jahren audiovisuell begleite.

  • Patti Smith in Berlin

    Vor dem Konzert sah ich, dass demnächst die Smashing Pumpkins in der Zitadelle auftreten werden. Nun bin ich sicherlich kein Fan der Band, aber die Augen offenhalten nach günstigen Karten werde ich mal. (Ich denke aber, das wird mir am Ende zu teuer sein.) Billy Corgan hat mich in mehreren Interviews zuletzt durchaus positiv überrascht, und man hört immer wieder, wie gut die Band in Konzerten wohl immer noch sein soll. Im letzten Gespräch mit Joe Rogan, das ich letzen Monat während meines jüngsten USA-Roadtrips anhörte, meinte er, für einige, die sein Werk nicht eingehender kennen, werde er halt immer der „Rat in a Cage Guy“ bleiben; damit müsse man seinen Frieden schließen. 

    Bei Patti Smith rechnet man ja mit so einigem, und nachdem sie seit ihrem letzten Berliner Besuch Ende 2023 Charlotte Day Wilsons Work in ihr reguläres Programm aufgenommen hat, überraschte sie gestern mit der Premiere von Bullet with Butterfly Wings von … den Smashing Pumpkins. Mit der berühmten Textzeile „Despite all my rage I’m still just a rat in cage“. (Auf der Setlist stand der Song offenbar sogar als „Rat“.) Es gab ein, zwei falsche Starts, erklärtermaßen weil es wirklich der erste Versuch war, Patti Smith las den Text zuerst ab und fragte nach dem ersten falschen Einstieg Bassist Tony Shanahan um Rat, aber dann kamen sie und die Band gut rein, und auch wenn es sich auch noch ein bisschen unsicher anfühlte, meinte sie hinterher, vor 50 Jahren sei sie vor 75 oder 100 Leuten aufgetreten, wenn sie mal einen Song ausprobiert habe — nicht wie heute vor so vielen Tausenden. Sie werde die Energie und Unterstützung des Publikums mitnehmen, den Song auch zukünftig ins Programm zu nehmen. Das Publikum war überhaupt enorm auf ihrer Wellenlänge — viele sehr junge Menschen, einige ältere… so ganz anders als z.B. vor bald 25 Jahren, als ich sie auf der Museumsinsel sah, damals auch ein viel kleineres Konzert, bei dem sie, damals Anfang-Mitte 50, auch noch deutlich wilder mit der Gitarre rockte. Damals bestand das Publikum aus sehr vielen anscheinend lesbischen Paaren und vereinzelten Kennern. Heute, mit Ende 70, tritt sie in allen Ländern vor fünf- bis zehntausend Leuten auf, und dabei gelingt es ihr wie kaum jemandem, die Brücke von verbindendem Hymnen wie People have the Power und Because the Night mit der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts zu verbinden. Da trägt sie mal ein Gedicht vor, erzählt von der Autoindustrie im Detroit in ihrer Kindheit, schickt Grüße an Ginsberg, Burroughs und Johnny Cash, fordert die Menschen dazu auf, für ihre Freiheit einzustehen und das Territorium der Native Americans zu würdigen (Ghost Dance) und interpretiert allabendlich Songs von jüngeren und älteren Songwritern. 

    Da in Berlin auch Work wieder in der Setlist war, sowie außerdem Steve Earles Transcendental Blues, musste das gestrige Programm leider ohne eine ihrer stets tollen Dylan-Interpretationen auskommen. In Hamburg zwei Tage zuvor hatte sie sowohl Man in a long black Coat als auch One too many Mornings geboten, auf der 2023er Tour mit viel Feuer All along the Watchtower. Dafür gab’s gestern auch noch Cash vom 2004er Album Trampin’, laut eigener Aussage für Johnny Cash (†2003) und George Bataille geschrieben.

    Und auch sonst gab’s so manche Hommage, etwa Spell (Footnote to Howl) zum bald anstehenden Hundertsten ihres „old pal“ Allen Ginsberg, wie 1959 (über die Detroiter Autos und die chinesische Invasion in Tibet und die Flucht ins Exil des jungen Dalai Lama)[1] vom großen Album Peace and Noise (1997). Wie immer auch das 1978 für ihren damaligen „boyfriend“ Fred und Vater ihres Gitarristen Jackson Smith geschriebene Because the Night sowie zum Abschluss die Empowerment-Hymne People have the Power, 1986 mit Ehemann Fred „Sonic“ Smith geschrieben, dessen Tod sie wiederum in Beneath the Southern Cross (1996) aufgreift, live als leidenschaftliches Carpe Diem ausgebaut und dargeboten – nachdem sie zu Beginn zwei Mal ihre Melodie auf der Akustikgitarre verhaut.

    Ein sehr vielseitiges Programm von Stücken aus ihrer ganzen Karriere, mit Liedern von fast jedem ihrer Alben (ausnahmsweise diesmal nur kein Stück von Gung Ho). Eine Kollektion mit den seit dem letzten regulären Album 2012 angehäuften Cover-Songs wäre eigentlich ein wunderbares Geschenk nach dieser Tour. Am Ende waren alle offenkundig begeistert. Beeindruckend, wie es ihr gelingt, als Künstlerin zu so vielen Menschen verschiedener Generationen zu sprechen – und mit welcher Energie.

    Foto von Tony Shanahan

    (Hier reflektiert sie über ihren aktuellen Berlin-Besuch und das Konzert.)