Die Welt des Begehrens von Bodo Kirchhoff

„Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“, so lautet der bemerkenswerte Titel , von dem ich sofort dachte, hoffentlich ist er nicht besser als der gesamte neue Roman von Kirchhoff. Der Einstieg war etwas schleppend, eher ungewohnt für seine Erzählweise, die mich ansonsten bei jedem Buch sofort sogartig ins Geschehen brachte. Vom Literarischen Quartett wurde sein neues Werk auch wegen dem holprigen Anfang schlecht bewertet, allein Thea Dorn sprach von Mut beim Schreiben übers Schreiben. Ja, so war die andere Kritik, es ist zu akademisch, zu intellektuell und zu detailverliebt. Dem würde ich nur dem „detailverliebt“ zustimmen und die beiden anderen Attribute mit der Welt von Bodo Kirchhoff erklären. Für das Arbeitermilieu, sagt man das überhaupt noch, ich mag den Ausdruck Prekariat nicht, hat er mal gekämpft, er war gegen den Krieg, sogar Pazifist, was Habermas nie war. Er hat sich mit den französischen Philosophen beschäftigt, da kennt er sich gut aus, mit der Psychoanalyse und dem aktuellen politischen Zeitgeschehen. Dieses Wissen benutzt er in seinem neuen Buch als „Isoliermasse“, um die eigentliche Erzählung: ein Ehemann verliert seine Frau und versucht sie zurückzugewinnen, zu polstern. Er begehrt sie immer noch, ob wohl sie mit anderen Männern unterwegs ist, vor allem sexuell.Bodo Kirchhoff ist für mich der deutsche Schriftsteller, der brillant über Sexualität schreiben kann.

Nie geht ein Ausdruck ins Anrüchige oder Ordinäre, er beschreibt mit Sinnlichkeit, mit Erotik, mit Zartheit, mit Bedacht in der Wortwahl, das ist schon sehr gekonnt. Im Literarischen Quartett wurde eine Sexszene, sie will nicht, er will, als Vergewaltigung verstanden. Ich habe das nicht so gelesen. Es ist eine sehr erwachsene, reife Beziehung zwischen den Eheleuten, die sich schon lange in ihrer Sexualität auskennen, wo sich der Mann noch zuhause fühlt und die Ehefrau schon ausgezogen ist. Die erotischen Szenen, die seine Nochfrau mit einem Inder, der etwas Deutsch kann, weil seine Mutter ebenfalls aus dem Schwarzwald kommt, wie die Protagonistin, sind liebevoll, immer an der Liebe zweifelnd beschrieben. Aus der sich auflösenden Ehe gibt es eine Tochter, die sich ausgerechnet in einen Major verliebt. Das ist eventuell eine gelungene Idee, die den Bezug zu der Beschäftigung des Vaters mit dem Thema „eine Welt ohne Waffen“ herstellt. Diese Szenerie hat den Gestalten vom Literarischen Quartett gefallen, mir eher nicht, ich fand sie zu steif, zu bieder, fast konservativ. Dass sich die Mutter mit Phantasien über das Sexleben ihrer Tochter mit diesem Major Gedanken macht, fand ich unnötig, im Gegensatz zu dem analytischen Erzählen von Kirchhoff über die totale Kommunikation zwischen Liebe, Sex und Geist, die sie mit einem Liebhaber erlebt hat, das ist grossartig beschrieben. Der Tod ihres Liebhabers bringt die Eheleute noch einmal zusammen, sie weiss genau, das es zu Ende ist, während ihr Mann noch im Unbefreiten dümpelt. Solch ein Beziehungsauseinanderfallen nicht kitschig oder tränenreich beschreiben zu können, ist bei Kirchhoff wirklich meisterhaft geschrieben.

Ich empfehle den Roman, auch weil er mein Wissen seit Studentenzeiten auffrischt.

(L.N.)

3 Kommentare

  • Martina Weber

    Super, dass du dein privates Exemplar fotografiert hast und nicht ein Cover aus dem Internet postest!

    Von Bodo Kirchhoff habe ich vor 20 bis 25 Jahren einen umfangreichen Roman gelesen. Möglicherweise „Parlando“. War auf jeden Fall spannend und gut geschrieben. Ungefähr in der Zeit hatte Bodo Kirchhoff auch einen Auftritt im Literarischen Colloquium Berlin, was im Deutschlandfunk übertragen wurde. Vielleicht war es auch eine andere, lange Sendung, aber ich meine, es war das LCB. Sehr genau erinnere ich mich an eine Aussage, die etwa so ging: Er, Kirchhoff, hätte sich bewusst dafür entschieden, beruflich etwas zu machen, bei dem er sich jahrelang mit einem Thema beschäftigen kann, sehr intensiv und ohne Zeitdruck, nicht wie ein Redakteur einer Radiosendung eine Sendung nach der anderen abarbeitet. Da schwang schon etwas Aggression mit, so etwas gegenüber einem Radiomoderator zu äußern.

    Das Thema, ob der Sex freiwillig war oder nicht, ist auch zentral in Kirchhoffs Drehbuch „Die Konferenz“. Der Film spielt fast ausschließlich in der Schulbibliothek eines fiktiven Frankfurter Gymnasiums, während es zu schneien beginnt diskutiert ein Teil des Kollegiums über die Bewertung eines Vorfalls eines Schülers und einer Schülerin: Vergewaltigung oder nicht. Ich habe den Film damals auf Videokassette aufgenommen und schaue ihn gelegentlich, wenn es schneit. Man sollte auch Pizza dazu essen. Grandiose Schauspielerinnen und Schauspieler. „Die Konferenz“ scheint es nicht auf DVD zu geben, was sehr schade ist.

  • Lajla

    Den Film kenne ich garnicht.
    Vielleicht hat der Radiomann was Ungünstiges gesagt, auf das Kirchhoff so reagiert hat. Ich habe ihn mehrmals bei Lesungen erlebt. Wehe ein Gast kam zu spät oder wollte auf die Toilette. Er unterbrach dann die Lesung. Auch ich stieß zweimal mit ihm unangenehm zusammen. Einmal passte ihm meine Frage nicht, das andere Mal, das war in Dresden – es waren nur wenige Zuhörer gekommen. Ich sagte ihm, dass ich in meinem Institut viel Werbung für ihn gemacht hätte, er sei wenig bekannt im Osten. Er antwortete irgendwas Mürrisches. A bit of Mimosequeen😅

  • Martina Weber

    Nein, der Angriff kam grundlos. Es war bei der Diskussion im Radio auch eine Literaturkritikerin dabei, die völlig aus dem Häuschen vor Begeistertung über ein Frühwerk von Kirchhoff war. Ich glaube, es war eine Novelle. „Die Konferenz“ ist ein großartiger und sehr raffinierter Film. Sehr vielschichtig. Da ist einiges unausgesprochen, worüber man diskutieren kann. Senta Berger spielt die Schuldirektorin. Hier ist die Wikipediaseite, auch mit den Namen der anderen Schauspielerinnen und Schauspielern etc.:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Konferenz

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