Tagesausflug nach Hamburg
Tagesausflug nach Hamburg, anlässlich eines Solokonzerts von Brad Mehldau in der Elbphilharmonie, im Rahmen des mehrtägigen „Reflektor“-Programms, vier oder fünf Tage lang Mehldau-Konzerte und andere Veranstaltungen. Die Karte hatte ich schon vor fast einem Jahr gekauft, speziell weil auf dem Programm eigentlich „Improvisationen“ stand; und da ich Mehldau noch nie solo auf der Bühne erlebt habe, seine vielen improvisierten Solo-CDs, besonders auch die Konzertalben, aber stets ganz hervorragend sind, musste ich diese Gelegenheit einfach wahrnehmen.



Solche Tagestrips nach Hamburg sind immer ganz schön; mit dem Flix-Bus oder -Zug kostet das fast nichts, und die günstigen Elbphilharmonie-Karten sind auch auch im großen Saal eigentlich immer gut; da gibt’s nichts zu bemängeln; Sicht und Klang sind auch vorne im A-Block für die Superreichen nicht wesentlich besser. Die Berliner Philharmonie, neben der ich wohne, sollte sich von der Hamburger Preispolitik mal eine Scheibe abschneiden.
Vor zwei Tagen dann eine Infomail:
„Bitte beachten Sie: Brad Mehldau hat das Programm seines Solo-Konzerts angepasst. Er spielt nun insgesamt vier Eigenkompositionen (ursprünglich waren für nach der Pause »Improvisationen« angekündigt).“
PROGRAMM
Brad Mehldau
Fantasy for Piano
Fourteen Reveries
– Pause –
Brad Mehldau
L.A. Pastorale
April 2020
Mehldaus etwas zu nette, gleichwohl ein wenig angestrengte „Neo-Klassik“-Kompositionen zählen leider größtenteils nicht zu den Höhepunkten im seinem Schaffen, und so war das Programm dann erwartungsgemäß nicht ganz so toll, wie ich mir das beim Kartenkauf erhofft hatte. Aber was soll man machen? Immerhin ist es Brad Mehldau. Ich dachte kurz dran, dass ich andere Klavier-Impro-Meister wie Jarrett nie live erleben durfte; da will man dann auch nicht meckern. Mehldaus Meisterschaft liegt vor allem im freien Neu- und Uminterpretieren von bekanntem Material aus allen möglichen Stilen und Genres, wie viele seiner Alben und zuletzt das Triokonzert, das ich vor wenigen Jahren im Konzerthaus Berlin besuchte, wieder belegt hatte. Und so waren dann auch die Zugaben – nach dem knapp zweistündigen Hauptprogramm – der Höhepunkt des Abends. Ich war sicher nicht allein mit der Ansicht, dass ein ganzes Programm dieser Art zweifelsfrei toll gewesen wäre – auch wenn sich zwischen den vielen recht leisen und zurückhaltenden Stücken auch zwei, drei flottere versteckten.
Nur: Dieses entsetzliche Gehuste immer! Da spielt der Mann schon so leise, und dann wird das den ganzen Abend über von allen Seiten rücksichtslos zugehustet. Entsetzlich.
Die Zugaben, von der Elbphilharmonie-Webseite zitiert, Classic Mehldau:
Bob Telson Calling You
Brian Wilson God only knows
Nick Drake Things behind the Sun
Oscar Levant Blame it on my Youth
Der Hamburg-Tagesausflug bot ansonsten eine sehenswerte, umfangreiche Ausstellung im Gegenwarts-Haus („Hier ist die Gegenwart“), inkl. 1996 fest eingerichteter Werke etwa von Richard Serra; dort stieß ich unerwarteter Weise auf Caspar David Friedrichs Wandersmann über den Wolken. Überhaupt ist das Kunstmuseum ein Kessel Buntes. Ein Raum Weimarer-Republik-Malerei war auch ganz spannend, gerade im Jahr 2026, mit Blick auf die Vorstellungen der Regierung unter Trump und der AfD-Klientel.

Und dann in den Deichtorhallen die angeblich erste – europaweit erste? – Einzelausstellung mit Fotografien von Philip Montgomery, „American Cycles“. Hervorragend, die so in diesem Umfang und dieser Größe und erstaunlichen Qualität der Abzüge, nebst umfangreichem Textmaterial zu sehen. Ein Glücksfall. Und so up to date wie selten im Museumskontext, chapeau! Kann ich nur nachdrücklich empfehlen. Wer’s bis Mitte Mai nicht in die Ausstellung schafft, möge sich immerhin den Fotoband „American Mirror“ besorgen; auch da gibt’s wertvolle Textbeiträge.



»I’m very interested in getting at the truth and or a semblance of the truth. And I think right now, more than ever, the truth that exists within my photographs is really important given our current moment.« – Philip Montgomery