Die Verweigerung des amerikanischen Traums (Teil 5): (k)night moves

„Die heiße Spur“, so lautet der Titel des Films in deutscher Übersetzung und ist damit weit entfernt von der Raffinesse des Originals. „Night Moves“ unter der Regie von Arthur Penn, einer der späten Filme des „New Hollywood“, kam 1975 in die Kinos. Nachtbewegungen, Nachtaktivitäten. Das klingt im Deutschen natürlich auch nicht und vor allem ist nur der Originaltitel in der Lage, die „knight moves“ anklingen zu lassen und so die Filmhandlung in Verbindung mit einem Schachspiel, konkret den Bewegungen des Springers, zu bringen. Moseby, Privatdetektiv in Los Angeles – es dürfte eine der besten Rollen von Gene Hackman gewesen sein –, erhält den Auftrag, die 16-jährige Tochter einer ehemals mittelmäßigen Schauspielerin zu finden und sie zu ihrer Mutter zu bringen. Moseby war früher Football-Spieler; der Beruf des Privatdetektivs genießt nirgendwo Ansehen, ständig fallen Bemerkungen, wie schäbig es sei, sich für Geld in fremde Angelegenheiten einzumischen, was sich auf das Selbstbewusstsein Mosebys auswirkt. Vielleicht findet er im Schachspielen ohne menschlichen Partner eher seine Erfüllung. Im Auto, in Warteposition, hat er immer ein Schachbrett dabei. Während Moseby ein Weltmeister-Schachtournier aus dem Jahr 1922 nachspielt, wird ihm klar, dass der damalige Verlierer etwas übersehen hat und mit drei Zügen seines Springers hätte gewinnen können. „And three little knight moves“, so erklärt er es einer Frau in Florida, die, als er sie antrifft, eine Wollmütze trägt, und die die Mütze irgendwann unter seinen Blicken abstreift, in einer Geste, als würde sie sich entkleiden. Und er ergänzt: „But he didn’t see it. Must have regretted it every day of his life. I know I would have.“ Wie der Schachspieler übersieht auch Moseby so einiges: immer wieder auftauchende Figuren, unangemessene Verhaltensweisen und rätselhafte Zufälle. Er bringt die Elemente nicht zusammen, weil ihm der Knoten, der die Fäden verbindet, fehlt. Denen, die den Film zum ersten Mal schauen, geht es natürlich genauso. Hinzu kommt: Die Bündnisse, die eingegangen werden, wechseln schnell und unvorhersehbar. Scheinbare Ziele sind nicht die wahren. Jederzeit kann alles kippen, die Ungewissheit ist fundamental. „Night Moves“ spiegelt damit auch das Psychogramm einer von Kriegen, Krisen und Attentaten traumatisierten Nation. Das neue Selbstbewusstsein der Frauen macht Männern ihre traditionelle Rolle streitig. Bestimmen geht jetzt nicht mehr, es muss verhandelt werden. Mit Jennifer Warren, Susan Clark und Melanie Griffith geben drei starke Frauen dem Film eine Prägung. Die Dialoge sind ungewöhnlich, raffiniert und von einem klugen Humor. Auch der Zeitgeist mit seinen Interessengebieten spiegelt sich darin. Moseby versucht, die 16-Jährige, die schreiend aus einem Alptraum erwachte, zu trösten, er klopft sanft auf ihr Schulterblatt, und sie sagt:
I like being patted like that. It’s supposed to remind you before you were born, your mother’s heart beating on your back. Do you think you can remember back that far?
Morseby entgegnet: Listen, Delly, I know it doesn’t make much sense when you’re 16, but don’t worry, when you get to be 40, it isn’t any better.
Beide lachen. Die Stimmung hat sich verändert.
In „Night Moves“ scheint trotz des Titels meistens die Sonne, das Licht fällt grell, die Temperaturen sind angenehm, die Autos sperrig und die Musik von Michael Small trägt zur entspannten Stimmung bei. Auch der Filmbusiness spielt eine Rolle und es gibt eine Anspielung auf die Highway-Szene in Hitchcocks „North by Northwest“. Ein optisches Motiv erscheint gelegentlich wieder: geschliffene Gläser in der Größe eines runden Flurspiegels an Fenstern, die den Blick nach außen in einer Verkleinerung zeigen, so dass man in eine Art Beobachtungsposition gerät. Man sieht ein paar Dinge dadurch vielleicht etwas anders, aber wirklich hilfreich ist diese Technik nicht. Dies kann man auch als Kommentar zur Rolle des Privatdetektivs lesen, jedenfalls in diesem Film.

21 Kommentare
flowworker
Gene Hackman lieferte immer ab. Ein grosser Schauspieler. Mein persönlicher Favorit French Connection. Als Teenager gesehen, grosse Wucht. Aber auch Die Firma und viele andere wie der von dir vorgestellte. (m.e.)
Martina Weber
Nicht zu vergessen „The Conversation“ von Francis Ford Coppola. Unvergesslich die Schlussszene mit dem Saxophon in der zerstörten Wohnung.
ijb
Dazu passt ja hervorragend dieses Bild, das ich gestern Abend aus dem Auto heraus gemacht habe:
Ich wusste in dem Moment nicht, warum ich das festhalte, aber da ich nun deinen Text lese, habe ich eine Antwort.
Martina Weber
C. G. Jung würde es als Synchronizität bezeichnen 🙂
In welchem Bundesstaat befindet sich denn das Schild?
ijb
Das war auf dem Weg zum Flughafen „John F Kennedy“ in New York, Stadtteil Queens. Ich kann dir sogar ganz genau sagen, an welcher Straße; ich bin da entlang gefahren, weil ich noch einmal volltanken musste und noch eine Ladung Bagels aus einem Deli als Mitbringsel kaufen wollte.
Bei GuglMaps sieht man die Schilder sogar auch; sie hingen da also schon im September 2024:
https://maps.app.goo.gl/Sy9gB4qhsUvQntut6 (korrigierter Link, deckt sich nun mit meiner Aufnahme aus dem Auto heraus, als ich an der Ampel wartete).
Thomas
Das Scheinen der Sonne täuscht nicht drüber hinweg, dass Night Moves einer der dunkelsten und verstörensten Filme der 70er Jahre ist. Der Held ist ein Narr, der viel zu spät kapiert, was los ist, die Figuren sind nicht das, was sie scheinen. Die Orientierungslosigkeit gipfelt in den enigmatischen Bildern am Ende, ebenso bewegend wie die Schlußszene von The Conversation.
Dennoch gibt es trockenen Humor in Night Moves. Der bekannte Dialog zu Beginn als Gene Hackman seiner Frau erklärt: „I saw a Rohmer film once. It was like watching paint dry.“
Da ist was dran…
Martina Weber
Yep. Wobei ich nie einen Rohmer-Film gesehen habe. Bemerkenswert auch die Frage der Frau mit der Wollmütze an Moseby, wo er war, als Kennedy ermordet wurde, womit sie einerseits am nationalen Trauma anknüpft und andererseits eine Antwort auf die von Moseby gestellte Frage umgeht, also ablenkt. Für meine Serie zur Verweigerung des amerikanischen Traums habe ich bereits weitere verstörende Filme ausgewählt.
flowworker
Kaum vorstellbar, dass du nie einen Rohmer Film gesehen hast, Martina. Sie waren auch im fernsehen, und in den Programmkinos der Welt sehr präsent. Pauline am Strand und so viele andere. Und, ich täusche mich gerne, aber Rohmer Filme sind bestimmt deine Tasse Tee. 😉 … zumal viele, die das kino von Jacques Rivette mögen, auxh so manche Rohmer Film lieben. Beide fangen die leisen Töne ein, die Magie des Alltäglichen, und es kann absolut magisch sein, der Farbe beim Trocknen zuzuschauen.
Der Regisseur Mikhael Hers (an dem Namen muss ich noch üben) kennt sicher seinen Rohmer, denn das Beste dieser alten Filme von Eric hat Spuren hinterlassen in seinen beiden grossartig-subtilen Filme „Amanda“ und „Passagiere der Nacht“. Thomas, als Freund der Go Betweens, don’t miss Amanda.
m.e.
flowworker
Best of Eric Rohmer auf 10 dvds für 49,90 Euro, eine immer nich erhälliche Arthaus Edition. Bei mir war es so, dass ich bei einem Fil wie Claires Knie nicht mitschwingen konnte, aber, in bestimmten Stimmungen, bei vielen anderen schon…. hier der Indotext zur 10 DVD Box, die sicher für manchen, der dies liest, eine willkommene Anregung sein wird 😉
Diese erstmalig zusammengestellte Gesamtedition aus dem Werk des französischen Regisseurs Eric Rohmer, bietet eine Auswahl von zehn vielfach ausgezeichneten und hochkarätig besetzten Filmen.
Neben François Truffaut, Jean-Luc Godard und Jacques Rivette gilt Eric Rohmer als einer der bedeutendsten Vertreter der französischen Nouvelle Vague. Liebe als intellektuell anregendes Spiel ist das zentrale Thema seiner Filme. Rohmers Charaktere sind widersprüchlich, nuanciert und auf ihre eigene Weise sympathisch. Der scheinbaren Einfachheit seiner Inszenierungen steht eine präzise Auseinandersetzung mit dem menschenlichen Dasein und psychologischen Mechanismen gegenüber. Beides verleiht Rohmers Filmen eine faszinierende Zeitlosigkeit.
Die zehn Filme reichen von seinem Debütfilm „Im Zeichen des Löwen“ über „Meine Nacht bei Maud“ aus dem Moralischen Zyklus und „Pauline am Strand“ aus dem Zyklus Komödien und Sprichwörter bis hin zu „Sommer“ aus den Erzählungen der vier Jahreszeiten.
Die Edition enthält zehn Filme aus insgesamt fast 40 Schaffensjahren Eric Rohmers:
„Im Zeichen des Löwen“
Der Amerikaner Pierre Wesserin lebt in Paris unbekümmert in den Tag hinein. Obwohl als Musiker erfolglos, macht er sich keine Sorgen um die Zukunft, da er fest mit einer Erbschaft rechnet. Als diese zu seiner Überraschung jedoch nicht ihm, sondern seinem Cousin zufällt, scheint Pierres gesellschaftlicher Abstieg unaufhaltsam.
„Die Sammlerin“
Der Kunsthändler Adrien verbringt den Sommer mit seinem Freund Daniel in einer Villa an der französischen Riviera. Das Haus teilen sie sich mit der jungen Haydée, deren Hobby es ist, Männer zu verführen. Sie angelt sich einen Liebhaber nach dem anderen. Adrien ist fest entschlossen, keins ihrer Sammelobjekte zu werden, doch das ist gar nicht so einfach…
„Meine Nacht bei Maud“
Jean-Louis – seit einiger Zeit streng gläubiger Katholik – denkt ans Heiraten. In der jungen, blonden Frau, die regelmäßig am Gottesdienst teilnimmt, glaubt er auch bereits die richtige Kandidatin dafür gefunden zu haben. Allerdings ergab sich bisher noch nicht die Gelegenheit, mit ihr in Kontakt zu treten. Als er überraschend auf seinen Jugendfreund Vidal trifft, macht ihn dieser mit der attraktiven Kinderärztin Maud bekannt. Witterungsbedingt muss er die Nacht bei ihr verbringen, in der sie versucht, ihn zu verführen. Jean-Louis moralische Ansprüche an sich selbst werden auf eine harte Probe gestellt…
„Claires Knie“
Der 35-jährige Diplomat Jérôme steht kurz vor der Hochzeit und verbringt seinen Urlaub in den französischen Alpen, am See von Annecy. Dort trifft er nicht nur auf seine ehemalige Geliebte Aurora, sondern macht auch die Bekanntschaft zweier jugendlicher Halbschwestern. Besonders die 17-jährige Claire hat es ihm angetan. Jérôme wird von einem fast zwanghaften Begehren beherrscht, ihr Knie berühren zu dürfen…
„Liebe am Nachmittag“
Eigentlich ist Frédéric glücklich verheiratet. Seine Frau Hélène erwartet ihr zweites Kind, und auch wenn er hin und wieder von anderen Frauen träumt, glaubt er fest an seine Ehe. Dann jedoch erscheint völlig unerwartet Frédérics Ex-Freundin Chloé auf der Suche nach einem Job in seinem Büro. Chloé lebt in den Tag und genießt ihre Freiheit. Wider Willen verwickelt sich Frédéric in eine Affäre und stürzt in eine tiefe Sinnkrise: Plötzlich erscheint ihm seine perfekte Ehe immer fragwürdiger…
„Pauline am Strand“
Die 15-jährige Pauline verbringt ihre Ferien mit ihrer älteren Cousine Marion an der Atlantikküste. Die attraktive Marion hat gerade eine gescheiterte Ehe hinter sich, hofft aber weiterhin auf die große Liebe. Pauline dagegen will endlich ihre ersten Erfahrungen mit Männern machen. Diese lassen nicht lange auf sich warten und bald ist sie hin und her gerissen und verwickelt sich und alle Beteiligten in ein Verwirrspiel aus Liebe, Lust und Leidenschaft, bei dem Moralvorstellungen gelegentlich zu kurz kommen…
„Das grüne Leuchten“
Weil der gemeinsame Urlaub mir ihrer Freundin kurzfristig ins Wasser gefallen ist, begibt sich die Pariser Sekretärin Delphine allein auf Reisen. Doch ob in der Normandie, in Paris oder in den Bergen – Delphine fühlt sich überall einsam. Erst als ihr am letzten Ferientag in Biarritz ein junger Mann begegnet, scheint sich das Blatt endlich zu wenden. Mit ihm erlebt sie beim Sonnenuntergang das „grüne Leuchten“…
„Der Freund meiner Freundin“
Obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, freunden sich die schüchterne Kulturreferentin Blanche und die selbstbewusste Studentin Lea gleich bei ihrer ersten Begegnung an. Eines Tages lernt Blanche Fabien, den Freund ihrer neuen Freundin, kennen. Schnell wird klar, dass die beiden sehr viel gemeinsam haben. Während Lea allein Urlaub macht, kommen sich Blanche und Fabien näher. Als Lea dann auch noch dem schönen Alexandre begegnet, zeichnen sich völlig neue emotionale Konstellationen ab…
„Wintermärchen“
Charles und Felice erleben eine zauberhafte, sinnliche Urlaubsromanze, doch aufgrund eines Versehens beim Austausch der Adressen verlieren sich die beiden aus den Augen. Fünf Jahre später, im winterlichen Paris, hat Felice von Charles nichts weiter als eine Tochter und sehnsüchtige Erinnerungen. Zwar hält sie sich mir ihrem Chef Maxence und dem Bibliothekar Loic gleich zwei Liebhaber, doch ihr wahres Glück scheint unwiederbringlich verloren. Als Maxence ihr einen Heiratsantrag macht, muss Felice sich endlich entscheiden…
„Sommer“
Auch die Sommer-Erzählung handelt von einer bzw. drei Urlaubsromanzen: Der schüchterne Mathematikstudent Gaspard verbringt seinen Urlaub in der Bretagne und wartet eigentlich auf seine Freundin Lena. Doch dann begegnen ihm zwei andere Frauen, die ihn ebenso faszinieren. Für Gaspard wird es zunehmend schwer, sich wirklich auf eine der drei einzulassen.
flowworker
@ Ingo: zu gerne würde ich erfahren, wie man Fotos bei den comments postet.
Thomas
Ich empfehle zum Einstieg in die Welt Rohmers „Pauline m Strand“. Rohmers Filme sind literarisch und alltäglich zugleich, selten dramatisch (daher der Farbe-trocknen- Vergleich). Den Dialogen kann ich stundenlang folgen. Mein Frankreichbild ist stark von Rohmer beeinflusst: Junge Menschen, die den ganzen Tag an schönen Schauplätzen (oft auf dem Land oder am Meer) über die Liebe und die Dinge des Lebens reden.
Michael, Deine beiden Filme sind im backlog 😅
Bin ebenso gespannt auf die Fortsetzung von Martinas Reihe 😌
Michael
Ich freue mich sicher nicht allein, dass um Ostern herum ein Rohmerianer unserem Club beitritt 😉 und bald gibt es eine Neuauflage von Michael am Strand… besser als jeder Syltkrimi 🙆♂️…mit dabei ein neues Album von Eivind Aarset und ein neuer Schottland Roman von Denise Mina.
Martina Weber
Oh, dann braucht es keine großen Sherlock-Fähigkeiten, um den Neuzugang zu erraten.
Tatsächlich beziehen sich einige New Hollywood-Filmemacher auf die Nouvelle vague. Monte Hellman hatte geäußert, die kleinen Gesten aus Rivettes „Paris gehört uns“, die man sonst aus einem Film herausschneidet, hätten ihn bei „Two-Lane-Blacktop“, worüber ich in meiner Serie auch schon schrieb, beeinflusst, also beispielsweise dass bei Rivette ständig Leute durch Türen gehen.
Den Geschmack anderer einzuschätzen, ist immer etwas tricky. Von Rivette hatte mich „Secret Defense“, worüber ich auf manafonistas schrieb, am meisten beeindruckt. Es stimmt zwar, dass ich Filme mag, bei denen auf der Handlungsebene nicht so viel passiert, jedenfalls keine Action; dafür soll jedoch das Wesentlicht auf einer untergründigen Ebene passieren. In „Secret Defense“ wird eine 18-minütige Bahnfahrt gezeigt, während der eine Menge auf dieser Ebene passiert. Das ist für mich Magie.
Thomas
Martina, bin gespannt, ob einer der drei Paranoia Thriller von Alan Pakula aus den Siebzigern in Deiner Serie besprochen wird, über Klute und Jane Fonda hatten Michael und ich einen kurzen Austausch letztens. 😅
ijb
@Flowworker
Fotos in die Kommentare ging bei Manafonistas irgendwie einfacher; ich muss es auch jedes Mal neu probieren, indem ich den vorherigen HTML-Code kopiere; und es gelingt mir nicht immer, die Größe des Bildes anzupassen.
@ Martina (u.a.)
„Secret Defense“ war für mich damals auch ein Augenöffner; es war wohl der erste Film, den ich von Rivette gesehen habe, zumal im Kino, damals mit meinem Vater, weil ich aus der Rezension heraus verstanden hatte, dass der Film spannend und an Hitchcock angelehnt wäre. Bei meinem Vater haben die drei Stunden dann nicht ganz so verfangen, sicher auch wegen Themen, Hauptfiguren, Erzählweise. Der klassische Hitchcock-Suspense findet sich bei Rivette natürlich eher in Referenzen und durch Ironie, wenn ich mich recht erinnere. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich den Film seither (also seit der Kinoauswertung in den Neunzigern) noch einmal gesehen habe. Aber einer Rivette-Retrospektive stünde ich sehr willkommend gegenüber; der Mann hat einige sehr eigenwillige, nachwirkende und auch sehr prägende Filme gemacht.
Von Pakula ist mir wohl vor allem „The Parallax View“ (im Deutschen hat er einen vollkommen anderen Titel) sehr nahe, auch weil da wahrscheinlich ein ganzes Genre geprägt wurde und diese Art von Erzählung bis heute nichts an Aktualität und Überzeugungskraft verloren hat – wahrscheinlich im Gegenteil sogar dazugewonnen hat. Auch den habe ich glücklicherweise irgendwann mal im Kino gesehen.
Diese Art von (Psycho- und Polt-)Thriller, wie „Secret Defense“ und „The Parallax View“ und auch „Night Moves“ war für mich einst enorm prägend, und in meiner Aufnahmeprüfung zum Regiestudium an der Filmakademie habe ich mich auf die Frage, welche Filme ich mir vorstelle, später einmal drehen zu wollen, tatsächlich konkret auf dieses Genre bezogen (neben dann auch Autorenfilm-Klassikern wie Bergman und Co.). Und immer wieder mal enke ich daran, dass ich irgendwann „vom Weg abgekommen bin“ und irgendwie gerne wieder auf diesen Weg zurückkäme.
ijb
PS: Rohmer war, das muss ich leider immer mal wieder zugeben, auch nie mein Lieblingsregisseur, kenne aber auch nur wenige seiner Filme. Aber mein Co-Autor Stephan, erwähnt Rohmer immer wieder und bezieht sich häufig auf sein Kino, und irgendwann muss ich das auch mal wieder neu überprüfen; mir scheint immer, Rohmers Kino ist eher für Fortgeschrittene, die die ganz besondere Einfachheit und Reduktion schätzen.
Da ich letztens mit Stephan ein nachmittagfüllendes Gespräch mit Dag Johan Haugerud (dem Goldenen-Bären-Gewibner aus dem vergangenen Jahr) geführt habe, der sich ebenfalls auf Rohmer bezieht, ist das eigentlich auch wieder ein Wink. In unserer automatischen Transkription des Gesprächs passiere eine lustige Begebenheit: Das die Sprache auf englisch eingestellt war, transkribierte die Software statt Eric Rohmer „Eddie Kramer“, und sowohl Stephan als auch ich haben das lange stehen lassen, weil wir jeweils dachte, der jeweils andere wisse schon, wer Eddie Kramer wäre; keiner hat es angemerkt, und dann beim letzten Durchgang meinte Stephan zu mir, er sei sich nicht sicher gewesen, er kenne „Eddie Kramer“ nicht so wirklich, er habe recherchiert, und das sei ein Musikproduzent, ich kenne ihn ja sicher, aber er habe keine Belege für dessen Filme finden können. Und dann hörte ich noch einmal in die Tonaufnahme rein – und stellte fest, dass Dag Johan Haugerud mit „Eddie Kramer“ in Wahrheit Eric Rohmer gemeint hatte. Zum Glück haben wir das vor der Abgabe noch bemerkt. 😀
Martina Weber
Gern könnt ihr auch Filmbesprechungen in die Reihe „Die Verweigerung des amerikanischen Traums“ als weitere Teile einflechten. Michael hat den Teil 2 geschrieben.
Hier die bisherigen Filme der Serie „Die Verweigerung des amerikanischen Traums“:
Teil 1: Two-Lane Blacktop
https://flowworker.org/2025/06/06/die-verweigerung-des-amerikanischen-traums-teil-1/
Teil 2: Medium Cool (von Michael)
https://flowworker.org/2025/06/10/die-verweigerung-des-amerikanischen-traums-teil-2/
Teil 3: Five Easy Pieces
https://flowworker.org/2025/06/11/die-verweigerung-des-amerikanischen-traums-teil-3/
Teil 4: Diary of a mad Housewife
https://flowworker.org/2025/07/09/die-verweigerung-des-amerikanischen-traums-teil-4/
@ Thomas (und die anderen): Filme von Alan Pakula habe ich für die Serie bisher nicht auf der Liste. Auf die Idee mit der Serie hat mich ein Interview mit Monte Hellman auf der DVD „Two-Lane Blacktop“ gebracht. Was als nächstes und übernächstes etc. auf meiner Liste steht, weiß ich schon, aber ich behalte es natürlich für mich 🙂
@ Ingo: Interessant, dass „Secret Defense“ und „Night Moves“ neben „Heat“ zu den für dich prägensten Filmen zählen. „Heat“ hatte ich vor einiger Zeit gesehen und einen comment zu deinem Blogtext darüber geschrieben.
Hier noch für die später Hinzugekommenen 😉 der Link zu meinem manafonistas-Text über „Secret Defense“ (im Sommer vor zwei Jahren sah ich den Film wieder, mit einer Freundin, im französischen Original und mit englischen Untertiteln). Der Titel lautet „Im Sog der Familienstruktur“:
https://www.manafonistas.de/2019/10/24/im-sog-der-familienstruktur/
ijb
Das ist ein guter Hinweis. Da das Thema „der Amerikanische Traum“ (und seine Verweigerung) für mich ja durchaus eine große Rolle spielt (so auch in dem Dokumentarfilm-Treatment, das ich vor ein paar Wochen erwähnt habe), werde ich mal schauen, ob ich da auch mal Filmbesprechungen beisteuern kann.
Ich hätte jetzt zwar nicht direkt Heat und die beiden genannten so nebeneinander als prägendste Filme jener Zeit für mich genannt (zumal Night Moves bei mir auch viel zu lange her ist), aber da ist in der Tat ein bisschen was dran. Heat (und Michael Manns Werk überhaupt) war sicher entscheidender, weil er das Genre und das Erzählen (speziell auch was Genregrenzen betrifft) transzendiert – aber es stimmt, dass Jaques Rivette mir damals, beginnend mit diesem Film, dann aber mindestens ebenso sehr, wenn nicht noch mehr, mit La Belle Noiseuse (Die schöne Querulantin, die vierstündige Originalfassung, keinesfalls die Kompromiss-Zweistundenversion) und noch ein paar weiteren Filmen ebenfalls einige Augen und Gedankenräume geöffnet hat.
Unter anderem spielt für mich eine große Rolle, dass diese Filme den als normal angesehenen, gewohnten Zeitrahmen von meist pluminus eineinhalb Stunden für eine stringente, klassisch zugängliche Erzählung aufbrechen, zugunsten von einer Filmkunst, die eben viel mehr ist als nur die „Story“. Mich ärgert es bis heute, wenn Leute die Qualität eines Films erst einmal und vor allem anderen an der Effizienz der „Story“ bzw. des Storytelling messen. Als würde man das mit guter Literatur ebenso handhaben. Oder als würde man sagen, Mahlers Sinfonien oder Stairway to Heaven von Led Zeppelin seien nicht effizienzt erzählt, verglichen denen von Mozart und Haydn oder mit Ticket to Ride von den Beatles.
Ich meinte oben eigentlich mehr, dass Filme wie die drei Beispiele für mich wichtig waren, um das Thriller-Genre als künstlerische Verbindung aus populärer Erzählkultur und Gesellschaftsanalyse oder -kommentar plus psychologisch komplexer Figurenzeichnung für mich schlagkräftig überzeugend zu machen. The Silence of the Lambs (u.a. wegen der vielschichtigen Gesellschaftsbeschreibung, auch was die Rolle der – von Jodie Foster verkörperten – Frau innerhalb der Polizei betrifft) und Seven würde ich da auch als wichtige Beispiele nennen. Jacques Rivette am einen Ende, David Fincher am anderen, sozusagen.
Michael Mann ist ja ein hervorragendes Beispiel für einen Autorenfilmer im populären (Genre-)Kino, bei dem der eigentliche „Plot“, der Handlungsdaen, also das, was gemeinhin mit „Story“ gemeint wird, zwar in sich sehr stimmig ist, aber dann immer doch noch sehr, sehr, viel mehr darüber erzählt wird, als in zahllosen vergleichbaren Filmen. Ich hoffe, dass er Heat 2, den er bisher nur als Roman veröffentlich hat, ncoh drehen wird; auch wenn sein letzter Film, Ferrari wirklich ausgesprochen mittelmäßig bis in vieler Hinsicht unterdurchschnittlich war.
Ja, deinen Kommentar zu Heat hatte ich gelesen; hat mich natürlich gefreut, wollte ich dir noch schreiben.
Thomas
Deine Ansichten zur Überbewertung von „effizienten“ Stories teile ich sehr.
Augenöffnend waren für mich drei Filme von Rivette in den Neunzigern: Die Viererbande (1990), Die schöne Querulantin (1992) sowie Vorsicht, zerbrechlich! (1996), ein wundervolles Musical um drei Frauen in Paris. Alle drei Filme haben wir soweit ich mich erinnere im Kino Endstation, Bahnhof Langendreer in Bochum gesehen, ein Pilgerort für Filminteressierte in diesen Jahren. Michael wird es kennen.
Zwischen den „sprechenden Stiileben“ von Rohmer und der Magie von Rivette konnte ich mich nie entscheiden, wobei die bessere Bilanz Rivette haben könnte, wer weiß 😅
1992 war ein beeindruckendes Jahr für französische Filme in deutschen Kinos: Neben Rivette, Ich küsse nicht von Téchiné, Carax‘ Die Liebenden von Pont Neuf, Rohmers Wintermärchen und Die siebente Saite von Corneau. Wow.
Den Bogen spannen könnte man auch von Rivette zu Julio Medem, sie sind Wahlverwandte in ihrem magischen Realismus…
Michael Engelbrecht
@ Thomas: schön, dass du bald zu den Flowies kommst! 😉
Ja, das Kino Endstation!
In einen anderen legendären Lichtspieltheater, dem Broadway in der Ehrenstrasse, sah ich, als er mit kaum mehr als einer Kopie in Deutschland zu sehen war, 1996, VORSICHT UERBRECHLICH von Jacques Rivette… zauberhaft! Jemamd schrieb zu dem Film, den ich zu gerne mal wiedersehen würde:
„Plötzlich hat man eine hauchzarte Vision davon, was Kino in den neunziger Jahren sein könnte: schlagfertig und ironisch wie Reed Stillwaters „Barcelona“, alltagsromantisch wie Rohmer, melodiös und lustig wie Jacques Demy, und was der Reverenzen mehr sind.“
Das Broadway war ein Superkino. Ich war mit Claudia M in dem Film und erinnere mich noch, wie charmant eine Studentin vor dem Gong auf die Bühne kam, dies und das ankündigte, und dann das von ihr verteilte Eiskonfekt von Langnese wegging wie warme Semmeln. Was man so alles an schönen Beiläufigkeiten erinnert! In jener Sommerzeit sahen wir auch eine bestens aufgelegte Laurie Anderson live im Opernhaus.
Rivette wae mir meist näher als Rohmer, aber in bestimmten Stimmungen kann ich mich noch heute in einige allerfeinste Rohmer Filme fallen lassen…
Michael Engelbrecht
EIN ALTER MANA TEXT VON 2013, remixed 2022
Damals waren die auffindbaren Filmkritiken noch nicht inflationär. Und ich gewöhnte mir rasch an, das, was ich über Filme meiner Lieblinge fand, im Vorfeld des Sehens nicht Wort für Wort aufzusaugen, ich huschte nur über einzelne Zeilen der Filmkritiken, die mir in der SZ begegneten, oder am Aushang des City-Kinos. Da stand dann zu lesen, was vorher mit der Schere ausgeschnitten oder fotokopiert wurde. Peter Buchka über Wenders, unvergesslich. Doch niemand sollte mir die Stories aufbereiten. Nie wollte ich der Erfüllungsgehilfe der Wahrnehmung eines anderen werden.
Und ich versuchte, Diskusionen über Filme zu vermeiden, deren Abspann gerade vorüber, und deren Bilder noch auf der Netzhaut brannten. Jacques Rivette zum Beispiel. Als Teenager waren die Filme von Claude Chabrol und Francois Truffaut heisser Stoff für mich: Chabrol liess die Fassaden des Bürgertums bröckeln, und Truffaut irrte mit Jean Pierre Leaud durch endlose Wirrungen des Eros. Früh in der Studentenzeit wurde aber Jacques Rivette mein ganz persönlcher „Held“ unter den Regisseuren der Nouvelle Vague. Er improvisierte mit seinen Darstellern in einem Paris fernab des kämpferischen Zeitgeists. Liebe, Verschwörung und andere Rätsel wurden zwar selten gelöst, doch stets in eine besondere Aura getaucht: die wunderbaren Hauptdarstellerinnen von „Celine und Julie fahren Boot“ bewegten sich voller Anmut, gleichzeitig im Stolperschritt, durch ihre Stadt: Alltag als Improvisation mit kleinen Geheimnissen.
Die Waffe der Rivette’schen Figuren war die Phantasie. John Surman und Barre Phillips spielen in einem anderen Werk (Merry-Go-Round) ihre Filmmusik vor der laufenden Kamera, statt sie später zu laufenden Bildern zu erfinden. Zu den Schlangenlinien des Surman’schen Saxofons huschten die Protagonisten anders durchs Bild, die Musik empfahl ein leicht verändertes Gehen, das mitunter einem Tanz nahe kam. Schon damals war immer von diesem opus magnum zu hören, dass kein Normalsterblicher je zu Gesicht bekommen hatte. „Out 1 – Noli me tangere“ ist 13 Stunden lang. Jede Menge sympathische Verrückte, freies Theater, ein Hauch von Balzac nach dem Mai 68, und eine liebevoll-verrückte Hommage an die „Stadt der Liebe“, selten war ein Blick auf den Alltag und seine kleinen Mysterien so reich an Verzweigungen, so nah an permanenter Träumerei!
Julio Cortazar sah sich einst im Quartier Latin jeden Rivette-Film an, der in den Kinos anlief. Und wie fühlte es sich an, sich damals an der Seine rumzutreiben? Man höre dazu Robert Wyatts Lied „Old Europe“. Ich nehme an, meine Beziehung zu Rivettes Filmen hat sich leicht gewandelt, obowohl ich noch vor Jahren in den Bann der „schönen Querulantin“ geriet, die 4-Stunden-Version natürlich. Alle Erinnerungen sind positiv aufgeladen, wir hatten unsere Zeit. Nicht wahr!? Oder fahren Celine und Julie immer noch Boot, und ich bin ein wenig in Bulle Ogier verliebt? Es sind die späten Siebziger Jahre in Würzburg, was und wann sonst, und ich lege eine schon ziemlich abgespielte Platte von Ralph Towner auf, „Diary“.