Heute Abend im Radio

„Benedicte is a unique musician with a vision. Her previous concert at Punkt was really beautiful. Her choice of musicians, especially that of Håkon Stene works beautifully alongside her playing the hardanger fiddle. The opening piece of Mirra has such a clear sense of place where you can almost feel the presence of the reindeer gathering at the Hardangervidda (Hardanger plateau). Perhaps a nod to Harold Budd’s „Plateaux of Mirror» ?“
Das schrieb mir Jan Bang gestern, zu Benedicte Maurseth, deren neues Album „Mirra“ heute Abend in den „Klanghorizonten“ des Deutschlandfunks um 21.05 Uhr ausgiebig vorgestellt wird. Die Stunde beginnt mit altem brasilianischen Flair, um dann weiterzuziehen ins Land der Rebriere, und in einen Ferienort an der englischen Ostküste, namens Yarmouth. Und sie endet (ein zweiter Abstecher zu „Mirra“) bei den Rentieren im riesigen Hardanger Hinterland und (radiotechnisch gesehen mit einer „Kreuzblende“) in einer versprengten Inselgruppe noch weiter nördlich, den Lofoten.

Richard Williams ist ja einer einer meiner Lieblingsjournalisten beim „Melody Maker“ in den Siebziger Jahren gewesen, und neugierig verfolge ich seinen Musikblog „The Blue Moment“, seine ruhigen, historisch fundierten Ausflüge durch die Musikhistorie. Der Mann lebte in London, als in den „wilden Jahren“ unendlich viel passierte. Einig sind wir uns bei den neuen Werken eines skandinavischen Quartetts um Arve Henriksen (ECM), und Amina Claudine Myers Solopianalbum (Red Hook). HIER Ingos Vorstellung dieser Red Hook-Produktion von Sun Chung.
Scott McNiece: Introduction and „Chicago Waves“
im Zentrum der Stunde dreht sich alles um International Anthem Rec., das mittlerweile sein elftes Jahr erlebt, und die Klanghorizonte seit Jahren mit spannenden Alben versorgt. Das Interview mit einem der Gründer, Scottie McNiece kam einen halben Tag zu spät, um noch Teil der Klanghorizonte zu werden. Dafür gibt es Scotts O-Töne in diesem Text, in denen er über Jeremiah Chiu & Marta Sofia Honer spricht, über eine Wiederveröffentlichung aus der Frühzeit des Labels von Carlos Niño & Miguel Atwood-Ferguson, über Ben LaMar Gays Musik, und über die Rolle der Musik in dunklen Zeiten!
Scott McNiece on the role of music
Scott McNiece on „Different Rooms“
P.S. „So I sat down in my electric cave with a small pile of new experimental music, and that afternoon I fell in love with the new album by Jeremiah and Marta Sofia. At first I was sceptical about the spherical and synthetic (Klingklang is what I call sounds that just dance pretty on the surface), but it didn’t take long for the first tipping point of perception, and I heard these other spaces and interstices, and the strange sensations that came with them. Pretty indescribable, so the ‘review’ ends here. „Different Rooms“. Wondrous music. Safe Journey.“ (M.E.)
17 Kommentare
radiohoerer
Wenn ich mir deine Playlist für heute Abend so anschaue, während zwei Stunden Sendezeit auch schon zu wenig.;)
Aber wir sind mittlerweile auch mit weniger zufrieden.
Amina Claudine Myers Solo-Release ist einfach toll, wie auch das Duo-Album mit Wadada Leo Smith. In Benedikte Maurseths neues Album muss ich noch reinhören. Das erscheint ja erst Ende August. Auf Aruán Ortiz bin sehr gespannt. Wie überhaupt Intakt dieses Jahr spannende Musik veröffentlicht hat. Das werden auf jeden Fall starke 55 Minuten.
flowworker
Resavoir & Matt Gold HORIZON (International Anthem)
Benedicte Maurseth MIRRA (Hubro)
David Boulter YARMOUTH (Clay Pipe Music)
Jeremiah Chiu & Marta Sofia Honer DIFFERENT ROOMS (International Anthem)
Miguel Atwood-Ferguson & Carlos Niño CHICAGO WAVES (International Anthem)
Ben LaMar Gay YOWZER (International Anthem)
Amina Claudine Myers: SOLACE OF THE MIND (Red Hook)
Henriksen Seim Jormin OunaskariARCANUM (ECM)
Benedicte Maurseth MIRRA (Hubro)
Cate Francesca Brooks LOFOTEN (Clay Pipe Music)
P. Hellmann
Wir werden live dabei sein.
Danke für diese Kommentare von einem der Chefs dieses ungewöhnlichen Labels!
Michael Engelbrecht nicht beim Punkt Festival – sehr schade! Aber danke auch für die private Benachrichtigung.
Different Rooms hat es schon zur Lieblingsplatte geschafft.
ijb
Hinweis aus gegebenem Anlass:
In Deutschland hat sich bei manchen Passanten irgendwie die falsche Grammatik eigebürgert, Lofoten wäre ein Plural…. so, als wäre eine Insel ein Lofot. Das ist aber genau so wenig richtig, wie Norwegen der Plural von Norweg wäre, Belgien der Plural von Belgi oder Skandinavien der Plural von Skandinavi.
Die Endung „-en“ ist, ebenso wie bei Norwegen, aber auch bei Hessen, Sachsen, Thüringen, Vesterålen usw. in vielen germanischen Sprachen der Artikel – so sagen die Norweger auch „festivalen“, wenn sie „das Festival“ meinen oder „Hurtigruten“, wenn sie von der „schnellen Route“ sprechen. Oder auch „i byen“ (von „by“ = die Stadt“) für „in der Stadt“. Auch die Städte Bergen oder Drammen werden im Deutschen ja nicht plötzlich zu den Bergen oder den Drammen… Lofoten ist im Germanischen, wie Hessen, Westfalen, Niedersachsen, Sachsen und in sehr vielen Ländern (Schweden, Italien, Argentinien, Rumänien, Skandinavien, Indien usw.), der Name der Region, und nicht die Mehrzahl eines einzelnen Lofots. Die Region hat diesen Namen wohl bekommen, weil sie auf der Landkarte die Form eines Luchsfußes hat.
Lustigerweise habe ich noch niemanden gehört, der sagte, er wohne in den Gelsenkirchen oder fahre im Urlaub in die Sardinien oder die Sizilien oder lebe in den Bayern. Ich sage daher immer: Wer auf die Lofoten fährt, sollte konsequenterweise auch sagen, dass Frankfurt in den Hessen liegt.
ijb
Vielleicht ist Aachen auch der Plural von Aach?
Diese „Different Rooms“-CD habe mittlerweile bekommen, stehe aber noch davor wie vor einem Rätsel… hab sie irgendwie (noch) nicht verstanden und hoffe auf eine Art Bedienungsanleitung.
Ja, auf Aruán Ortiz bin ich auch gespannt. Ich hab mehrere Alben von / mit ihm. Würde ihn gerne mal live in concert erleben.
radiohoerer
@IJB
„Bedienungsanleitung“ für Different Rooms?
Meine Kurzfassung: Ich habe reingehört und gehört und gehört = Entf Taste. Tschüß.
flowworker
Da gehen die Wahrnehmungen hier ja trefflich auseinander, bei Different Rooms. Das ist dann nicht so, dass die einen im Recht sind, und die anderen irren. Ich finde das Album, wie hier und da zu lesen, wunderbar. Ich denke, es landet bei meinen Top 12, in unmittelbarer Nachbarschaft von Arcanum und New Threads From The Soul. Ein anderer Blogbetreiber schrieb mir, YOWZERS habe ihn bislang nicht berührt. Ich brauchte das dritte Hören, da machte es klick. Mitunter klickt es halt nie. Mich berührt Different Rooms so tief wie MIRRA – Fakt. Die ganze Stunde beginnt tatsächlich mit dem, was ich ein Drei Sterne Album nenne, und manche sicher easy listening. HORIZON. Aber es hat etwas Spezielles. P.S. Das Duo Chiu / Hone spielt am 22. Dezember im Barbican Centre, London (Opening für Tortoise).
Stephan Kuntze / Zen Sounds: „Different Rooms is a cycle of collages that tends to get more interesting with each listen, as it’s uncovering its secrets slowly. It’s meticulously sequenced in the style of a palindrome, with motifs introduced at the beginning and revisited at the end, and a middle part of two long tracks at the end of Side A and the beginning of Side B that just brim over with creative ideas while never overwhelming the listener.“ in jenem Beitrag in Zen Sounds war Stephan gleichermassen fasziniert von den zwei neuen Alben von Mary Halvorson – und Amina Claudine Myers.
ijb
Diese Bedienungsanleitung von Stephan Kuntze finde ich schon mal recht gut und nützlich.
Toni
Hallo Michael,
das war eine wunderbare Stunde, die du uns präsentiert hast.
Sitze immer noch in meinem abgedunkelten Zimmer und lasse
die Sendung nachhallen.
Toni
P. Hellmann
Von Anfang bis Ende ein spannendes „Hörspiel“. Toll das Special zu International Anthem. Benedicte und die Lofoten-Musik werden bestellt! Hören wir bestimmt nochmal!
Michael Engelbrecht
@ Toni und Peter: so soll es Idealfall sein: eine Art „Hörspiel“, das nachhallt.
Trotz all der „different rooms“! Ich kenne den Raum gut, Toni: unvergesslich die Basssounds von Eberhard Weber darin! Was für ein schöner Ort zum Hören! Ch bekomme richtig Lust, „Chorus“ aufzulegen🪘
Ein kleiner Service für Freunde der Lofoten-Musik: Claypipe Music Chefin Frances meldet: Thanks so much to everyone who ordered Cate Brooks’ Lofoten. It’s been receiving some wonderful reviews in magazines like Electronic Sound, Shindig! and Moon Building. It’s also been great to hear all the possitive responses to the record on social media. The vinyl is sold out, but there are still a few CDs available on Bandcamp and Greedbag – however stock is running low.
Lorenz E.
Eine wunderbare Sendung und es fällt mir schwer etwas hervor zu heben.
Vielleicht haben mich Benedicte Maurseth, David Boulter, Ben LaMar Gay und Cate Francesca Brooks besonders berührt.
Olaf Westfeld
Ja, schließe mich an – ganz wunderbar! Der Hörspielfaktor war besonders hoch bei dieser kleinen Collage mit „luftigen Gedanken“ zu International Anthem, gesprochen über dem Nino Album (Chicago Waves?) – großes Ohrenkino, wie auch die imaginären Klanglandschaften von Clay Pipe Music, Amina Claudine Myers – eigentlich der Rest der Sendung…
flowworker
@ Olaf. Der Hörspielfaktor, das Wort übernehme ich. Wenn man so eine Stunde einfach auf sich wirken lässt, rücken all diese versch. Stile alias „different rooms“ im besten Falle nah aneinander, und dann hat man zu etwas, was einem eher fremd ist, ziemlich leichten Zugang. Hinzu kommen zwei Dinge die mir in einer Musiksendung abseits des Mainstreams sehr wichtig sind – neben Verständlichkeit und Sinnlichkeit der Sprache – und das seit meiner ersten Sendung 1989.
1) Storytelling: hier sind es etwa die Story über Benedicte und die Rentiere (sie erzählt sie selbst) oder die Story über die grossen Ferien des kleinen David. Oder was Cate Francesca nachts vor Jahren hörte, eine „sleeping story“ mit den Lofoten als Handlungsort.
2) Die Verknüpfungen der „Different Rooms“. Also verbindende Aspekte (inhaltlich oder psychoakustisch) zwischen zwei Stücken, egal wie weit entfernt sie voneinander sind, stilistisch. Ich liebe zB die Kreuzblende zwischen „Mirra“ und „Lofoten“ – Benedictes Album endet mit Stille und dann diversen Tiergeräuschen … in den Klanghorizonten unterlegte ich eine Passage von Rentierlauten mit dem Anfang eines Stücks von „Lofoten“. Fast unmerklich geht da ein neuer Raum auf. (Natürlich ist manchmal auch ein totaler Break gut zwischen zwei Stücken.)
Ich bin beim Gestalten einer Radiosendung auf entspannte Weise detailbesessen. Da fallen mir beim Nachhören auch Fehler auf. Es ist mir zB immer wichtig, mit dem Redakteur bestimmte Aussprachen durchzugehen. Da sind mir wahrscheinlich zwei Schnitzer unterlaufen, weil ich im Vorfeld versäumt hatte, das zu klären.
Einen verrate ich hier: Yarmouth wird nicht so ausgesprochen wie ich es in der Sendung tat, und dann sogar den Spreche ermutigte es auch so zu machen: es heisst nämlich: ‚jarmess, nicht jarmauss. 😉 … man denke an Plymouth, oder Bournemouth.
P.S. ich habe einfach mal als Zugabe zu der John Taylor Sendung in den MONTHLY REVELATIONS (RADIO) das Skript der Klanghorizonte gepostet.
Martina Weber
Oh super, danke für das Skript; das drucke ich aus. Ich war live dabei, aber drei Minuten zu spät, weil ich zurzeit die Pflanzen auf dem Balkon einer verreisten Freundin gieße und ich die Zeit, die ich dafür brauche, unterschätzt habe. Während der Sendung konnte ich einfach nur regungslos vor den Lautsprechern sitzen und zuhören, und ich kann mich nur dem anschließen, was die anderen auch schon geäußert haben. (Wieder einmal) hörspielartig, und ab und zu lief ein eigener Film im Innern ab, oder manchmal ganz erstaunliche eigene Bilder. Eine sehr ruhige, meditative und auch sehr poetische Sendung; auch die Moderationstexte waren ganz feine poetologische Statements. Als ich den Kindheitserforschungen von David Boulter lauschte, dachte ich an Kirmesbilder als Polaroids und dadurch kam ich heute auf die Fotografin Stefanie Schneider, die mit abgelaufenem Polaroidmaterial eine magische Bilderwelt aus dem Westen der USA erschafft. „Der Traum im Augenblick seiner Auflösung“ – unter diesem Titel habe ich vor Jahren auf manafonistas über diese Bilderwelten geschrieben, und ihr künstlerisches Vorgehen passt teilweise zur Methode einiger Musikstücke, denn es werden dieselben Fragen gestellt. Wo findet Wirklichkeit statt? Wie erinnern wir uns? Woher stammen die Bilder, die ins individuelle und ins kollektive Gedächtnis eingehen. HIER der Link!
ijb
„Es ist mir zB immer wichtig, mit dem Redakteur bestimmte Aussprachen durchzugehen. Da sind mir wahrscheinlich zwei Schnitzer unterlaufen, weil ich im Vorfeld versäumt hatte, das zu klären.“
Das ist interessant. Als jemand, der viel mit Sprache zu tun hat und da recht penibel ist, denke ich mir nämlich total oft bei Radiosendungen, dass ich es erstaunlich, manchmal sogar respektlos finde, wie wenig Mühe sich die meisten Radiomoderatoren mit der Aussprache geben. Sehr positiv aufgefallen ist mir da immer Niklas Wandt; kein anderer Sprecher im Radio nimmt es so genau wie er. Andererseits ist es natürlich in anderen Ländern nicht anders – die Amerikaner sprechen ja wirklich alles rücksichtslos so aus, als wären es englische Wörter und Namen, dass es einem die Fußnägel kringelt. (Auch in Frankreich ist es kaum anders.) Entsprechend ist es wahrscheinlich die Rache der Deutschen, das „th“ selbst im Radio konsequent wie ein „ß“ auszusprechen.
Aufgefallen sind mir gestern auch ein paar solche erwähnten Schnitzer. Dass das Label „Hübro“ ausgesprochen wird, wie im Norwegischen fast immer als „ü“ (vgl. Kristiansund, Stei Urheim, Ålesund, Sundvall usw.). ist dir als langjähriger Hubro-Kenner sicher bekannt; ich denke daher, dass du das weiterhin „Hubro“ aussprichst, um den Zuhörer/innen die Suche nach dem Label nicht unnötig zu verkomplizieren.
Nochmal zu „Lofoten“: Da wird tatsächlich die erste Silbe betont (da das Norwegische dem Deutschen sehr nahe ist, kann man die Silbenbetonung als vergleichbar mit dem deutschen Wort „Luchsfuß“ sehen). Ein „o“ wird in sehr vielen Fällen eher wie unser „u“ ausgesprochen (Oslo also fast wie „Uslu“ oder regional „Uschlu“ etwa, Frode Haltli wie „Frude“, die Stadt Bodø wie „Bude“ und so weiter), entsprechend wäre die richtige Aussprache also nicht „Lo-Foohten“, wie Deutsche es gerne machen, sondern etwas in der Art von „Luhfuttn“. Ich finde das sogar ganz hilfreich, denn damit ist die Betonung nicht anders als die Aussprache unserer Regioen; da würde auch niemand Thü-Ringen oder Wühr-Temberg, Vor-Pommern oder Nieder-Sachsen auf der zweiten Silbe betonen.
Tore Brunborg z.B. heißt also eher „Ture Brünborg“. (Ich glaube, das „o“ bleibt tendenziell ein „o“ in der Aussprache, wenn danach zwei Konsonsanten folgen, bin mir aber nicht sicher.)
Bei Maurseth werden, wie beim „au“ im Norwegischen üblich, die beiden Vokale nicht zu einem zusammengefasst („Mohrseth“), sondern (mit einem sehr dunklen a und dann fast einem ü) fast wie zwei separierte Vokale gesprochen: Ma-urseth, Ha-ugesund etc.
Vielleicht braucht’s mal jemand 😉
Wolfgang Hertel
In Ruhe die Stunde zu hören ist ein echter Genuss. Da waren eine ganze Reihe von Entdeckungen dabei, da will ich nichts hervorheben. Und es war wie aus einem Guss. Danke dafür! Ich habe mittlerweile das Openness Trio gehört und bin beeindruckt, obwohl es wenig mit Blue Note von früher zu tun hat.
Das Ende mit den Rentieren und Lofoten – chapeau! Mittlerweile las ich, sind selbst die Lofoten zum beliebten Anlaufort für Touristen geworden, nicht zur Freude der Einheimischen. in der Zeit las ich einen Artikel dazu. Wie so viele waren wir mal vor Jahren auf der bekannten Schiffstour an der norwegischrn Küste entlang – sehr imposant!