Der Leuchtturm ist verloschen

Henry Thoreau schrieb in seinem Buch „Walden“, dass es ausreiche, nur eine Zeitung richtig zu lesen, danach bräuchte man keine weitere.

Ich habe nur ein Buch von Jürgen Habermas gelesen, „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Ich musste es lesen, weil ich in einem Publizistik Seminar sass und der Dozent uns aufforderte, das Buch binnen einer Woche zu lesen. Nach einer Woche schrie ein Seminarteilnehmer den Dozenten an, er hätte nichts verstanden und das Buch an die Wand gedonnert..Wir wurden gebeten, einen weiteren Versuch zu unternehmen. Auch ich hatte nicht viel vom Strukturwandel verstanden. Mich faszinierte die Sprache, die ich mir mühsam übersetzte und arbeitete mich langsam, aber zäh durch. Die Mühe hatte sich gelohnt. Bis heute greife ich immer wieder auf dieses Buch zurück. Ich liebe es, wenn jemand auch heute die intellektuelle Sprache drauf hat (danke Martina). Für mich war in allen politischen Lebenslagen Habermas der erste, den ich um Rat las. Er wird uns als demokratische Stimme sehr fehlen.

Dass ausgerechnet Wolfram Weimer, damals Chefredakteur beim Cicero, die Story vom „Wahrheitverschlucker“ breittrat, wird ihm jetzt aufgestossen sein. Habermas hatte damals auf einem Geburtstagsfest einen Zettel, auf dem wohl stand, dass er mit 15 Jahren Nazimitglied gewesen sei, einfach gegessen. Derselbe Weimer ist heute Staatsminister für Kultur, die Grünen und die Linke waren von Anfang an dagegen. Damals hetzte er gegen Habermas und Grass, heute lässt er linke Buchhandlungen vom Verfassungsschutz überprüfen und behauptet die Jury, die den Buchhandlungspreis vergibt, hätten diese Buchhandlungen garnicht auserwählt. Er lügt. Die Anwälte der betreffenden Buchhandlungen haben schon von der Jury ihre Wahl bestätigt bekommen.

Weimer hat wahrscheinlich das Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ auch an die Wand geworfen.

(L.N.)

4 Kommentare

  • flowworker

    Dieser Herr Weimer ist schwer erträglich.

    Habermas war ein Leuchtturm, ich habe damals in den 1970er Jahren einen langen Essay über den permanenten Krisenzustandpostkapitatlistischer Szene sehr gerne gelesen. Und vieles ist haften geblieben. Das Buch war schönes popgrün, in meiner Erinnerung, ein schmales Bändchen der Reihe Edition Suhrkamp. Heute auch ein feiner Nachruf in der SZ.

    me

  • Olaf Westfeld

    Aus dem Newsletter von Berthold Seliger:

    Einmal wollte Wolfram Weimer alles richtig machen, und er würdigte den verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas als „Meisterdenker“.

    Allein: Markus Joch, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Keio-Universität Tokio, musste dem Kulturstaatsminister auf „X“ erklären:

    „Meisterdenker‘ ist bekanntlich ein Begriff, den A. Glucksmann ironisch prägte, um hegelianischen Theoretikern Größenwahn nachzusagen. ‚Würdigt‘ Weimer Habermas als ‚Meisterdenker‘, weiß er mal wieder nicht, was er redet.“

  • Martina Weber

    Ein Kulturstaatsminister, der das gedruckte Buch als nicht mehr zeitgemäß bezeichnet.

    Habermas hat natürlich den Spirit der Frankfurter Uni stark geprägt. Er hat bis Mitte der 90er Jahre gelehrt. Ich kann aber nur vage an eine Vorlesung, die ich von ihm besucht habe, erinnern. Auch für die Rechtswissenschaft, genauer: die Rechtstheorie hat er mit seiner Diskurstheorie Bedeutendes geleistet.

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