Peter Schneider – ein Nachruf

Von einem Berliner Freund erfuhr ich gestern, dass unser Freund, Peter Schneider, tot ist. Das traf mich hart. Ich wohnte in den 70ern mit seinem Bruder Florian in einer Freiburger WG. Peter schaute oft vorbei, so lernte ich ihn kennen. Er war immer willkommen mit seiner ansteckenden Heiterkeit, seinem feinen Humor und seinen erotischen Anspielungen. Er lachte gern und alberte auch viel herum. Er war immer lässig gekleidet, Jeans, Pulli und helle Lederjacke. Er sah umwerfend aus, attraktiv und sehr männlich.Meine Magisterprüfung hatte den LENZ zum Thema, mit diesem schmalen Buch wurde er bekannt. Ich weiss noch, dass mein Prof in der Prüfung sagte, ich soll nicht so schnell sprechen, wir seien ja schliesslich nicht auf einer Eisbahn. Tatsächlich sprachen wir damals schneller, engagierter, atemloser. Wir wollten ja auch die Rebellion. In meiner Goethe-Zeit lud ich ihn einmal ins Bremer GI ein, damit er dort einen Vortrag über das politische Deutschland vor Japanern halten sollte. Einige meiner Freunde waren dabei, wir schufen eine hitzige Diskussionsatmosphäre. Damals konnte man schon die Nachdenklichkeit bei Peter merken. Er war nicht mehr mit allem aus den 68ern einverstanden, er mochte den Dogmatismus der K-Gruppen nicht und schon garnicht die radikale Linke. In seinem Buch „Rebellion und Wahn“ verarbeitet er die Fehler der SDS Zeit. Es folgte noch ein politisches Buch: „Und schon bist du Verfassungsfeind“. Er wollte in den Schuldienst, man verweigerte es ihm aufgrund seiner politischen Agitationen. Danach schrieb er meist Bücher, die sich mit dem zeitaktuellen Geschehen beschäftigten, „Der Mauerspringer“ gehört dazu, aber auch „Vati“, wo er mit dem Nazi RA Mengele abrechnete. Als ich über Weihnachten in Berlin war, kaufte ich mir sofort sein letztes Buch „Die Frau an der Bushaltestelle.“ Sogleich ist man dem Sog der 68er Jahre erlegen, vertraut mit der gehetzten Sprache, der Orietierungssuche und vor allem der hochemotionalen Sprache. Er berichtet über die damalige Zeit, sein Alterego rechnet ab, besonders mit seiner Freundin, die ihn an BILD verraten hat. Wir alle kennen diese Frau, sie lebt noch, ich verrate ihren Namen nicht. Ich habe Peter lange nicht mehr gesehen, jetzt kann ich ihn nie mehr sehen. Sein Erzählband „Die Wette“zählt für mich zu den schönsten Schilderungen über Sehnsucht, Erotik in gesellschaftlichem Environ. Er schrieb es 1978. da sah ich ihn oft. (L.N.)

4 Kommentare

  • flowworker

    Ein seh bewegendes Echo, ähnlich atemlos wie die Zeit damals, und kein bisschen zu schnell, auch wenn wir nicht auf der Eisbahn sind 😉🎸

    Time runs fast

    Lenz habe ich damals gerne gelesen, aus dem Rotbuch Verlag, woll?!

    m.e.

  • flowworker

    A song of yearning, melancholia,
    Deep as deep can go:
    THIS one.

    Seit ich das Lied kenne, wünsche ich mir,
    es würde weiter und weiter gehen.
    Tut es auch, egal, wie kurz es ist….

    m.e.

  • Jan Reetze

    „Schon bist du ein Verfassungsfeind“ steht hier noch im Regal, 1975 oder 1976 gekauft, gerade mal 100 Seiten lang, mein erstes Rotbuch, ziemlich zerlesen, irgendwann auseinandergefallen und seitdem von Tesafilm zusammengehalten. Inhaltlich zeittypisch ein wenig hergesucht, weniger wegen des Themas als solchem als wegen seiner ein wenig hysterischen Aufbereitung. Ich wusste damals nichts über den Autor, aber das Thema Berufsverbote lag in der Luft, und man merkte dem Buch an, dass es ein Schnellschuss war, der Erzählfluss führte ins Nichts.
    Ich habe kein weiteres Buch von Schneider gelesen. Das hatte keinen speziellen Grund, denn tatsächlich ist mir der Name von Zeit zu Zeit wiederbegegnet, bis heute, und ich wusste immer, wer er einmal war: der Lehrer Kleff.
    Sein letzter Buchbeitrag scheint wohl in dem Sammelband „Wenn das Denken die Richtung ändert“ enthalten zu sein. Es ist noch nicht erschienen. Er könnte interessant sein.

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