Womit ich nicht gerechnet habe

Der Januar war noch nicht vorbei, da bin ich schon zweimal auf ihn gestoßen.

Erst fiel mir sein Bild unten rechts auf Seite 259 in dem Katalog „FMP: The Living Music“ auf. Ich stutzte, brauchte etwas das Gesicht mit dem markanten Schnauzer zuzuordnen und fragte mich, was der große Autor wohl mit Free Jazz zu tun habe.

Eine Woche später bekam ich eine E-Mail. Der Leiter einer Bildungsreise nach Danzig, an der ich Ende März teilnehme, gab Hinweise zum Ablauf und Lesetipps. Unter anderem die ersten beiden Bände der Danziger Trilogie von Günter Grass.

Als strebsamer Mensch bestellte ich mir dann „Katz und Maus“. Als ich F davon erzählte, war sein Kommentar dass er keine Bücher von Nazis lesen würde. Auch andere Gesprächspartner waren skeptisch, ob man Grass aus politischen Gründen noch lesen könne.

Ich habe da nicht ganz tief recherchiert. Grass war Mitglied der Waffen-SS und hat das erst recht spät – ungefähr 10 Jahre vor seinem Tod – zugegeben. Bei Kriegsende war er 17 Jahre, demzufolge bei Machtergreifung fünf, hat also das stark auf Indoktrination ausgerichtete NS-Bildungswesen voll durchlaufen. Hätte ich in der Zeit gelebt…, ich befürchte, dass ich überzeugter Mitläufer gewesen wäre. Er wurde zu Kriegsende eingezogen, war kein Funktionär und nach allem, was bekannt ist, kein Täter.

„Katz und Maus“ ist ein schmales Büchlein mit vielen Kapiteln, so dass man die Lektüre immer gut unterbrechen kann. Das Leben Jugendlicher in Kriegsjahren in Danzig wird teils sehr genau und teils fantastisch-magisch eingefangen. Mal wird gegenwärtig erzählt, mal die Hauptperson direkt angesprochen, mal aus der Erinnerung, so dass eine unwirkliche Atmosphäre entsteht. Und es ist sprachgewaltig; immer wieder mal habe ich mir unbekannte Worte übersprungen. Das Buch ist keine historische Rechtfertigung, eher eine Auseinandersetzung mit der Zeit.

Insgesamt hat mir „Katz und Maus“ so gut gefallen, dass ich mir heute „Die Blechtrommel“ gekauft habe. Auch dieses Buch hat zahlreiche Kapitel (47), allerdings auch sehr viele Seiten (in meiner dtv Ausgabe sind es 779 Seiten, dazu kommt dann noch ein Anhang). Mal sehen, ob ich das bis Ende März, dann fahre ich ja nach Danzig, gelesen habe.

Und wie kommt Grass in den FMP Katalog? Es scheint in den 70er und 80er Jahren auf verschiedenen Veranstaltungen zu Lesungen von Grass mit Jazz Musikern gekommen zu sein, auch mit Peter Brötzmann. Aufnahmen existieren mit Günter Sommer.

3 Kommentare

  • Michael Engelbrecht

    Tja, Grass war angesagt damals, bei Linken, bei Aufgeklärten, bei den Sozialdemokraten. Git nachgeschaut, Olaf, dass man ihm mit seinen Kinderjahren als Mitläufer keinen Strick drehej sollte – das wäre überheblich, da gab es damals und später ganz andere, erwachsene Schreiber, die dem Faschismus huldigten…

    Schönes kleines Leseerlebnis war das damals für mich als 16-Jährigen. Wettpinkeln und Onanie kamen ins literarische Feld . Den Ausdruck Coming Of Age kannte man 1971 noch nicht.

  • Olaf Westfeld

    Ja, ein Coming Of Age Roman, eine Initiationsgeschichte. Mehr Atmosphäre, als Auseinandersetzung – aber das geht ja auch in Ordnung.
    Ich hatte irgendwie Grass auch innerlich in die Nähe so einer Schublade gepackt. Ich meine Waffen-SS ist auch wirklich heftig, schlimmer geht es kaum. Er war aber wirklich noch ein Jugendlicher, ein Kind eigentlich – und es gab damals keine Freiheit.

  • Martina Weber

    Ich erinnere mich daran, als das Bekenntnis von Günter Grass durch die Presse ging. Ich finde es erstaunlich, dass vor einer Bildungsreise nach Danzig ausschließlich (?) Romane von Grass empfohlen werden. Was ich vor einer Reise nach Danzig empfehle, ist ein Buch, das ich im Januar gelesen habe und das mich sehr fasziniert hat. Eine Mischung aus authentischer Familiengeschichte, Essay und Reflexion. Jochen Buchsteiner: „Wir Ostpreußen.“

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