Sirāt
Man muss aufpassen, wenn man sich grosser Themen annimmt – „between nothingness and eternity“. Ich glaube, genau so hiess das dritte Albums des Mahavishnu Orchestra, und seine Schwäche war das „overpowering“, die Musik wirkte hochtrabend, bedeutungsschwanger, und etwas hohl – kein Vergleich mit den beiden Vorgängern „The Inner Mounting Flame“ und „Birds Of Fire“. Oliver Laxe nimmt sich grosser Themen an auf Sirāt, und er benutzt dazu eine Geschichte, Sound, und die Sprache seiner Bilder. Nichts an diesem Meisterwerk ist hochtrabend.
Ein Wahnsinnsfilm. Vielleicht gelingt es mir, in meiner Ausgabe der Klanghorizonte im Mai ein Stück des Soundtracks aufzulegen. Aber was davor, was danach? Nicht leicht.
Jemand meinte kürzlich, ich würde wohl Filme danach bewerten, wie sehr sie mich emotional mitreissen. Das ist natürlich grosser Unsinn aus der Rubrik „gutartige Unterstellung“. Aber es gibt Filme, da hole ich gerne Erinnerungen hervor an Susan Sonntags Text „Against Interpretation“ ….
Es gibt Filme, da ist halt das erste, möglichst unvoreingenommene, Sehen, Erleben, Erfühlen eminent wichtig. Keine altkluge Hinführung, keine akademische Schubaldisierung …. Am hilfreichsten wären – vor einem Film wie Sirāt – ein paar Suggestionen, eine dezenteTranceinduktion a la Milton Erickson, für eine Reise, deren Ausgang niemand kennt.
Und jeder Leser dieser Zeilen schaue sich zu allererst SIRĀT an, lasse den Filn ein paar Tage und Nächte nachwirken, bevor, in irgendeiner Form, der „Analyse“ Raum gegeben wird, dem Drumherum …. und bevor man das weiter unten angegebene Interview liest. Oder die jetzt folgenden Zeilen, als „appetizer“ für ein hochinteressantes Gespräch! Also, STOP!!!!!
SIRĀT gibt es als blu ray, dvd, bei prime, und am besten, ab und zu, in einem Programmkino deines Vertrauens!

„Oliver Laxe spricht über Kino so, wie andere über Rituale sprechen. Das Kino ist für ihn eher ein „Tempel“ als ein Ort der Freizeitgestaltung. Er spricht in Rätseln, wenn er Gestalttherapie, Sufi-Mystik, Rave-Kultur und die Kraft der Bilder auf den Körper in einem Atemzug zusammenfasst. Immer wieder kehrt er zu der Idee zurück, dass Kino eher eine körperliche als eine rein intellektuelle Erfahrung ist. Diese Philosophie belebt Sirât, Laxes neuesten Spielfilm und sein bisher provokantestes Werk. Der Film spielt zwischen einer fast apokalyptischen Wüstenlandschaft und einer Underground-Rave-Party und entfaltet sich wie eine Feuerprobe, die die Zuschauer in Ekstase, Trauer und Erschöpfung treibt. Laxe setzte sich mit uns zusammen, um über seinen neuen Film, das Heilungspotenzial des Kinos und die Gemeinsamkeiten von Rave-Partys und Kino zu sprechen.“
4 Kommentare
Martina Weber
Ein wunderbares Interview. Ich kann viel anfangen mit der künstlerischen Haltung, von der Oliver Laxe hier erzählt und in der Themen wie Spiritualität und transpersonale Psychologie eine große Rolle spielen. Es passt gerade auch zu meinem zweiten Durchgang von Carlos Casanedas „Das Wirken der Unendlichkeit“ und zu einem anderen Buch, das Vorträge zur transpersonalen Psychologie enthält und mich ebenfalls fasziniert. Stanislav Grof u.a.: Wir wissen mehr als unser Gehirn. Die Grenzen des Bewusstseins überschreiten.
Michael Engelbrecht
Geoff Dyer war in den 1990er Jahren ein Raver, viele kennen hier den intelektuellen Schriftsteller mit seinen tollen Essays, er schrieb auch ein Buch über Jazz, eins über den Film Stalker. Für ihm war das auch eine Erfahrung der Entgrenzung, Ich-Auflösung, Bewusstseinserweiterung. Dass Oliver Laxe Gott fand beim Rave, ist eine allzu pointierte Überschrift des Interviews. Er kommt hier nicht mit eine message daher, Aber sonst ist es wirklich bereichernd, lange nach meinen drei, vier Filmerlebnissen von Sirāt seine Antworten zu lesen… er brachte mich, als ich ihn in London traf, auf Parallelen von Techno zu bestimmten Trancestücken von Keith Jarrett, und auf das tecnoide Album Drive By der Necks. Der Anfang meiner Verbindung zu den Australiern😉
Martina Weber
Im Zusammenhang mit der Rave-Szene möchte ich nochmal auf den Film „Morvern Callar“ von Lynne Rameay, basierend auf dem Roman „Hin und Weg“ von Alan Warner hinweisen, worüber ich vor etwa einem Jahr hier schrieb: https://flowworker.org/2025/02/11/morvern-callar-die-musik-treibt-sie-immer-weiter/
Im Buch gibt es zahlreiche Rave-Musiktitel, von denen ich einige in meinen Text aufgenommen habe.
flowworker
@Martrina :
Wunderbare Koinzidenz. Einige Tage zuvor dachte ich an ein spezielles Erlebnis gegen Ende der 90er. „Kosmos und Psyche“ von Stanislav Grof hatte sich damals als sehr hilfreich bei der Einordnung der Erfahrung erwiesen. Extrem lesenswert !
@Michael :
Die Necks habe ich, wie Einige andere auch, über einen Umweg entdeckt. Um 2010 herum suchte ich im Internet nach Aktuellem von Jokn Hopkins. Dabei stiess ich auf einen Mitschnitt, bei dem ich mir erstmal die Augen reiben musste : Brian Eno, Karl Hyde, John Hopkins und die Necks live in Sydney ! Das erste Album der Necks war dann für mich „OPEN“. Seitdem habe ich keines verpasst
S.B.