Nächte mit John und Terje (1975)


Mein erster Würzburger Sommer verlief hart. Denn die Stadt liegt in einem Kessel, und mein Heuschnupfen erfuhr dort eine massive Steigerung. Nachts um drei zogen sich die Bronchien zu, und ich musste schweres Geschütz auffahren, um die Luftnot zurückzudrängen: das Mittel hiess „Asthmokranit“, und wurde Jahre später aus dem Verkehr gezogen wegen dem als Krebs erregend geltenden Bestandteil Aminophenazon. Das Schöne war: in diesem Heilmittel war auch eine gute Portion Ephedrin enthalten, und wenn die Wirkung einsetzte, war bald nicht nur genügend Sauerstoff für die Lunge vorhanden, sondern auch ein „High“ im Hirn nicht zu leugnen. Diese euphorisierende Wirkung war eine Art Belohnung für das Elend zuvor. In dieser sechs Wochen währenden Gräserblüte hatte ich aber noch zwei Verbündete, und die hiessen John Coltrane und Terje Rypdal (es gab noch andere Musiker, aber meine Erinnerung landet zu allererst bei diesem ungleichen Gespann).

Ich wundere mich noch heute, dass keine schlafgestörten Zimmernachbarn an die Wände des meines schmalen Zimmers im fünften Stock des I-Hauses klopften. Ich hörte die Musik recht laut, die Renner meiner Asthmabekämpfung-Charts waren „Odyssey“ und „Whenever I Seem To Be Far Away“ von Terje Rypdal, sowie „Live In Japan“ von John Coltrane. Monomitschnitte seiner letzten Japantour, grandioser Free Jazz, von seinem Hauslabel Impulse auf mehere Schallplattenseiten verteilt. Diese Musik nachts um 3.30 Uhr erweiterte die Bronchien und den Geist. Die hymnischen, phantasievoll jazzrockenden, mit herrlichen Streichersounds versehenen Kompositionen der beiden Rypdal-Platten strahlten einen ureigenen Zauber aus, und manchmal löste sich die innere Spannung mit lautlos fliessenden Tränen.

Ein kleiner Sprung nun, fünf Stockwerke tiefer, dort schlief Andrea, rehbraune Augen, tief gebräunt. Ich war, durch meine Asthmaarien, und den damit verbundenen Schlafentzug, eine etwas blässliche Erscheinung, und damals neigte ich auch noch zur Schüchternheit, was einen Romantiker wie mich in die Defensive reiner Tagträumerei drängte. Mit Andrea ging ich jede Woche am Mittwoch durch den kleinen Park zum Audi Max, wo wir kostenlos Filme der „Nouvelle Vague“, des „Neuen Deutschen Films“, des „New Hollywood“ sahen. In jenem Sommer startete ich keinen einzigen Annäherungsversuch, ich war geblendet von ihrer Schönheit, und seltsam einfallslos. Nun, ich war nicht gerade verliebt, und hatte insgeheim das Gefühl, dass sie nicht unbedingt eine Seelenverwandte war, aber das hätte sexueller Erfüllung keineswegs im Weg gestanden. Sie war unglaublich nett, und während manche sagen, dass nett die kleine Schwester von langweilig ist, war in diesem Fall nett die kleine Schwester von attraktiv. Total attraktiv. Wir tranken Obstwein hoch über Würzburg, wir sassen Körper an Körper in den Holzstühlen des grossen Hörsaals, es passierte nichts.

Im Sommer darauf, als sich alles geändert hatte, schlenderte ich durch die Stadt und traf Andrea vor dem Zeitschriftenladen Montanus. Sie strahlte mich an, Blicke, die ich zuvor so nie von ihr aufgefangen hatte. An ihrer Seite ihre Eltern, die gekleidet waren wie bürgerliche Mustermenschen aus dem Spessart, Hut und Jägerjoppe und alter Zeit entsprungen. Andrea machte aus der Vorstellung einen geradezu förmlichen Akt, sie war, wie ich am Tage darauf erfuhr, vom ersten Tag an in mich verliebt und traute sich bloss nicht, den ersten Schritt zu machen. Was für eine Idiotie – ich wusste noch zu genau, was ich im letzten Sommer getan hatte. Ich hatte „Leo“ von John Coltrane gehört, in gloriosem Mono, ich hatte „Rolling Stone“ von Terje Rypdal gehört, die Spasmen der Bronchien lösten sich, das Ephedrin besorgte eine dezente Euphorie. Fünf Stockwerke tiefer wartete sexuelle Erfüllung auf mich. Nacht für Nacht. In my dreams. Ich drehte einfach nur die Plattenseite um. Und schrieb einmal einen Brief an eine evangelische Pfarrerstochter in der Bittermark. Sie antwortete nie. Und dann eine Begegnung im Fahrstuhl. Love came to town. Desire. Yellow Fields. Zuma. Christiane.

3 Kommentare

  • Jan Reetze

    Ich kann heute nicht mehr genau sagen, wer mir das Tor zum Jazz geöffnet hat: War es Gary Burtons „Dreams So Real“ oder war es Terje Rypdals „Odyssey“? Beide sind von 1975, und beide sind für mich mit Live-Konzerten verbunden, und eine der beiden muss wohl meine ECM-Premiere gewesen sein.

    Rypdal spielte das „Odyssey“-Repertoire live als einer von drei Acts beim „First New Jazz Festival“ in der knallvollen Fabrik auf einer weitgehend abgedunkelten Bühne, sehr stimmungsvoll. Die Doppel-LP hatte ich da schon, weiß aber nicht mehr, wie ich auf sie aufmerksam geworden bin. Später gab es sie auch auf CD, aber Eicher konnte sich anscheinend zunächst nicht entschließen, das Album vollständig auf CD zu veröffentlichen. Das kam erst Jahre später.

    Das Gary Burton Quintet mit Gast Albert Mangelsdorff spielte beim NDR-Jazzworkshop, letzterer ungefähr drei Meter von mir entfernt, das war sehr beeindruckend. Ins Vibraphon habe ich mich postwendend verliebt, zehn Jahre später hatte ich dann selbst eines (eine gebrauchte koreanische Musser-Kopie, die leider einfach nur nach Blech klang und von der ich mich bald wieder getrennt habe). Und ich erinnere, dass wir nach dem Konzert sagten, von dem Gitarristen werde man bestimmt noch hören. Es handelte sich um einen gewissen Pat Metheny, den damals noch kaum jemand kannte. Die „Dreams so Real“ landete dann auch alsbald in meiner Sammlung, von Albert war’s „The Wide Point“, erschienen auch 1975.

    Muss ein wichtiges Jazzjahr gewesen sein, dieses 1975.

  • Michael Engelbrecht

    Ach hätte ich damals bloss Rypdal erlebt, live, aber es sollte nicht sein. Dafür war ich bei ECM früh am Start, wie man so sagt, und eine der allerersten Platten war Sart von Jan Garbarek, ein Album, das nicht soviele kennen, und das ich von Anfang an liebte. Mit all den nordischen Granden. Dann kamen The New Quartet, Ruta and Daitya, Facing You, Diary, Open to love, What Comes After, The Colours of Chloe, Bremen / Lausanne. In der Zeit ab 1973, 74, wusste ich, das Label würde life’s company sein. (m.e.)

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert