Sentimental not sentimental
Letzte Woche saß ich in Bergen spät im Hostel mit ein paar anderen (jüngeren) Übernachtungsgästen am Tisch, und eine junge Norwegerin fragte mich, ob ich den Film „Affeksjonsverdi“ gesehen hätte. Ich musste nachfragen, konnte den Titel nicht zuordnen. Ich sagte, nein, aber ich hätte zwei Tage zuvor einen anderen norwegischen Film gesehen, über einen Vater und zwei Töchter, aber der Titel fiel mir nicht mehr ein. Dann sagte sie, doch das sei der Film, den sie meine. Sei sehr gut. Den habe sie eben gesehen. Ich sagte, nein, der Film hieß anders, es ging um einen Vater mit Problemen und seine zwei Töchter, der Film spielte in Oslo… und sie sagte, ja genau, ein Vater und zwei Töchter, spielt in Oslo. Ich war verwirrt, war ich schon so neben mir oder habe ich so schlechte Ohren? Es war klar, dass ich nicht den Film mit dem unaussprechlichen Titel gesehen hatte, kam aber nicht auf den Titel des Films, den ich in Oslo gesehen hatte. Ich beschrieb den Inhalt etwas genauer, es ging um Weihnachten und um zwei Töchter, und um einen Weihnachtsmarkt. Dann sagte sie: „Stargate heißt der Film.“ Sei nach einem erfolgreichen Buch. Ja, kein Wunder, dass ich mir den Titel nicht merken kann. Wer nennt einen Weihnachtsfilm auch „Stargate“? Was ein Unfug. Da denkt doch jeder, es wäre ein Film von Roland Emmerich. Ihren Film konnte ich noch immer nicht zuordnen, sie meinte, Elle Fanning spiele mit, was meine Verwirrung noch steigerte. Elle Fanning in einem norwegischen Film? Das kann doch nicht sein… macht sie sich über mich lustig?. Erst nach weiteren Details stellte sich raus, wovon sie sprach: Ich meinte, bei uns heiße der Film, den sie gesehen hatte, „Sentimental Value“.
Heute, also mittlerweile gestern, sah ich dann „Affeksjonsverdi“ bzw. „Sentimental Value“ hier in Berlin, auf dem Papier ein typischer „Europudding“: mindestens vier Länder und mindestens acht Produktionsfirmen und fast nochmal doppelt so viele Filmförderungsanstalten waren daran beteiligt. Ich frage mich: Was soll das? Warum müssen all die Filmfördergelder für deutsche Filmemacher von allen deutschen Filmförderungsinstitutionen so großzügig in alle möglichen Länder verteilt werden (letzte Woche sah ich den herausragenden brasilianischen Film „O Agento Secreto“, der ebenfalls viel Geld von deutschen Filmförderungen bekommen hat), wenn es dann für die deutschen Filmemacher fehlt, gerade wenn die kein Geld von irgendwoher bekommen und mit viel kleineren Summen schon zufrieden wären. Langsam ärgert mich das sehr. Jeder sagt, wie schwer es ist, in Deutschland Geld von der deutschen Filmförderung zu bekommen, weil man so viele Faktoren beachten muss, etwa, dass es deutsche Themen sein müssen, deutsche Regie oder Drehbuchautorenschaft, deutsche Handlungsorte, Drehorte in Deutschland, deutsche Wahrzeichen, deutsche Themen wie deutsche Geschichte oder Politik oder Gesellschaft… usw usf. Was haben „O Agento Secreto“ und „Affeksjonsverdi“ (um nur zwei von unzähligen Beispielen zu nennen), mit all diesen Faktoren zu tun? Gar nichts. Für viele deutsche Filmschaffende ist dies zunehmend ärgerlich. Bei den Filmfestivals in Cannes, Berlin, Venedig, Locarno usw. laufen mittlerweile stets zuverlässig jeweils fünf oder sechs Filme mit deutschen Co-Produzenten und deutschen Filmfördergeldern, die aber von all den von der Filmförderung bei deutschen Filmemachern eingeforderten Bedingungen, nichts vorzuweisen haben. Toll für Claudia Roth und ihren Nachfolger, dessen Namen ich immer wieder vergesse, saublöd für die nationale Filmkultur, die über mangelnde Fördergelder klagt.
Davon abgesehen ist „Sentimental Value“ einer dieser Filme, bei dem mir die Tränen kommen — nicht, weil ich mich aus eigener Lebensgeschichte so sehr mit den Charakteren und ihren Problemen und ihren Familiendramen identifiziere, dass ich aufgrund des sentimental value darin aufgehe und mitleide. Sondern weil der Film einfach so unfassbar gut ist. Oftmals kann ich auch bei sehr guten Filmen, während ich sie sehe, verstehen, wie die Filmemacher da hingekommen sind, also zu dem Ergebnis, das am Ende so gut geworden ist. Aber hier – der Film ist so gut, dass ich nicht mal so richtig verstehe, wie man einen so guten Film machen kann. Okay, Joachim Trier und Eskil Vogt haben zusammen schon einige Filme geschrieben und realisiert, die eigentlich alle mindestens sehr gut waren, teils auch grandios. Aber dieser, „Sentimental Value“, da bleibt mir die Spucke weg. Das ist phänomenal, wie gut das Ganze ist. „Kann man nichts sagen“, würde der Deutsche hier anerkennend sagen. Doch, eine Sache ist mir aufgefallen: Warum setzt Roxy Musics Same Old Scene (immer wieder ein wahnsinnig guter Song) einmal so laut ein, als Stellan „Gustav Borg“ Skargard mit dem Auto fährt? Weder ist es so gemischt, als würde „Gustav Borg“ das beim Autofahren hören (die Situation legt es aber irgendwie nahe), noch ist es schlüssig wieder ausgeblendet, sondern einfach ziemlich ruppig wieder rausgezogen, als Borg an seinem Ziel ankommt und dort das Haus betritt. Also bitte, in so einem makellosen Film hätte man das doch wohl auch noch besser lösen können. Vielleicht aber war das die eine Sache, die ich nicht verstanden hatte?
10 Kommentare
Lajla
Sentimental Value, Ingo, wo kann ich den Film in Berlin sehen?
flowworker
Hackesche Höfe, Kino am Friederichshain, Babylon Kreuzberg, Sputnik Kino, und und und …. fast an jeder Ecke kann man Sentimental Value sehen, Lajla, habe gerade mal geguckt. Wir sehen ihn vielleicht morgen Abend im Kino. In Aachen. Ich wollte noch die Lobeshymne aus der SZ zur Seite legen, zum Nachherlesen, jetzt ist er weg….
radiohoerer
Wie schön, das von dir zu lesen, Ingo!
Wir mussten weit fahren, um diesen Film zu sehen, und haben es zu keiner Minute bereut.
Wieder eine Geschichte, in der es um eine Familie geht, in der hier der Vater abwesend war.
In ’15 Liebesbeweise‘ war es die Mutter, die abwesend war. Auch ein Film, den ich nur wärmstens empfehlen kann!
‚Sentimental Value‘ handelt vom Umgang mit dieser Abwesenheit, wenn man schon älter ist und auf Erklärungen wartet. Oder was erwartet man da eigentlich?
Besonders die beiden Schwestern, Renate Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleås, sind wunderbar. Und Stellan Skarsgård ist einfach traumhaft.
Es ist auch ein Film über das Älterwerden und der Umgang mit dieser Tatsache.
Kurz: Ansehen, wo immer es geht!
Und keine Angst vor der Spiellänge des Films.
Die Intensität des Films lässt einen das vergessen.
Er gewann nicht umsonst den Großen Preis in Cannes.
flowworker
Gestern war ich in „Affeksjonsverdi“😉. Grosser Film, keine Frage. Um deine Frage zu beantworten wegen des lauten Roxy Songs in der Szene: mhmm, zumal, die Musik quasi als harter Break einsetzte nach einer sehr intensivem Theaterszene der traumatisierten Tochter… vielleicht war das als Break beabsichtigt, aber ganz schlüssig ist mir das auch nicht. Zumal der Song gar nicht zu Bork passt.
Dafür wunderbar eingesetzt, als schwbend zarten Melnacholie, ein, oder zweimal, die Stimme von Terry Callier….
Ingo J. Biermann
Nun, was die Nummer von Roxy Music betrifft, habe ich wohl etwas missverständlich formuliert. Den Einsatz fand ich sehr stark, auch wenn es auffällig war, dass es hier als Filmmusik eingesetzt war, und es sonst keine andere so präsent gemischten Songs in dem Film gibt. (Und ja, ich hab mich eben auch gefragt, ob diese Musik zu Borg passt, habe das dann aber einfach als vielschichtige Charakterzeichnung eingeordnet. Mein Vater ist der gleiche Jahrgang wie die Skarsgård-Figur in dem Film, und ich kenne dieses Lied schon deshalb, weil die dazugehörige LP die – glaube ich – einzige von Roxy Music ist, die er bei Erscheinen gelauft hat und die bei ihm im Regal steht. Daher passte das für mich sehr gut.)
Es hat mich doch sehr gefreut und direkt angesprochen, als diese Musik einsetzt und ich habe es ebenfalls als beabsichtigen Temperatur-/Stimmungs-Bruch von der vorhergehenden Sequenz empfunden, zumal der Film ja immer wieder zwischen diesen Perspektiven wechselt. Es ist überhaupt eine große Kunst, wie er hier beide Generationen respektiert und ihren jeweiligen Perspektiven gerecht wird und sich nicht auf eine Seite schlägt, wie man anfangs vermuten könnte. Bisher waren Triers Filme ja auch immer deutlich auf Seiten der jüngeren (Künstler-)Generation.
Ich fand wohl eher bedauerlich, dass Roxy Music zwar so präsent eingeführt, dann aber doch so schnell und unsanft wieder rausgezogen wurde.
Und keine Angst vor der Spiellänge des Films.
Die Intensität des Films lässt einen das vergessen.
Er gewann nicht umsonst den Großen Preis in Cannes.
Der Film ist mit zwei Stunden Laufzeit doch gar nicht so lang. Jedenfalls eher Durchschnitt für solche Art Filme, nicht so lang wie viele andere Arthaus-Filme der Preis-Saison, die oft 150 bis 180 Minuten (und mehr) gehen.
Der Film teilt sich den Großen Preis der Jury übrigens mit dem hier ebenfalls schon empfohlenenn und viel besprochenen „Sirat“, ebenfalls einer der herausragenden Filme dieses Jahres.
flowworker
SIRAT hatte ich aus Versehen 2024 zugeprdnet. Das ist natürlich ein Wahnsinnsfilm, ich habe mir sofort die BluRay geordert, und von city slang eine Promo von der neuen Imrahan. (me)
radiohoerer
Volle Punktzahl für Sirat.
Man nur ein Kino finden, das diesen Film und vorallem mit dieser Musik auch in der richtigen Lautstärke zeigt. Das war nicht so einfach …
flowworker
Ich möchte noch einen neueren Dok Film in die Runde werfen, der auch auf Surround und in grossen Kinos gut kommt, aber auch in meiner kleinen Höhle, und wirklich eine mitreissende, formal gewagte Filmmediatation ist: Soundtrack To A Coup d’etat (unbedingt mit deutschen Untertiteln) …..
ijb
Klar, Soundtrack our un coup d’état. Unbedingt. Die Original-Länge-Version. Ich kenne Leute, die sagen, das ist der beste Film des Jahres. Wobei… die sagen das eigentlich für 2024, weil der Film ja auch für 2024 für den Oscar nominiert war und hierzulande erst ein Jahr verspätet ins Kino kam.
radiohoerer
Ja genau. da war doch noch was….!