Die Sprache der Schrift

Amo la poesia y el dibujo
y
tenerte a mi lado
es
un lujo

Guten Tag Freunde der Poesie,

Seit 5 Jahren fahre ich mit dem Bus über die schöne Insel El Hierro. An einer Haltestelle hatte ich den Zarathustra Effekt: mir kam die Idee, an diesem Ort, wo Menschen warten, also Zeit haben, Plakate aufzuhängen, mit der Einladung, kleine Gedichte darauf zu schreiben.

Die meisten Fahrgäste sind mit ihrem Handy beschäftigt, ich wollte die eindimensionale Kommunikation mit dieser Aktion erweitern. Ich dachte, dass das Schreiben auf die Plakate einen kreativen Moment insichbirgt, der die Menschen möglicherweise zum Austauschen über die Gedichte bringt.Ich wollte mit diesem Projekt mehr über die Einheimischen herausfinden und war gespannt, wie sie auf meine Plakate reagieren würden.Die Aktion war auf drei Monate angelegt. Ich hing die Plakate an sieben Bushaltestellen auf, verteilt über die ganze Insel. Nach einer gewissen Anlaufzeit von zwei Wochen schrieben die ersten Fahrgäste kleine Texte auf die Plakate.Wenn sie voll waren, hing ich neue leere Plakate auf.

Nach drei Monaten hatte ich 75 Gedichte gesammelt, von denen 63 gelungen waren.Die Plakate wurden auch dazu benutzt, Telefonnummern hinzuschreiben, also quasi als Partnersuche.Auch kleine Zeichnungen wurden geliefert, mehrmals fand ich lippenstiftrote Küsse vor. Einige zitierten Cervantes und andere bekannte spanische Dichter. Alle Texte wurden auf Spanisch verfasst und fast alle waren anonym.

Was sagen nun diese Gedichte des kleinen Projektes über die Insulaner aus?

Zunächst möchte ich meinen Dank aussprechen für das grosse Interesse an dieser Aktion..Nach einem etwas zögerlichen Anfang lief es gut, ohne weitere Vorfälle. Wenn Obszönes auf den Plakaten stand, wurden sie von Unbekannten entfernt.Nur zweimal wurden neue Plakate abgerissen. Ich könnte beobachten, wie Wartende die Gedichte fotografierten, einmal stand eine Lehrerin vor der Plakatwand und las die Texte ihren Schülern vor. Wenn ich Fahrgäste fragte, lieben sie die Poesie, strahlten sie und erzählten, dass Zuhause viel Poemas gelesen werden. Das hat mich überrascht und gefreut.

Die Inhalte der Gedichte gehen vorwiegend über ihre schöne Insel, das Meer, die Vulkane der Sternenhimmel. Es gibt sehr schöne Liebesgedichte, einfach aber tief. Die Frauen problematisieren die Liebe,sie wollen sich nicht unterordnen, lieber nicht in einer Beziehung leben und dafür das Alleinsein akzeptieren. Humor und Erotik finden raren Ausdruck in den Gedichten. Es gibt einige Verse mit Kreuzreim, und einige Texte haben Schreibfehler überhaupt, freute mich, dass Gedichte mit der Hand auf das Papier geschrieben wurden. Ich ließ die Orthografie nicht verbessern.

Ich wünsche mit den BUSSTOP POEMAS viel Freude beim Lesen.

Soweit mein Vorwort in dem kleinen Gedichtband.

Jetzt wisst Ihr, dass ich eine Weile fremd unterwegs war, nun bin ich back on flowy.

Lajla Nizinski

12 Kommentare

  • Máy tính khoa học

    Hervorragend! Dieses Projekt ist einfach grossartig und voller Charme. Die Idee, auf Bushaltestellen Poesie zu sammeln, ist fast schon poetisch an sich. Es ist lustig zu sehen, wie die Inselbewohner reagieren: von anonymen Liebesgedichten über vulkanische Stimmungen bis hin zu den raren Ausbrüchen von Humor und Erotik. Die Tatsache, dass die Leute die Gedichte fotografieren und sogar eine Lehrerin ihren Schülern vorliest, zeigt, wie tief Poesie hier verankert ist – bis hin zu den kleinen Schreibfehlern, die die Authentizität perfekt machen! Toll, dass die Orthografie gewahrt wurde; das ist ja schon mal ein Statement. Ein kleines, aber feines Kunstwerk voller Leben und Eigenheit, das wirklich Freude bereiten muss. Back on flowy, Lajla!

  • Lajla

    Aus welchem Reich der Sinne kommst du Máy Tính? Danke für die lobens/ liebenswerten Worte.

    @Michael, tatsächlich hat mich das Foto vom Bus Stop Song dazu inspiriert, auch einen Bus auf s Cover zu bringen und auf die Rückseite dann eine Haltestelle.

  • Martina Weber

    Ein wunderbar passendes Cover hat dein Buch, Lajla! Das Foto hat einen Vintage-Touch. Sehr schönes Vorwort. Den Bus Stop Song mit dem Umbrella kenne ich natürlich aus den Klanghorizonten. Es gibt eine berühmte Bus-Stop-Filmszene aus Hitchcocks „North by Northwest“. Diese Szene war der Ausgangspunkt eines Bus-Stop-Gedichtes, das ich vor ein paar Jahren geschrieben habe. Man muss den Hintergrund aber nicht kennen; es ist sogar besser, wenn man ihn nicht kennt, würde Steve Tibbetts sagen.

  • Lajla

    Danke Martina. Ich würde gerne dein Bus Stop Poem lesen.
    Wie gesagt, ich schicke dir das endlich fertiggestellte Buch, wenn ich in Deutschland bin.

  • Martina Weber

    Ich schicke es dir nachher per Mail, Lajla. Schön, dass du wieder mehr Zeit für flowwork hast. Während deiner Blogpause hast du einen Blogbeitrag von mir versäumt, in dem ich geschrieben habe, dass ich inzwischen den Merve Band von Paul Virilio, den du mir empfohlen hast, gelesen habe: Fahren, fahren, fahren…
    Die Essays haben mich beeindruckt.

  • Martina Weber

    Aus meinem Blogtext vom 12. Oktober 2025 mit dem Titel „Lose-Fäden-Notizen um mehrere Leerstellen“: Die Folgen der Geschwindigkeit auf Individuum und Gesellschaft hat Paul Virilio zu seinem Hautthema gemacht. In dem schönen Merve-Büchlein aus dem Jahr 1978 „Fahren, fahren, fahren…“, Lajla hatte es mir vor vielen Jahren empfohlen und kürzlich habe ich es endlich gelesen, heißt es unter anderem, dass die Geschwindigkeit die Identität zugunsten der Konformität herabsetzt. Die hohen Geschwindigkeiten schieben, so Virilio, die Bedeutungen ineinander, bis sie sich schließlich ganz auflösen, wie das Licht die Farben auflöst.

  • Lajla

    Ja das ist ein lesenswertes Buch von Virilio. Unter anderem steht da drin, dass wir durch die Erfindung des Autos den direkten Kontakt zur Erde verloren hätten. Vor ein paar Tagen hörte ich mir das Gespräch mit dem norwegischen Extremwanderer Kagge an, er saß ohne Schuhe im Studio. Er sagte, er fühle sich so entspannter, er laufe meistens barfuß durch die Gegend.

  • Martina Weber

    Schon vorher, durch die Erfindung der Eisenbahn. Das war jedenfalls ein Gedanke aus einem Essay des Buches. Andere Essays hatten einen mehr zeitpolitischen Bezug. Virilio hat auch einen recht guten Stil, selbst in der Übersetzung.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert