„Zwei Karten für die Hafenstraße, Alter!“
Das war verblüffend, wie oft mir pure Irritation begegnete, wenn ich ausserhalb der Rituale von Klassentreffen ein paar ausgewählte Jungs, die damals Kumpel waren, anschrieb oder anrief, um mal ein Treffen auszumachen. Nicht ganz unverständlich, wenn, was Volksschulzeiten betrifft, nicht mal verstreute Begegnungen über die Jahre einen Anknüpfungspunkt ergaben. Und Mädels kamen gar nicht vor, da wäre Befremden durchaus verständlich.
Ich rede von Freunden, mit denen ich in unseren Dortmunder Vororten eine Reihe von kleinen und grossen Abenteuern erlebte, wenn nicht gleich auf dem Level von Enid Blytons „Fünf Freunden“, so doch unvergesslich genug – wenn, ja, wenn man nicht irgendwann die Kindheit zu einem „anderen Land“ erklärt, und Vorstösse dorthin im gesetzten Alter mit diversen Erstverdächtigungen begleitet werde, ob da einer verrückt geworden sei, oder depressiv, oder gar Geld wolle.
Da war, einmal, das schon in der Stimme spürbare Unverständnis der Gattin eines meiner Jugendkumpels zwischen 11 und 17, das nur noch getoppt wurde von der höflich-unterkühlten Sprache von Hans S., der ein kleines Treffen in Aussicht stellte, wenn er seine Mutter, die immer noch in dem Haus gegenüber wohnte, hochgradig senil, in zwei Wochen in eine Seniorenresidenz bringe. Ganz kurz sprach ich davon, wie ich die stolze Frau damals erlebt habe, und es entstand der Ansatz einer kurzen, doch recht förmlichen Unterhaltung.
Wenige Tage später eine förmliche Absage. Immerhin hatte ich rausgefunden, dass es die anderem drei Kumpel vom Wildbannweg noch gab. Als ich ihm auf wenigen Zeilen einige Erinnerungen und Gehemnisse auftischte, von einem gemeinsam durchgeführten telepathischen Experiment, bis zu diskret gehaltenen Liebeleien (die Namen blieben auch jetzt, aus Respekt vor den Lebenden und Toten ungenannt), war klar, in diesem und den kommenden Leben würde ich von H. nichts mehr hören. Ein komplettes Verschwinden von Interesse und Neugier.
Bleibt also mein 2024 wiedergefundener Schulkamerad Zurli, mit dem ich demnächst Haus um Haus in unserem alten Dornröschenweg abgehen, und seine Erinenrungen mit meinen anreichern werde und umgekehrt. Ursprünglich wollte ich im letzten Jahr vor allem meinen einstigen „Blutsbruder“ Matthias finden, kam dafür ein paar Monate zu spät. Jetzt bin ich guter Dinge, dass Zurli, Klaus (wieder bald gesund, hoffentlich!) und ich bald im alten Dorfkrug sitzen werden und der Zeit kurzfristig ein Schnippchen schlagen. In der Jukebox kann es dann gar nicht sentimental genug zugehen, von „Yesterday“ bis „Walk On The Wild Side“! Und, Zurli, es wird wieder Zeit für einen Sonntagsspaziergang! Mitte August, herrliches Sommerwetter, der BVB spielt bei Rot Weiss Essen, die erste Pokalrunde, und ich habe zwei Karten füre die Hafenstrasse, Alter! (Dank an Freddie R. – die Tickets waren ratzfatz ausverkauft!
2 Kommentare
Michael Engelbrecht
HIER ein altes Abenteuer aus dem Wildbannweg mit John Sebastian von The Lovin Spoonful.
„Mit Zurli durch die Singerhoffstraße“
Michael Engelbrecht
Die Stimmung an der Hafenstrasse wird speziell sein jetzt, nach Tod von Frank Mill, 67. Er hat Geschichte geschrieben für beide Clubs, war ein unheimlich sympathisches Schlitzohr, und der einzige wahre Nachfahre von „Ente“ Lippens!
m.e.