Auch ich kannte mal ein rotes Eichhörnchen
„Our paths may cross again in some crowded bar
We feel a little lost ‚cause we’ve drifted away so far
Hoping to find the right words to say
We joke a little and then go on our way“
Diese Eingangszeilen stammen aus einem Lied von Lucinda Williams. Und der ganze Song ergreift mich heute, wie damals, als ich ihn 1998 „all alone“ an der verlassenen Westküste von Fuerteventura hörte. Die folgende Geschichte wahr. Nur die Namen habe ich geändert. Ich beginne mittendrin. Einmal klopfte Erika an meine Tür, das war etliche Jahre, bevor sie die Assistenzstelle im Schlaflabor erhalten sollte, und von Kommilitonen vorzugsweise mit Dr. Kuntz angeredet wurde. Sie schenkte mir eine Rose, sagte, dass sie sich in Ellen Rabner verguckt habe (wir waren alle das gleiche Semester, und Ellens Spitzname war, unter den Jungs, „die Zehn“), und dass „wir beide, mein Süsser“, jetzt noch ein letztes Mal vögeln würden, aber dann Geschichte wären, „aber ne gute Geschichte“, fügte sie hinzu. Und dann legte sie mich flach (ihr Lieblingssatz, oft aus dem Nichts abgefeuert: „Ich leg dich jetzt flach“, ein Tausch der Erwartungen, mehr als der Hauch einer Bestimmerin.)
Die Geschichte melancholischer letzter Ficks wurde jedenfalls um ein Kapitel reicher (aber auch das sollte sich als nicht ganz richtig rausstellen.) Einen halben Sommer lang erfüllte Erotik (an der Grenze von verknallt und rattenscharf), mit viel zu frühem Sonneneinfall, durchgeschwitzten Laken, und einer Ära, in der meine Mathematik (nach langweiligen Statistikseminaren) hauptsächlich aus Knaus Ogino und Parallelen, die sich im Unendlichen schneiden, bestand.
Es ging weiter, später, viel später, mit einem herzhaften Lachanfall ihrerseits, als ich wieder mal an Erikas Tür klopfte und ihr Hochglanzbüro mit Blick zur Ulmenallee betrat. – Was, so ganz ohne Anmeldung, Micha!? Wir schauten uns einfach nur an, sie lachte, brachte nur diesen einen Satz zustande in fünf Minuten. Oh, wir konnten immer gut schweigen und still sein, wie damals, als uns nach dem Sex viel besseres einfiel als dezenter Erschöpfungsschlaf. Nachdem wir uns gesammelt hatten, tauschten wir unsere Historie aus: ihre Zeit mit Ellen habe zwei Sommer gedauert, und sie selbst sei ein etwas unsteter „Hopper“ (ihr Ausdruck) zwischen den Geschlechtern geworden, Karriere, ja, Kids, nein.
Ich erzählte von meinem Melodram im Nördlichen Bayerischen Wald, und dass ich jetzt an einer Volkshochschule eine Forschungsarbeit durchführe, „Neue Konzepte in der Gesundheitsbildung“. Die Fachsimpelei und das kleine ABC der Amouren war schnell abgehakt, und sie fragte mich nach dem Grund meines unerwarteten Auftauchens. – Die gute alte Tante Hypnose, sagte ich. Bitte versetze mich in eine tiefe, tiefe Trance, und zeichne alles auf, zu meinem Serientraum mit der „Farbenfrau“. Da kommt dann vielleicht mehr ans Licht, als die Repertoire-Story, die ich schon so oft erzählt habe. Ich meine, Erika, ich war damals fünf oder sechs Jahr alt.
Sie war die Erste unseres Jahrgangs, die eine Hypnoseausbildung machte, und wir liessen uns gerne von ihr hypnotisch bespassen, vergassen für Augenblicke unsere Namen, befolgten absurde posthypnotische Suggestionen, und erkannten en passant das grosse Potential des kreativen Unbewussten. – Micha, Micha, Micha, das können wir gerne machen. Aber dann muss ich dich ja schon wieder mal flachlegen. Ihr Humor war über die Jahrzehnte intakt geblieben, auch wenn wir beide spürten, dass das alte Feuer wehmütigen Erinnerungen gewichen war. Wir taten es trotzdem. Das alte Studentenwohnheim. Always crashing in the same car. Schön, kurz und heftig. Wie sie mich damals fesselte und geräuschlose Stille befahl, ist plötzlich so nah wie das flüchtige Bild vom Blättern in einer Fotokladde auf dem Dachspeicher.
„You win a while and then it’s done
Your little winning streak
And summoned now to deal
With your invincible defeat
You live your life as if it’s real
A thousand kisses deep“
Diese Verse sind von Leonard Cohen. Sein Roman „Das Lieblingsspiel“ hat mich lange nicht so berührt wie seine Songalben, aber es gab eine Passage, da sinnierte er über die Transformation der Frau im Orgasmus, und wie jede einzelne Liebes- oder Bettgefährtin sich in der Exstase in ein anderes Wesen verwandelte. Ein Hang zur dezenten Übertreibung, aber mit wahrem Kern allemal. Joni Mitchell beklagte sich mal, rückblickend und mit einem Lächeln, dass Leonard kaum ihr Schlaflager verlassen wollte und unersättlich war, liebestrunken, zumindest sextrunken. Ich konnte das mit den „Verwandlungen“ im Laufe der Jahre bestätigen (war ja auch ein so hoffnungsvoller wie hoffnungsloser Romantiker), und nur zu gerne begab ich mich auf die Erforschung dieser anderen Seite. Seltsamerweise kann ich mich an die Orgasmen einer meiner grossen Lieben nur sehr fragmentiert erinnern, obwohl wir oft über Stunden das Kopfkissen teilten und es in einer Badewanne, unter Linden, einmal sogar auf einem Ameisenhügel trieben.
Unser Sex war allerdings anders als der mit Erika keine Forschungsstätte rarer Stellungen und Praktiken aus dem weiten Feld vom BDSM, sondern ein kreatürlicher Akt ohne Design, Rollenspiel, und kleine Gerätschaften, es war auf elementare Weise natürlich, sie war keine „Göttin“, keine stilisierte Figur, aber so unfassbar „alles“ (in meinen sehenden, blinden Augen), dass ich in jede Falle ihrer Schönheit zu tappen bereit war, bis sie mich am Ende eines Jahres noch dreimal hintereinander hart nahm, so hart und schnell wie nie zuvor, und aus dem Paradies warf. Sie war gewiss mein „Urtyp“ – und damit ohne weitere Vorrede auf zur Transkription von Erikas Trancearbeit, meine „Farbenfrau“ betreffend, meinen „Urtyp aller Urtypen“. Die aufgezeichneten, leicht gekürztej. Details der Tranceinduktion (obwohl an Erickson geschult, machte sie es mit einem Pendel) lasse ich aussen vor. Als Einstimmung eine Passage aus einem Song von Neil Young.
Blue-eyed woman is a healer to me
(Blue-eyed woman)
If I lose that woman I’m history
(Blue-eyed woman)
ERIKA: Woran merktest du, dass die Sache mit der Farbenfrau etwas Besonderes war in deinen Träumen? MICHAEL: Sie kam immer wieder, oft mehrmals in der Woche. ERIKA: Wie alt bist du da? MICHAEL: Fünf, sechs, sieben Jahre alt. Ich liege in meinem Bett im Weissdornweg Nummer 9 in Hombruch, und sie kommt immer in frühen Morgenstunden. ERIKA: Wieso weisst du, dass es früh am Morgen ist? MICHAEL: Wenn sie wieder fort ist, öffne ich die Augen und blinzele ins Licht. ERIKA: Ist der Ort, zu dem die Farbenfrau kam, immer der gleiche, und wenn ja, beschreibe ihn. MICHAEL: Ein warmer Ort. Tropisch. Ich sitze am Rand eines Swimminpools. Meine Füsse spüren die Wärme des Wassers. Es duftet sehr angenehm, orientalisch. ERIKA: Kannst du sehen, was hinter der Schwimmhalle ist? MICHAEL: Ein grosses Fenster, ein Blick auf eine Wiese, ein Wald. ERIKA: Wieviele Menschen siehst du in der Halle, und draussen? MICHAEL: Da ist niemand, nur ich. Bis die Farbenfrau kommt. ERIKA: Beschreibe noch einmal deine genaue Position im Raum! MICHAEL: Ich sitze in der Mitte der langen Seite des Swimmingpools. Manchmal berühren die Füsse das Wasser. Ich bin glücklich. ERIKA: Glücklich? MICHAEL: Geborgen. ERIKA: Woran merkst du, dass die Farbenfrau den Raum betritt? MICHAEL: ich höre eine Geräusch von hinten, wie eine Schwingtür, ich höre ihre Fussschritte, als würde sie über kleine Wasserpfützen gehen.
ERIKA: Und dann? MICHAEL: Sie setzt sich hinter mich, manchmal hockt sie sich hinter mich. Wenn sie ihre Beine neben meinen baumeln lösst, sehe ich, wie lang und schlank sie sind, tiefes Braun. Die Haut glänzt. Die Augen blau. Unendliches Blau. ERIKA: Wie gross, glaubst du, ist sie? MICHAEL: Sie überragt mich mit ihrem Kopf und ihren dunkelbraunen, nein, schwarzen… glänzenden… Haaren, ich habe sie nie stehen gesehen…nur schemenhaft aus dem Rückraum auftauchend… ERIKA: Rate ihre Grösse! Michael: 1 Meter 90? ERIKA: Was macht sie, wenn sie sich hinter dir niederlässt? MICHAEL: Umschlingen…sie umschlingt mich…mit ihren Händen…und Armen…ihre Hände fahren über meine Brust…langsam…meine Oberschenkel…ich bin berauscht.
ERIKA: Woran spürst du, dass du berauscht bist? MICHAEL: Da ist dieses Lustgefühl.. Lust strömt durch mich hindurch…überallhin…sie berührt mich…jede Berührung schickt Schauer… ERIKA: Streichelt sie deinen Schwanz, masturbiert sie ihn? MICHAEL: Nein. ERIKA: Hast du im Laufe ihrer Berührungen einen Orgasmus? MICHAEL: Nein…sie berührt mich aber dort, legt ihre Hand auf…himmlische Lust…ich spüre, ihre Nacktheit, wenn sie ihren Oberkörper gegen meinen presst… ERIKA: Wie lange berührt sie dich? MICHAEL: Sehr lange…dann steht sie auf und geht…ich bin nicht traurig…ich weiss, die Farbenfrau kommt wieder. ERIKA: Und du nennst sie im Traum Farbenfrau? MICHAEL: Nein, nie. Hinterher, wenn ich mich erinnere. Sie spricht nicht…ich spreche nicht…gebe nur Laute von mir. Und ich liebe dem Duft und das Geräusch ihres Atems…ERIKA: Später, als die Zeit dieses Serientraums vorüber war, hast du sie dann auch immer noch Farbenfrau genannt? MICHAEL: Ja, oder Amazone. Oder Indianerin. ERIKA: Hat sie je vor Lust gestöhnt? MICHAEL: Nein, ich erinnere ihr warmes Lächeln, wenn ich meinen Kopf nach hinten drehe, ihre grossen Augen… ich gehörte ihr.
„What is the colour when black is burned“ . Mit nichts gilt es so sachlich umzugehen wie mit dem Material des Fantastischen, und Träume gehören allemal dazu. Und so ist es nur der Ehrlichkeit geschuldet, zuzugeben, dass das Transkript meines Serientraums eine Version ist. Nach vielen Umzügen hatte ich das Original verloren, und die sich stetig wiederholende Sequenz aus „Swimmingpool (Ort) und Initiation (Ritual)“ lediglich aus der Erinnerung neu notiert. Die allnächtlichen Begegnungen mit der „Farbenfrau“ hatten einen Einfluss auf manches, was später kam. Love, Devotion, Surrender. Am Tag nach der Tranceinduktion gingen Erika und ich durch unser Würzburg, das sich seit den Siebzigern erheblich gewandelt hatte. Aber wir blieben dran, und suchten alte Orte aus, ob sie nun unkenntlich geworden waren oder beharrlich ihr Revier verteidigt hatten. Sie zeigte mir den kleinen Park, in dem sie Ellen Rabner zum ersten Mal geküsst hatte („im Bett war diese Traumfrau ein Sub, Micha, sie hasste die ewig anhimmelnden Blicke der Jungs, die sie stets ziemlich dumm umschmeichelt hätten“), und es war der gleiche Park, mit dem ich einst mit meiner Verlobten lustwandelte, zwischen Audimax und Studentenwohnheim.
Dort, in der Friedenstrasse, fuhren wir in dem „internationalen“ Gemäuer mit dem alten Fahrstuhl in den siebten Stock hoch – was für ein sentimentaler Reflex – wo ich (lange vor Erikas Fesselungen), ein Kopfkissen mit C. teilte und die glückseligsten Monate der Siebziger
Erika führte mich auf die Alte Mainbrücke, und liess uns das Spiel spielen, alle jene mit Namen (und die exakten Stellen dazu) zu benennen, die wir dort geküsst hatten. Erika gewann 5:2 – selbst im Fussball eine Klatsche. Wir kamen in jenen Spielmodus von Erwachsenen, die Witterung aufnahmen und alte Leidenschaften Revue passieren liessen – Nostalgie schwang überall mit. Obwohl, bei Erika wusste ich das nicht so genau, sie fasste mir auf der Brücke en passant in den Schritt, gab mir einen rasanten Zungenkuss und vermerkte: „6:3, Schätzchen!“ – und weiter ging es.
Hier der Plattenladen von Recommended Records, wo ich die erste und beste Platte der Violent Femmes gekauft hatte. Da die Treppe zur Festung, wo sie zum ersten Mal und ohne Vorlauf eine unbekannte Schöne um einen Kuss gebeten und überrumpelt hatte, in freier Wildbahn. Ich zeigte ihr den Ort, an dem meine Lieblingsbuchhandlung war (die auch Erikas Lieblingsbuchhandlung war), wo ich Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ erstand.
„Ich kenne so viele Menschen, Erika, die immer alles vom Ende her begreifen wollen, Italo aber bastelte seinen Roman aus lauter Kapiteln, die den Anfang einer Geschichte erzählen, der dann einfach abreisst, und anderen Anfängen Platz macht.“ Das erzählte ich ihr, als ich sie mit meinem VW Bulli nach Veitshöchheim fuhr. „Noch ein Kaffee, Süsser? Wir können heute etwas zuende bringen.“ Das zweite Endspiel. Nach jener Nacht sah ich sie nie wieder. Sie starb fünf Jahre später auf einer Autobahn im Süden Frankreichs.