• „Thinking Music“

    Beth Gibbons‘ erstes richtiges Soloalbum ist das lange Warten wert gewesen. Es ist ein kühles, tiefgründiges Set verträumter Folk-Exotica-Beschwörungen, eine seltene Platte, die sich mit den Ängsten und Schmerzen des Erwachsenseins auseinandersetzt und verknotete Emotionen in einer flatterhaften, straffen Instrumentierung und rauchigen, samplebereiten Cinematics seziert. Atemberaubendes Material, produziert von Gibbons in Zusammenarbeit mit James Ford und Lee Harris von Talk Talk.

    (So beginnt die zweite Besprechung, die man im Netz finden kann. Bei Boomkat gibt es oft „reviews“, und sie leisten bei diesem Plattenversand sehr gute Arbeit. Gäbe es nicht durch den Zoll massiv erhöhte Preise, und Verzögerungen bei der Lieferung, würde ich viel öfter bei den Briten Musik ordern. Ich kommentiere hier Absatz für Absatz, und ändere nichts an der Deepl-Übersetzung. Interessant, wie der Rezensent Beschreibungen koppelt, die widersprüchlich wirken können: flatterhaft vs. straff, Folk vs. Exotika. Dass die Lieder wie „Beschwörungen“ wirken, kann ich gut nachempfinden.)

    Gibbons hat sich bis zum richtigen Moment zurückgehalten, um ihr formvollendetes Debüt zusammenzustellen. Ihr Songwriting kennen wir natürlich schon, nicht nur von der makellosen Portishead-Trilogie, sondern auch vom 2002er-Album „Out of Season“ und dessen Nachfolger „Acoustic Sunlight“, beides Kollaborationen mit Talk Talk-Bassist Paul Webb (alias Rustin Man).

    (“Acoustic Sunlight“, davon habe ich noch nie gehört. „Formvollendet“, da stimme ich auf Anhieb zu, ohne lange über den Begriff nachzudenken.)

    „Lives Outgrown“ erweitert ihre Technik ein wenig; ihre früheren Kollaborationen bleiben im Schatten, aber dieses Album ist unapologetisch intim und verpackt Geschichten über Liebe, Bedauern und Unruhe in gedämpfte, melancholische Extravaganz. Es ist nicht so vordergründig staubig wie das Portishead-Material oder so sehnig wie ihre Platten mit Webb, sondern eine zerschundene, nachdenkliche Sammlung verletzlicher Reflexionen, die von Musik untermalt wird, die sanften, archaischen Folk, frühen Jazz, Exotica aus den 70ern und düsteren Post-Rock anklingen lässt.

    (Wenn ein Album wie dieses schubladenmässig schwer auf den Begriff zu bringen ist, werden gerne Genrenamen mit beiläufig daherkommenden Adjektiven aneinandergereiht, was nicht kritisch gemeint. Dabei entsteht eine angenehme Unschärfe, die unsere Wahrnehmung in bestimmte Richtungen lenkt, ohne die Fantasie einzuengen. Wo ist der „frühe Jazz“ zu hören? Aha, mein geliebtes unscharfes „archaisch“, hier mit „sanft“ gekoppelt. Und dann: „eine zerschundene, nachdenkliche Sammlung verletzlicher Reflexionen, die von Musik untermalt wird…“. „Untermalt“ würde ich hier nicht sagen. Das klingt mehr nach Hintergrundbegleitung. Die Musik um den Gesang herum ist viel mehr als ein „Geschmacksverstärker“, ich erlebe sie hier als „Erweiterung“, „zweite Ebene“, doppelter Boden“.)

    Es ist die Art von Material, die Gibbons während ihrer gesamten Karriere angepriesen hat, und zwar so sehr, dass es vertraut erscheint; die Songs haben eine lebendige Qualität, nicht weil sie von anderem Material geklont wurden, sondern weil sie die vollständig realisierten Versionen von Gedanken sind, über die Gibbons seit Jahrzehnten nachgedacht hat.

    (Das ist ein interessanter Gedanke. Wir erkennen die Handschrift, aber die Songs wirken auch deshalb so lebendig, weil diese ewig in ihrem Raum schwebenden Gedanken / Empfindungen noch nie so vollständig realisiert wurden. Das „Formvollendete“ wieder mal. Nach den dunklen Andeutungen von Beth Gibbons im offiziellen „presskit“ kommen übrigens einzelne HörerInnen des Albums zu dem Schluss, es könne sich hier um ein Abschiedswerk handeln.)

    Die Vorab-Single des Albums „Floating on a Moment“ ist ein logischer Anfang. Gibbons‘ Stimme klingt exponierter als je zuvor; die brodelnde, von Nina Simone beeinflusste Traurigkeit, die Portishead zum Kultstatus verholfen hat, ist immer noch da, wird aber durch Erfahrung, Angst und Kummer verstärkt. Ihre Produktion ist ähnlich ausbalanciert: dicke jazzige Basslinien unterstützen federleichte, scheppernde Drums, während die versilberten Breitwandqualitäten, die ihr früheres Material beflügelten, sich zu subtilen Chorälen, klirrenden Streichern und leisen Xylophonen entwickelt haben – mehr Jean-Claude Vannier als Ennio Morricone.

    (Ob es eine von Nina Simone beeinflusste Traurigkeit gibt, die Portishead zum Kult verholfen hat, bezweifel ich. Vielleicht ist da ein besondere Grundtraurigkeit in ihrem Gesang gemeint , ein spezielles „Soundfeld von Melancholie“, sofort erkennbar. Wem wurde je attestiert, die traurigste Stimme der Welt zu haben. Zu diesem raren Kreis wurde mal Robert Wyatt gezählt, und zwar nicht selten, auch Beth Gibbons. Und, by the eay, auf dem Album ist „Floating On A Moment“ übrigens das zweite Stück, und ich bin kein Pfennigfuchser. Das Album beginnt mit dem Song / der Beschwörung „Tell me who You Are Today“ (ein noch logischerer, psycho-logisch noch passenderer Anfang des Albums ist das). Und passend zu dem Titel und der Lyrikweberei dieses Songs: schau dir das Cover an: vier Portraits ihres Gesichts, mit geöffneten, geschlossenen Augen. Zunehmende Unschärfe. Ist überhaupt eins scharf, und wirkt das schärfste nicht seltsam maskenhaft?! Dunkler Hintergrund. Insichgekehrtheit. In weiteren Fotos (auf der Pressemappe) fällt auf, wie unscharf ihr Gesicht hier und da wirkt, gegenüber der extrem scharf eingefangenen Natur ringsum. Warum?)

    Die Liebe verändert die Dinge“, versichert sie in „Lost Changes“, das zunächst einen raffinierten Alt-Country-Schimmer aufnimmt, bevor epische Orchesterstreicher das überwältigende Melodrama unterstreichen. Im Hintergrund ist mehr los, als man auf den ersten Blick sieht – langsame, hart geschwungene Drums werden durch clevere Avantgarde-Elemente wie quietschende Metallplatten und instabile Oszillator-Drones ergänzt. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um Popmusik, aber wenn man den Mutterboden aufreißt, kommen Gibbons‘ tiefere Einflüsse und Inspirationen zum Vorschein wie eine Masse verschlungener Wurzeln.

    (Den Absatz kann man gerne zweimal, dreimal lesen. Und da deckt sich etwas mit meinem Hören. Diese zuweilen explodierenden kurzen Passagen des Melodramatischen. So einen Satz mit aufreissendem Mutterboden muss einem erstmal in den Sinn kommen! Welche tieferen Inspirationen meint der Rezensent wohl?)

    Reaching Out“ ist sogar noch zerknitterter; Gibbons‘ obere Stimmlage erinnert zunächst an Thom Yorke, aber sie verdoppelt das Tempo und weint schmerzhaft über Northern-Soul-Bass-’n‘-Drum-Drums und blecherne Fanfaren. „I need your love, to silence all my shame“, echot sie, während im Hintergrund geisterhafte Spuren keuchen, wimmern und sich drehen.

    (Hier wird es schonungslos intim. Rollenspiel ist das nicht. In einem Werk, in dem das Ich als zweifelhafte Grösse erscheint, kommen, zahlreich, zerknittert, aus Träumen geborgen, die Schatten ins Spiel, als dunkler Reigen.)

    Während das frühe Portishead-Material auf den Sample-Bombast von Public Enemy in ihrer Blütezeit zurückgeht, ist „Lives Outgrown“ eher dem unheimlichen Minimalismus von RZA geschuldet, mit seinen schwingenden Streichern und kryptischen, schrägen Sprüchen. Schauen Sie sich nur „Reaching Out“ an, ein gespenstischer Folk-Nieselregen, der mit knochentrockenen fernöstlichen Schlagzeugklängen, Gesangsschleifen und wirbelnden Streicherphrasen unterbrochen wird. Auf „Beyond the Sun“ und „Rewind“ streift Gibbons Nordafrika und Ostasien, wobei sie ihren zerbrechlichen Gesang in ein lokales Gewirr aus Rohrblattklängen, blechernen Saitenzupfern und kantigen Streichern mischt.

    (Jetzt gehts aber rund: Nordafrika, Asien. Keiner aber wird hier „weltmusikalische“ Versöhnungen wittern… und doch ist es das Mysterium dieses Albums, dass es, bei allen Abgründen, Trost bereithält, und ganz sicher nicht, weil an den passenden Knöpfen gedreht wurde.)

    Auf dem pastoralen Schlussstück des Albums, „Whispering Love“, ist sie zu Hause: „Blätter unseres Lebensbaums, wo die Sommersonne immer durch die Bäume der Weisheit scheint“, gurrt sie, während Vögel singen und akustische Gitarren neben beruhigenden Flöten vibrieren. Es ist ein moosiger Abschluss eines Albums, das drei Jahrzehnte musikalischer Wanderschaft zusammenfasst und einige der ernüchternden Weisheiten, die sie gelernt hat, auf höchst einprägsame Weise vermittelt.

    (Wohl nahezu jeder, der den Auftrag gehabt hätte, wäre mit diesem Lied, dieser Anrufung, als Abschluss dahergekommen, der ideale „closer“. Als ich das Album zum ersten Mal gehört habe, von Anfang bis Ende, war ich mir sicher, dass „Lives Outgrown“ fortan an meiner Seite ist, company for life.)

  • A painted horizon – Beth Gibbons‘ „Lives Outgrown“ reviewed


    Beth Gibbons: Vocals, Acoustic Guitar, Backing vocals / Lee Harris: Drums, Daff, Percussion, Mellotron / James Ford: Backing vocals, Harmonium, Mellotron, Vibraphone, Piano spoons, Double bass Strings, Woodwind and Brass performed by Orchestrate / Strings, Woodwind and Brass written by Lee Harris, arranged by James Ford, Lee Harris and Bridget Samuels (every song comes with a detailed list of the players involved. People who know the Kate Bush family, may know Raven Bush who has some appearances on the album. This is the list of the first song, „Tell Me Who You Are Today“, Lee Harris is co-credited as composer on several tracks)

    a review as a work in progress, this one. Every day add something somewhere, a thought that comes to mind, skip, what makes less sense. Sometimes a thought developing, on the other hand a collection of impressions. The fun thing will be, if my enthusiasm is a minority thing. No problem with that. With the „Julia Holter review duo“, we are at least two who will make it an „album of the year“, probably. That said, none of my other nine favourites are (in my merciless ears) less than brilliant. These are subtle differences that often let themselves reduce to taste and preference and mood. Julia’s work is the living example of a grower, and being focused on fluidity (water), the sounds tend to the upper register, the ethereal. So, they are not as easily accesssible than Beth Gibbons’ hypermelodic „down to earth“ retro folk (and beyind) charms. Maybe this album from BG made me so enthuastic, too, because here again, like on her earlier works, you will find a hard-to-grasp melange of vocal excellence and irresistible sounds around t („the landscape she’s moving through“). I cannot praise enough the production work of James Ford (who entered the scene much later in the timeline), and the masterclass of Lee Harris who was part of the journey from start on. The spirit of „spirit of eden“ maybe a bit too smart to work as a reference, cause the „feel“ is so different. For someone who nearly has „cult followers“ in regards to her vocal style (a cult big enough to sell out big venues), „Lives Outgrown“ in fact appears as her masterpiece, not relying on old formula. This review (though well hidden under the radar of this blog) is the first one in the web (as in print and radio). The next two „Plattenbesprechungen“ will follow in Uncut and Mojo. „Lives Outgrown“ is the „FLOWWORKER ALBUM OF MAY“. And another question, Mr. Westfeld, do you feel reminded of other albums from other artists here? It has somehow that „instant classic“ appeal and „vibe“ of early albums of the new British folk-revival scenes of the late 60‘s and early 70‘s, but not as a first thought that springs to mind.) After the album‘s release on May 17, this album will be part of the playlist pf my next edition of „Klanghorizonte“ (Deitschlandfunk), along with – probably – some other extraordinary records by Julia Holter, Nico, Arushi Jain, a nun from Ethiopia and more.

    Collaborative all her works have been, from start on. In the very early days when strolling through small venues and pubs, she relied on a repertoire of classics, made famous by Lady Day (i assume) and Janis Joplin (i have read). Later on, in the Portishead years (that perfect trio with Barrow & Utley), the silences in between, loh, very long, Robert Wyatt-like, after the blow away zone of „Third“, (out of nowhere) the lbum with Paul Webb aka Rustin Man, at last singing Gorecki – all teamwork: the intricacies, the surroundings, the voice.

    Landscapes she‘s been moving through. The urban darkness. The dystopia, the hometown. My minor quibble about her singing: it often seemed so close to Billie Holiday, the phrasing, the autumnal. So what, and nevermind: between  „Dummy“ and „Out Of Season“ this strange sort of melancolia, strangely uplifting, elevating („elevator music“ of a rare kind). Never hurrying for fame, giving no interviews either.

    It took her (add Lee Harris and James Ford, as time went by) around ten years from first sketches to final mixes. Her singing reaching out so far and deep – not heard that deep vocal range before. Hypermelodic and far, far out. Restrainment all over the place. No pushing. From a distance, vibes of „The Wicker Man“ (O.S.T and movie), the darkest campfire chamber music you’ve heard in quite a while.

    The old stuff laid bare: grief, growing old, losses (and what change is gonna come after sleepless nights for too long). The beyond of the everyday. „On the path / With my restless curiosity / Beyond life / Before me …“ The most „progressive“ instruments: a mellotron and an electric guitar. Floating lines (and a boiling point, unexpected). Passages close to catching fire (and catching fire).

    I didn‘t think, while listening again and again, not a single second, of Billie Holiday. There’s an urgency to these songs that has no contract with the cozy, the settled, the promising wisdom of age when looking back. What a tension between Ford’s lush arrangements and the vocal delivery. A terrific album. The most honest review: a painted horizon.

  • „Kind instruction for falling in love“

    Percussionist and drummer and former Talk Talk-member Lee Harris is credited as co-composer of some songs of Beth Gibbons’ forthcoming „Lives Outgrown“. The fact Lee calls the album „a psychedelic, pastoral, wild explosion“, first listenings, and a photo from Beth with a dog in an open landscape made me think of distant relationships with Van Morrison‘s „Veedon Fleece“. Both works seem too unique to be compared with one another, except for the always ungraspable „flow“. Or is there more? Let us think twice and listen to both albums one after the other, perhaps some time in summer. On a long afternoon.

    Start with Van‘s album that is much lighter, moodwise (a first and second impression only, i can tell you that) and more sparse in instrumentation – in the end both create their own peculiar air and atmosphere, and depth. A „woody“ feel. Beth‘s work will (i bet on it) make some critics throw in „The Wicker Man“ (a playful, hypermelodic soundtrack for an otherwise noir folk story), while Van‘s songs shy away away from such ghosts creating another green world of flamboyant dreams (a troubadour‘s modus operandi, on the surface, dear reader). Finally they might meet on some middle ground, take their places, and exchange stories about Thomas Hardy‘s „Tess“. Or what the heaven do I know! Whatever draws you in somebody else‘s world! These albums surely do. And about lives outgrown, they both have a whole lot to tell.


    So much darkness hidden in the uplifting flow, even dangerous words turn to sounds, at first, on „Veedon Fleece“. Thus „shattering“, and „devastating“ – another common ground between these longplayers from 1974 and 2024. Ben Chasny is „Six Organs of Admittance“, and he writes: „There are so many devastating moments on Van Morrison‘s „Veedon Fleece“ that to list only a few would be total injustice to the rest. But fuck it, what the fuck is just in this world? Well at least we can experience hope in one man’s search for light. Right? So let’s talk about the way Van ends “Linden Arden Stole The Highlights” with the line, „now he’s living with a gun“ and then starts up the very next song by throwing his voice way up on top of his vocal chords and letting it settle down to a calmer note while singing, „oh well it’s lonely, when you’re living with a gun.“ Ah, I’m not a good enough writer to explain how magical it is. You’ll just have to trust me. Or we could talk about how it’s a whiskey drinking record, an alchemical rumination, a journal of his post-divorce drive through the Irish countryside, or his most thoroughly William Blake influenced work ever (just look at his hair on the cover, for Christ’s sake!).“

    In the first longer text about Beth’s album (Mojo, April) , James Ford reveals that that this first single, „Floating On A Moment“ „is probably one of the cheerier songs. It kind of goes bleaker from there. It’s related to real stuff and it’s from a real place, to the point where it’s almost painful to listen to sometimes. But there’s a beauty in the sadness.” And in a rare statement, Beth adds: “My fifties have brought for ward a new, yet older, horizon. It has been a time of farewells to family, friends and even to who I was before, the lyrics mirroring my anxieties and sleepless nighttime ruminations… I wanted to draw away from breakbeats and snares, focusing on the woody fabric of timbres, away from the sugary addiction of high frequencies.” In strange ways, with their dreamlike voyages, ambivalent textures, and power to transcend the everyday „Veedon Fleece“ and „Lives Outgrown“ deliver some unexpected closeness, so to speak. Beyond being from two redhairs with red-haired dogs. Don‘t wait for summer.

  • …diese Leben, aus denen man herauswächst…



    Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. Es traf mich so unmittelbar wie das erste Hören von Marianne Faithfulls „Negative Capability“. Und bei aller Zuneigung zu Beth Gibbons, und dem Zauber von Portisheads „Dummy“, von Portisheads nach wie vor betörend-verstörendem „Third“, von ihrer zurecht gerühmten Zusammenarbeit mit Rustin Man auf „Out Of Season“… ja, natürlich, alles braucht seine Zeit, aber was hier passiert ist (die Lieder sind über Jahre gewachsen, das Kernteam Beth und Lee Harris, der Trommler von Talk Talk, und da war, später, eine handverlesene Schar, sowie der Multiinstrumenalist und Produzent James Ford)… also, das war auch nach dem ersten Songvideo (das noch hellere Farben mit sich führte) so naheliegend nicht. Auch die Stimme reisst Räume auf, wie ich es noch nie von ihr gehört habe. In einem ziemlich unheimlichen Labor herrlich alter, versponnener Klänge. Ist „shattering“ das Wort? Oder „devastating“, wenn die dünne Linie zwischen Schmerz und Schönheit ins Spiel kommt. Deep as deep can go. Machen wir‘s kurz: she has painted her masterpiece. Es erscheint am 17. Mai. „Lives Outgrown“.

  • “Afric Pepperbird“ (und was danach kam)



    „Afric Pepperbird“ zählte zu meinen ersten zehn Platten des Münchner Labels. Eine Musik wie ein Statement: eine raue wilde Engergie, ungebändigt und doch formbewusst, nordisch, bevor wir anfingen, Fjorde zu fantasieren, gleichsam „rockende“ Powerryhthmik von den Herren Arild Andersen und Jon Christensen, unwiderstehlich vorwärtstreibend, das Saxofon und Gitarrenspiel von Garbarek und Rypdal kühn, verwegen, eigensinnig, mitreissend, und noch ohne ihre späteren „signature sounds“ (die anders gelagerte Kühnheiten bereithielten). „Afric Pepperbird“ ist ein aufregender Einstieg in die Welt des norwegischen Saxofonisten (für Anti-Nostalgiker und Abenteuersuchende), der auch mit jeder seiner nachfolgenden vier Alben unter eigenem Namen die „Kritikersterne“ reihenweise vom Himmel blies, von „Sart“ über „Triptykon“ und „Witchi-Tai-To“ bis „Dansere“. Und das war bekanntlich erst der Anfang. Ich ahnte schon damals, als unter jeder dieser Schallplatten der dezente Vermerk „produced by Manfred Eicher“ zu lesen war, das würde wohl lebensbegleitend sein. Zu jeder dieser fünf Schallplatten habe ich eine Geschichte, und das Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet live in Münster zu erleben, 1975, im Westfälischen Landes- und Kunstmuseum, bleibt umvergesslich. (Jetzt auf Vinyl neu erhältlich in der „Luminessence“-Reihe von ECM Records. Pressung, Fertigung, Sound überragend.)

    Afric Pepperbird (****1/2)
    Sart (*****)
    Triptykon (****1/2)
    Witchi-Tai-To (*****)
    Dansere (*****)

  • Fleeting thoughts on Julia Holter songs (2)

    Olaf and I were talking bass a bit when changing mails about this very special work. As Tom Pikarski writes in Exclaim: „When Devin Hoff’s fretless bass enters, it does so like a layer of molasses; rich, sticky and sweet. Hoff’s contributions are an essential component of the record, calling to mind the vital role that bass plays in the music of Holter forebearers like Kate Bush or Joni Mitchell.  (…) Perhaps the greatest feat of Something in the Room She Moves is that, while there are plenty of organic instruments all over these recordings, it’s the synthesizer playing and sound design that lend the record its characteristic lived-in, sinewy and roving lifeforce.“ And now our fleeting notes. On side B. This will definitely be a one time experiment. We were not happy with splicing the whole work into single pieces. We always had to imagine its flow instead of experiencing itOur deepest listening still lies ahead, I think. That said, don‘t take our words too serious, smoke them in a pipe, put the record on – and float downstream

    Spinning 

    Olaf: A steady beat is the ground from which strange textures blossom – moog, bass, voices, noises, delays, only a few wind instruments for a change. Everything disintegrates towards the end, the textures wither away, the the song tumbles and falls apart. (I repeat myself but I really like what the bass player does, very melodic and sensitive playing.)

    Michael: So here we are, at the beginning of side B. The perfect place to let the rhythm in… and, yes, while it nearly all dissoves into air at the very end, another kind of voice takes the lead: calm clear, focussed. The calmness after the dance. The track grabs me more and more. This album seems to be the classic grower. 

    Ocean

    Michael: The ambient piece, the oceanic piece. Julia is smart: instead of delivering a purely peaceful landscape, she let‘s the uncanny in sideways, after a while. You never know, oceanwise… it ends on a tranquil note though.

    Olaf: Nothing to add. „Ocean“ is another proof of Julia Holter‘s versatility; unique music, that fits perfectly at this moment. And it wouldn‘t feel out of place on any state of the art ambient album.  This snapshot of the ocean was made in the evening, which brings us to the next song.

    Evening Mood

    Olaf: A counterpart to „These Morning“. Being tired after a long day, its events appear like a mild vortex on the threshold of sleep. The voice binds the musial elements of this vortex into a song. Again: lovely singing, beautiful bass playing – and a dash of Harmonia towards the end.

    Michael: Really, Harmonia? Have to listen again with your ears. The calmness, and the apparitions of the day receding… but after initial moments of letting loose and introspection , a lingering irresisitibe melody blows new life into the singer‘s voice and leads us through the evening‘s offerings between the wistful and the dreamlike. All in perfect union with heightened awareness. (From start on, listening to this album requires a very relaxed state of mind. My trick: darkness and a candle.)

    Talking To The Whisper

    Michael: Maybe the most complex song… you never know where the journey of a single track goes, except sideways, most of the time: in the second half Chris Speed‘s saxophone conjures a dark fantasialand full of wonder, a sense of danger follows, then: boiling point.

    Olaf: It really is a complex song, constantly on the verge of ending, laying false trails. At the same time I find it one of the most emotionally engaging songs on this album. There is this middle section that totally gets me: „Let me light, let me throw light/ On your path, little one / Leave me time to stop and say / Love can be / Shattering“.  

    Who Brings Me

    Olaf: A lullabye to close the album. Major themes reoccur: sleep („As I fall asleep“) water, sound („And the eyes of the water tide / Scanning blind with just the sound to guide“), love („You, my love waking up my every day“). Sparse instrumentation, the string instrument and the overall atmsophere remind me of the Velvet Underground – gorgeous and uncanny.

    Michael: This song has to happen at the end. Things calm down. But not like all is good and pancakes. Unsettling dream images pop up… („Fading gusts of luck change my breath“) … and I ask myself: what has that all been about (ready for a second, for sure, deeper journey)… There‘s an interesting balance on this whole album between, well, apparitions from nowhere (dream life), clear structures (for a while), and things / sounds falling apart.

  • Fleeting thoughts on Julia Holter songs (1)

    “My heart is loud,” Julia Holter sings on her sixth album Something in the Room She Moves, following an inner pulse. The Los Angeles songwriter’s past work has often explored memory and dreamlike future, but her latest album resides more in presence: “There’s a corporeal focus, inspired by the complexity and transformability of our bodies,” Holter says. Her production choices and arrangements form a continuum of fretless electric bass pitches in counterpoint with gliding vocal melodies, while glissing Yamaha CS-60 lines entwine warm winds and reeds. “I was trying to create a world that’s fluid-sounding, waterlike, evoking the body’s internal sound world,” Holter says of her flowing harmonic universe. 


    Sun Girl

    Michael: „Sun Girl“ appears like a dreamscape at a beach. There’s a thin line between song and texture, the words ethereal. The mood nearly on the brink of falling apart, then it flows again, in short rhytmic bubbles, aJoao Gilberto bossa lightness. But no bossa. Apparitions all over the place, foreground turning background and vice versa.

    Olaf: This sounds like Musique Concrete with instruments instead of sounds / field recordings. Not a song, but a walk through a jungle, across a river using the bass line as stepping stones. Change is constant, everything is in flux, sunlight through spray and haze. The weightlessness of it all, pop apparitions.

    These Morning

    Olaf: After the misty swirl of „Sun“ a moment of calmness, the perfect sonic rendition of that sweet moment between sleep and wakefulness. Not fully awake yet, the mind wanders without the intellect by its side – through this garden of circular sounds. Love this song and its textures, the trumpet, the bass again – „just lie to me, just lie to me, just lie to me“. (I don’t really know why this song reminds me of „goodbye stranger“ by Supertramp).

    Michael: „These morning get sunrise / Tall fjord, some time lost / Brush aside any words sinking to the abyss ago“. This again like notes from a dream, fragmented, pastel coloured, wonderful Wurlitzer (even the words themselves not fully awake). The first seconds like a classic pop ballad, but then the dream-o-sphere takes over, the singer gets lost in structures drifting apart,  a strangely joyous feel in surroundings that may possibly harm you.

    Something In The Room She Moves

    Michael: The sense of the surreal is enhanced  on the title track, and I love the variety of her singing here. And the  sense of drama: all the instruments with their passages of power and coming to a halt, taking a breath –  and clearly, you don‘t know what this is all about, but it is all brillliantly executed with a clear sense of purpose and place. And the jazz feel here: bass and saxophone are not just colouring the scene (Robert Wyatt would love Julia‘s „jazz vibes“).

    Olaf: Is „the scene/ on a beach or green screen“? The music has a flow, that is natural and hyper-artificial at the same time – I do agree: it is a „sense of the surreal“. Again: I love that bass playing, a touch of Eberhard Weber – this breakdown, bass, organ, saxophone, is gorgeous & stunning – strong ECM vibes.

    Materia

    Olaf: Keyboard and voice in a cathedral, beautiful echos / sound reverberations / sublime sound treatments. So far the shortest song and almost a conventional pop ballad. (digression: How is this all rooted in the „pop“ tradition? Definitely not in the song structure – there is nothing like a verse-chorus-formula here. The instrumentation/arrangement is more jazzy and avantgard-ish than pop… but it definetely has a „pop“ sensibility. So what kind of music are we listening to?). The last seconds of the song are breathtaking „what of love is a matter of love is a …

    Michael: Everything in this song on the verge of falling apart: more than a whisper, less than a „real“ song. Ethereal is the word. It is strange sending emails for every single song, I am very curious about the whole experience of the album. Definitely water is the element here, there, and everywhere.

    Meyou

    Michael: Another meditation with certain Meredith Monk echoes, the only words here are me and you, and how they melt into one another. Classic love song area, with Gregorian moods, and minimal / disturbing eruptions. What all happens, when nearly nothing happens.

    Olaf: Classic love song area – a fitting description! A the same time it is far from being a classic love song. A tonal experience: first only one voice singing and breathing, then different voices join in, delicate sounds and treatments in the background, the stage gets wider – until at the end, we only hear that one voice again. Me You. I don’t know whether I really like this, but it does recalibrate the ears, cleanses them for the second half of the album. So also a classic closer for side A of an LP.

    Olaf und Michael mailten sich während freier Stunden zwischen Niedersachsen und Sylt ein paar Impressionen zu Julia Holters in Kürze erscheinendem Album „Something In The Room She Moves“. Sie hörten Song auf Song der Schallplattenseite A. Das Sequencing schien perfekt. Beide waren sich sicher, Seite B würde mit einem rhythmischen Power-Track loslegen. Und so kam es: Spinning

    (Julia Holter gesellt sich wahrscheinlich dazu, wenn es um die Seite B geht, und ein paar grundsätzliche Gedanken und Empfindungen zu ihrem Werk. Wir sind gespannt.)