• Julia, the ocean, and strange lightness (4/5)

    Looking back on the whole album, Theo G. writes: „Something in the Room She Moves, Julia Holter’s 6th record, thematically revolves around life and death. Written after the birth of her daughter and dedicated to the memory of her young nephew who recently passed away, it sonically incorporates these paradoxical forces seamlessly. There’s an almost unbearable lightness to her best work and Something in the Room She Moves has that in spades.“ Looking back on the album, that‘s what we will do, too, in the last part of our approach to the album, and i do thank Julia Holter very much following our thoughts and questions and thinking out loud… for now, let‘s start with the only purely instrumental piece, “Ocean“ …

    Ocean

    Michael: The ambient piece, the oceanic piece. Julia is smart: instead of delivering a purely peaceful landscape, she let‘s the uncanny in sideways, after a while. You never know, oceanwise… it ends on a tranquil note though.


    Olaf: Nothing to add. „Ocean“ is another proof of Julia Holter‘s versatility; unique music, that fits perfectly at this moment. And it wouldn‘t feel out of place on any state of the art ambient album.  This snapshot of the ocean was made in the evening, which brings us to the next song.

    Evening Mood

    Olaf: A counterpart to „These Morning“. Being tired after a long day, its events appear like a mild vortex on the threshold of sleep. The voice binds the musial elements of this vortex into a song. Again: lovely singing, beautiful bass playing – and a dash of Harmonia towards the end.

    Michael: Really, Harmonia? Have to listen again with your ears. The calmness, and the apparitions of the day receding… but after initial moments of letting loose and introspection , a lingering irresisitibe melody blows new life into the singer‘s voice and leads us through the evening‘s offerings between the wistful and the dreamlike. All in perfect union with heightened awareness. (From start on, listening to this album requires a very relaxed state of mind. My trick: darkness and a candle.)

  • Vorstehende Bühnenkraft

    Diese „vorstehende Bühnenkraft“ war ein gewisser John Lennon, eingestellt als „musician“ von einer „Manfred Weissleder KG“ in Hamburg-Altona. Später erfahren wir anhand des Bon-Buches, dass jener John gern mal einen Weinbrand zu sich nahm, während sein Mitstreiter Paul McCartney Fanta bevorzugte.

    Es ist klar, hier geht es um den „Star-Club“. Es geht um die Frühzeit der Beatles in Hamburgs Rotlichtbezirk St. Pauli, wo sie, wie John zu sagen pflegte, „erwachsen geworden sind“.

    Zunächst aber verrät das Buch des Musikjournalisten und Beatles-Kenners Nicola Bardola und dem langjährigen Betreiber des Rockmuseums im Münchner Olympiaturm, Herbert Hauke, wie sie in den Besitz zweier abgegriffener Leitz-Ordner gekommen sind: Ein anonym bleiben wollender Spender vertraute sie Hauke wie in einem Spionageroman nach vorsichtigen Vorgesprächen bei einem Treff an einer Autobahnraststätte an. Hauke wurde allerdings erst wirklich wach, als er beim oberflächlichen Durchblättern das Logo des Hamburger Star-Clubs entdeckte. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Die Ordner enthielten unglaubliche Schätzchen, von Taxiquittungen bis zu Künstlerverträgen, von hingekritzelten Notizzetteln bis zu Briefen an die „Bravo“-Redaktion. Horst Fascher, damals sogenannter „Booker“ und „Manager“ im Star-Club, dem Hauke die Ordner vorlegte, sagte dazu nur: „Steck das mal wieder weg, Junge. Das ist sehr, sehr viel Geld wert.“

    Recht hat er. Und weil dieses gesammelte Material wirklich einmalig ist, gibt es das jetzt als großformatiges Buch. Und es sind nicht nur die Namen, die hier auftauchen, es ist die Perspektive, die den Reiz ausmacht. Natürlich weiß man es im Hinterkopf, aber hier kann man Seite für Seite konkret sehen, wie eine Legende wie der Star-Club hinter den Kulissen funktionierte. Auf der einen Seite steht das oft entfesselte Publikum, auf der anderen Seite existiert für jeden Doppelkorn ein handgeschriebener Buchungsbeleg zuzüglich 10% Bedienungszuschlag und inklusive Steueranteil. Die Weinkarte zeigt Liebfrauenmilch und Kröver Nacktarsch (was sonst), und ich habe sie sofort wiedererkannt, die schmalen Schreibblöcke mit der „Niebuhr“-Reklame, auf denen die Kellner die Bestellungen aufnahmen — ich hatte als Kind wohl ein halbes Dutzend dieser Dinger, die vermutlich mein Vater mal aus seiner Stammkneipe mitgebracht hatte. Mit Stempel und Unterschrift wurden die Taxiquittungen für den Transport der englischen Musiker zum Check durch die Fremdenpolizei (ja, die gab es damals noch) ebenso wie die ausgezahlten Gagen abgerechnet — Bill Haley dürfte mit 17.000 Mark der Rekordhalter sein. Und er trat nicht allein auf: Nicht weniger als elf weitere Bands spielten an dem Abend.

    Star-Club-Boss Manfred Weissleder war äußerst gewissenhaft, was die Buchführung anging, die Gagen, die er zahlte, waren meist fair, er wusste aber auch genau, wo Geld zu holen war. Die Kellner waren „angehalten, auf den Pfennig abzurechnen“ und „sofort zu kassieren“, der Hausfotograf Günter Zint hatte 60 Mark im Monat zu zahlen, weil er einen der Schaukästen im Eingangsbereich nutzte, um seine Fotos zum Kauf anzubieten, und selbst die Toiletten waren vermietet; Frau Andresen hatte dafür 650 Mark im Monat hinzublättern. Und als die Beatles auf dem Hamburger Fischmarkt aus Jux ein lebendiges Schwein gekauft hatten, das sie durch die Straßen St. Paulis jagten, musste schlussendlich Horst Fascher sie vom Polizeirevier abholen — die 750 Mark Strafe zog ihnen Weissleder von der Gage ab. Hätte man dies alles damals schon elektronisch gemacht, wir würden heute nichts mehr davon wissen.

    Wir erfahren auch, was vorher war: Bilder aus dem Liverpooler Cavern Club sind dabei, die Geschichten Pete Bests und Stu Sutcliffs, und nach der Star-Club-Ära geht es weiter bis zur Ordensverleihung durch die Queen. Auch die Fotografin Astrid Kirchherr wird nicht vergessen. Was wir nicht erfahren, ist das nicht so ganz erfreuliche weitere Schicksal Manfred Weissleders, der hier irgendwie verschwindet. Er wurde nur 52. Aber gut, dies ist kein Buch speziell über den Star-Club, sondern über die Beatles. Es ist ein rundum pures Lesevergnügen; auch hält sich der Text angenehm zurück von allzu nostalgischer Anekdotenhaftigkeit. Einziger kleiner Haken: Etliche der gezeigten Faksimiles sind so weit verkleinert, dass man im Grunde eine Lupe braucht, um sie noch lesen zu können, aber die Fülle des präsentierten Materials lässt keine andere Lösung zu.

    Nicola Bardola & Herbert Hauke:
    Vom Bambi-Kino in den Buckingham-Palast
    Unveröffentlichtes, Raritäten und Stories aus der frühen Beatles-Ära
    Verlag Andreas Reiffer, ISBN 978-3-910335-60-8
    240 Seiten, 40 Euro

  • Julia, the surreal, and the icy (3/5)


    Nun, mitten hinein in den Song „These Morning“, und was ihn inspirierte. Julia Holter erinnert sich an einzelne Momente, rote Fäden, die sich durch das Lied ziehen. Wenn von Verleugnung die Rede ist, sind wir fernab des Traumverlorenen. Im vierten Teil geht es um das Ozeanische, das gute alte Element Wasser in diesem Album, und Teil 5 heisst – wer kennt den Film nicht – „Julia und die Geister“… allerlei Geister schwirren hier auch umher, in Holters „Something In The Room She Moves“…


    These morning get sunrise
    Tall fjord, some time lost
    Brush aside any words sinking to the abyss ago

    Seizing me, these morning (looking out now, looking out now)
    Who knows who’s running (there’s nothing I can do)
    Melting out
    Scared of me
    I don’t even do a thing to think about retrieving what drifted away from me

    Just lie to me
    Just lie to me
    Just lie to me
    Just lie to me
    Just lie to me

  • Alice Coltrane Carnegie Hall Concert



    First of all, I find it amazing this fine 1971 concert recording has never seen the light of day. This set was part of an eclectic concert lineup that could only have been programmed in this period of odd juxtapositions. The evening this was recorded, Alice Coltrane was opening for none other than Laura Nyro and the Rascals. Her landmark album, Journey in Satchidananda had just been released and Impulse was hoping for a boost on record sales and perhaps a live companion album to the new studio release.

    The lineup for this band is impressive: Besides the inimitable Ms Coltrane on harp and piano, Pharoah Sanders and Archie Shepp are in the front line, both Cecil McBee and Jimmy Garrison are on bass, with no less than three percussionists as well, Ed Blackwell, Clifford Jarvis and Kumar Kramer. Together, what a joyful noise this band makes!

    Alice Coltrane was so far ahead of her time, this music still sounds startlingly fresh today. Unlike her recordings, the drums and percussion are in the forefront here, thus giving this recording a more propulsive vibe than her studio albums which feature harp. 

    For the first two pieces, swirling harp glissandos and percussion bathe the listener in waves of beauty, lulling the listener into a meditative state, that is, until John Coltrane’s Africa rouses the audience with a potent percussion ensemble solo, followed by Coltrane’s pounding piano chords and dueling growling solos from Sanders and Schepp. After the sax solos comes a powerful Coltrane piano solo following by an explosive ensemble drums and percussion solo. The mood suddenly becomes ruminative as Garrison and McBee take the floor quite literally with an extended bass solo. The bass solos eventually evolve into a low end groove that even briefly gets the audience clapping along. One of my favorite moments is when Coltrane comes back in with a grooving ostinato, followed by Sanders and Shepp’s vocal-like screams – shouts of joy and pain explode across the aural firmament. The concert closes with another John Coltrane composition, Leo, which takes the fierce ecstatic intensity up another level, Sanders and Schepp channeling the late sax player’s cosmic wails in a cacophony of deep spiritual yearning.

    As wonderful as the solos are, perhaps the best moments are when the band is just in playing together in the sound space and grooving. This is trance music of the highest order. It really takes the listener on a journey into cosmic bliss.

    In a way, this release seems perfectly timed. There has been renewed interest in Alice Coltrane’s music in recent years and for good reason: in these chaotic, divisive and violent times, we need this music more now than ever. Recently, there have been several tribute concerts in the US. The most notable is harpist Brandee Younger’s 4 night residence @ SF Jazz, where one evening she even brought in a small string section to perform some of this music. It’s great to see the tradition carried on. 

    When I was a teen, I was drawn to this music without knowing why. Something in my soul knew I needed this medicine, for medicine is exactly what this music is. This kind of spiritual jazz has always had a special place in my heart. This album is a wonderful gift to those of us who grew up with this music and a great introduction to the uninitiated. Sound quality is fantastic, especially in Hirez. 

  • “Another Silence of a Candle“ – Revisting „Oregon“ (Rosato‘s point of view)

    Als überzeugter Konstruktivist sehe ich die Welt wie es mir gefällt. Das müssen Leser sich gefallen lassen, vor allem jene, die meine Ansichten über OREGON nicht teilen. Die gibt es. Und hier liefere ich stante pede das erforderliche Beispiel für die Angemessenheit des Konstruktivismus. Der Rezensent Gallatin aus den Vereinigten Staaten schrieb am 17. Juni 2023 bei Amazon über „Music of Another Present Era“: „Some very talented musicians but though my musical taste is eclectic this was too far off the beaten path for me. I found it downright weird with a couple of exceptions.

    Ich schreibe am 28. März 2024 über die gleiche Wirklichkeit:  Due to my erkleckly wide musical taste I consider the first by Oregon released album to be a refreshingly new creation in contemporary music.“ Und ich füge hinzu, dass ich schon in den frühen 70er Jahren dies hätte schreiben können.

    Es gibt ein paar Platten, die hängenbleiben, die auch nach Jahrzehnten ihre Magie nicht verloren haben. Wer Jan Reetzes Liebeserklärung an ein 50 Jahre altes Album liest, kennt diesen Satz. In seiner Liste finde ich ein paar wenige Alben, die ich in einer nämlichen Liste aufführen würde. Viele, die Jan nennt, sind an mir vorbeigegangen, ich begehe halt nicht jeden Pfad. Ein Album von Oregon hat Jan nicht genannt. Das soll nun wirklich nicht heißen, dass Jan diesen Pfad nicht schätzt!

    In meiner Sammlung findet man 12 Alben im CD-Format und 2 Vinyls, als neuestes „OREGON Ludwigsburg 1990“, auf das mich M.E. vor 4 Tagen aufmerksam gemacht hat. Bei OREGON bleibe ich leicht hängen, aber auch bei Monteverdis Viertem Madrigalbuch, bei Beethovens Viertem Klavierkonzert, bei Brahms‘ Vierter Sinfonie, bei VOCES8 After Silence und vielem mehr …

    Was macht OREGON so attraktiv für mich? Zunächst muss ich das an der Bandhistorie festmachen. Ich kann nur sehr wenige Gruppen nennen, die über einen Zeitraum von sehr vielen Jahren, gar Jahrzehnten so gut wie keinen Personalwechsel kennen. Mir fallen nur das Dave-Brubeck-Quartet und das Standard Trio von Keith Jarrett ein. Aber nach meiner Wahrnehmung unterscheidet sich OREGON von Brubecks und Jarretts Ensembles doch signifikant. Vertieft man sich in „Music of Another Present Era“, dann hat man den Eindruck, mehrere bzw. verschiedene Bands zu hören, sowohl die Instrumentierung als auch die stilistische Vielfalt betreffend. Irgendwie hat jener US-amerikanische Rezensent namens Gallatin schon recht, wenn er OREGON weit abseits ausgetretener Pfade verortet, die Stücke bis auf ein paar Ausnahmen regelrecht spinnert findet. Bei diesen brüsk abgelehnten Klanggebilden handelt es mit Sicherheit um die drei Gruppenimprovisationen des Albums und weitere sperrige Nummern. Ich gestehe, dass ich bei manchen Alben der Band den freien Kollektivimprovisationen ausgewichen bin, muss aber festhalten, dass mir ausgerechnet die freien, „Opening“ betitelten Stücke des aktuellen Albums „Ludwigsburg 1990“ besonders gefallen. 

    Vermutlich sind alle vier „basic members“ von Oregon früh dem Jazz begegnet, haben sich unter dem Einfluss des Paul Winter Consorts dem auf Improvisation beruhenden Musikmachen verschrieben. Drei von ihnen sind also nicht den Spuren ihrer klassisch enkulturierten Lehrer gefolgt. Als Jazzmusiker würde ich sie dennoch nicht klassifizieren. 





    Die Dichotomie von E- und U-Musik, welche im 19. Jahrhundert recht gut funktionierte und, in ihrem verblassendem Kondensstreifen, sowohl ästhetisch wie soziologisch und ideologisch immer weniger haltbar wurde, ist ungeeignet, die Musik von Oregon – und nicht nur diese – einzuordnen. Dem Genre Jazz – ein Begriff, der inzwischen die unterschiedlichsten Musiken transportieren muss – ist sie allenfalls als improvisierte Klangwelt eng verbunden. Besser als Thom Jurek kann man anhand der „Music of Another Present Era“ das Wesen, das Wesentliche von OREGON nicht charakterisieren:

    Music of Another Present Era remains Oregon’s most enduring masterwork. Achieving a perfect balance of musical traditions from the East and West, ancient to future, they set the stage not only for a new transculturalism in Jazz, but also created a lasting template for the fusion of musics from world traditions that would flower over a decade later. The four participants in Oregon operated on the premise that melodic ideas and expansive harmonies all contributed to a music the didn’t bridge cultures, but erased them and eradicated them. […] This is fusion music, to be sure, but it’s the kind of fusion musicians have been trying unsuccsessfully to emulate for decades.

    KRONACH – 19. Oktober 1984

    Von 1975 bis 1985 war Kronach das nordbayerische Zentrum für Auftritte der noch jungen ECM Artisten Jarrett, Garbarek, Gismonti, Gary Burton und schlussendlich Oregon. Ralph Towners Prophet 5 erklang leider nicht. Es gab ein Softwareproblem mit dem Laden der Sounds, das in der kurz bemessenen Vorbereitungszeit nicht zu lösen war. OREGON traf relativ spät ein, Collin Walcott erreichte den Kulturraum Kronach eine Viertelstunde vor Konzertbeginn. Es war ein wunderbares Konzert mit vielen neuen Stücken und einigen meiner Favoriten. Auf dem 1985 erschienenen zweiten ECM-Album „Crossing“ ist „Kronach Waltz“ zu hören. Die Band hat meinen Wunsch nach „Waterwheel“ erfüllt und das Stück als Zugabe gespielt. Diese bald 40 Jahre alte Story ist hier geschildert. Mir wurde ein Mitschnitt des Konzerts gestattet. Leider ist das Tonband mit dem zweiten Teil des Konzerts verschollen. Glen Moores „Kronach Waltz“ kann ich leider nicht präsentieren. Man kann es über die bekannten Streaming-Dienste abrufen, nicht jedoch bei YouTube. Dort sind die folgenden beiden Klassiker verfügbar – in den Kronach Versionen: The Silence of A Candle und The Glide.

    OREGON hat nach den Platten für Vanguard drei Alben bei ECM veröffenlicht. Aber ECM-Kenner – von denen M.E. spätestens seit seiner hörenswerten aber kaum mehr hörbaren NDR4-ECM-Reihe aus dem Jahr 1997 einer der profundesten ist – wissen, dass die Angehörigen der OREGON-Familie gerne ihre eigenen Wege gingen, als Solisten, oder mit anderen Musici wie Larry Karush, Nancy Bloom, Don Cherry, Meredith Monk – um nur einige zu nennen. Vieles davon ist bei ECM zuhause.  Das Album „Crossing“ ist Collin Walcott gewidmet, der 20 Tage nach dem Kronach Concert bei einem Autounfall nahe Magdeburg ums Leben gekommen ist. Trilok Gurtu folgte ihm und war Mitglied der Gruppe von 1986 bis 1991. Mark Walker ist seit 1997 Percussionist. Damit verschwanden die indischen Farben und Aromen aus Oregons Musik. 

    LUDWIGSBURG 1990

    OREGON ist eine Band, die sicher mehr Zeit auf Bühnen als in Tonstudios verbracht hat. Ich entdecke in der Diskografie dennoch nur wenige offiziell erschienene Live-Alben (- In Concert – rec. live before an invited audience at Vanguard´s Studio in NY City April 1975; – In Performance – rec. in Quebec, Montreal, NY City 1979; – Live At Yoshi’s – 2002; – 1974 – rec. Radio Bremen 1974; – Ludwigsburg 1990 – rec. SWF).

    Live- und Studioaufnahmen unterscheiden sich. Das weiß jeder. Offensichtlich und objektiv dingfest zu machen ist die oft erheblich ausgedehnte Spieldauer. „The Silence of A Candle“ dauert auf dem ersten offiziellen Studioalbum gerade mal 1:48 Minuten, 9:51 dauert es auf „In Concert“. Ein Live-Konzert erlebt man als einer von vielen Mithörern im Konzertsaal anders als medial dargeboten über Lautsprecher für einen einsamen Zuhörer.  Daran muss ich denken, wenn ich dieses Dokument aus dem Jahr 1990 anhöre. Die freien Improvisationen der beiden „Openings“ sind singulär, von ihnen gibt es keine älteren Geschwister, die man schon oft gehört hat. Solche Stücke höre ich unbelastet von Gewöhnung und Erwartung. Sie sind spannend und gefallen mit ihrem Einfallsreichtum unmittelbar.

    Dann gibt es die guten Bekannten. „Witchi-Tai-To“ erscheint mir auf „Ludwigsburg“ überlang, da ziehe ich die konzentrierte 3:30 Version vom Album „Winterlight“ (1974) vor. „Yet To Be“ – eines der besten Stücke Ralph Towners – ist atemberaubend dargeboten! Bei „Waterwheel“ musste ich mit dem extrem schnellen Tempo Frieden schließen. Hoher Adrenalinspiegel, geschuldet der Live-Atmosphäre, ist der Treibstoff für Geschwindigkeitsrausch. Ich mag es lieber etwas langsamer, so wie auf dem Album „Out of the Woods“. Aber nach mehrmaligem Hören hat mich die Ludwigsburg-Version doch noch überwältigt. Rätselhaft bleibt mir das drei Minuten dauernde Tabla-Solo von Trilok Gurtu ab Minute 6:00. Die in der Aufnahme räumlich deutlich getrennt abgemischten beiden Tabla-Trommeln sind derart virtuos gespielt, dass man nicht glauben kann, dass das von den Händen einer Person ausgeführt wird. Im Booklet des Albums ist aber nicht die Rede von einem zweiten Tabla-Virtuosen.

    Ich würde „LUDWIGSBURG 1990“ gleich hinter meinen Favorit-Alben „Out of the Woods“ und „Roots In The Sky“ platzieren. Das sind drei Alben, die auch audiophiler Klangqualität sehr nahe kommen. „Bremen 1974“ folgt dicht dahinter. Und wenn schon OREGON, dann freilich auch „Musik of Another Present Era“, ein Albumtitel der die Überschrift für das gesamte Phänomen OREGON sein könnte.

    (Hans Dieter Klinger)

  • Indiana Jones and the quest for the magic flute

    Seit Tagen bin ich eingetaucht in die Welt des sog. „Spirituellen Jazz“, und schon kurz davor, bei meinem hessischen Spezialagenten für hausinterne Psychohygiene und psychedelisch verschwurbelte Parallelwelten, Adressen für stille Klostertage, Retreats und heisse Yogalehrerinnen zu erfragen. Eine Schlüsselstelle meiner kommenden „JazzFacts“ lautet momentan: „Können Atheisten spirituellen Jazz lieben? Aber natürlich!“ Ich bin übrigens Agnostiker mit mystischen „sidekick“, und stehe allen bewusstseinsverändernden Wegen offen gegenüber, insofern sie von Freigeistern und nicht von Eso-Fundis, Post-Calvinisten, und selbsternannten Gurus geleitet werden. Und antifaschistisch sowieso.

    Es ist nicht so lange her, da reiste Shabaka Hutchings mit einem Koffer voller Flöten – 50 an der Zahl – quer durch Brasilien. Und Flötentöne haben etliche „cats“ dabei, in meiner kommenden Sendung, von Alice Coltrane über Ariel Kalma bis Charles Lloyd. Shabakas Opus präsentiert einen ungewöhnlichen Karriereschritt. A special move. Weg vom Saxofon, womöglich für lange, lange Zeit, hin zu den Flöten. Auch John Cage hatte seinen Shakuhachi-Moment. Nach langem Hin und Her war für gestern endlich eine Zoom-Konferenz installiert. Shabaka in Chicago, ich in Bonn. Den Tag über betrieb ich „deep listening“ und „deep reading“ – John Mulvey kürte das Album in Mojo zum „Album of the month“, schrieb eine blitzgescheite „review“, und liess Shabaka in einem Bild über der Erde schweben.


    Die Platte ist tatsächlich fantastisch. Ich hatte drei Fragen vorbereitet als Einstieg, die ihm noch nicht gestellt wurden – eine drehte sich um die trommlenden, flötenbefeuerten Eröffnungspassagen des amerikanischen Keith Jarrett Quartetts (nachzuhören etwa auf „Eyes Of The Heart“, und dem Klassiker „The Survivors Suite“). Und dann war doch noch die Sache mit Don Cherrys „Brown Rice“ und Indiana Jones – aber es kam nicht dazu. Shabaka ist etwas angeschlagen. Seine Managerin meldete sich bei mir mit freundlich entschuldigenden Worten. Ich bleibe dran.

  • A perspective on Oregon from a well known source

    For all, who have a weak or a strong spot for the band Oregon, in the days to come Flowworker is happy to announce the comeback of an old voice. With a personal take on that ancient, timeless group that set the world on silent fire! We are negotiating the fee and the format, but in a good mood this will see the light of day – and the silence of a candle, so to speak! Watch out for „The Kronach Waltz“!

  • “Afric Pepperbird“ (und was danach kam)



    „Afric Pepperbird“ zählte zu meinen ersten zehn Platten des Münchner Labels. Eine Musik wie ein Statement: eine raue wilde Engergie, ungebändigt und doch formbewusst, nordisch, bevor wir anfingen, Fjorde zu fantasieren, gleichsam „rockende“ Powerryhthmik von den Herren Arild Andersen und Jon Christensen, unwiderstehlich vorwärtstreibend, das Saxofon und Gitarrenspiel von Garbarek und Rypdal kühn, verwegen, eigensinnig, mitreissend, und noch ohne ihre späteren „signature sounds“ (die anders gelagerte Kühnheiten bereithielten). „Afric Pepperbird“ ist ein aufregender Einstieg in die Welt des norwegischen Saxofonisten (für Anti-Nostalgiker und Abenteuersuchende), der auch mit jeder seiner nachfolgenden vier Alben unter eigenem Namen die „Kritikersterne“ reihenweise vom Himmel blies, von „Sart“ über „Triptykon“ und „Witchi-Tai-To“ bis „Dansere“. Und das war bekanntlich erst der Anfang. Ich ahnte schon damals, als unter jeder dieser Schallplatten der dezente Vermerk „produced by Manfred Eicher“ zu lesen war, das würde wohl lebensbegleitend sein. Zu jeder dieser fünf Schallplatten habe ich eine Geschichte, und das Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet live in Münster zu erleben, 1975, im Westfälischen Landes- und Kunstmuseum, bleibt umvergesslich. (Jetzt auf Vinyl neu erhältlich in der „Luminessence“-Reihe von ECM Records. Pressung, Fertigung, Sound überragend.)

    Afric Pepperbird (****1/2)
    Sart (*****)
    Triptykon (****1/2)
    Witchi-Tai-To (*****)
    Dansere (*****)

  • Julia, the improvisation, and the flow of ideas (2/5)

    Es ist sehr interessant, Julia Holters Gedanken zu folgen, insbesondere, WEIL sie sich Pausen leisten, Abschweifungen, Innehalten, Korrekturen. Das sind keine auf den Punkt gebrachten Antworten, griffig, pointiert, elaboriert – und darin spiegelt sich auch, wie sehr es in diesem Album um Improvisation geht, um Unvorhersehbares, plötzliche Eingebungen, Verwandlungen, und auch um Brüche, Fragilität, Zäsuren – als Spiegel ihres ganz privaten Ungangs mit „love and loss“, wie sie später noch andeuten wird. Das Arbeiten am Song als Prozess der Selbstentdeckung, der Trauerarbeit, der „Freilegung“. So ungeschnitten, mit allen Momenten der Stille, entsteht eine spezielle Stimmung (und ich sitze ihr ja nicht gegenüber, sie sitzt alleine da, „in her living room, perhaps“, und spricht ins Mikrofon). Meine zweite Frage:

    The album is brimming with ideas, sudden halts, unexpected turns… stretching the song fomat to limits and beyond… how did you look for a balance work between free form and, well, clearly defined structures? For example, in that wild and penultimate song, „Talking To The Whisper“, a journey in itself… Can you tell something about the growing of that piece, the jazz excursions,  the upheaval refelected in words like „love can be shattering….“?

  • Julia, the fluidity, and the power of song (1/5)


    Finally I got the fine double vinyl version of Julia Holter‘s bewitching new album „Something In The Room She Moves“. And I felt confirmed: it‘s a very different experience to listen to this work in its entirety than to splice it up in single pieces (as Olaf and I did when reviewing the tracks one after the other). Finally I could let fall myself into the music, float with it, and go much deeper than the analytic approach allowed me (and us) to do. And finally, Julia answered my questions, and did that not in a hurry, but with a calm flow of thoughts. She takes her time. More will follow, a radio appearance, too, and her first answer may be another invitation for some listeners to dive into the album. My first question was:

    Some moments of the album seem to be influenced, soundwise, by Kate Bush, and, from a distance, mirroring moods of Joni Mitchell‘s HEJIIRA. The Jaco Pastorius bass memories, the fluidity of the atmospheres…. Joni deliberately looked for a special  sound of constant movement as a means for  reflecting a long journey across the U.S.A. Devin Hoff does an excellent job here with the fretless bass.