Dee Dee Bridgewater in Berlin

Am Sonntag Abend trat im Berliner Pierre Boulez Saal – einem Ort, in den ich verhältnismäßig häufig zu Konzerten gehe – Dee Dee Bridgewater auf. Das muss wohl die beste Jazzsängerin sein, die ich in meinem Leben erlebt habe. Abbey Lincoln hätte ich auch gerne mal gesehen. Zur Zeit höre ich aufgrund einer Reise in die 1960er häufiger Alben von Nina Simone; da ist auch eines besser als das andere. Womöglich haben nur Bob Dylan und Miles Davis und vielleicht noch die Jungs aus Liverpool in den 1960ern so viele großartige Alben aufgenommen.

Dee Dee Bridgewater hat mich auf ihren Alben oft nicht ganz so begeistert, daher hatte ich keine enormen Erwartungen, wollte einfach mal die Gelegenheit ergreifen, sie zu erleben; ist ja immerhin auch schon 75, die Dame. Und im Boulez Saal bieten sie neben den richtig teuren Karten fast immer auch welche für 15 Euro, und dort, in der letzten Reihe (Reihe 6 bzw. 8, je nachdem, ob es zusätzliche Bestuhlung auf der Bühne gibt) sind Sicht und Klang auch nicht (oder allenfalls unwesentlich) schlechter als auf den weitaus teureren Plätzen. Und wenn vereinzelt Plätze frei bleiben — was eigentlich immer vorkommt, kann man sich ganz einfach auch ein Stückchen weiter nach vorne setzen, und so saß ich gestern in der zweiten Reihe, also ganz dicht dran, was gerade bei diesem Duo-Rahmen mit Helen Sung am Flügel ein großer Gewinn war. 

Und ich hatte ja keine Ahnung! Was für eine Präsenz! Welch ein Charisma, welch stimmliche und interpretatorische Meisterschaft, und welch ein Draht zum Publikum! Wie sie ins Gespräch mit dem Publikum, vor allem einzelnen Leuten in der ersten Reihe, ging, als würde man sich schon länger persönlich kennen; wie sie durch allerhand Erzählungen in jedem Moment, nun ja, im Moment war — und mit Humor und Weisheit und unbändiger Freude durch diese Performance führte, Begeisterung zeigte und lebte für die Kunst, für die Musik, für den Saal (sie erzählte, wie sie ein paar Monate nach ihrem vorigen, ihrem ersten Auftritt in diesem Saal bei einem Herbie-Hancock-Abend noch Frank Gehry kennenlernen durfte und ihm die Begeisterung für diesen Saal persönlich mitteilen konnte) und für ihr Publikum (und deren Schuhe). Und wie die deutlich jüngere Helen Sung kongenial am Flügel begleitete! Offenbar war das ihr erstes Duokonzert. Es war ein Ereignis. Und es ging von 18 Uhr bis Dreiviertel neun, inkl. einer nicht allzu langen Pause.

Ein Gast in der ersten Reihe hatte ihr einen Blumenstrauß mitgebracht, und passenderweise, ausgelöst durch ihre Nachfrage, wer beim letzten Mal schon da gewesen sei, erhielt sie diesen sogar direkt zu Beginn, bevor sie mit dem ersten Lied loslegte, sichtlich bewegt. Immer wieder sprach Dee Dee Bridgewater auch über Persönliches, bis hin zur Erinnerung an ihre früh verstorbene Mutter (nach einer ergreifenden Interpretation von My Funny Valentine) und an eine Depression und ein paar Tage, die sie sich in eine psychiatrische Station begeben hatte, wegen Suizidgedanken, dann aber entlassen wurde, weil die anderen Patienten lieber mit ihr als mit den Ärzten gesprochen hätten. Je länger der Abend ging, desto mehr Inspiration und Lebensmut verteilte Dee Dee Bridgewater im Saal. 

Sichtlich waren alle Anwesenden derselben Meinung, einen großen Abend einer großen Künstlerin erlebt zu haben; der gesamte Saal stand zum Schlussapplaus ohne Zögern auf. Und ich konnte glücklicherweise am Künstlereingang dann auch noch zwei CDs signiert bekommen, die ich sehr schätze. Red Earth ist ein reichhaltiges Album mit vielen verschiedenen Einflüssen, u.a. ihrer Biografie und ihrer Beschäftigung mit ihrer familiären Vorgeschichte in Afrika, speziell in Mali. Neben drei weiteren Klassikern ist auch Four Women iauf dem Album, von Nina Simone. Deren Alben und Songs kann man sowieso nie oft genug hören. 

Und die Klassiker, die gestern Abend zu hören waren, in diesen freien, langen Interpretationen mit Klavierbegleitung, waren allesamt meisterhaft dargeboten, wie ich das noch nie in einem Jazzkonzert erlebt habe. 

  • I’m Beginning to See the Light (Ellington)
  • ’S Wonderful (Gershwin)
  • In The Still Of The Night (Porter)
  • Honeysuckle Rose (Fats Waller)
  • Mood Indigo (Ellington)
  • Sometimes I’m Happy (Sometimes I’m Blue)
  • Caravan (Ellington)
  • My Funny Valentine (Rodgers/Hart)
  • The More I See You
  • A Foggy Day (Gershwin)
  • Angel Eyes
  • Love for Sale (Porter)
  • Just One of Those Things (Porter) 
  • Fine and Mellow (Billie Holiday)

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert