Das Narrenschiff

Eine schmale Straße führt über einen Walnussbaumhain hinunter zur halbverlassenen Fischersiedlung. Ein harter Steinschlag hatte in der letzten Woche die meisten Dächer der alten Fischerhäuschen zerstört. Der steile Weg hinunter zu der alten Siedlung ist gesperrt. Von oben kann man den Schaden sehen, ich kann also fotografieren. Ein paar Meter vor dem Abgrund steht ein einsames Hostel mit einem kleinen Café. Ich gehe hinein und komme mit dem jungen Betreiber ins Gespräch. Er ist Franzose, Er nimmt ein Buch von den Sprossen der Leiter und erzählt mir, dass er den Text von dem „NARRENSCHIFF“ aus dem Neuhochdeutschen ins Französische übersetzt hätte.
„Quelle coïncidence! Je lis actuellement „DAS NARRENSCHIFF“ von Christoph Hein.“ Ich frage ihn, was es für eine Bewandtnis mit dem Buch auf sich habe, warum er sich die grosse Mühe gemacht hätte, dieses alte Buch von Sebastian Brant aus dem 16. Jhdt.. zu übertragen. “ Je suis un ancêtre de Sébastien Brant, mon nom est Thomas Brant.Ich kaufe das Buch, auch wegen der schönen Holzschnitte, die Sebastian Brant angeblich zusammen mit dem jungen Albrecht Dürer angefertigt hatte. In der Urfassung des Narrenschiffs geht es um Charaktere, die alle Narren sind und die Aufrufe zu Moralverhalten quasi als Spiegel vorgehalten bekommen. Ihr Vorhaben, ins Land Narragonien zu segeln, ist wegen ihrer Beschränktheit zum Scheitern verurteilt.
Vater sag, wo ist der Projektor, ich spul den Film zurück

DAS NARRENSCHIFF von Christoph Hein, erzählt vom Scheitern der DDR. Ihr Land „Narragonien“ war der Traum vom Sozialismus. Hein ist mit diesem Buch ein grosser Wurf gelungen. Ich habe einige Bücher über das Land hinter dem antifaschistischen Schutzwall gelesen, ich habe drei Jahre nach der Wende geholfen, unser Institut in Dresden aufzubauen und nie, wirklich nie habe ich diese Informationen erhalten, die ich jetzt in dieser Lektüre gefunden habe. In dem Buch stehen drei Männer: ein Ökonom, ein Ingenieur, ein Wissenschaftler stellvertretend für die Elite der DDR. Natürlich sind sie, ei ei ei, in der Partei. Und natürlich hat die Partei immer recht. Der Ökonom sitzt sogar im Zentralkommité, er hat mit seiner hohen Intelligenz den Überblick über den maroden Wirtschaftszustand, deutet auch seine Überlegungen an, wird aber nur belächelt. Der Ökonom ist auch Professor, er ist klug genug, fortan zu schweigen, um seine Professur nicht zu gefährden. Ähnlich verhalten sich der Ingenieur und der Geisteswissenschaftler, sie schweigen, um nicht den Strafen der Funktionäre ausgesetzt zu sein.
Die Frage, die mich nach der Lektüre umtrieb, war, warum hat diese Elite, die den Absturz der DDR vorausgesehen hat, also die sich Gedanken über die Zukunft des Landes gemacht hatte, warum hat sie nicht mit der Treuhand zusammengearbeitet. An dem Überstülpen der sozialen Marktwirtschaft hätten sie sich doch mit den genauen Kenntnissen ihres Landes beteiligen können.Warum hat sie den Ausverkauf der DDR zugelassen? Ich finde selbst nur eine Antwort, die mich nicht zufrieden stellt. Sie waren augenscheinlich so resigniert, dass sie weiter geschwiegen haben. Die Narren Funktionäre, die zum Teil nicht einmal Schulabschluss hatten, brachten mit ihrem Traum vom Sozialismus – Mietwohnungen und gutes Essen für alle – diese Elite zum Verstummen.
Wir segeln derzeit wieder auf einem NARRENSCHIFF. Der oberste Offizier ist ein Clown mit orangenem Gesicht. Halten wir uns den Spiegel vor und verteidigen wir unsere Werte.
Ein Kommentar
Michael
Ganz und gar beeindruckend. Ich habe noch nie etwas von dem Schriftsteller gelesen. Und von dem andern auch nicht.