Plastic Minds / Elastic Machines
Die letzten drei Alben von Jeremiah Chiu & Marta Sofia Honer sind gern gesehene Gäste auf meinem Plattenspieler. Nun bringt Jeremiah Chiu im Oktober ein Solo Album raus und ich freue mich darauf, in dessen Musik zu Gast zu sein.(After) The Rain
Im Regen Fahrrad gefahren. Kein Nieselregen. Vielleicht hatte er vergessen, wie sich richtiger Regen anfühlt, hatten alle die letzten Wochen doch noch darüber gestöhnt, wie heiß es sei, wie schlecht es den Pflanzen gehe und wie katastrophal die Ernte ausfallen würde.
Echter Regen: Wassermassen von oben, dazu das Spritzwasser von unten und von den überholenden Autos. Regenjacke und Hose hielten dicht, auf der Brille rannen die Tropfen, Schuhe und Strümpfe wurden nass.
Zum Glück war es kein langer Weg, doch in diesem Tropfenmeer fühlte sich jeder Meter lang an.
Seit einer Woche hatte er jeden Tag ein Nickerchen in der Mittagszeit gemacht. Wieder zu arbeiten nach 6 Wochen Ferien war immer schwierig, zumal die Schüler*innen auch erst einmal brauchten, sich an das frühe Aufstehen zu gewöhnen. An das Sitzen. Das Zuhören. Mit der Hand schreiben. Nicht einfach anfangen zu reden, wenn einem danach war. Nicht zwischendurch aufs Handy zu schauen. Nicht zu spielen. All das passierte noch, während er vorne um ihre Aufmerksamkeit buhlte.
Zumal fiel es ihm selbst nicht leicht, sich wieder an das frühe Aufstehen und das viele Reden zu gewöhnen. An die Tafel zu schreiben. Nicht zwischendurch aufs Handy zu schauen. Nicht einfach über das zu reden, wozu er Lust hatte. Um die Aufmerksamkeit der Schüler*innen zu buhlen.
Von den unterschiedlichen Dynamiken im Lehrerzimmer und den Nachrichten der Eltern ganz zu schweigen.
Also waren es mehr als Nickerchen. Der Wecker wurde auf 20 Minuten gestellt, nach 40 schaffte er es aufzustehen und sich einen Becher Kaffee zu filtern. Zu schauen, wie der Regen das Grün gesättigt hatte, wie letzte Tropfen auf die Terrasse hüpften und der Wind kleine Regenwolken von den Bäumen wehte. Durch die offene Tür strömten die frische Luft und die letzten Regengeräusche herein.
Heart of the Sun, Pulsing of Blood
Keine Ahnung wie viele Menschen am 23. März 1974 den Weg zur Penny Station in Griessem gefunden haben. Immerhin war es ein Samstag, aber ob sich in der Nähe von Bad Pyrmont und Hameln viele für ein Konzert von Harmonia interessiert haben?
Jedenfalls kann man jenen Abend auf dem Album „Harmonia Live 1974“ nachhören und die Musik klingt auch im Juli 2026 noch zeitlos, frisch und trippy. Bei „Über Ottenstein“ flimmert das Sonnenlicht über die dahinfließende Weser. Hans-Joachim Roedelius, Dieter Moebius und Michael Rother rühren einen Zaubertrank an, aus dem später Bands von Sonic Youth über Stereolab bis Tortoise schöpfen.
Wo Harmonia Wiederholung in Weite verwandeln, nutzt Linton Kwesi Johnson sie auf „Bass Culture“ als ein politisches Werkzeug Harmonia setzen im ländlichen Weserbergland ihren Kurs auf das Herz der Sonne, Johnson streift durch die Straßen Londons, arbeitet, geht in Bibliotheken, besucht Menschen und protokolliert, was er sieht, hört und liest. „It is di beat of di heart/this pulsing of blood/that is a bubblin bass/a bad bad beat/pushin gainst di wall/whe bar black blood.“ “Inglan is a bitch.“ Er spricht in seinem british-jamaican Patois mit grollender Stimme. Die Musik ist „rhythm of a tropical electrical storm / (cooled doun to the pace of the struggle)”, “thunda from a bass drum sounding / lightening from a trumpet and a organ.” Echos durchziehen die Musik; in den Texten hallen politisches Geschehen und geschichtliche Erfahrungen nach. Und dann ist da noch „Loraine“, ein Liebeslied zwischen Nostalgie, Zärtlichkeit und Unsicherheit, das nicht nur die politische Dringlichkeit des Albums für einen Moment anhält, sondern auch die Zeit stillstehen lässt.
Schnelles Essen: Krautsalat asiatisch
Man mische in einer großen Schale: ein Bund in Scheiben geschnittene Frühlingszwiebeln, 4 grob geriebene Karotten und einen fein geschnittenen Weiß- oder Spitzkohl.
Für das Dressing in einem Glas mit Deckel (zum Beispiel ein altes Senfglas) je 2 EL Sojasauce/Weißwein- oder Reisessig/Sesamöl/Olivenöl und je 1 EL Honig/gepressten Knoblauch/geriebenen Ingwer gründlich vermischen, so dass der Honig aufgelöst ist. Anschließend mit dem Gemüse (+ Salz und Pfeffer) vermengen. 10-20 Minuten ziehen lassen, mit etwas Koriander bestreuen und ein paar Spritzern Limette beträufeln – und dann essen. (Nach Täglich vegetarisch von Hugh Fearnley-Whittingstall).
Aus den Zwischenräumen
Es ist wohl zehn Jahre her, dass ich auf den Mix „Fairlights, Mallets and Bamboo“ gestoßen bin, der mein Hören wirklich verändert hat.
Der Untertitel versprach „Fourth World Music From Japan 1980-1986“. Das Fourth-World-Konzept einer künstlich erschaffenen imaginären Musiktradition war mir unbekannt, japanische Musik aus den 80ern auch. Der Mix lief über Monate praktisch auf Dauerrotation – und ich hörte mit weit geöffneten Ohren.
In den folgenden Jahren wurden LPs wiederveröffentlicht, die wohl zu den Klassikern des Genres zählten. Einige davon habe ich mir gekauft und mich teilweise beim Hören gefragt, ob ich überhaupt schon einmal bessere Musik gehört habe – sei es das traumhafte „Through The Looking Glass“ von Midori Takada oder das fast schon eingängige „Kakashi“ von Yasuaki Shimizu.
Warum dieser lange Vorlauf? Weil der Mix von Spencer Doran stammt, einer Hälfte von Visible Cloaks, die im Mai mit „Paradessence“ ein neues Album rausgebracht haben.
Und was ertönt da aus meinen Boxen: zerbrechliches Knistern, dürres Knacken, feines Klirren, sorgfältig gewobene Flächen, gelegentlich schwebende Töne. Vor allem aber ganz viel Raum. Stille. Nachhall. Geräusche, die sich ausdehnen, Gestalt und Position wechseln, langsam ausklingen oder abrupt abbrechen. Die Musik scheint sich immer wieder selbst aufzulösen, ihr Zentrum zu verlieren, sie wird zu musique concrète aus digitalen Quellen; selten schälen sich kurze melodiöse Motive aus dem Klangraum.
„Paradessence“ ist mehr als eine Demonstration von Klangtransparenz und räumlicher Tiefe, mit der man seine High-End-Anlage beeindrucken könnte (auch wenn das vermutlich hervorragend funktioniert). Aus den Zwischenräumen schweben Bilder empor, Landschaften aus Rauch. Die Zeit scheint langsamer zu vergehen. Die zarten Klänge leuchten wie Glühwürmchen in tiefer Nacht.
Weekend Nourishment
Elvis Presley: From Elvis In Memphis / Boards Of Canada: Inferno / Visible Cloaks: Paradessence / Shane Parish: Autechre Guitar / Mikhail Pletnev: Chopin & Scriabin – Préludes / Linton Kwesi Johnson: Dread Beat An‘ Blood / Horace Andy: Dancehall Style / Blumfeld: Jenseits vom Jedem / Miles Davis: Filles de Kilimanjaro / Jeff Parker: Happy Today / Boards Of Canada: Inferno
Whimsical
unusual and strange in a way that might be funny or annoying:
a whimsical tale
Despite his kindly, sometimes whimsical air, he was a shrewd observer of people.
Manche Wörter muss ich häufig nachschlagen, als ob die an keiner Stelle meines Gedächtnis andocken können. „Whimsical“ ist eines davon, ich kannn mir nicht merken, dass man auf Deutsch dafür Worte wie skurril, verspielt oder wunderlich benutzt. Die Zeilen sorgen hoffentlich dafür, dass dieses schöne englische Wort in Zukunft einen Platz in meinem Gehirn findet.
Ich scheine auch eine Vorliebe für Musik zu haben, die whimsical ist, wie zum Beispiel die Band Woo, die mir vor drei Jahren durch ein wirklich nettes Video des Youtubers Dom (Seeking A Thread) vorgestellt wurden und deren Musik mich gleich angesprochen hat. Die Schallplatten sind out of print und auch gebraucht nicht ganz günstig, ich habe mich da erstmal nicht weiter drum gekümmert. Aber nun ist eine Neuauflage ihres Erstlings „Wichever Way You Are Going, You Are Going Wrong“ remastered und mit einer zweiten LP voller Outtakes erschienen.
Die Musik auf dem Album ist irgendwie zeitlos, sie könnte an der Weser in den 70er Jahren, in den 80ern im japanischen Hinterland oder in London oder Chicago der 90er entstanden sein. Die beiden Brüder Clive und Mark Ives haben sie in den späten 70ern in einer Wohnung im Süden Londons aufgenommen und dabei sehr leise gespielt, damit die Nachbarn nicht gestört werden. Irgendwann kamen sie auf die Idee, die Gitarre mit den Synthesizer zu verbinden und so deren Klänge zu verfremden; sie fanden so einen sehr eigenen, verspielt-verträumten und sehr melodischen Sound.
First Song – Best Song: Das Album beginnt mit dem wunderbaren Swingtime, ein Song, der mich sofort einnimmt und gute Laune macht. Die Stimmung ist damit gleich gesetzt – skurril und wunderlich, verwunschen und von einer eigentümlichen Liebenswürdigkeit; ich kann mir das gut als Soundtrack für ein psychedelisches Puppentheater vorstellen.
Alles ist irgendwie beschaulich und wahnsinnig relaxed. Die Brüder geben ihrer Musik alle Zeit der Welt. Sie reihen Melodien aneinander, lassen Klangwolken und lustige Geräusche vorbei ziehen, benutzen hierfür immer wieder unterschiedliche Instrumente – neben zahlreichen Synthesizern und Gitarren kommt die Klarinette immer wieder zum Einsatz, dazu Klangschalen und ein Xylophon. Bass und Schlagzeug bilden immer das Fundament für die kleinen Kuriositäten. Auf dem Song The Attic wird gesungen und spätestens da erinnert es mich doch sehr an Brian Eno.
Musik die sich allen Kategorien entzieht: Kein Ambient, kein Pop, weder Folk, noch Elektronik – die Musik bewegt sich spielerisch zwischen diesen Polen. Das Album klingt nach neugierigen Menschen, die ohne großes Konzept ihren Ideen folgen und dabei etwas Eigenes erschaffen haben. Und „whimsical“ ist glaube ich das passende Wort dafür.
Safe Journey
Whoever says that music when it is sublime is beyond definition is perfectly right… There are cloying sounds that fill commercial radios and there are millions and millions of music that the world gives us, we just have to search with love and patience…. Safe Journey is not an album to listen to in the background. This music takes all your attention, turns your day around and transforms an afternoon that could have been nice with a book into a real vision of everything that life could give you only if you take the trouble to look for and listen to your heart.
Here, among the grooves of the record, hides the wonderful idea that there is only one language, not spoken, not written, but with which it is possible to tell or just listen to something infinite that can embrace every human being. Steve Tibbetts flies high, rely on his guitars. You’ll fly very high and everywhere.
Nutztiere
Die Erinnerung ist verschwommen, aber vielleicht begegnete mir das Pink Floyd Album „Animals“ wenige Woche vor meinem 15. Geburtstag, vielleicht auch kurze Zeit danach, das spielt ebenso wenig eine Rolle, wie die Art und Weise des Zusammentreffens. Da ich damals ein regelmäßiger Nutzer der Musikbibliothek war und es dort nicht nur Schallplatten zum Anhören, sondern auch schon CDs zum Ausleihen gab, vermute ich, dass ich in diesem Zusammenhang auf das 10. Studioalbum der Band aus dem Jahr 1977 gestoßen bin; oder es war die Leihgabe eines Freundes. Ich hörte das Album jedenfalls nur ein einziges Mal und hielt es für die beste Arbeit von Pink Floyd. Ich wollte diese unglaublich tolle Musik erst wieder hören, wenn ich sie besitze, und das dauerte dann halt ein bisschen. Angeregt durch Martinas Post über ein seit Jahrzehnten erwartetes Pink Floyd Album und Michaels Beitrag über „Batik“ („wiedergehört nach Ewigkeiten“), habe ich im März 2026 bei Dussmann eine LP-Version erstanden.
Das Album wird gerahmt von zwei kurzen und ruhigen Stücken: akustische Gitarre, Gesang, Vogelgezwitscher, viel Raum. Jedes der anderen drei Stücke ist über 10 Minuten lang und nach Nutztieren benannt (Dogs, Pigs, Sheep). Es gibt unterschiedliche musikalische Themen, Spannungsbögen werden aufgebaut und enden in dichten, flächigen und oft gespenstischen Sounds, (zum Teil mit field recordings von Tiergeräuschen versetzt) die sich dann wieder verdichten, bis das Schlagzeug wieder einsetzt und den Song vorantreibt. Das ist alles sehr dynamisch und abwechslungsreich, aber auch wie aus einem Guss.
Wie schon mit 14 beeindrucken mich David Gilmours Fähigkeiten an der Gitarre, die er singen, perlen, sägen, wimmern, fauchen, jubilieren läßt, mit der er mal ausgiebig soliert, mal den Rhythmus unterstützt – und auch alle anderen Tricks beherrscht. Aber alle Musiker spielen sehr präzise und fein. Pink Floyd bilden auf „Animals“ eine riesige Maschine aus poliertem Chrome, die eine restaurierte, penibel gesäuberte Industriehalle fast vollständig ausfüllt.
Wobei das Album von mir aus ruhig instrumental hätte bleiben können. Die thesenartigen Texte werden in meinen Ohren eher zickig deklamiert als gesungen, insgesamt nicht wirklich mein Fall. Vielleicht gefällt mir „Animals“ nicht ganz so gut wie vor Jahrzehnten, vielleicht ist es auch nicht das beste Pink Floyd Album, aber insgesamt höre ich es wirklich gerne
Landschildkröten
Ein schwarzer Theatersaal mit steil ansteigenden Sitzreihen. Wir sitzen in der fünften Reihe, mittig vor der Bühne. Das Konzert ist fast ausverkauft. Im Saal sitzt ein hippes, aufgeklärtes und zugleich abgeklärtes Großstadtpublikum, überwiegend männlich, das Durchschnittsalter dürfte bei etwa 50 liegen.
Nach dem dritten Klingeln geht langsam das Licht aus, doch der schwarze Vorhang öffnet sich zunächst nicht. Mehrere Minuten lang ist ein flächiges Gewaber aus dem Synthesizer zu hören, ab und an hallen einzelne Gitarrentöne oder das Geräusch einer Snare durch den Raum. Als schließlich der Beat einsetzt, öffnet sich der Vorhang. Die zunächst losen Klänge formieren sich zu „Night Air“, dem letzten und zugleich einem der besten Stücke des aktuellen Tortoise-Albums Touch.
Nun sind auch die Musiker von Tortoise zu sehen: fünf Herren um die 60. Einer von ihnen, John McEntire, hat an diesem Abend Geburtstag und bekommt später vom Publikum sogar ein zaghaftes „Happy Birthday“ gesungen.
Ansonsten sind die Zuhörer bemerkenswert aufmerksam. Nicht nur bleibt es während der Musik vollkommen still – ich habe seit Langem nicht mehr so wenige Smartphones im öffentlichen Raum gesehen wie an diesem Abend. Die Begeisterung gilt nicht nur der Musik selbst, sondern auch den musikalischen Fähigkeiten der Bandmitglieder, von denen jeder im Laufe des Konzerts mindestens zwei Instrumente spielt. Besonders eindrucksvoll ist die musikalische Kommunikation auf der Bühne – vor allem dann, wenn gleich zwei Schlagzeuger gleichzeitig am Werk sind.
Gespielt werden hauptsächlich Stücke von Touch, wobei das Klangbild live etwas organischer und weniger verzerrt ist als auf dem Album. Insgesamt orientiert sich der Sound eher an früheren Platten wie TNT, von der ebenfalls einige Stücke zu hören sind. Die Musik ist hervorragend abgemischt: laut, aber nie zu laut.
Etwas schade finde ich zunächst, dass Jeff Parker nicht dabei war. Er wird jedoch mehr als würdig vertreten.
Aus dem Absacker nach dem Konzert in einer Bar namens Mutter werden dann noch einige mehr. Insgesamt ein Ausflug nach Hamburg, der sich mehr als gelohnt hat.