2025 Selection

01. Anouar Brahem. After The Last Sky (Heartbreaking instrumental music)
02. DJ Koze. Music Can Hear Us (Psychedelic magic potion. Album title of the year.
03. Rosalía. Lux (Grand Gesture. Believe The Hype.)
04. Makaya McCraven. Off The Record. (Groove Monsters At Work)
05. Lucrecia Dalt. A Danger To Ourselves (Night Music)
06. Jeremiah Chiu & Honer. Different Rooms (Chaos & Order)
07. Little Simz. Lotus (Lyricist of the Year)
08. Cosmic Ear. Traces (Looking for Don Cherry)
09. Natural Information Society and Bitchin Bajas. Totality (Flow statement)
10. Tortoise. Touch (In Fuzz We Trust)
11. Butterfly. The Music Of Butterfly (Trump supporter making fragile music)
12. The Utopia Strong. Collapse (Turn on, tune in, drop out.)Bonus Album For Tomorrow (Merry Xmas To Everyone) HERE!
Überraschungen
Anfang des Jahres hätte ich nicht gedacht, dass ich viel Zeit mit den Emotionen und Gedanken dieser drei Menschen verbringen werde: ein Musiker, ein Autor und ein Welterklärer.
Die Musik von John Fahey (1939 – 2001) kenne ich aus der Ferne schon lange. Ich erinnere mich an einen Spaziergang vor über 20 Jahren durch Friedrichshain, bei dem ich eine von einem Freund gebrannte CD in einem Discman hörte (es war etwas umständlich, man musste das Gerät die ganze Zeit in der Hand tragen). Ich war angetan, habe dann irgendwie nie den Faden aufgenommen. Bis ich diesen Sommer zwei Alben in einem Schallplattenladen stehen sah. Die begeistern mich so sehr, dass ich seitdem noch zwei weitere kaufe – und andere Gitarristen für mich entdecke, wie den meditativen Robbie Basho, oder mir bekannte noch mehr höre, wie die feine Folkgitarre von Bert Jansch.
Auch von Richard Powers hatte ich vor über zwanzig Jahren mal sehr gerne ein Buch gelesen, auch bei ihm habe ich dann nie weitergelesen, um dann in diesem Jahr gleich in vier Büchern zu versinken. Über zwei habe ich hier schon geschrieben; die anderen beiden fand ich „nur“ sehr gut, nicht ganz so herausragend. Aber Orfeo hat schon großartige Passagen (alleine die Erzählung, wie Olivier Messiaen Quator pour la fin du tempskomponiert, lohnt das Lesen) und Erstaunen eignet sich vielleicht wegen der relativen Kürze am Ehesten als Einstieg. Ich lese auf jeden Fall weiter.
Und dann bin ich im Sommer über die Lage der Nation Podcasts auf den Soziologen Aladin El-Mafaalani gestoßen, habe seitdem zahlreiche Podcasts mit ihm gehört (drei bei jung & naiv) und gerade auch ein Buch von ihm geschenkt bekommen (Misstrauensgemeinschaften, noch nicht gelesen). Diese politisch-soziologischen Analysen sind empfehlenswert; zum Beispiel die Gedanken zu der Rolle von Kindern in alternden Gesellschaften finde ich sehr erhellend.
saturday special
Robbie Basho The Art of the Steel String Guitar 6 & 12
Rosalía Lux
Bert Jansch Jack Orion
Lucrecia Dalt A Danger to Ourselves
David Sylvian Blemishweekend nourishment
DJ Koze Music can hear us Steve Tibbetts Safe Journey Eberhard Weber Yellow Fields Lucretia Dalt A Danger To Ourselves Rick Deitrick Gentle Wilderness Nik Bärtsch’s Ronin Awase John Fahey I Remember Blind Joe Death Steve Tibbetts Exploded View Bark Psychosis Hex
Kino: Downton Abbey – Das große Finale Stream: Voice of the Eagle: The Enigma of Robbie Basho
Eine kleine Hörgeschichte
An einem Montag im Mai 2022 bekomme ich ein quadratisches Paket mit Steve Tibbetts Album „Safe Journey“, das ich wenige Tage zuvor auf Ebay ersteigert habe.
Am Sonntag zuvor war die Quelle zu Besuch und hat mir frisch gebackene Space Cookies mitgebracht.
Am Dienstag muss ich ein Gespräch zwischen zwei Konfliktparteien moderieren, habe aber keinen Unterricht. Dann ist an diesem Montag eine Sitzung des Schulvorstands, dem ich als Delegierter des Kollegiums angehöre. Ungefähr eine Stunde diskutiere ich mit mir selbst, dann entschließe ich mich mit schlechtem Gewissen eine E-Mail zu schreiben, Kopfschmerzen vorzutäuschen und meine Teilnahme an der Sitzung abzusagen.
Die Gelegenheit ist einfach viel zu günstig für eine stoned deep listening session, zumal meine Frau erst spät nach Hause kommt und meine Tochter auch nicht da ist. Sturmfrei also.
Ich entschließe mich wie immer zwei Kekse zu essen und lege 45 Minuten später, als sich die ersten Symptome räkeln und regen, „Safe Journey“ auf.
Danach verschwimmen meine Erinnerungen. Irgendwann schleppe ich mich aufs Sofa. Sitzen ist viel zu anstrengend, die Musik kommt auf dem sweet spot viel zu intensiv. Später kommt meine Frau ins Wohnzimmer und fragt, was bei mir los sei.

Als ich am nächsten Tag aufwache, bin ich noch so stoned, dass ich das Mediationsgespräch absagen muss. Das Nachglühen des Rausches, das noch bis an den späten Nachmittag anhält, kann ich schon genießen, trotz nun schlechtestem Gewissen. Ich verbringe Zeit im sonnigen Garten, höre später „Safe Journey“ nochmal.
Ich höre das Album am nächsten Tag wie neu. Im Rausch ist die Musik eine Wesenheit, die mich in 1000 Zungen anruft, um mir die Rätsel des Universums, von Steve Tibbetts und seinen Mitmusikern eigens für mich gechannelt, mitzuteilen. Sie liegen vor mir in ständig wechselnden Formen, in denen ich lesen kann wie in einem Buch. Beim letzten Stück öffnen die Klänge meine Fontanelle, um die kosmische Weisheit direkt zu übertragen. Vielleicht ist sie direkt in mein Unterbewusstsein gelangt, ich erinnere mich an gar nichts.
Am nächsten Tag telefoniere ich mit der Quelle und werde ausgelacht: Ich hätte ja mal nachfragen können, wie die Dosierung der Cookies sei, schließlich sei schon einige Zeit vergangen, seit ich das letzte Mal etwas bekommen habe. Von den übriggebliebenen Keksen esse ich immer nur einen halben und bin anschließend sehr zufrieden.
Auch wenn das alles nur bekiffter Quatsch war, ist es trotzdem ein intensives spirituelles Erlebnis, das ich nicht missen möchte.
RIP Danny
Seit neun Jahren habe ich eine Spotify Mitgliedschaft. Meine erste große Entdeckung durch den Algorithmus war die Musik von John Martyn. Ziemlich schnell merkte ich, dass bei den schönsten Aufnahmen von ihm immer Danny Thompson Bass spielte. Den kannte ich auch von „Avocet“ von Bert Jansch, einem anderen Lieblingsalbum, das nur wenig früher entdeckte (Danke, Herr Engelbrecht!). Noch später stellte ich fest, auf wie vielen unglaublichen Aufnahmen er Bass spielte.
HIER ein sehr schöner Überblick!
Oder HIER, in fünf Teilen!Danny Thompson hat mit 86 Jahren die kosmische Adresse gewechselt.
Noch mehr Tibbetts
Ich habe die Musik von Steve Tibbetts erst in diesem Jahrzehnt wirklich für mich entdeckt und besitze inzwischen seine fünf auf ECM erschienenen LPs – Platten, die hier immer wieder gerne aufgelegt werden. In letzter Zeit sogar häufiger; sicher auch deshalb, weil Michaels Texte Lust darauf machen. Vor zwei Monaten habe ich außerdem – angestoßen durch eine Begegnung mit der Musik von John Fahey – gefühlt alle Gitarrenalben aus meiner Sammlung hervorgeholt, um mich wieder einmal von diesen Klangkörpern umschließen zu lassen.
Zwar ist über Steve Tibbetts hier in jüngster Zeit schon einiges geschrieben worden; doch gute Musik kann man nicht oft genug preisen. Deshalb nun auch von mir, in loser Folge, ein paar Worte zu seinen fünf auf Vinyl erhältlichen Platten.
Yr ist die älteste Aufnahme und wurde von ECM 1988 wiederveröffentlicht (ursprünglich wurde Yr 1980 veröffentlicht). Alles ist extrem sorgfältig aufgenommen, jeder Ton fein ziseliert. Die Möglichkeiten des Studios werden mit spürbarer Lust ausgereizt: Stereoeffekte, die Dynamik zwischen laut und leise – und vor allem: Klang, jede Menge Klang. Mit dem berühmten ECM-Motto „the most beautiful sound next to silence“ hat das wenig zu tun. Warum nur eine Gitarre aufnehmen, wenn man mehrere Spuren nutzen kann? Dazu kommen Percussion, Synthesizer – doch nie wirkt es überladen. Alles ist wohlabgewogen, wahrscheinlich in mühevoller, zeitintensiver Kleinarbeit erarbeitet. Und die Musik selbst? Vielleicht noch psychedelischer und zugleich zugänglicher als auf den späteren Tibbetts-Alben – trippy, ein smoker’s delight.
Auf Yr gibt es viel zu hören: Klänge und Töne von links und rechts, große Dynamik. Auf dem Nachfolger – zugleich Tibbetts’ ECM-Debüt – Northern Song (1982) wirkt die Musik dagegen über weite Strecken so, als ob Klang und Stille einander gegenseitig konturierten. Sie ist der Stille abgerungen – und umgekehrt. Die Besetzung ist sparsamer: Gitarre, meist akustisch, dazu Percussion. Das Ergebnis ist fast mehr Ambient als Jazz – eine konzentrierte Klangwelt, ein Substrat, eine Essenz. Mehr als Musik.