• Nutztiere

    Die Erinnerung ist verschwommen, aber vielleicht begegnete mir das Pink Floyd Album „Animals“ wenige Woche vor meinem 15. Geburtstag, vielleicht auch kurze Zeit danach, das spielt ebenso wenig eine Rolle, wie die Art und Weise des Zusammentreffens. Da ich damals ein regelmäßiger Nutzer der Musikbibliothek war und es dort nicht nur Schallplatten zum Anhören, sondern auch schon CDs zum Ausleihen gab, vermute ich, dass ich in diesem Zusammenhang auf das 10. Studioalbum der Band aus dem Jahr 1977 gestoßen bin; oder es war die Leihgabe eines Freundes. Ich hörte das Album jedenfalls nur ein einziges Mal und hielt es für die beste Arbeit von Pink Floyd. Ich wollte diese unglaublich tolle Musik erst wieder hören, wenn ich sie besitze, und das dauerte dann halt ein bisschen. Angeregt durch Martinas Post über ein seit Jahrzehnten erwartetes Pink Floyd Album und Michaels Beitrag über „Batik“ („wiedergehört nach Ewigkeiten“), habe ich im März 2026 bei Dussmann eine LP-Version erstanden.

    Das Album wird gerahmt von zwei kurzen und ruhigen Stücken: akustische Gitarre, Gesang, Vogelgezwitscher, viel Raum. Jedes der anderen drei Stücke ist über 10 Minuten lang und nach Nutztieren benannt (Dogs, Pigs, Sheep). Es gibt unterschiedliche musikalische Themen, Spannungsbögen werden aufgebaut und enden in dichten, flächigen und oft gespenstischen Sounds, (zum Teil mit field recordings von Tiergeräuschen versetzt) die sich dann wieder verdichten, bis das Schlagzeug wieder einsetzt und den Song vorantreibt. Das ist alles sehr dynamisch und abwechslungsreich, aber auch wie aus einem Guss. 

    Wie schon mit 14 beeindrucken mich David Gilmours Fähigkeiten an der Gitarre, die er singen, perlen, sägen, wimmern, fauchen, jubilieren läßt, mit der er mal ausgiebig soliert, mal den Rhythmus unterstützt – und auch alle anderen Tricks beherrscht. Aber alle Musiker spielen sehr präzise und fein. Pink Floyd bilden auf „Animals“ eine riesige Maschine aus poliertem Chrome, die eine restaurierte, penibel gesäuberte Industriehalle fast vollständig ausfüllt.

    Wobei das Album von mir aus ruhig instrumental hätte bleiben können. Die thesenartigen Texte werden in meinen Ohren eher zickig deklamiert als gesungen, insgesamt nicht wirklich mein Fall. Vielleicht gefällt mir „Animals“ nicht ganz so gut wie vor Jahrzehnten, vielleicht ist es auch nicht das beste Pink Floyd Album, aber insgesamt höre ich es wirklich gerne

  • Landschildkröten

    Ein schwarzer Theatersaal mit steil ansteigenden Sitzreihen. Wir sitzen in der fünften Reihe, mittig vor der Bühne. Das Konzert ist fast ausverkauft. Im Saal sitzt ein hippes, aufgeklärtes und zugleich abgeklärtes Großstadtpublikum, überwiegend männlich, das Durchschnittsalter dürfte bei etwa 50 liegen.

    Nach dem dritten Klingeln geht langsam das Licht aus, doch der schwarze Vorhang öffnet sich zunächst nicht. Mehrere Minuten lang ist ein flächiges Gewaber aus dem Synthesizer zu hören, ab und an hallen einzelne Gitarrentöne oder das Geräusch einer Snare durch den Raum. Als schließlich der Beat einsetzt, öffnet sich der Vorhang. Die zunächst losen Klänge formieren sich zu „Night Air“, dem letzten und zugleich einem der besten Stücke des aktuellen Tortoise-Albums Touch.

    Nun sind auch die Musiker von Tortoise zu sehen: fünf Herren um die 60. Einer von ihnen, John McEntire, hat an diesem Abend Geburtstag und bekommt später vom Publikum sogar ein zaghaftes „Happy Birthday“ gesungen.

    Ansonsten sind die Zuhörer bemerkenswert aufmerksam. Nicht nur bleibt es während der Musik vollkommen still – ich habe seit Langem nicht mehr so wenige Smartphones im öffentlichen Raum gesehen wie an diesem Abend. Die Begeisterung gilt nicht nur der Musik selbst, sondern auch den musikalischen Fähigkeiten der Bandmitglieder, von denen jeder im Laufe des Konzerts mindestens zwei Instrumente spielt. Besonders eindrucksvoll ist die musikalische Kommunikation auf der Bühne – vor allem dann, wenn gleich zwei Schlagzeuger gleichzeitig am Werk sind.

    Gespielt werden hauptsächlich Stücke von Touch, wobei das Klangbild live etwas organischer und weniger verzerrt ist als auf dem Album. Insgesamt orientiert sich der Sound eher an früheren Platten wie TNT, von der ebenfalls einige Stücke zu hören sind. Die Musik ist hervorragend abgemischt: laut, aber nie zu laut.

    Etwas schade finde ich zunächst, dass Jeff Parker nicht dabei war. Er wird jedoch mehr als würdig vertreten.

    Aus dem Absacker nach dem Konzert in einer Bar namens Mutter werden dann noch einige mehr. Insgesamt ein Ausflug nach Hamburg, der sich mehr als gelohnt hat.

  • Wochenendausflug nach Osnabrück

    Von Hannover ist es nur ein Katzensprung nach Osnabrück, zudem ist die Stadt an der Hase meine alte Heimat. Als ich dort am ersten Weihnachtstag abends kurz mit Freunden in einer Kneipe saß, lag auf dem Tisch ein Flyer: Jazzfestival Osnabrück, 13.–15. März. Angekündigt war unter anderem das Jakob Bro Trio. Noch 2025 habe ich mir ein Festivalticket besorgt.

    Am Freitagabend standen drei Formationen auf der Bühne: das Aaron Parks Trio, Enji und Re:Calamari. Veranstaltungsort war das Blue Note, ein kleiner, intimer Club mit Baratmosphäre, der mich an beiden Abenden mit einem ungemein transparenten, sehr präzisen Klang überraschte.

    Nach einer Fahrradfahrt durch strömenden Regen traf ich mich um 19:00 mit A., gerade als die erste Anmoderation vorbei war und das Aaron Parks Trio die Bühne betrat. Es war ausverkauft; wir wussten zunächst nicht recht, wohin, wurden aber sofort sehr gastfreundlich auf zwei freie Stühle an einem Tisch hingewiesen.

    Kaum hatten wir Platz genommen, begannen die drei zu spielen: Klavier, Schlagzeug, Bass – sehr lyrisch. Jede*r bekam viel Raum, und doch hörten die Musiker einander aufmerksam zu. Schon zu Beginn ein echtes Highlight. Der lange Applaus bestätigte das.

    Das zweite Konzert war von der mongolischen Sängerin Enji, die von Kontrabass und einer erzählenden Gitarre begleitet wurde. Ganz feine Klänge wurden hier gewoben; viel Raum zwischen den Tönen, die Musik konnte atmen – und das Publikum ließ ihr gebannt diesen Raum. Kaum Husten, kaum Gläsergeklirr, kaum Gerede. Die Entscheidung der Veranstalter, den Getränkeausschank während der Konzerte zu unterbrechen, konnte ich spätestens jetzt gut nachvollziehen: Die Nebengeräusche wären viel zu laut gewesen. Insgesamt war das wunderbare Konzert der Formation um Enji mein Favorit des Abends.

    Das letzte Konzert spielten Re:Calamari, ein Fusion-Jazz-Quartett aus Köln. Sehr treibend und energetisch: abgefahrene Synthesizerklänge, virtuose Soli, Schlagzeug und Bass als Groove-Maschine. Ganz anders als die eher leisen Künstler zuvor – aber kaum weniger begeisternd.

    Am nächsten Tag hörte ich mir um 17:00 ein Podiumsgespräch mit dem Titel „Jazz zur Sprache gebracht“ an. Kundig und unterhaltsam wurde anhand von Klangbeispielen – von Eric Dolphy über Django Reinhardt und Mary Halvorson bis zu Shake Stew – über Jazz gesprochen. Ein besonderes Highlight war eine unveröffentlichte Aufnahme des skandinavischen Keith Jarrett Quartetts aus dem NDR-Archiv.

    Das Jakob Bro Trio war der eigentliche Anlass für meinen Besuch. Ich habe die Formation, Jakob Bro an der Gitarre mit Thomas Morgan am Bass und Joey Baron am Schlagzeug, vor ein paar Jahren in Hannover gesehen. Damals gefiel mir das Konzert sehr, doch der Samstag hat das noch einmal deutlich übertroffen. Über zwei Stunden betrieben die drei konzentrierte Klangforschung: spannungsgeladene, feine, leise (Zwischen-)Töne. Nach der Pause wurde es kurz einmal laut und krachig, meistens lauschte die Musik aber der Stille. The most beautiful sound next to silence.

    Das Konzert der Band „Hilde“ am Sonntag habe ich dann nicht mehr mitgenommen – zu verführerisch war der freie Nachmittag zu Hause, sodass ich schon um kurz nach 11:00 wieder in der Regionalbahn saß.

    Insgesamt ein sehr lohnendes Wochenende. Osnabrück ist zu wünschen, dass dieses kleine Festival zu einer festen Tradition wird und sein fantastisches Niveau halten kann.

  • Womit ich nicht gerechnet habe

    Der Januar war noch nicht vorbei, da bin ich schon zweimal auf ihn gestoßen.

    Erst fiel mir sein Bild unten rechts auf Seite 259 in dem Katalog „FMP: The Living Music“ auf. Ich stutzte, brauchte etwas das Gesicht mit dem markanten Schnauzer zuzuordnen und fragte mich, was der große Autor wohl mit Free Jazz zu tun habe.

    Eine Woche später bekam ich eine E-Mail. Der Leiter einer Bildungsreise nach Danzig, an der ich Ende März teilnehme, gab Hinweise zum Ablauf und Lesetipps. Unter anderem die ersten beiden Bände der Danziger Trilogie von Günter Grass.

    Als strebsamer Mensch bestellte ich mir dann „Katz und Maus“. Als ich F davon erzählte, war sein Kommentar dass er keine Bücher von Nazis lesen würde. Auch andere Gesprächspartner waren skeptisch, ob man Grass aus politischen Gründen noch lesen könne.

    Ich habe da nicht ganz tief recherchiert. Grass war Mitglied der Waffen-SS und hat das erst recht spät – ungefähr 10 Jahre vor seinem Tod – zugegeben. Bei Kriegsende war er 17 Jahre, demzufolge bei Machtergreifung fünf, hat also das stark auf Indoktrination ausgerichtete NS-Bildungswesen voll durchlaufen. Hätte ich in der Zeit gelebt…, ich befürchte, dass ich überzeugter Mitläufer gewesen wäre. Er wurde zu Kriegsende eingezogen, war kein Funktionär und nach allem, was bekannt ist, kein Täter.

    „Katz und Maus“ ist ein schmales Büchlein mit vielen Kapiteln, so dass man die Lektüre immer gut unterbrechen kann. Das Leben Jugendlicher in Kriegsjahren in Danzig wird teils sehr genau und teils fantastisch-magisch eingefangen. Mal wird gegenwärtig erzählt, mal die Hauptperson direkt angesprochen, mal aus der Erinnerung, so dass eine unwirkliche Atmosphäre entsteht. Und es ist sprachgewaltig; immer wieder mal habe ich mir unbekannte Worte übersprungen. Das Buch ist keine historische Rechtfertigung, eher eine Auseinandersetzung mit der Zeit.

    Insgesamt hat mir „Katz und Maus“ so gut gefallen, dass ich mir heute „Die Blechtrommel“ gekauft habe. Auch dieses Buch hat zahlreiche Kapitel (47), allerdings auch sehr viele Seiten (in meiner dtv Ausgabe sind es 779 Seiten, dazu kommt dann noch ein Anhang). Mal sehen, ob ich das bis Ende März, dann fahre ich ja nach Danzig, gelesen habe.

    Und wie kommt Grass in den FMP Katalog? Es scheint in den 70er und 80er Jahren auf verschiedenen Veranstaltungen zu Lesungen von Grass mit Jazz Musikern gekommen zu sein, auch mit Peter Brötzmann. Aufnahmen existieren mit Günter Sommer.

  • Fragments of a Snowy Month

    Pausenaufsicht, während Schnee liegt, ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Einerseits habe ich Verständnis für die Kinder, für die die weiße Pracht eine große Magie hat. Nicht alle Kolleg*innen haben dieses Verständnis, viele sind ängstlich, dass bei den Schneeballschlachten und dem Rutschspaßen etwas passiert – auch nicht ganz zu unrecht, ich glaube es gab in der letzten Woche drei Gehirnerschütterungen an unserer Schule. Ein Beleg dafür, dass viele Kinder und Jugendliche deutlich über die Stränge schlagen. Insofern freue ich mich über eine Woche Pause (Zeugnisferien) und hoffe, dass der Schnee dann weggeschmolzen ist, auch wenn es derzeit nicht danach aussieht.

    Der eisgraue Januarhimmel Niedersachsens ähnelt dem klaren Sternhimmel Afrikas vermutlich wenig, das Album „African Skies“ von Kelan Phil Cohran & Legacy ist aber viel zu gut, um nicht auch im Schneegestöber zu funktionieren. Diese Gebrauchsmusik, ein Soundtrack zu einer Show im Planetarium Chicagos in den frühen 90ern, Klänge zwischen Jazz und Minimal Music eines Sun Ra Gefährten, schafft es verträumt und funky gleichzeitig zu sein.

    Deutsches Fernsehen: Die Fortsetzung der Ku’damm Staffel hat uns wieder sehr gut gefallen, bei der zweiten Staffel „Tage, die es nicht gab“ fanden wir die Auflösung enttäuschend, bis dahin gab es aber gute Krimiunterhaltung.

    Vor über 20 Jahren musste ich mal Anfang Januar in einer eiskalten Wohnung meine ersten Unterrichtsstunden während eines Praktikums vorbereiten (meine erste Doppelstunde habe ich damals acht Stunden lang geplant), letzte Woche war bei uns zwei Tage lang die Heizung ausgefallen. Auch wenn wir im Wohnzimmer noch mit Holz Heizen konnten wurden die Temperaturen doch unangenehm.

    Robert Wyatts „Rock Botton“ war mir unbekannt, bis ich es kurz vor Weihnachten erstand. Wenig überraschend gefallen mir die wunderbar versponnen Klangtexturen sehr, auch diese Musik bringt mich an andere Orte. Und sie ist auch ein Kaninchenbau, der überraschendes zu Tage bringt. Der Name Mongezi Feza klingelte im Kopf, eine Recherche ergab, dass ich über ihn in dem dicken Wälzer von Joe Boyd gelesen haben muss. Eine Radiostunde von Niklas Wandt brachte mich dann zu der Bruderschaft des Atems, bei deren Stück MRA bestimmt kaum jemand still sitzen kann.

  • 2025 Selection


    01. Anouar Brahem. After The Last Sky (Heartbreaking instrumental music)
    02. DJ Koze. Music Can Hear Us (Psychedelic magic potion. Album title of the year.
    03. Rosalía. Lux (Grand Gesture. Believe The Hype.)
    04. Makaya McCraven. Off The Record. (Groove Monsters At Work)
    05. Lucrecia Dalt. A Danger To Ourselves (Night Music)
    06. Jeremiah Chiu & Honer. Different Rooms (Chaos & Order)
    07. Little Simz. Lotus (Lyricist of the Year)
    08. Cosmic Ear. Traces (Looking for Don Cherry)
    09. Natural Information Society and Bitchin Bajas. Totality (Flow statement)
    10. Tortoise. Touch (In Fuzz We Trust)
    11. Butterfly. The Music Of Butterfly (Trump supporter making fragile music)
    12. The Utopia Strong. Collapse (Turn on, tune in, drop out.)

    Bonus Album For Tomorrow (Merry Xmas To Everyone) HERE!