Leise Töne

1962 oder 1963 verbrachte ich meine grossen Ferien sechs Wochen lang mit meinem Blutsbruder Matthias in einem von vorwiegend alten Nonnen streng geführtem Kinderheim. Die schönen Momente, an die ich mich erinnere, sind rar: wir tanzten abends den Twist, der in Europa angekommen war, es gab eine freundliche Nonne, deren Samftmut der reine Trost war, wenn die verhärteten älteren Damen Hausarrest verhängten, und gelegentlich Schläge auf den nackten Po verabreichten, und zum Glück war das schon die äusserste Grenze der Übergriffigkeit. Wenn man seinen besten Freund an der Seite hat, gemeinsam Freddy Quinns Gassenhauer sang, konmte man auch kleine Ungerechtigkeiten und die Milchsuppe heil überstehen.

Das war keine zwei Jahrzehnte nach der weitaus bitteren nordfriesischen Kindheitsgeschichte von Hark Bohm, die Fatih Akin in dunkel-leuchtenden Bildern voller Raum und Horizont einfängt. Meine Nordseeerinnerungen stammen aus der Zeit des „Wirtschaftswunders“, in welcher der Schrecken nur noch in Fragmenten spürbar war, in kollektiver Verdrängung, moosbewachsenen Bunkereingängen oder vereinzelt hingeschmierten Hakenkreuzen. „Amrum“ umschifft fast durchweg das Quantum aufgesetzter Rührseligkeiten. Sehr, sehr viel gibt es zu sehen in diesem Kino der leisen Töne. Ob man schlussendlich Hark Bohm altersmilden Blick übers Meer benötigt hätte, oder den „ewigen“ Matthias Schweighöfer als Kurzauftritt, sei dahingestellt. Ich möchte im Kino nicht daran erinnert werden, im Kino zu sein. (m.e.)

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