„Ein Taxi für Wim Wenders“

“Ohne die Songs von Bob Dylan hätte ich nie die Courage aufgebracht, oder den Grössenwahn, Filme zu machen.“ (Wim Wenders)

„Bob Dylan hat sich mit seinen Songs keineswegs aus der Politik herausgehalten, Wim!“

Schockiert und angewidert ist nicht nur die Schriftstellerin Arundhati Roy, als sie der Berlinale absagte, schockiert und angwidert waren auch viele andere, wie z. B. ich. Ob Wim Wenders den Brief persönlich liest, den ich ihm schreiben werde, auch über mein Kopfschütteln über seine aus meiner Sicht mutlose und sehr feige Reaktion – oder ob er vorher von seinem Sekretariat abgefangen wird – kann ich nicht einschätzen. Aber dieser Brief brennt mir auf den Nägeln und wird sich auch beziehen auf die Bewertung dieses „Skandals“ seitens der Journalisten Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Februar 2026. Ob mein Brief als Rohrkrepierer endet oder nicht, ist mir egal – es tut einfach gut, ein paar Dinge aufzusdröseln, die stets in einen Topf geworfen werden und meistens die gleichen schematischen Reiz-Reaktions-Ketten, tagaus, tagein.

DIE SACHE MIT WIM UND UM WIM HERUM

In den 1970er und 1980er Jahren gehörte Wim Wenders nicht nur zu meinen „heroes“, und denen vieler aus meiner Generation. Von Musikern seiner Generation ganz zu schwiegen. Nicht zuletzt Eno und viele andere bewunderten viele seiner Filme, und sie erzählten die Stories mit ihrer Musik mit. Es war die Zeit, als das „Herz der Rockmusik“ noch „links schlug“. Wenn wir heute den Worten des Bundeskanzlers lauschen, gibt es Deutschland keine „linke Politik“ mehr. Werter Herr Merz, genau, die „Revolution“ scheint von rechts zu kommen, und wenn nun auch die legendären Filmemacher jener alten Zeit zur Entpolitisierung des Kinos ihr Scherflein beitragen, ist das umso trauriger. Eine Woche nach der Berlinale werde ich Wim Wenders den Brief zukommen lassen. Ich werde da alles Spruchhafte rauslassen. Vielleicht treffe ich einen Nerv.

Der Kerngedanke: Repräsentanen der israelischen Regierung werden vom Europäischen Gerichtshof genauo mit Klagen verfolgt wie die Hamas. Menschenrechtsverletzungen und Greueltaten! Die grauenhaften Verbrechen der Hamas, etwa am Tag des Gemetzels, wiegen genauso schwer wie die in der Folge erlebten, grauenhaften Tötungen Tausender und Tausender unschuldiger Palästinenser!

WHEN PALESTINE IS FREE

In den Reaktionen auf Arundhati Roys Absage an die Berlinale und den „offenen Brief“ vieler Kunstschaffender wird eine völlig unangemessene „Politikferne“ des Kinos propagiert, und all die Solidaritätsbekundungen auf einen falschen Dualismus pro-israelischer resp. pro-palästinensischer Haltungen runtergebrochen. Es geht, und das wird ein ums andere Mal in Abrede gestellt, wenn dem Kino das Politische abgesprochen wird, um die Opfer der Geschichte auf palästinensicher UND israelischer Seite. Und hierbei, lieber Wim Wenders, muss man sich keineswegs aus der Politik raushalten!

Als Elvis Costello einst den Song „Shipbuilding“ schrieb, einen Anti-Kriegssong, damals auf den Falkland-Krieg der Regierung Thatcher bezogen, hätte er ja, dieser tristen Logik folgend, dieses Lied, das Robert Wyatt sang, besser nicht geschrieben, denn Mr. Coatello hielt sich ganz offensichtlich nicht aus der Politik raus. Es ist eben KEIN Antisemitismus, wenn man die israelischen Kriegsverbrechen anprangert.

“SHIPBUILDING“

So hat es mich entsetzt und angwidert, wie z.B. der UNO-Vorsitzende António Guterres angegangen wurde, als er, in der Zeit nach dem Massaker, als die Vergeltung einsetzte, von der Regierung Israels als Lügner und Antisemit hingestellt wurde, nur, weil er nicht die Augen verschloss vor den Verbrechen an der palästinensischen Bevölkerung. Von seiten der Regierung Trump und seines neu ins Leben gerufenen „Friedensrates“ muss man keine kritischen Äusserungen in Richtung Israel erwarten.

„TAXI TEHERAN“

Und es war keine Ausnahme, wenn in der Historie der Berlinale Filme gepriesen, gefeiert wurden, die unter schwierigen Umständen der politischen Zensur im eigenen Land entgingen. Und jetzt? UND JETZT, AUF EINMAL, DIESER TURNAROUND!? WEIL DER ZENTRALRAD DER JUDEN IN DEUTSCHLAND ANTISEMITISMUS WITTERT, WANN IMMER ISTAELISCHE VERBRECHEN AN DER MENSCHLICHKEIT THEMA WERDEN?!

Das sich Kunst, dass sich Kino aus der Politik raushalten solle, ist in diesen Tagen, und im Kontext dieses Festivals, wahrlich eine These, die, sorry, an Falschheit und Feigheit kaum zu überbieten ist.

Dieser Text enthält zwei Songs von Momoko Gill und Elvis Costello.Und – HIER – einen Artikel von Brian Eno aus dem September 2025. Dieser Text geht innerhalb von sieben Tagen nach der Berlinale an die Wim Wenders-Stiftung, zusammen mit meinem Brief.