Große Kunst
Großes Konzert mit 50 Klavieren und Kammerorchester in einer sehr großen Halle in Oberschöneweide vor ein paar Tagen. Das Konzert war spektakulär, aber musikalisch weiß ich nicht so ganz, ob es so richtig überzeugend war. In der einstigen Industriehalle passte dieser akustische Orkan allerdings, denn es war eine rechte Industrieklangkulisse. Tags darauf das komplette Gegenteil: Meredith Monk zum Preisträgerinkonzert im Haus der Berliner Festspiele, nachdem sie drei Tage zuvor den Großen Kunstpreis Berlin bekommen hatte. Ich bin natürlich schon zur Preisverleihung hin, und freudestrahlend begrüßte sie mich, teilte mir wieder einmal mit, dass der Dokumentarfilm, für den ich vor ein paar Jahren in ihrem Atelier in Manhattan ein Interview über die Zusammenarbeit mit Manfred Eicher gedreht hatte (ein Teil daraus wurde dann ja auch in der retrospektiven ECM-Box zu ihrem 80. abgedruckt), noch immer „ihr liebster Dokumentarfilm“ über ihre Arbeit sei, sei es doch so angenehm gewesen, wie ich das Interview mit ihr als „alte“ Frau geführt und gefilmt hätte. (Dabei will ich nicht unerwähnt lassen, dass der abendfüllende Dokumentarfilm Monk in Pieces, den ich leider nicht gemacht habe, überaus sehenswert ist, gleichermaßen für Kenner ihres Schaffens als auch für alle, die gerade mal ihren Namen kennen.)
Und das Konzert am Samstag war dann wahrlich groß. Außergewöhnlich. Die 83-Jährige wird auf der Bühne alterslos, zumindest was ihre Stimme betrifft. Einiges sang sie ganz allein, anderes zu zweit, ein paar Sachen dann zu dritt, ein Querschnitt durch 50 Jahre ihres Schaffens. Ein im aller Einfachheit großer, intensiver und bewegender Abend, auch was den exzellenten Live-Sound und die sehr klare, bestechend einfache Lichtsetzung betraf.
Und hinterher sagte sie wieder, diesmal zu Mitanwesenden, – auch ihre Nichte war für das Konzert zu Besuch in der Stadt – dass ich ja so einen tollen Film gemacht hätte. Ich meinte, ich würde sie gerne fotografieren, wenn sie ihre Monate in New Mexico verbringt. Oder wenn sie ihr nächstes Album, Intra’s Net, mit Orchester, aufnimmt. Werden wir sehen, ob daraus was wird. Jedenfalls bin ich sehr froh, dass ich sie noch einmal persönlich treffen und vor allem auch auf der Bühne, zumal in meiner eigenen nächsten Umgebung, erleben konnte.
Der Sonntag gehörte dann dem neuen Film von Paolo Sorrentino, den ich für seine unglaubliche Inszenierungskunst bewundere, immer wieder. Die letzten paar seiner Filme habe ich nicht gesehen, sie kamen nicht so besonders gut an bei der Kritik. Aber La Grazia ist groß. Vielleicht ein bisschen zurückhaltender als frühere Filme in ihrer Opulenz, aber kaum weniger ausgefeilt und Eindruck schindend. Aber er versteht sein Handwerk einfach — und so gelingt ihm große Kunst. Und Toni Servillo ist auch wieder herausragend. Gerhard Midding: „(…) eine exquisite Melancholie. Servillo verleiht ihr mehr Facetten, als sich so manch anderer Darsteller überhaupt vorstellen könnte. Gründlich erkundet er die Einsamkeit und ethischen Fallstricke der Macht, um sodann noch eine weitere Anfechtung aufzuspüren, die tiefer schürft.“ Man kann ahnen, dass so manch einer oder eine fragt, ob so ein Film über „alte weiße Männer“, christliche Politiker zumal, in dieser heutigen Zeit eigentlich noch ein Filmstoff sein müsse. Doch Sorrentinos voriger Film über eine junge attraktive Frau war dann ja wohl auch nicht so das Gelbe vom Ei. Da lese ich im Film-Dienst wohl zurecht: „Vielleicht versteht Sorrentino alte Männer wirklich besser als junge Frauen.“
Es ist aber auch immer wieder beeindruckend, wie Sorrentino in all dieser Opulenz und Ausgefeiltheit dann in kleinsten und eigentlich nebensächlichen Momenten überraschend größte emotionale Wirkung zu erzeugen vermag. Und La Grazia erzählt in so vielfältiger Weise so vieles, ohne dass es überladen wirkt. Klar, geht es um Politik, aber anders als derzeit üblich und anders als erwartet, gerade nach den vorherigen Filmen. Auch geht es um Eltern- und Kinder-Beziehungen und um Liebe und Partnerschaft. Und um Freundschaft verschiedener Art. Und um Leben bzw. Lebendigkeit und Tod. Und um die Zeit. Und die Leichtigkeit und die Schwere des Lebens. Und darum, dass das nicht alles zu Ende geht, wenn man meint, da kommt nichts mehr. Man könnte seine früheren und übersprungenen Filme mal wieder sehen oder nachholen.
Ein Kommentar
flowworker
Ingo, ich kann Meredith nur zustimmen. Ich habe dein Portrait schon einige Male gesehen und entdecke immer was Neues in Nuangen ….
Dolmen Music zählt neben Book Of Days zu meinen Lieblingsalben von Meredith, und mein altes gut erhaltenes Vinyl lässt die Magie dieser Zusammenarbeit mit ihrem alten und so früh gestorbenen gestorbenen Freund Colin immer wieder aufleuchten …
m.e.