Die Fabrik der Träume

Es gibt viele Wege, beim Älterwerden alte Zeiten zu erinnern. Eine Zeitreise durch die Alben von Steve Tibbetts brachte Erinnerungen mit sich an mein erstes Hören seiner Musik in meiner Souterrainwohnung im Bayerischen Wald anno 1982. Man kann ja überall über Erinnerungen stolpern: als ich einmal meinem Lieblingslyriker der alten BRD zufällig im Fahrstuhl des Deutschlandfunks begegnete (er war lange Jahre Redakteur der Hörspielabteilung), zog ich freundliches Grüssen allein jedem small talk vor. Vor Tagen fiel mir ein altes Buch von ihm und seiner Frau in die Hände, „Fenster und Stimmen“ aus eben jenem Jahr 1982, in dem ich tief im Südosten eine kleine grosse Lovestory erlebte. „Die Malerin und Graphikerin Rango Bohme, einst Jürgen Beckers Lebensgefährtin, hat dieses Buch mit ihrem Bildern ermöglicht, denen, unabdingbar zugehörig die selbständigen Stimmen der Gedichte zur Seite gestellt sind“, so heisst es im interessanten, ausführlichen Klapptext des Buches. Das Gedichte haute mich schlicht um, als ich es vorgestern und gestern auf mich wirken liess, zusammen mit der Zeichnung von Rango. Jürgen Beckers Lyrik ist für mich eines der spannendsten Transportmittel für Zeitreisen durch die Jahrzehnte im alten Westdeutschland, weil sie es nie bei Abbildung und Innerlichkeit belassen, sondern erfinderisch Schicht um Schicht freilegen.

Ein Freund schrieb mir vor Tagen, dass er vor der Frage stehe, die Briefe einer alten Liebe ins Feuer zu werfen. Es war ja alles, egal wie fantastisch, letztlich auf grossen Liebeskummer hinausggelaufen bei ihm, auf den Schmerz und die Leere, die eine lang gehegte Illusion hinterlässt. Nun, diesem Club hätte ich Ende 1982 auch beitreten können. Heute nacht fand ich mich im Traum in meiner vorübergehenden bayerischen Wahlheimat wieder, scheinbar nicht weit von dem Örtchen Arnschwang entfernt. Ich traf auf eine Gruppe rüstiger Wanderinnen, erkannte ihren leicht süddeutschen Zungenschlag. Ich fragte sie, wo denn hier der Ort Arnschwang zu finden sei. Sie sagten mir, gar nicht weit von hier, und sie würden mich ein Stück des Weges begleiten. Eine der Wanderinnen war elegant gekleidet, dezent geschminkt und wunderschön, ich fühlte mich unmittelbar von ihr angezogen. Nebeneinander wanderten und sprachen wir, auf einmal spürte ich ihre Hand in meiner. Ich war wie verzaubert und erzählte ihr etwas von meiner alten Arbeit hier und meiner abgelegenen Wohnung. Da tauchte sie auch schon vor meinen Augen auf, aber als wir den Weg rechts runter gingen, Richtung Bauerngehöft, hatte sich die Architektur der einstigen Häuserzeile komplett verwandelt – in einen riesigen Fabrikraum mit seltsaman Plakaten. Dort irgendwo habe mal mein Wohnzimmer gestanden, sagte ich ihr, und staunte nicht schlecht, als sie mir leise ins Ohr flüsterte, sie wolle mich morgen wiedersehen, aber an einem schöneren Ort. Jetzt, wo ich dies notiere, erinnert sie mich von ferne an Kathleen Hepburn, die ich vorgestern noch gesehen hatte, in Robert Zemeckis „Jagd nach dem grünem Diamanten“. Ein altmodischer Abenteuer- und Liebesfilm. Mit etwas zuviel Geballer, jeder Menge herrlichem Blödsinn und ein paar bezaubernden Szenen! Ein bisschen wie mein Traum!

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