Eine kleine Radiogeschichte

1 – EIN HÖRSPIEL – Wenn man gute dreieinhalb Jahrzehnte Radiosendungen gemacht hat, wiederholt man sich schon mal. Ich versuche, in dieser kleinen Radiostory ein paar „alten Hüte“ zu entstauben. Besser gesagt, ich hole sie jetzt ein letztes Mal aus dem Regal. Als ich im Sommer 1989 aus Minneapolis Steve Tibbbetts‘ Antworten auf meine Fragen für ein Jazzthetik-Interview bekam, hatten sie die Gestalt einer alten C-90-Kassette angenommen. „Das ist ja ein Hörspiel!“, war mein erster Gedanke, völlig beeindruckt davon, wie Steve hier allerlei Feldaufnahmen zwischen Tibet und den Rocky Mountains mit seinen eigenen Geschichten zur Entstehung der Musik von „Northern Song“, „Safe Journey“, „Exploded View“ und „Big Map Idea“ verband.


2 – JAZZ BY POST IN BERGEINÖDEN – Ich hatte schon in Bayern ein paar Wahlverwandte im Radio ausfindig gemacht, während des Studiums in Würzburg – Ingeborg Schober, Michael Hutter, Karl Bruckmaier begleiteten mich mit ihren „Zündfunk“-Sendungen und waren fast alle Brian Eno-Fans. Einmal war Phil Manzaneras „801 Live“ das „Album der Woche“, und zu hören wie Eno da zwei Lieder einer alten Heroes Ray Davies und John Lennon sang, war eine Offenbarung. Einmal, 1981 oder 1982, sass ich in dem alten Restaurant nahe der Fachklinik Furth i. W., meiner ersten Arbeitsstelle als Psychotherapeut für Alkohol- und Medikamentenabhängige, und die alte Lady, die dort grossartige Schnitzel und Steaks zubereitete, liess für den „verrückten Herrn Engelbrecht“ (so nannte sie mich manchmal) den „Zündfunk“ laufen („aber nur, weil es noch so leer ist, mein Lieber“) – und nacheinander spielten Pere Ubu und die Talking Heads! Irgendwas muss ich richtig gemacht haben, mich für ein paar in den hinterstens Bayerischen Wald verzogen zu haben. Meine erste Begegnung mit der Musik von Steve fand genau dort statt, im Fünf-Häuser-Örtchen Bergeinöden bei Arnschwang, wo ein Paket von „jazz by post“ mit „Northern Song“ in meinem Briefkasten steckte. Ich glaube, es war Sommer. Und „Too Rye Aye“ war die meistgespielte Platte in diesem Kaff am Ender der Welt.

3 – RICHARD UND SUSSAN IM CHE COO LA LA – Anfang der Siebziger Jahre war Winfrid Trenkler mein Dealer für „Seelennahrung“ im WDR, und in den grossen Ferien an der Nordsee, noch viel früher, als Teenager, war das Michael Naura, seine Jazzsendungen im NDR. Als ich auf Umwegen Mitte der Achtziger Jahre nach Dortmund zurückkehrte, waren die Sendungen von Alan Bangs, Karl Lippegaus und John Peel eine feines Sache. Tja, und nach zwei Jahren an der Volkshochschule Bochum im Rahmen einer spannenden ABM-Stelle mit dem Titel „Neue Konzepte der Gesundheitsbildung“ mal wieder arbeitslos, schrieb ich aus reiner Freude für Jazzthetik Musikkritiken, und machte meine ersten Interviews mit Richard Horovitz, Sussan Deyhim, Eberhard Weber, Heiner Goebbels, und Rabih Abou-Khalil.

4 – DIE NEUNZIGER IN DER ROTHENBAUMCHAUSSEE – Mit Geldverdienen hatte das wenig zu tun. Als ich nun aber Steves Kassette angehört hatte, fasste ich den Plan, zum ersten Mal in meinem Leben diverse Radiohäuser zu betreten. In kurzer Zeit hatte ich meine Premieren im DLF, NDR, WDR und HR. An einem einzigen Abend, im Oktober oder November 1989, liefen meine beiden Portraitsendungen über Steve Tibbetts, in Köln und Hamburg (die 1990er Jahre mit Michael Naura als Boss kamen mir wie ein wahr gewordener Kindheitstraum vor).

5 – MOVIES MADE OUT OF SOUNDS – Die LP- Und CD-Ausgabe von „Big Map Idea“ erschien damals mit meinen „liner notes“ – eine feine Sache. Alan Bangs schickte ich die Platte, und er spielte ein Stück daraus. Ich kannte ihn nicht persönlich, und „köderte“ ihn wenig damit, dass ich im beiliegenden Brief schrieb, dass der „spirit“ des von ihn so geschätzten John Fahey von ferne durch die Musik schweben würde! Meine allererste Produktion war früh morgens im Sendehaus des Deutschlandfunks. An den Titel jener Ausgabe der „Studiozeit“ kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber daran, in der Nacht davor vor Aufregung kaum geschlafen zu haben. Und dann war es soweit – hinter der Glasscheibe: der Tontechniker, Harald Rehmann, und auch Karsten Mützelfeldt. Ich wusste, das war jetzt klassisches „Vorsprechen“, eine Art „Casting“, als ich vom Skript meine Moderationen lass. Es lief rundum gut – Karsten wusste ja, dass hier möglicherweise ein zukünftiger Kollege vorstellig wurde, und ich bin ihm heute noch dankbar, wie superkollegial er sich verhielt.

6 – MEMORIES OF MEETING KENNY WHEELER – Seitdem machte ich bis Ende der Nuller Jahre zahllose Portraits für Haralds Jazzabteilung (ich werde demnächst mal meine alte Sendung über Kenny Wheeler „ausgraben“ lassen) und seit Mai 1990 regelmässig die „Klanghorizonte“. Dann tauschte ich die Potraitstunden gegen das Jazzmagazin ein, die „Klanghorizonte“ liefen wie gewohnt weiter – immer nachts und live – wie habe ich diese Radionächte geliebt! Mein bislang letztes Portrait hatte ich 2014 über einen gewissen Jan Bang gemacht.

6 – CLOSING CIRCLES – Und nun sollte sich ein Kreis schliessen. Obwohl ich im Mai und September noch zweimal die „Klanghorizonte“ mache (und vielleicht einen kleinen Nachschlag bekomme, wenn meine Gehaltsforderungen im mittleren fünfstelligen Bereich erfüllt werden und ich nicht wie mein eigener Opa rüberkomme), wird die Sendung der JazzFacts am 22. Januar 2025 um 21.05 Uhr definitiv mein letztes Potrait sein – es begann mit Steve Tibbetts, und endet mit Steve Tibbetts. Das hat etwas Rührendes. Da ích sein Album „Close“ schon in den Klanghorizonten ausführlich vorgestellt hatte, sollte sich das Portrait mit dem Titel „Die Minesota -Kathmandu – Connection“ mit all seinen ECM-Alben befassen zwischen 1982 und 2025, ohne die „reissue“ seines zweiten Werkes „Yr“ unter den Tisch fallen zu lassen.

7 – DAS LETZTE PORTRAIT – Das ist mal eine Herausforderung, alle seine Lps und Cds mit seinem Freund und Perkussionisten Marc Anderson Revue passieren zu lassen, sinnlich, und „sinnmachend“, in 54 Minuten und 38 Sekunden. Auf Pellworm und daheim war ich in der Musik von Steve und Marc geradezu „verschwunden“, und gestern wurde diese knappe Stunde endlich produziert, im vertrauten Studio 3A, mit dem exzellenten Tontechniker Mr. Weingart. Als mein Redakteur die O-Töne gehört hatte , und zusammen mit Robert Oschatz die „voiceovers“ aufgenommen hatte, wusste er, dass diese Sendung – ich sag es mal so – „sehr bewegend“ sein würde, und das gewiss nicht wegen meines „nostalgischen Kreiseschliessens“.

8 – ARBEIT AM DETAIL – Als wir fertig waren, war die Zeit zu lang: „wo jetzt kürzen, Mr. Weingart?“ – wir entschlossen uns, die Passage aus „The Big Wind“ auf eine Minute runterzubrechen; auf der Rückfahrt nach Aachen wurde mir bewusst, dass dem gewählten Ausschnitt (ohne die ursprünglich zu hörende Wandlung eines „rhythm patterns“) die geplante Wirkung schlicht abhanden kam. Kein grosses Ding, und kaum einer würde das im „flow“ des Hörens bemerken, aber so gefiel es mir einfach nicht, und ich buchte eine weitere Stunde im Sender (für den kommenden Montag), um eine andere kurze, aber effektvollere Passage aus dem Album „Northern Song“ aufzunehmen. So weit, so gut.The angel in the detail…

9 – „YOU WANT IT DARKER“ – Auch in der Sendung selbst wird sich ein Kreis schliessen, denn sie beginnt und endet mit seiner aktuelle Cd „Close“ – alles dazwischen ein Vorüberfliegen der Jahre, und, im schönsten Fall, hier und da, für den einen und anderen Hörer, auch die Art von Zeit, die still zu stehen scheint, wenn man völlig aufgeht in der Musik. Das Zauberwort ist „deep listening“. Das Begleitphänomen still stehender Zeit – faktisch vergeht sie im Fluge! Als kleine Zugabe, hier die Listung anderer Schallplatten, die in dieser Stunde Erwähnung finden: Leonard Cohens „You Want It Darker“, Mark Hollis‘ Soloalbum, „Electric Ladyland“ (blame it on the „Rolling Stone“) – sowie nicht namentlich, aber en passant, Musik von Ustad Sultan Khan, die drei Codona-Alben auf ECM, sowie die frühen Alben von „Oregon“.


10 – „COVER STORY“ – Jeder Musikliebhaber und Freund des Mediums Schallplatte (aber auch CD) hat Lieblingscover, die in der Regel Teil von Lieblingsalben sind. Wenn du auf den Titel dieses kleinen Schlussabsatzes klickst, hörst du Steve seine Story erzählen zu dem Cover des vielgerühmten und viel zu wenig bekannten Albums „A Man About A Horse“ von 2001. Meine kurze Kurzgeschichte zu Oregons „Evening Light“ geht so: Während meines Psychologiestudiums in Würzburg hatte ich das grosse Glück, Seminare bei einem „Schüler“ von Herrn Dreikurs zu besuchen, der ein „Schüler“ des Individualpschologen Alfred Adlers war, einer der Pioniere der sog. Tiefenpsychologie. Wir erforschten früheste Kindheitserinnerungen, Lebensstilanalysen und das weite Feld der Traumdeutung. Einmal sollten wir drei aktuelle Träume aufschreiben, die uns bedeutsam erschienen, und einen für das Seminar auswählen. Zu meinen drei Träumen zählte der folgende, den ich nur deshalb nicht zur Sprache brachte, weil seine Deutung kinderleicht ist.

11 – DER TRAUM – Es war ein heisser Sommertag, der sich dem Abend zuneigte. Ich hatte Tage zuvor von der anstehenden Neuerscheinung eines Oregon-Albums gelesen, mit dem Titel „Evening Light“. Im Traum ging ich zu den einschlägig bekannten Läden, u.a. zu jenem, bei dem früher oder später Dave Liebmans „Lookout Farm“ und „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble gekauft hatte oder noch kaufen würde. Einen Raubdruck von Watzalwicks Buch „Lösungen“ hatte ich auch dort bekommen. Kein Geschäft hatte die neue Platte von Oregon, ich stromerte durch die Strassen der Stadt, und als ich zum Schluss bei meinem speziellen Buch- und Musikdealer vorbeikam, schaute der Händler nach und drückte sein Bedauern aus. – Oh, sagte, ich, wie schade. ich liebe das Album „Distant Hills“, und ich kann es einfach nicht erwarten. Ich griff spontan unter seine Ladenkasse und holte dort eine andere, beigefarbene Kopie des illegal nachkopierten Büchleins „Lösungen“ hervor. Ich hielt es ihm vor sein Gesicht und sagte: „Es muss doch eine Lösung geben!“

12 – NACHSPIEL / VORSPIEL – HIER noch einmal der Link zu meiner September 2025-Ausgabe der Klanghorizonte, die mit der „Gletschermusik“ von Ludwig Berger beginnt, und in der CLOSE von Steve Tibbetts erstmals, und mit vielen O-Tönen von Steve, vorgestellt wurde. // Nachtrag: Monatg, 19. Jan.: mit dem Tontechniker die Passage aus The Big Wind dringelassen, aber die Musik in der vorangehenden Moderation etwas angehoben & durch Unterlegung der Sounds eines realen Ganachakras dem Brief von Steve an Claudia passenden „impact“ verliehen. Mission accomplished. // Unglaublucherweise findet im Steve Tibbetts-Portrait auch die Insel Sylt Erwähnung (s. Foto von der Uwe-Düne)

7 Kommentare

  • radiohoerer

    Hallo Michael,

    schön, dass du deine Radiogeschichten mit uns teilst.
    Letztens habe ich mich ausführlich mit Karl Bruckmaier über die 70er Jahre unterhalten.
    Sie waren auf Bayern 2 die Einzigen in Deutschland, die Pere Ubu und andere gespielt haben.
    Carl-Ludwig Reichert spielte die Residents, und ich saß vollkommen gebannt vor dem Radio und hörte diese Musik, die so ganz anders war als alles, was ich bis dahin kannte.
    Das war noch vor der Veröffentlichung von „Eskimo“.
    Auch das lief zum ersten Mal auf Bayern 2.
    Alle diese Sendereihen wie „Nachtmix” (den es heute noch gibt), die „Nachtsession” oder die „Rocklok” usw. entstanden unter der Regie von Walter Meier.
    Karl staunt immer wieder über den Einfluss auf die Hörer, den jene Radiosendungen bis heute haben. Und das erfährt immer wiede, wenn er auf seine Fans trifft oder einfach unterwegs ist.
    Ähnlich ist es bei Alan Bangs:
    Noch heute berichten viele von seinen Sendungen und inzwischen sorgen die Kinder dafür, dass der Vater diese Sendungen wieder hören kann.
    Der Kreis schließt sich in diesem Fall.
    Radiogeschichten eben …
    Und da wäre noch die Geschichte von Recommended No Man’s Land in Würzburg …

  • flowworker

    Ja, klar, Henry, No Man’s Land in Würzburg. da bekam ich Made To Measure Platten her, Paul Schützes Laughing Clowns aus Australien als Kassette, ganz Undergroundiges ais Frankreich, Univers Zero, alles von Ralph Records, eine Fred Frith-Platte, die Robert Wyatt liebte – und die erste und beste Violent Femmes 😅usw. usw. Jürgen Königer war der Dealer, wenn ich mich recht erinnere. (m.e.)

    Und jeden Monat bis zu ihrem letzten Heft, die SOUNDS …

  • radiohoerer

    Genau. Jürgen Königer war der Dealer und ihn geholfen haben u.a. Rigobert Dittmann, Jochen Kleinhenz…

  • flowworker

    Those were the days my friend

    Benjamin Lew plus Steven Brown / la douzième journée / made to measure …. ich sehe noch heute, wie ich die Platte bei ihm kaufte und sie lief und lief … später auch in den Klanghorizonen ungefähr sechs sieben mal in all den Jahren … und vor zwei drei Jahren abends der wunderbare Marc Hollander in den Klanghorizonten mit Lebensgefährtin und feinem surrealem Spätwerk ….

    gegenüber war kurze Zeit ein KräuterHeinz, da kaufte ich ein Algenmehl mit Vitaminen und fühlte mich eine Woche, als könnte ich Holzfäller werden und ohne Ende Bäume fällen … voller Power … bis ich allergisch aufs grüne Algenzeugs reagierte 😂 Eskimo und The Commercial Album von den Residents auch heisse Ware….

  • flowworker

    @ Radiohoerer: mir ist heute morgen eingefallen, dass Ingeborg Schober damals die Manzanera Platte mit Enos Gesang rauf und runterspielte, drei Konzerte gab es, erzählte sie, damals in England, in dieser Besetzung, und sie wäre bei einem gewesen, dass ihr sogar noch besser gefallen habe. Vielleicht war es die Live-Atmosphäre. Leider habe ich Ingeborg nie persönlich kennengelernt, ich kam ja erst so spät zum Radio, in einer Zeit, in der es nicht mehr den RiesenImpact hatte wie zuvor, in dem Sechziger Siebziger und einem Teil der Achtziger Jahre. Es kam MTV, bald auch das Internet. Trtzdem glaube ich, dass so eine Art „Autorenradio“ mit einer besonderen Art des Moderierens Zukunft hat, in kleineren Nischen, aber trotzdem.

    Die Neunziger Jahre bei Michael Naura im NDR sind ein schönes Beispiel dafür. Konrad Heitkamp machte einen 10-Teiler über Nina Simone, ich einen 10(?)-Teiler über Ecm, und der Naura schickte mich eine Woche nach London, um stilistisch querbeet dem dortigen „Underground im Jazz und der experimentellen Musik“ zu erkunden. Eine Woche auf Spesen: ich befragte David Toop zu Ocean Of Sound, traf Paul Schütze in seiner Souterrain-Wohnung direkt neben dem U Bahn Schacht …. etc. …. das war ein unvergesslicher Trip.

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