Unterricht
And now for something completely different: Vor einigen Tagen war im „Tagesspiegel“ dieser Schnipsel zu sehen und ging durchs Web:

Den habe ich auf meiner Facebookseite gepostet und ein wenig flapsig kommentiert. Das hat zu Antworten geführt, die wiederum mich dazu veranlasst haben, meine Ansicht zu verdeutlichen. Diesen meinen Kommentar stelle ich jetzt mal hier hinein:
Man kann darüber streiten, ob Texte wie der „Faust“ oder die Grimmschen Märchen heute noch Teil des Unterrichts sein sollten. Wenn man sich aber dafür entscheidet, dann bitte richtig, und das heißt: anhand des Originals. Wer meint, dass das die Schüler überfordert, unterschätzt sie. „Faust“ liefert ja nicht einfach „Content“, dem man Genüge tut, wenn man den Fakteninhalt halbwegs rüberbringt. Es geht bei Goethe (wie bei allen guten Autoren) um den Zusammenklang von Inhalt, Erzählstruktur, Wortwahl, Formulierung, Schreibweise und Orthografie. Wenn man einen dieser Faktoren verändert, liest man nicht mehr Goethe, sondern einen Verlagsredakteur.
Ich habe neulich hier in diesem Blog einen Text darüber geschrieben, weshalb ich es lohnend finde, auch heute noch Thomas Mann so zu lesen, wie er es geschrieben hat. Seine Werke sind sprachlich-musikalische Kompositionen, die bis ins letzte Komma ausgefeilt sind. Wer nicht bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen oder diese Sprache auf sich wirken zu lassen, kann ja von mir aus etwas anderes lesen. Man kann der bequemeren Lesbarkeit wegen auch auf die Idee kommen, in Thomas Bernhards Texte Absätze zu hauen, aber das Leseerlebnis wäre dann ein anderes, und man soll dann nicht glauben, ihn zu kennen.
Dass man komplexe Musikwerke auch anhand eines Klavierauszuges analysieren kann, ist in Ordnung und kann zum besseren Verständnis beitragen. Es ersetzt aber nicht die Kenntnis des vollinstrumentierten Werkes.
Wie weit das alles in der Realität an den Schulen noch zu leisten ist, ist eine andere Frage. Wenn die halbe Klasse kein Deutsch spricht, man es mit Eltern zu tun bekommt, die ihre Brut entweder für hochsensibel oder für hochbegabt halten, wenn Schüler beim Übergang zum Gymnasium die Grundrechenarten nicht beherrschen, nicht wissen, wie man einen Stift hält, oder nicht in der Lage sind, die zweite Seite eines Textes mit der ersten in Verbindung zu bringen, dann könnten meine Überlegungen ziemlicher Luxus sein. Dieses Problem löst man dann aber nicht dadurch, dass man die Anforderungen immer weiter senkt, nur um möglichst viele Abiturienten zu erhalten.
Ein Kommentar
Martina Weber
Ich stimme dir vollkommen zu, Jan. Vor einiger Zeit habe ich auf der Deutschlandfunk-Website ein Interview mit einem Neurowissenschafter gehört, das Thema war Aufmerksamkeit und Konzentration in heutiger Zeit, und der Interviewte sagte, es sei inzwischen selbstverständlich, dass Studentinnen und Studenten der Germanistik (und sehr wahrscheinlich auch die anderer Sprachen) die Romane, über die in Seminaren diskutiert wird, nicht mehr lesen.
Von dem Trend der Texte in einfacher Sprache bekomme ich im Literaturbetrieb gelegentlich etwas mit; es wird angepriesen als etwas, was Literatur für alle zugänglich macht, es gibt auch Wettbewerbe dazu, es wird also gefördert. Und ich könnte ein paar Namen von Lyrikerinnen und Lyrikern nennen, die vor zwei Jahrzehnten noch komplexe Poesie verfasst haben und jetzt ganz einfach lesbar und sofort verständliche Texte schreiben.